Gott, die Religion und die Sache mit dem freien Willen
Foto: © Eduardo Fonseca Arraes, Flickr CC BY-NC 2.0
Wir leben zwar in einer säkularisierten Welt und viele Staaten kennen die Trennung von Staat und Kirche, doch religiöse Überzeugungen, Ideen und Machtinteressen sind in der Politik omnipräsent.
Die kürzlichen Anschläge in Sri Lanka demonstrieren die Folgen der religiösen Konflikte auf eindrückliche Weise: Radikale Muslime ermordeten in christlichen Kirchen Katholiken. Die religiös motivierten Gewalttaten sind nicht nur ein "Clash der Kulturen", viele religiöse Konflikte haben einen politischen Hintergrund.
So zeigt der brutale Streit zwischen Sunniten und Schiiten, dass es auch politische Machtkämpfe zwischen Glaubensbrüdern gibt. Der jahrzehntelange blutige Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, der durch den Brexit neu aufflammen könnte, zeigt das politische Konfliktpotenzial auch unter christlichen Religionsgemeinschaften.
Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wo befindet sich Gott, wenn sich seine Jünger in seinem Namen die Köpfe einschlagen? Er steht offensichtlich abseits und glänzt durch Abwesenheit.
Christen verteidigen seine "Gleichgültigkeit" mit dem Argument, Gott habe uns aus dem Paradies verwiesen und uns einen freien Willen gegeben, das Leben und die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten.
Nur: Was hat der Sündenfall von Adam und Eva mit uns Zeitgenossen zu tun? Gerechtigkeit sieht anders aus, und die Kollektivstrafe ist nicht einmal im Militär erlaubt.
Opfer sind die Unterprivilegierten
Außerdem: Wir durchschnittlichen Menschen haben zwar einen freien Willen, doch wir können mit diesem keinen Frieden stiften. Ein paar skrupellose oder narzisstische Staatsoberhäupter – von Trump bis Putin, von Xi Jinping bis Duterte, von Erdogan bis Orban, von Maduro bis zu den afrikanischen Autokraten – zwingen Milliarden von Menschen ihren Willen auf.
Opfer ihrer Machpolitik sind oft die Unterprivilegierten. Nicht wenige landen trotz des vermeintlich freien Willens auf der Flucht in einer maroden Barke, die im Mittelmeer versinkt. Schaffen sie es doch bis nach Europa, haben sie zwar ihr Leben gerettet, doch sie sind meist entwurzelt und ohne Zukunftsaussichten. Der freie Wille bleibt also auf der Strecke.
Überhaupt gibt es den freien Willen nur im christlichen Glauben. Philosophie, Psychologie und Soziologie haben den Mythos von der Willensfreiheit längst enttarnt.
Wir sind eingebettet in soziale, politische und wirtschaftliche Strukturen, die von uns Einordnung bis Unterordnung verlangen. Dies empfinden wir zu recht oft einengend, doch ohne Spielregeln sind wir nicht überlebensfähig. Unschön und teilweise missbräuchlich ist, dass oft machtbesessene und unempathische Menschen die Regeln bestimmen.
Ängste und Aberglauben legen uns lahm
Der freie Wille wird aber auch durch unsere eigene Bedingtheit eingeschränkt. Ängste, psychische Störungen, körperliche Grenzen und hirnphysiologische Fehlfunktionen prägen unser Leben mit – oder bestimmen es über weite Strecken. Außerdem legen wir uns auch selber lahm durch Selbsttäuschungen, Vorurteile, Einbildungen, destruktive Sehnsüchte, Ängste und Aberglauben.
Die religiöse Idee vom freien Willen, den uns Gott angeblich gegeben hat, ist also eine Illusion. Damit werden Gläubige getäuscht und diszipliniert. Dies ist vor allem in Freikirchen zu beobachten. Dort halten die Pastoren trotz gegenteiliger Erkenntnisse unbeirrt an der Idee von der Willensfreiheit aus religiösen Gründen fest.
Indem den Gläubigen vorgegaukelt wird, alle Entscheide selbst treffen zu können, werden sie in die Irre geführt. Gläubige, die schwach werden und sündigen, fühlen sich schuldig und minderwertig. Sie befürchten sogar, dass sie am Jüngsten Tag ein übervolles Sündenregister haben und ihnen die Tür ins Jenseits vor der Nase zugeschlagen wird. Und dann ist es mit dem freien Willen definitiv vorbei.
Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.
Kommentare (10)
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Woher nehmen Sie Ihre Geduld,
Woher nehmen Sie Ihre Geduld, Herr Stamm?
Das frage ich mich manchmal
Das frage ich mich manchmal auch. Schon seit Jahren.
Der Gott hat den Menschen
Der Gott hat den Menschen freien Willen gegeben.So,so, hat ER auch den tektonischen Platten und den Taifunen freien Willen gegeben?
"Ein paar skrupellose oder
"Ein paar skrupellose oder narzisstische Staatsoberhäupter – von Trump bis Putin, von Xi Jinping bis Duterte, von Erdogan bis Orban, von Maduro bis zu den afrikanischen Autokraten – zwingen Milliarden von Menschen ihren Willen auf."
