Der Historiker und Autor Philipp Blom beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst

Die Aufklärung muss sich umorientieren

da_blom_chefai_ecreutz.jpg

Florian Chefai im Gespräch mit dem zugeschalteten Philipp Blom

Hat das aufklärerische Erbe uns noch etwas zu sagen? Das ist die Frage, die Philipp Blom umtreibt. Und über die der Historiker und Autor denn auch mit den Gästen des "Humanistischen Salons" des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes (DA!) in einem etwas ungewöhnlichen Format diskutierte. Blom, der, wie er sagte, in den letzten Zügen der Fertigstellung eines neuen Buches sei, war von seinem Wohnort Wien zugeschaltet auf einen großen Bildschirm im Forum Freies Theater in Düsseldorf. Die Technik machte es möglich, dass er seinen Interviewer Florian Chefai, wissenschaftlicher Koordinator des Hans-Albert-Instituts, und auch die Mitdiskutanten aus dem Publikum gut erkennen und mit ihnen ins Gespräch kommen konnte.

Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts habe die Lebenslügen der damaligen Zeit angegriffen, sagt Blom: Die christliche Ordnung, das absolutistische Machtgefüge, den Bund zwischen Kirche und Staat. Doch all das sei längst überkommen, jedenfalls was moderne westliche Gesellschaften betreffe. Wir lebten mittlerweile in Demokratien und die Kirche habe ihre Vorherrschaft, ihre einstige Machtposition, eingebüßt – auch wenn es ärgerlich sei, dass sie noch so viel Vermögen habe, dass die Menschen Kirchensteuer zahlen und "auch angesichts dessen, was noch weiterhin so alles geglaubt" werde.

Jede Zeit habe ihre eigenen Lebenslügen, so Blom, und so müssten sich auch aufgeklärte Energien in einer anderen Zeit, dem Jetzt, auf andere Lebenslügen konzentrieren. Blom geht sogar so weit, dass die Aufklärung, wie wir sie kennen, "etwas ist, was uns intellektuell zurückhält, weil sie bestimmte theologische Ideen und Werte nicht bricht, sondern umetikettiert und weiterführt". Wenn die christliche Heilslehre davon ausgehe, dass die Welt auf ein Ziel, auf ihre Vollendung zugehe, erinnere der heutige Fortschrittsglaube eben daran. Dabei sei das, was wir Fortschritt nennen, doch erkauft für den Preis von Umweltzerstörung und die Unterdrückung anderer Menschen auf anderen Kontinenten.

Leben in der kritischen Zone

Die biblische Erzählung vom Menschen als der Krone der Schöpfung, der eine Ausnahmestellung habe und die Natur beherrschen und unterwerfen kann, wirke heute fort. Ebenso wie die Aufteilung in Mensch und Tierreich. Philipp Blom: "Dabei teilen wir 98,5 Prozent unserer DNA mit Schimpansen. Die Ausnahmestellung ist eine rein biblische Idee." Eine moderne Aufklärung müsse es sich zum Ziel machen, diese Ausnahmestellung des Menschen zu durchbrechen. Der Mensch müsse sich, wie es der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour gesagt hat, als einen ziemlich unwichtigen Teil einer komplexen Natur erkennen. Latour habe dieses Thema auch plastisch aufgezeigt, indem er forderte, dass wir nicht mehr sagen sollten, dass wir auf der Erde leben, sondern dass wir in der kritischen Zone leben – auf diesem ganz dünnen Film von Gas, der sich um die Erde zieht, wo Leben möglich ist. Diesen fragilen Film von Gas bringen wir durcheinander. Dabei sei er das Resultat von Milliarden von Akteuren, angefangen von Mikroben bis zu Kontinentalplatten – ein riesiges System. Ein System, von dem der Mensch nur ein kleiner Teil sei, es aber massiv beeinflusse.

