Bundesweit erster Arbeitskreis "Säkulare und Humanistische Sozialdemokrat*innen" in Berlin gegründet

Einige Vertreter*innen des frisch gewählten Vorstandes des Arbeitskreises
Einige Vertreter*innen des frisch gewählten Vorstandes des Arbeitskreises "Säkulare und Humanistische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten" (v.l.n.r.): Dr. Maja Lasić, Philip Schunke, Dr. Hans Ulrich Bieler, Dr. Felicitas Tesch, Dr. Bruno Osuch, Wolfgang Hecht
Wahl des Vorstands des Berliner Arbeitskreises
Wahl des Vorstands des Berliner Arbeitskreises „Säkulare und Humanistische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten“
Hinweis auf die Gründungsveranstaltung im Willy-Brandt-Haus
Die Gründungsveranstaltung fand im Willy-Brandt-Haus statt

Am Mittwoch vergangener Woche gründete sich im Landesverband der Berliner SPD der Arbeitskreis "Säkulare und Humanistische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten". Dies ist bundesweit eine Premiere, denn bislang gibt es in keinem anderen Bundesland einen solchen AK. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Gründung in Berlin mehrmals verschoben werden. Fast 30 Mitglieder der Berliner SPD waren der Einladung ins Willy-Brandt-Haus gefolgt. Und die Atmosphäre war ausgesprochen konstruktiv.

Der Landesparteitag der Berliner SPD hatte bereits 2019 mit großen Mehrheiten entsprechende Beschlüsse zur Gründung gefasst, die nun umgesetzt wurden. Dass dies nicht auf den Widerstand des Parteivorstandes auf Bundesebene stieß, ist ein Zeichen des Umdenkens der Parteiführung. Diese akzeptiert zwar keine ausgesprochen laizistische, mittlerweile aber durchaus säkular-humanistische Positionen. Hinzu kommt die Kraft, die sich in den genannten Berliner Landesparteitagsbeschlüssen ausdrückt.

Prominente Berliner Unterstützung

Die stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner SPD und Mitglied im Abgeordnetenhaus aus dem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf, Iris Spranger, betonte gleich zu Beginn ihr langes Mitwirken bei den Vorbereitungen sowie ihre Bereitschaft, den AK auch als Mitglied im geschäftsführenden Landesvorstand aktiv zu unterstützen und zu betreuen. Der langjährige Berliner Staatssekretär Mark Rackles, ebenfalls einer der Initiatoren, betonte in seinem Grußwort, dass man jetzt nicht mehr von "zwei Strömungen – den Säkularen und den Humanist*innen – unter einem Dach" sprechen müsse. Es sei nunmehr eine "einzige gemeinsame und starke Strömung". Die SPD fuße in hohem Maße auf einer säkularhumanistischen Wertebasis und an diese gelte es jetzt wieder offensiv anzuknüpfen. Glückwünsche verbunden mit der Bereitschaft zur aktiven Unterstützung kamen vom Berliner Bundestagsabgeordneten Swen Schulz, der Berliner Innenstaatsekretärin Sabine Smentek und Kevin Kühnert, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden.

Repräsentativer Vorstand 

Der Vorstand des Arbeitskreises setzt sich wie folgt zusammen:

Felicitas Tesch
Felicitas Tesch, Co-Vorsitzende des neu gegründeten Arbeitskreises
(Foto: © Evelin Frerk)

Vorsitz: Dr. Felicitas Tesch (Bezirksverordnete in Charlottenburg-Wilmersdorf und zugleich stellvertretende Präsidentin des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg) und Dr. Hans-Ulrich Bieler (ehemaliger Leiter der Berliner Landesvertretung von Rheinland-Pfalz); stellvertretene Vorsitzende: Dr. Bruno Osuch (ehemaliger Präsident des Humanistischen Verbandes) und Franziska Becker (Vorsitzende des Hauptausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus), Schriftführung: Philip Schunke (Podcast-Moderator).
Zu Beisitzer*innen wurden gewählt: Dr. Maja Lasić (Bildungspolitische Sprecherin der Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus), Mark Rackles (ehemaliger Staatssekretär), Barbara Scheffer (Fachausschuss Kulturpolitik) und Wolfgang Hecht (Bezirksverordneter in Berlin-Neukölln).

Hans-Ulrich Bieler
Hans-Ulrich Bieler, Co-Vorsitzender des neu gegründeten Arbeitskreises
(Foto: © Evelin Frerk)

Wie der Co-Vorsitzende des Arbeitskreises Dr. Hans-Ulrich Bieler betont, soll mit der Arbeit des Arbeitskreises der "weltanschauliche Pluralismus der Partei gestärkt werden". Der neue Arbeitskreis möchte "Brücken bauen zwischen den Zielen der deutschen Sozialdemokratie und den Bürgerinnen und Bürgern, die sich an säkularen und humanistischen Werten orientieren". Dies sei in Berlin mit seiner konfessionsfreien Mehrheitsgesellschaft von besonderer Bedeutung. Angesichts der großen ethischen Debatten etwa zur Sterbehilfe oder zum Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche gelte es, säkulare und humanistische Positionen gerade auch innerhalb der SPD zu stärken.

Ziele

Die Berliner Initiative verfolgt keinen Laizismus nach französischem Vorbild. Sie betont jedoch das "verfassungsgemäße Primat der Trennung von Staat und Kirche" bei gleichzeitiger Akzeptanz von bewährten Formen der Kooperation. Dazu gehöre auch die Forderung nach stärkerer Gleichbehandlung von Weltanschauungsgemeinschaften wie dem Humanistischen Verband Deutschlands (HVD).

