Kommentar

Markus Söder sollte Kirchenlobbyist werden

Markus Söder
Markus Söder bei Facebook (2018): "Klares Bekenntnis zu unserer bayerischen Identität und christlichen Werten. Haben heute im Kabinett beschlossen, dass in jeder staatlichen Behörde ab dem 1. Juni ein Kreuz hängen soll. Habe direkt nach der Sitzung ein Kreuz im Eingangsbereich der Staatskanzlei aufgehängt."

Der bayerische Ministerpräsident macht offensiv Politik für das Christentum. Beim Versuch, sich aus seiner Drohgebärde gegenüber den Kirchen im Zuge der Migrationsdebatte herauszureden, argumentiert er auch mit falschen Behauptungen. Er verhält sich unwürdig für einen Politiker eines säkularen Staates.

Neulich drohte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder den Kirchen. Denn er benutzt das Christentum zwar gerne für seine populistische Politik, doch wenn die Kirchen es wagen, die Politik der Union zu kritisieren, passt ihm das offensichtlich gar nicht. Anlass war der Entschließungsantrag zur Begrenzung der Migration des neuen Bundeskanzlers Friedrich Merz gewesen, für den die AfD mitgestimmt hatte. "Bayern steht zu den Kirchen wie kaum ein anderes Bundesland. Wir sind wohl das kirchenfreundlichste Bundesland in Deutschland. Sei es mit Kreuzen, Religionsunterricht, Steuern – Gehälter übrigens, die bezahlt werden, und auch die Feiertage …", bemerkte Söder auf einem kleinen Parteitag der CSU in Nürnberg (der hpd berichtete).

Wie üblich für Tabu-brechende Populisten ruderte er dann wenig später zurück. In einem Interview mit der FAZ erhob er Einspruch: "Aus einer 'Mahnung' von mir wurde in der Berichterstattung zuerst eine 'Warnung' gemacht, danach eine 'massive Kritik' und schließlich sogar eine 'Drohung'." "Was ich tatsächlich gesagt habe: Ich wünsche mir von unseren Kirchen, und zwar auch als gläubiger Christ und großer Unterstützer der Institution Kirche, sich auch wieder mehr um klassische christliche Wertethemen zu kümmern. Wie zum Beispiel den Lebensschutz." – Denn das passt auch zur politischen Agenda der Union, die sich trotzig gegen eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs sträubt und sich dabei auch für Realitätsverzerrungen nicht zu schade ist: So behauptete der angehende Kanzler Merz im Wahlkampf, Abtreibungen seien ein Thema, "das wie kein zweites das Land polarisiert, das wie kein zweites geeignet ist, einen völlig unnötigen weiteren gesellschaftspolitischen Großkonflikt in Deutschland auszulösen". Laut einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos von Ende 2022 sprechen sich jedoch 83 Prozent der Deutschen für eine Entkriminalisierung aus. "Damit untergräbt Merz das Vertrauen in die Repräsentativität unserer Demokratie und gefährdet ihre Stabilität", bewertete der Zentralrat der Konfessionsfreien diese politische Strategie. Es ist also genau anders herum: Die Union befeuert hier einen Konflikt, sie deeskaliert nicht. "Das ist unverantwortlich", so der Zentralrat.

Warum dieses erbitterte Festklammern am Kaiserzeitparagrafen 218? Selbst in evangelischen Kirchenkreisen werden mittlerweile progressivere Positionen vertreten. Söder ist Protestant. Will er christlicher sein als seine Kirche? Söder verhält sich wie ein Kirchenlobbyist und sollte darüber nachdenken, für die Kirche zu arbeiten und nicht als Volksvertreter eines säkularen Staates. Den Eindruck des Kirchenlobbyisten verfestigte der Chef der krawalligen Unionsschwester aus Bayern im Zuge des FAZ-Interviews: "Es sind SPD, Grüne und FDP, die Staatsleistungen kürzen und die Kirchensteuer abschaffen wollen. Da gibt es das klare Ziel, Staat und Kirche komplett zu trennen – in der Runde der Ministerpräsidenten habe nicht zuletzt ich das verhindert." – Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Ministerpräsident eines Bundeslandes kritisiert andere Parteien dafür, dass sie einen Verfassungsauftrag angehen wollen (Staatsleistungen ablösen, nicht kürzen) und rühmt sich damit, diesen zu missachten. Söder legt hier eine verstörende Haltung gegenüber der Gültigkeit des Grundgesetzes an den Tag.

Ein anderer Punkt ist, dass die Ampelparteien die Kirchensteuer gar nicht abschaffen wollen. Dies ist eine Falschaussage, die der Ministerpräsident hier wahlweise uniformiert oder schamlos ins Feld führt. Eine Nachfrage des hpd ​​​​​​bei der Bayerischen Staatskanzlei diesbezüglich blieb unbeantwortet.