Ob es um den Fortschrittsglauben gehe oder die Stellung des Menschen in der Natur – es müssten neue Denkmuster gefunden werden, fordert Blom. Fragender Widerspruch aus dem Publikum: Ob er, Blom, denn wirklich so zu verstehen sei, dass die heutigen Aufklärungsbemühungen das Thema Religionskritik tatsächlich ad acta legen sollten. Denn es sei doch offensichtlich, dass auch hierzulande die Kirche noch große Privilegien für sich in Anspruch nehme. Und ein Blick nach Russland zeige, welchen Einfluss die orthodoxe Kirche auf den Kreml habe, ebenso die Evangelikalen auf die US-Regierung. Ob er glaube, dass moderne Aufklärung hier nicht mehr anzusetzen habe.

Eben so scheint Blom es zu sehen: "Das ist in unseren Gesellschaften nicht mehr vorrangig, die Aufklärung sollte sich auf kapitalistische Lebenslügen und andere, auch pseudoreligiöse, Lebenslügen einschießen."

Zur Heuchelei verpflichtet

Blom zeigt auf, dass auch wir in unseren westlichen Gesellschaften gewissermaßen "zur Heuchelei verpflichtet" seien:

"Wir predigen den Chinesen universelle Menschenrechte, aber europäische Staaten können andererseits nicht alle Menschen zu sich hereinlassen, die ihr Leben gern in Europa gestalten möchten. Europa sagt also den an der Grenze Abgewiesenen: Deine Menschenrechte sind ein bisschen weniger wert als unsere. In unserer humanitären Überlegenheit lassen wir auch Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wir müssen uns dieser Widersprüche bewusst sein."

Er halte es nicht für besonders sinnvoll, die Menschen mit harter Religionskritik zu konfrontieren. Es sei einfach so, dass die säkulare liberale Seite im Augenblick die weniger guten Geschichten zu erzählen habe und auch keine Idee davon habe, wie eine gute säkulare Zukunft aussehen soll. Wenig optimistisch klingt auch seine Analyse des Fatalismus, den derzeit viele Menschen an den Tag legten. Anders als in früheren Generationen sei heute die Mehrzahl der Menschen überzeugt davon, dass ihre Kinder es schlechter haben werden als sie. Andererseits konzentriere sich großer Reichtum bei wenigen, da könne man sich schon betrogen fühlen und sich zu den Verlierern zählen, die sagen: "Wenn das die Demokratie ist, dann brauche ich die nicht, die macht nichts für mich."

Aber wie kann ein Gegenhalten gegen die sich beschleunigende antidemokratische Bewegung aussehen? Es brauche Bildung, Teilhabe, ja, auch Umverteilung, sagt Blom. In einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Gesellschaft werde man wohl auch ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen. Besonders wichtig ist ihm die demokratische Teilhabe. Ist unsere Form von Demokratie noch angemessen, fragt Philipp Blom, mit ihrem Wahlrecht alle vier Jahre? Es müsse über andere demokratische Formen nachgedacht werden. Er kommt auf den Erfolg versprechenden Ansatz der Bürgerräte zu sprechen: Gremien, in denen per Losverfahren zufällig ausgewählte Personen gesellschaftliche und politische Themen diskutieren. Und sodann begleitet von Fachleuten konkrete Handlungsempfehlungen für die Politik erarbeiten.

Es sei wichtig, den Menschen das Gefühl zu geben: Mir hört jemand zu, ich werde nicht für blöd verkauft. Dann seien sie auch offen für Gespräche, dann würden Parteien wie die AfD keinen Zulauf bekommen. "Warum wählen Menschen so etwas?", fragt Blom und gibt auch gleich die Antwort: "Weil sie sich gedemütigt und verunsichert fühlen." Das Klima, so fügt er hinzu, könne sich auch wieder ändern. Wenn man den Menschen Teilhabe an der Demokratie ermögliche.

Der Düsseldorfer Aufklärungsdienst hat die Veranstaltung aufgezeichnet, nachzusehen auf dem YouTube-Kanal des DA!

Unterstützen Sie uns bei Steady!