Interview zum Start der neuen Aufklärungs-Website "Globukalypse.org"

Homöopathie-Gesetze: "Eine Änderung ist überfällig"

Unter dem Hashtag "Globukalypse" klären Aktivistinnen und Aktivisten über die pseudowissenschaftliche Heillehre Homöopathie auf und rücken Mythen über Globuli & Co. zurecht. "Globukalypse" ist auch Titel einer neuen Website, die vor wenigen Tagen online ging. Darüber sprach Inge Hüsgen mit den Initiatoren Dr. Christian Lübbers und Udo Endruscheit.

hpd: Fast gleichzeitig mit Start der neuen Website hat sich Mai Thi Nguyen-Kim in ihrer Show "MAITHINK X" die Homöopathie aus wissenschaftlicher Sicht vorgenommen. Das Thema trendet gerade, kann man sagen.

Udo Endruscheit: Die Pläne für die neue Webseite gibt es schon seit letztem Jahr. Es war an der Zeit, das Thema wieder in den Fokus zu rücken, nachdem in den letzten beiden Jahren in der Gesundheitspolitik neben Corona praktisch keinerlei bedeutende Entscheidungen getroffen wurden. Schon vor Start von Globukalypse.org gab es eine ganze Reihe fundierter Informationen über Homöopathie online, etwa vom Informationsnetzwerk Homöopathie (INH), die "Homöopedia" oder die Familienseite "Susannchen braucht keine Globuli". Noch eine Website mit kritischen Informationen zur Homöopathie?, könnte man sich fragen.

Christian Lübbers: Stimmt, da haben wir und andere ehrenamtlich viel auf die Beine gestellt. Andererseits birgt diese Fülle das Risiko, dass unsere Ziele und Anliegen darin untergehen. Für Globukalypse.org haben wir deshalb alles Wissenswerte kurz und knapp zusammengefasst. Wer es dann noch genauer wissen möchte, findet dort die Links und Hinweise auf unsere weiterführenden Infos.

Wo steht denn die Homöopathie-Aufklärung jetzt?

Udo Endruscheit
Udo Endruscheit unterstützt das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) seit 2016 und ist einer seiner Sprecher. Als Autor klärt er in verschiedenen Blogs und Publikationen (auch beim hpd) über Homöopathie und andere Pseudomedizin auf.
(Foto: Markus Endruscheit)

Udo Endruscheit: Wir haben in den letzten Jahren, seit Gründung des INH 2016, unglaublich viel Aufklärungsarbeit geleistet und damit auch Erfolge erzielt. Umsatz und Verbrauch von homöopathischen Mitteln sind in derselben Zeit zurückgegangen, und in der Bevölkerung hat die Homöopathie an Kredit eingebüßt, wie auch die GWUP-Studie 2021 zeigt.

Christian Lübbers: Natürlich lässt sich aus Korrelation keine Kausalität ableiten (schmunzelt), aber gewiss haben wir das Unsere dazu beigetragen.

Die Aufklärung erreicht also die interessierte Öffentlichkeit, die Patientinnen und Patienten. Auf der anderen Seite sind es doch Politik und Gesetzgebung, die entscheidend zur Förderung der Homöopathie in Deutschland beitragen.

Christian Lübbers: Genau, die Entscheider in der Politik sind eine wichtige Zielgruppe, die wir mit den komprimierten Informationen der neuen Webseite ansprechen. An sie haben wir vier Forderungen adressiert. Es geht uns dabei vor allem darum, den sogenannten Binnenkonsens abzuschaffen, der die Homöopathie ohne rationalen Grund gegenüber evidenzbasierten Therapien bevorteilt.

Binnenkonsens, das bedeutet: Lediglich die Homöopathen müssen sich untereinander einig sein, dass ein bestimmtes Mittel die Zulassung erhält.

Christian Lübbers: Genau, laut Gesetz gehört die Homöopathie zu den sogenannten "Besonderen Therapierichtungen", übrigens neben anthroposophischer Medizin und Phytotherapie. Anders als reguläre Medikamente müssen diese Mittel ihre Wirkung nicht durch Studien unter Beweis stellen, bevor sie auf den Markt kommen. Der Gesetzgeber misst also mit zweierlei Maß.

Christian Lübbers
Dr. Christian Lübbers ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde mit eigener Praxis. Er engagiert sich seit 2017 für die öffentiche Aufklärung über Homöopathie und gehört zu den Sprechern des Informationsnetzwerks Homöopathie (INH).
(Foto: Nora Cordova Photography via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Daran schließt sich unsere zweite Forderung an: der Wegfall der Apothekenpflicht für Homöopathika. Obwohl diese Mittel keinerlei spezifische Wirkung besitzen, sind sie trotzdem ausschließlich in Apotheken zu bekommen. Das vermittelt Patientinnen und Patienten ein falsches Signal und verleiht der Homöopathie einen Vertrauensbonus, der ihr nicht zusteht. Ähnlich ist es mit unserer dritten Forderung, die Erstattung der Homöopathie durch gesetzliche Krankenkassen zu beenden. Abschließend fordern wir mehr öffentliche gesundheitliche Aufklärung über Mittel und Methoden ohne wissenschaftliche Evidenz.