"Es ist gut, dass wir in Bayern Religionsunterricht haben und ihn nicht abschaffen oder reduzieren wie andere. Wir haben dafür gesorgt, dass in öffentlichen Gebäuden Kreuze hängen. Wir haben die meisten christlichen Feiertage in Bayern. Und es ist richtig, dass wir umfangreiche Staatsleistungen für die Kirchen geben." – Man fragt sich wirklich, für wen Markus Söder eigentlich Politik macht und wem sein Amtseid gilt. Er spricht sich in der FAZ gar offen für Missionierung aus: "Wenn Sie manche Geistliche heute fragen, wie sieht das Leben nach dem Tod aus, gibt es einen Himmel oder sind Sie schon einmal einem Engel begegnet, dann erhalten Sie großartige Antworten, aber manchmal ernten Sie auch nur irritierte Blicke anstatt leuchtender Augen. Dabei sind solche Themen wichtig und ein größerer Beitrag zur Mission auch im eigenen Land." Dies ist nicht seine Aufgabe als Politiker. Er sollte durch weltanschauliche Neutralität alle Bürger vertreten, nicht nur eine immer kleiner werdende Klientel. Sein Glaube ist Privatsache und hat nichts in seiner Amtsausübung verloren.

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Kommentare (5)

Petra Pausch (nicht überprüft)

Do. 27 Feb 2025 - 12:34

Zum "sollte" in der Überschrift: Er ist es schon lange. Das und Foodblogger.

E. Steinbrecher (nicht überprüft)

Do. 27 Feb 2025 - 13:11

Der Meinung, das Söder, aber nicht zur der (!), als Ultra unter den Kirchenlobbyisten bei den Politikern angesehen werden sollte, bin nicht nur ich. Arkane Gruppierungen in den Reihen d e r Kirchen, sind nichts Neues. Nahestehende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, ungleich der Konvension, sind leider ebenso Gang und Gäbe - ein oller Hut. Stichwort: Opus Dei und andere. Der von Ihm initiierte Kreuzerlass zeugt leider von mehr als nur Nähe zum Klerus. Einzig schön daran ist, folgt man der Interpretation des Heiligen Josemaria Escrivá des angeführten "Werkes", zu den Kreuzen, das viele Behördenleiter in Bayern keinerlei Ahnung von der Aussagekraft der aufgehängten, ursprünglich indischen Symbolik haben. Ich sehe die Dinger jedesmal als Outing der mit der amtlichen Beschaffung beauftragten Behördenleiter bis hin zu dem Urheber dieser Idee samt dem damaligen, zustimmenden Kabinettsmitgliedern. Warum mir da der Satz . . . den Sie wissen nicht, was Sie tun . . . durch den Kopf geht und wo das noch so ist, erschrecken.

Roland Fakler (nicht überprüft)

Do. 27 Feb 2025 - 13:40

Bei einer Diskussion der Humanisten mit einer Pfarrerin sagte diese mal: „Wir haben den Himmel anzubieten und das ewige Leben, und was bietet ihr?“ „Nein“, sagte ich, „ihr wünscht euch den Himmel, aber ihr habt ihn nicht. Genauso wie sich die Muslime das Paradies und die 72 Jungfrauen nur wünschen, aber nicht haben. Ab einem bestimmten Alter sollte man Wunsch und Realität unterscheiden können.“

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Do. 27 Feb 2025 - 16:40

Unser Bayerischer MP hat noch immer nicht bemerkt, daß die Mehrheit der Bürger im Lande, die Lügen der Kirchen durchschaut haben und sich mehr und mehr davon abwenden, ständig belogen und bevormundet zu werden, das lässt hoffen auf eine humanistische und säkulare Bayrische Mehrheit.

FLO (nicht überprüft)

Do. 27 Feb 2025 - 17:35

Ach was waren das noch schöne Zeiten (Nicht!), als der Klerus noch die Macht hatte, von Gott persönlich eingesetzte Kaiser zu entmachten...
Aber diese Zeiten sind (zum Glück) vorbei...
Trotzdem würde ich es gerne sehen, wie ein in grobe Sackleinen gekleideter, bayerischer Möchtegern-Kaiser, auf Knien um die Engelsburg in Rom kriecht und untertänigst um Vergebung bittet, weil er es gewagt hat, die Kirche zu kritisieren, die aussnahmsweise sogar mal seine Machenschaften (AFD-Anbiederung) kritisch beäugt.

Wer Spuren von Sarkasmus findet, darf diese gerne im bayerischen Landtag oder wahlweise im Vatikan abgeben!

Gisa Bodenstein

Die Autorin studierte Kulturgeographie mit den Wahlfächern Politische Wissenschaft, English and American Studies und Physische Geographie in Erlangen. Danach war sie für die Erlanger Nachrichten und die Berliner Morgenpost tätig. Seit 2017 arbeitet sie für den hpd und hat im April 2025 den Posten der Chefredakteurin übernommen.

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