Zugleich will der Arbeitskreis aber auch zum "innerparteilichen Dialog und zur Verständigung mit den Genossinnen und Genossen beitragen, die ihr sozialdemokratisches Engagement auf Basis von christlichen, jüdischen, islamischen oder anderen religiösen Lebensauffassungen und Wertvorstellungen entwickeln". Dies sei angesichts der stärker werdenden Vorurteile gerade gegenüber Juden und Muslimen umso wichtiger. Beim Kampf gegen rechts und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit seien religiöse oder weltanschauliche Unterschiede zurückzustellen.

Dem kommenden Bundesparteitag der SPD vom 10. bis 12. November 2021 liegen zahlreiche vergleichbare Anträge für die Zulassung von säkularen und humanistischen Arbeitskreisen aus dem ganzen Bundesgebiet vor. Die Berliner Initiative dürfte daher auch eine Signalwirkung auf Bundesebene haben. Es ist zu hoffen, dass der Parteivorstand nach den Bundestagswahlen auch auf Bundesebene einen entsprechenden Arbeitskreis einrichtet. Ein wichtiger Termin auf diesem Weg könnte das nächste Bundestreffen des säkularen Netzwerks der SPD am 30. Oktober in Berlin werden.

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Kommentare (10)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 13:08

Es gibt keine Vorurteile gegen Juden oder Muslime, oder andere Religionen, es gibt nur die Erkenntnis, dass ALLE Religionen bewusst gestaltete Irrtümer sind, welche nur Machtgelüste erfüllen. Daher ist es erforderlich, dass die Menschheit sich davon befreien muss um endlich wirklich frei zu werden.
Es gibt keine Religion die die Menschheit weiterbringt und vereint, sondern Religionen spalten nur statt zu vereinen.
In der Lage, in welcher sich die Erde momentan befindet, ist ein globaler Zusammenhalt
dringest nötig und wenn wir das nicht hinkriegen, sehe ich schwarz für die Zukunft des Planeten Erde.

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 13:12

Aber noch 'ne Frage:

Habt Ihr den Mut laut zu sagen, dass nach humanistischer Auffassung die Islamisten für einen Gott morden, den man ihnen eingeredet hat?
Dass die europäischen Eroberer für einen Gott erobern und missionieren, den man ihnen eingeredet hat?
Dass dieser Christengott neuerdings hinter "Werten" versteckt wird?

Werner Helbling (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 14:09

Da kann man nur gratulieren und wünschen, dass die Impulse landesweit ausstrahlen und von der Wählerschaft entsprechend angenommen und honoriert werden.

Klaus Bernd (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 15:01

Uff, endlich ! Da kann man nur hoffen, dass das ein richtiger Dammbruch für die SPD wird und kein Haarriss bleibt,

Dr. Sascha Rother (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 15:14

Sehr geehrte Redaktion, sehr geehrter Herr Osuch,

Ihre im Artikel gemachte Aussage, es handele sich bei dem in Berlin gegründeten Arbeitskreis quasi um eine Premiere, ist nicht ganz korrekt. Dies mag auf Landesebene zwar so sein, von Ihnen bei der Recherche (?) unberücksichtigt geblieben ist leider der in 2016 - übrigens unter meiner bescheidenen Mitwirkung - gegründete AK HumanistInnen und Säkulare im SPD Bezirk Hannover. Davon unbenommen bleibt natürlich mein herzlicher Glückwunsch an die Genoss*innen vor Ort; aus eigener Erfahrung kann ich sagen, was für ein Kraftakt eine solche Gründung gegen parteiinterne Widerstände auf Funktionärsebene sein kann. Solidarische Grüße!

Dr. Bruno Osuch (nicht überprüft)

Fr. 17 Sep 2021 - 11:45

Antwort auf von Dr. Sascha Rother (nicht überprüft)

Sehr geehrter Herr Rother,
vielen Dank für die guten Wünsche. Dass Sie in Hannover schon einen solchen AK haben, war uns tatsächlich bislang unbekannt. Ist der AK denn auch offiziell anerkannt?
Mit besten Grüßen
Bruno Osuch

Bernd Kockrick (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 22:36

Na endlich wird die SPD wach, August Bebel würde aufatmen!! Nachdem inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr einer Kirche angehört und vom Rest nur noch ganz wenige wirklich auf Religion setzen, sollten alle politischen Parteien das riesige Wählerpotential bei den aufgeklärten Bürger*innen erkennen. Ich bin mal wegen der Gottesdienste vor SPD-Parteitagen und den Predigten von Beck und Steinmeier ausgetreten.

G. Hantke (nicht überprüft)

Mi. 15 Sep 2021 - 23:59

„…Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Gründung mehrmals verschoben werden …“ - so so - ich erinnere mich allerdings noch recht heftig an den hpd-Artikel 16641 (wie die SPD ihre säkularen Wurzeln verleugnet) vom 25.03.2019,
https://hpd.de/artikel/spd-ihre-wurzeln-verleugnet-16641
wonach die SPD einen ebensolchen Arbeitskreis „nach wie vor nicht zulässt“.
Mag sein, dass es daran liegt, dass ich im Glauben nicht so geübt bin, jedenfalls glaube ich den Verlautbarungen dieser ehemals durchaus glaubwürdigen Partei (-Führung) schlicht gar nichts mehr.

Dr. Bruno Osuch

Der Autor war lange Jahre Präsident des Humanistischen Landesverbandes Berlin-Brandenburg, Sekundarschulrektor an der Internationalen Nelson-Mandela-Schule Berlin und leitete von 2016 bis 2019 den Aufbau des Ethik-Unterrichtes an der Deutschen Schule Santiago de Chile. Aktuell verantwortet er die politische Kommunikation beim HVD.

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