Besteigen bald Roboter mit künstlicher Intelligenz den göttlichen Thron?

Religionen und Heilsvorstellungen werden sich weiterentwickeln. Vielleicht schlüpfen dereinst Roboter in die Rolle der Götter.

Religionen und Heilslehren sind meist aus einer Existenzangst heraus entstanden. Menschen aus allen Epochen wollten wissen, woher wir kommen und was am Ende mit uns passiert. Später fragten sie auch nach dem Sinn des Lebens.

Daraus entwickelten sie Strategien, um dem Tod den Stachel zu nehmen. Das irdische Ende sollte nicht das finale Aus sein. Es musste doch einen Ausweg geben, der auch Trost bei schweren Krankheiten oder Schicksalsschlägen spendete. Ein Trick, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.

So stießen unsere Urahnen auf die Disziplinen Religion und Spiritualität. Sie sollten Rezepte für das Unausweichliche liefern. Das taten sie denn auch. Die Religionsgründer kamen auf Gott oder die Götter, implantierten die Idee vom Himmel und dem Jenseits, entwickelten die Vorstellungen von der immateriellen Seele und fanden mit ihr den Schlüssel für das Leben nach dem Tod.

Ein fundamentaler Systemfehler

Mit diesen religiösen Ingredienzien ließen sich unzählige Variationen oder Spielformen ersinnen, die vor allem die persönlichen Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste der Religionsgründer zum Ausdruck brachten.

So entstanden Zehntausende von Religionen und Heilslehren für ein Phänomen, das eigentlich keine Varianten zulässt. Denn im Grunde gibt es nur einen wahren Gott, nur eine wahre Heilslehre und nur ein wahres metaphysisches Konzept. Wenn überhaupt. Es lag also ein fundamentaler Systemfehler vor.

Die heutige Vielfalt an Gottesbildern und Heilskonzepten zeigt, dass die meisten religiösen Ideen kaum von einer göttlichen Allmacht inspiriert sein können, sondern das Produkt menschlicher Fantasie sind. Oder um ganz präzis zu sein: Bis auf die eine wahre sind alle anderen dem menschlichen Geist entsprungen.

Die meisten Religionen entwickelten sich aus früheren Heilslehren

Diese Erkenntnis wird auch durch die religionsgeschichtliche Entwicklung gestützt. Die meisten Religionen entwickelten sich aus früheren Heilslehren, die verfeinert und ergänzt wurden. Dies geschah parallel zur geistigen und kulturellen Entwicklung von Gesellschaften.

Ein Beispiel: Beteten die Urmenschen die Sonne als Gott an, machten später astronomische Erkenntnisse klar, dass die heiße Sonne kaum der Wohnsitz eines Gottes sein konnte. Auch der Übergang von einem übervölkerten Götterhimmel zum Monotheismus ist Ausdruck einer Geistesentwicklung.

Allerdings wirft die Dreifaltigkeitstheorie im Christentum weitere Fragen auf: Taten sich die Urchristen schwer, alle Götter – bis auf den einen – aus dem Himmel zu verbannen? Oder wollten sie auch im Himmel die "heilige Zahl" drei kultivieren? Denn das Judentum, die Wurzel der christlichen Religion, kennt die Dreifaltigkeit nicht.

Und was kommt nach dem Monotheismus? Dass sich religiöse Konzepte und Heilstheorien weiterentwickeln werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Vielleicht wird in Zukunft jeder Mensch seine individuellen religiösen Vorstellungen aushecken. Vielleicht wird die künstliche Intelligenz die Rolle Gottes übernehmen. Vielleicht bevölkern dereinst Roboter den Himmel.

Da die menschliche Fantasie in religiösen Fragen grenzenlos ist, lohnt es sich auch in Zeiten der Säkularisierung, sich kritisch mit spirituellen Phänomenen auseinanderzusetzen.

Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.