Ich möchte zwar von keinem der genannten Politiker regiert werden, aber Xi Jinping und Maduro sollten nicht in die gleiche Kategorie wie die anderen gesteckt werden, da sie, wenn man die bekannten Fakten (!) betrachtet, in weit geringerem Maße "narzistisch und skrupellos" sind. Über Putin lässt sich, was Narzissmus und Skrupellosgikeit betrifft, streiten. Jedenfalls agiert er viel rationaler und diplomatischer als Trump, Duterte, Erdogan oder Orban. Dies kann man dann erkennen, wenn man sich nicht von der transatlantischen Propaganda blenden lässt. Netanjahu fehlt dagegen in der Aufzählung.
Hätte Gott (so es existierte)
Hätte Gott (so es existierte) uns einen freien Willen gegeben, würde es sich damit seiner Allmacht selbst beraubt haben. Denn es könnte ja angeblich nicht mehr auf unsere Handlungen Einfluss nehmen. Damit wäre es aber nicht mehr göttlich. (Gott minus Allmacht = kein Gott mehr) Es könnte uns aber auch jederzeit diesen freien Willen wieder entziehen. Damit aber wären wir auch mit freiem Willen nicht tatsächlich frei.
Wie man es dreht und wendet, ohne Gott ist alles leichter erklärbar.
Holger T, Das Problem ist
Holger T, Das Problem ist darin begründet, dass der Mensch "Gott" erfunden hat, um sich damit das Unerklärbare erklären zu können!
"Die religiöse Idee vom
"Die religiöse Idee vom freien Willen ... ist also eine Illusion."
Die Idee als solche kann keine Illusion, keine Täuschung, kein Irrtum sein. Irgendjemand hat entweder eine bestimmte Idee, oder er hat sie eben nicht. Aber nehmen wir einmal an, dass jemand, der behauptet, er verfüge über einen freien Willen, einer Täuschung unterliegt. Dass es also den freien Willen nicht gibt. Wie sollte es dann möglich sein, dass dieser nichtexistente freie Wille durch "eigene Bedingtheit eingeschränkt" werden kann?
Wovon soll der "freie Wille"
Wovon soll der "freie Wille" denn frei sein? Von den Genen und von Umwelteinflüssen doch sicherlich nicht.
Frei von Vernunft?
Frei von Vernunft?
Freier Wille und religiöse
Freier Wille und religiöse Manipulation
Wir fühlen uns dann frei, wenn wir das tun können, was wir wollen. Die Willensfreiheit besteht aus dem Gefühl, dass wir und niemand sonst die Verursacher unserer Handlungen sind. Wir sind überzeugt, dass wir auch anders handeln könnten, wenn wir nur wollten. Entsprechend fühlen wir uns für unser Handeln verantwortlich und akzeptieren, dass wir für etwaige Folgen aufkommen müssen. Das Limbische Systemunseres Gehirns, in dem Gefühle und Affekte entstehen, fällt die Entscheidungen weitgehend unbewusst, der Verstand ist lediglich eine Art Berater. Das meiste im Leben muss unser Gehirn ausprobieren, denn die Instinktbasis des Menschen ist schmal und hilft bei komplexem Verhalten nicht weiter. Wir lernen emotional, d.h. in neuen Situationen werden emotionale Erfahrungen von vergangenen ähnlichen Erlebnissen abgerufen und verglichen. Diese auftauchenden Gefühle sind nichts anderes als Botschaften aus der Erinnerung. Emotionale Erfahrungen können nicht in Worten wiedergegeben werden, weil sie zu komplex sind. Gefühle sind klüger als die Ratschläge der Vernunft. Auf das Limbische Gedächtnis zu hören, ist die klügste Vorgehensweise überhaupt. Die Ebene des Verstandes und der Vernunft bildet sich in der Hirnentwicklung erst spät aus und erlangt nie einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten. Trotzdem sind wir nicht die Sklaven unserer Triebe. Das Limbische System will zwar sofortige Belohnung, Flucht oder Zuschlagen, es lernt aber auch durch Versuch und Irrtum. Leider besitzen wir kein robustes Gewissen, „Gut“ und „Böse“ sind nur soziale Konstruktionen.
Religiöse Sicht:
Alle Religionen, besonders die RKK bedienen sich bekanntlich häufig der Angst bzw. diese wird als Mittel verwendet, um bei Menschen Schuldgefühle zu erzeugen und dadurch deren Verhalten zu manipulieren. Natürlich darf in diesem Spektrum auch die Sexualität nicht fehlen, die bekanntlich besonders gut geeignet ist, nach früher Indoktrinierung durch den schizophrenen Religionsunterricht Schuldgefühle bei Menschen zu erzeugen. Nach katholischer Lesart ist Sexualität ohne sakramentale Grundlage nur Lust, Befriedigung, Egoismus pur. Eben deshalb leiden diese Menschen in diesem Sumpf, den sie selbst durch ihren „bösen“ Willen geschaffen haben. Nur der gute Wille kommt vom angeblichen „Gott“. Welcher Schwachsinn wurde und wird den Menschen im dritten Jahrtausend noch immer eingeimpft?