Wie schätzt ihr die Chancen ein, mit diesen Anliegen in der Politik Gehör zu finden?

Christian Lübbers: Den Tweets nach zu urteilen, wissen viele Politikerinnen und Politiker selbst sehr wohl, dass eine Gesetzesänderung überfällig ist. Das wurde erst wieder vor wenigen Tagen deutlich, als Gesundheitsminister Karl Lauterbach auf Twitter den aufklärenden Fachaufsatz von Nikil Mukerji und Edzard Ernst als "sehr lesenswert" empfahl und die Homöopathie zu Recht eine "gefährliche Pseudowissenschaft" nannte. Die Sachlage ist klar. Entscheidend ist letztlich, ob sich die Politik endlich traut, Konsequenzen zu ziehen.

Udo Endruscheit: Wenn die Zeit dafür reif ist, nimmt ein Thema irgendwann Fahrt auf. Das belegen auch die Reaktionen auf den aktuellen Diskurs von Seiten der homöopathischen Szene, etwa der Deutschen Homöopathie-Union und des Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Uns – und den gesamten kritischen Diskurs zum Status der Homöopathie innerhalb des Gesundheitswesens – kann man nicht mehr länger ignorieren, ohne sich mit unseren Argumenten auseinanderzusetzen. Das nährt die Hoffnung, dass demnächst jemand in Berlin sagt: "Jetzt habe ich die Nase voll!"

Die neue Website erreicht man unter dem Link Globukalypse.org.

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Kommentare (6)

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Fr. 23 Sep 2022 - 15:31

Es wird höchste Zeit, diese Scheinmedizin zu beenden und nicht als Kassenleistung einzustufen. Jeder der meint er braucht unbedingt derartige "Medikamente" soll dies auch selbst bezahlen. Mit anderen Worten, wer Betrogen werden will soll dies auch werden.
Ein Placebo-effekt ist nicht abzustreiten, dies ist subjektive Erfahrung und hilft nur scheinbar bei Gesundheitsproblemen, die Ursachen dafür bleiben unberührt.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 23 Sep 2022 - 15:36

"... die Nase voll" - schon lange.
Danke für das Interview!

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Fr. 23 Sep 2022 - 21:47

Die gesetzlichen Krankenkassen stehen im nächsten Jahr vor einem veritablen Defizit.
Wie kann man erreichen, dass sie die Ausgaben für Homöopathika streichen?
Kann Lauterbach, der eigenen Angaben zufolge kein Globuli-Fan ist, diesen Zinnober nicht einfach von der Liste der erstattungsfähigen Leistungen nehmen?
Ist wahrscheinlich kein Riesenbetrag, aber Kleinvieh macht doch auch Mist.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Sa. 8 Okt 2022 - 11:27

Antwort auf von Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Ich hab ihm ins Gewissen geredet. Er machts! :-)))))

Martin (nicht überprüft)

Sa. 24 Sep 2022 - 13:43

"laut Gesetz gehört die Homöopathie zu den sogenannten "Besonderen Therapierichtungen", übrigens neben anthroposophischer Medizin und Phytotherapie"

Der letzte Nebensatz ist sehr wichtig. Denn die Homöopathie-Lobby alleine wäre heutzutage kaum noch stark genug, sich zu verteidigen. Die Anthroposophie ist dagegen noch relativ stark. Waldorfschulen z.B. boomen (10 % mehr Schüler, 15 % mehr Schulen als vor zehn Jahren). Ein Angriff auf die Homöophathie ist auch ein Angriff auf andere Formen der Scharlatanerie.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Fr. 30 Sep 2022 - 22:46

Antwort auf von Martin (nicht überprüft)

Nur weil neben der Homöopathie auch noch die anthroposophische Medizin und Phytotherapie zu den sogenannten "Besonderen Therapierichtungen" gehört, ist das kein Grund, die Homöopathie nicht aus der Erstattungsfähigkeit zu nehmen.
Für die Phytotherapie gilt z.B., dass die ­Anwendung (oral, äußerlich oder Inhalation) auch ohne ärztliche Aufsicht (Diagnose, Verschreibung, Überwachung) möglich sein muss.
Das heißt, Phytomedikamente müssen frei verkäuflich sein und sind Nahrungsergängungsmittel.

Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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