Kommentare (13)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Fr. 4 Jan 2019 - 12:46

Hallo Herr Stamm, in Ihrem ansonsten guten Aufsatz hat mich ein Passus etwas verwirrt,
nämlich der Satz: Zitat; Denn im Grunde gibt es nur einen wahren Gott, nur eine wahre Heilslehre und nur ein wahres metaphysisches Konzept. Zitat Ende. Wie bitte soll ich als Atheist diese Aussage verstehen?

Kay Krause (nicht überprüft)

Mo. 7 Jan 2019 - 09:34

Antwort auf von Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Herr Baierlein, ich bin genau so gestolpert wie Sie! Es Kann wohl nur so sein, dass Herr Stamm mit diesem Satz die Lehre der christlichen Kirche wiedergibt, von der er sich ansonsten (möglicherweise) distanziert.

Wolfgang Schaefer (nicht überprüft)

Fr. 4 Jan 2019 - 12:47

Religion und künstliche Intelligenz: Religion ist künstlich und hat mit Intelligenz aber auch gar nichts gemeinsam. Religion ist gemein und bleibt gemein.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 4 Jan 2019 - 12:59

Die "eine wahre" Heilslehre...
Wie jetzt? Präziser war das wenige Zeilen zuvor mit 'wenn überhaupt' bewertet worden.

Bernhard Zaugg (nicht überprüft)

Fr. 4 Jan 2019 - 18:17

"Oder um ganz präzis zu sein: Bis auf die eine wahre sind alle anderen dem menschlichen Geist entsprungen." - Entschuldigung, das verstehe ich nicht. Was soll dieser Äußerung? Es gibt nur einen wahren Gott? Solch missverständliche Aussagen sollten hier nicht gemacht werden, denke ich.

Offensichtlichen Unsinn kann man doch auch mal ohne Anführungszeichen sagen - insbesondere für die Leser des humanistichen Pressedienstes. Oder?

Gibt es bei den Anthroposophen Denkverbote. Ich habe auch mal geglaubt oder besser gedacht, die Engel seien weiblich. Ich war schwer enttäuscht als ich erfuhr das die Engel männlich sind. Eine reine Männerwirtschaft da oben im Sogenannten Himmel. Das kann doch auf Dauer nicht gut gehen.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mo. 7 Jan 2019 - 15:23

Antwort auf von Jutta Lingos (nicht überprüft)

Liebe Frau Lingos: Die "Gechichte2 (Originalton Helmut Kohl) hat uns gelehrt, dass es mit einer reinen Weiberwirtschaft auf die Dauer auch nicht gut geht!

Hans Trutnau (nicht überprüft)

So. 6 Jan 2019 - 03:37

Freut mich, dass hier den meisten Anderen ebenfalls die 'eine wahre' Heilslehre auffiel. Watson?

Rene Goeckel (nicht überprüft)

So. 6 Jan 2019 - 16:48

Noch eine Möglichkeit: Vielleicht ist die Menschheit dereinst hinreichend gebildet und braucht diesen Quark nicht mehr. Ist ja heute schon peinlich genug.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mo. 7 Jan 2019 - 09:43

Für mich hätte ein Maschinen-Gott gegenüber einem lediglich in der Phantasie als Geist existierendem den Vorteil, dass selbst die zum Glauben tendierenden Menschen nicht mehr an ihn (den Gott) glauben müßten, da er(sie?) nun ja real,sichtbar, greifbar, erlebbar und -ja, sogar reparierfähig - wäre! Von dem herkömmlichen Gott könnte man sich somit verabschieden, er würde ohne Bedauern in der Versenkung des menschlichen Vergessens verschwinden! Was für eine glückliche Lösung!

Peter Ofenbäck (nicht überprüft)

Sa. 12 Jan 2019 - 07:36

Das katholische Christentum kennt nicht nur die Dreifaltigkeit, sondern auch über 1000 Heilige, von denen jeder für bestimmte Probleme oder Berufszweige zuständig ist und auf seinem "Fachgebiet" um Beistand gebeten wird. Das ist nichts anderes als Polytheismus.

Hugo Stamm

Der Autor befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene. Er schreibt zudem für watson.ch.

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