Kolumne: Sitte & Anstand
Ich bin das wildeste Biest von allen
Foto: © Frank Nicolai
Wozu ist Gott gut? Die Lektüre des Kirchenvaters Augustinus nährt den Verdacht: Die Gottheit dient vor allem dazu, das Ego ihrer Vorbeter aufzupumpen.
Ich hab jetzt mal wieder ein bisschen bei Augustinus reingelesen, huijuijui, der Kerl lässt gar nicht wieder locker vor lauter Selbstzermetzelung! "Ich hasste mich aus innerem Verlangen", "tosendes Gewirr ausschweifender Leidenschaft", "Ekel", "Hunger", "schreckliche Finsternis der Lust", "Meer von Wunden", "Schmutz der Begierde", "meine übermäßige Eitelkeit" – das alles poppt binnen weniger Zeilen auf in den "Bekenntnissen", die der Kirchenvater um 400 niederschrieb: Hier hat ja wohl jemand echt ein Problem.
Augustinus, mächtiger Bischof von Hippo (im heutigen Algerien) und Erfinder des Übergießens unschuldiger Säuglinge mit Wasser, will ein tüchtig dickes Buch zum Lob seines Gottes vorlegen. Zumindest gibt er das vor. In Wahrheit schreibt er ein tüchtig dickes Buch über sich selbst. Und über das lustvolle, pralle, schmerzensreiche Lotterleben, das hinter ihm liegt. Die Selbstverliebtheit könnte größer kaum sein, wer hätte denn bis dahin einen dicken Wälzer über sein eigenes Leben veröffentlicht?
Über hunderte von Seiten prahlt Augustinus mit dem eigenen abgefahrenen Lebenswandel, als wäre es ein Gangstarap-Video, und um das tun zu können, verwendet er einen Trick: Er spaltet sich selbst auf – in den lust- und schmerzvollen Jung-Augustinus einerseits. Und in den weisen, ordnungsliebenden, entsagungsvollen Alt-Augustinus andererseits. (Warum Gott all die köstliche Lust überhaupt erst erfunden hat, wenn man sie nicht genießen darf, bleibt dabei unvertieft.)
Augustinus schafft es auf diese Weise, aus einer einfachen Selbstüberhöhung eine doppelte zu machen: Er ist der schlimmste Finger und ist der treueste, bravste Diener gleichzeitig. Er ist der heißeste Feger und der verdammenswerteste Mensch. Er ist der Größte in der Lust und der Größte im Verzicht. Gott? Welche Funktion kommt Gott eigentlich zu in diesem Werk, das angeblich ihm zum Ruhm geschrieben ward? Zunächst einmal, klar: Augustinus ist mit ihm auf Du und Du. Ständig spricht er ihn an, schleimt er sich ein, wirft sich in den Staub, ständig unterwirft er sein Leben der Kontrolle und dem Urteil des Allmächtigen – ihn so an sich bindend, zumindest für den Leser. Nahezu symbiotisch scheinen die beiden zu sein. Was also ist Gott, der Schweigsame, Unsichtbare, hier anderes als der dritte Weg zur Selbstüberhöhung?
Als ich noch Studententheater machte, habe ich viele Wege des Narzissmus kennengelernt, manche mehr, manche weniger charmant. Die nervigste aller Frauen jedenfalls hatte eines Tages die Selbstverdopplung per Plüschente erfunden: Die Plüschente hatte sie bei allen Proben dabei, und sehr ernsthaft pochte sie darauf, dass jedermann überall und stets der Plüschente seine Referenz zu erweisen hatte. Die nervige Laienschauspielerin, eine eher kleine Person und selber einer Ente nicht völlig unähnlich, hatte damit ihre Präsenz mit einem Schlag verdoppelt: Und ist das nicht das Prinzip Gott, noch in einer etwas kleineren Version?
Falls es die Frau und die Ente noch gibt, würde es mich nicht wundern, wenn die Ente mittlerweile allerhand Superkräfte hätte und auch rigide Lebensregeln aufgestellt hätte in punkto Lust, Ordnung, Achtsamkeit und Veganismus. Augustinus jedenfalls schrieb seine Bekenntnisse vorgeblich zum Ruhm seiner Gottheit, und doch trieft aus jeder Zeile immer: Augustinus, Augustinus, Augustinus, das wildeste Biest von allen, der treueste Diener seines Herrn. Und damit, wenn man das mal gelesen hat, hat man eben doch viel über Gott und den Glauben gelernt.

Kommentare (10)
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Augustinus, dem wir das
Augustinus, dem wir das wissenschaftsfeindliche "Glaube, damit zu erkennst" zu verdanken haben, ist auch - seinem späteren Schüler Luther zum Vorbild - über die Juden hergezogen. In seiner Predigt "Gegen die Juden" schreibt er z. B.: "In euren Vätern habt ihr Christus getötet." Für ihn waren Juden bösartig, wild und grausam. Er verglich sie mit Wölfen, nannte sie Sünder, Mörder, "zu Essig ausgearteten Wein der Propheten", "eine triefäugige Schar", "aufgerührter Schmutz" (was Luther gerne zitiert hat). Juden seien des "ungeheuren Vergehens der Gottlosigkeit" schuldig. Und natürlich haben sie nach Augustinus Meinung keine Ahnung von ihrer Bibel: "Sie lesen es als Blinde und singen es als Taube."
Augustinus wirkte über Luther und andere bis in die Nazizeit. Ach, war da noch was beim Christentum? Irgendwie "Nächstenliebe" oder so...?
Mehr äffische Selbsterhöhung
Mehr äffische Selbsterhöhung geht nicht, als sich aufzublasen und den Zuhörern den Willen Gottes mitzuteilen.
In der Schule musste ich ihn
In der Schule musste ich ihn mal übersetzen, den Augustinus. Das weiss ich bis heute nicht nur, weil ich sein Werk reichlich irritierend fand, sondern weil ich mir damals geschworen habe, mir den Tag rot im Kalender anzumalen, an dem ich das Wort "vinculum" (lat.: "inneres Gefängnis") jemals für irgend etwas brauchen würde. Paradoxerweise scheint er heute zu sein.
Schlussfolgerung: 35 Jahre lang habe ich den Augustinus ganz privat für einen alten Trottel gehalten, heute halte ich ihn für einen noch grösseren.
Wer sich tatsächlich für den
Wer sich tatsächlich für den Kern christlicher Theologie interessiert, der/die sollte die Bücher von Hermann Detering lesen oder wenigsten dazu mal im Internet recherchieren. Detering hat nicht nur entlarvt, dass es gar keinen Paulus im Sinne des Christentums gab (Der gefälschte Paulus; Inszenierte Fälschungen), sondern auch, dass es sich beim "lieben Augustin" ebenfalls um eine kirchliche Fälschung handelt.
Man kann sehr viel gegen das Christentum und erst recht gegen die Kirche/n vortragen, doch an den Kern des Glaubens trauen sich doch nur wenige heran, von denen, die die Aufklärung auf ihre Fahnen geschrieben haben!
Wie steht denn ein Christentum da, ohne einen Paulus, ohne einen Augustinus - und gar ohne einen, den man landläufig als Jesus, Christus und angeblichen Gottessohn zu kennen glaubt???
Ein bisschen mehr
Ein bisschen mehr ernsthaftigkeit hätte ich mir schon gewünscht und vor allen dingen die beantwortwortung der frage, wieso ein bischof um 400 uz in algerien solch starken einfluß auf die gesamte ideologie in der kirchengeschichte haben konnte. Was prädestinierte ihn zu solch einer einflußgröße bis in die philophie hinein?
Vielleicht kann kollege ungerer an dieser stelle noch etwas an infos nachschieben.
Tja, werter Herr Unger, Sie
Tja, werter Herr Unger, Sie sind auf der richtigen Fährte.
Gott ist nur ein Bluff, mit dem seine "Stellvertreter auf Erden" sich wichtig machen. Und alle anderen tüchtig ins Bockshorn jagen. Gott ist das alter ego seiner "Diener".
" wer hätte denn bis dahin
" wer hätte denn bis dahin einen dicken Wälzer über sein eigenes Leben veröffentlicht?" 'Bis dahin' mag ja stimmen, aber 'seit dem' wohl so mancher. Siehe z.B. den weltbekannten, im eigenem Modus katholischen Theologen Hans Küng, der dabei nicht einmal mit einem einzigen dicken Wälzer auskam.
Übrigens hat der leider viel zu früh gestorbene radikalkritische Theologe Hermann Detering in seinem Buche "O du lieber Augustin" auch die Confessiones radikalkritisch untersucht und ist zu dem Befund gekommen, dass sie erst Jahrhunderte später und zwar von Anselm von Canterbury geschrieben wurden.
Egal, ob gefälscht oder nicht
Egal, ob gefälscht oder nicht - wichtiger erscheint mir, dass der Schund von Augustinus u.v.a.m. *heutzutage* eigtl. für niemanden mehr eine Lebensgrundlage sein dürfte.
Herrliche Interpretation des
Herrliche Interpretation des Gottwesens. Danke dafür.
Gottglauben & Egozentrik
Gottglauben & Egozentrik waren und sind schon seit Jahrhunderten systemrelevante Geistesdrogen des von Profitgier & Konkurrenz angetriebenen westlichen Kapitalismus.
Darum halten übrigens auch die heutigen sog. Eliten dieses Gesellschaftssystems an den organisierten Glaubensreligion eifrig fest (sind doch gerade die Mitglieder dieser herrschenden Kreise selber großenteils ausdrücklich gläubig).
Und wo das Christentum mittlerweile schwächelt, wird dann eben gerne als Verstärkung der Islam ins "moderne westliche" Boot geholt.
Das "Opium" - oder wahlweise Kokain - "des Volkes" ist offensichtlich für die hierzulande tonangebende Politik weiterhin völlig unverzichtbar.
Die gesellschaftliche bzw. profit- und konkurrenz-wirtschaftliche Wirklichkeit bedarf also auch heutzutage der religiösen Wunschvorstellungen & Phantasiegebilde eines zumeist aufgeblähten Egos der sich täglich mit dieser Wirklichkeit herumschlagenden Einzelnen.