Grünen-Abgeordnete verwischt Grenze in gefährlicher Weise

Islamismusbekämpfung oder "Muslimfeindlichkeit"?

Parlamentarischer Staatssekretär Christoph de Vries
Parlamentarischer Staatssekretär Christoph de Vries zu Gast beim AK Polis und dem Mernissi-de-Gouges-Bildungs- und Sozialwerk in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee

Die Debatte um die neue Islamismus-Strategie der Bundesregierung zeigt, wie schnell inhaltliche Kritik an Islamismus als angebliche "Muslimfeindlichkeit" umgedeutet wird. Lamya Kaddors Angriff auf Experten und Reform-Muslime ersetzt inhaltliche Argumente durch pauschale Empörungsrhetorik.

Die Debatte um eine neue Strategie gegen Islamismus in Deutschland eskaliert und offenbart ein altbekanntes Problem: Die bewusste Vermischung von Kritik an politischem Extremismus mit angeblicher "Muslimfeindlichkeit". Jüngstes Beispiel: Lamya Kaddor, Bundestagsabgeordnete der Grünen, attackiert den CDU-Staatssekretär de Vries und den Arbeitskreis Politischer Islam (AK Polis) in einem Videostatement.

Auslöser war, dass die Bundesregierung ihre Strategie zur Bekämpfung des Islamismus breiter aufstellen und verstärkt auch sogenannte "legalistische" – also explizit nicht gewaltsame Formen – des religiösen Extremismus in den Blick nehmen wollte und dazu ihr Beratergremium umbaute; oder wie es de Vries gegenüber Focus online ausdrückte: "Wir stellen eine zunehmende Radikalisierung im Bereich des Islamismus fest. Wir wollen nicht nur den gewaltsamen Islamismus in den Blick nehmen, sondern vor allem auch den politischen Islam." Explizit nannte er die Muslimbruderschaft als Beispiel für eine Organisation, die die Unterordnung von Gesellschaft und Recht unter strikte islamische Normen anstrebt und die Demokratie ablehnt. Just am 24. November erklärte auch das Weiße Haus bestimmte Regionalorganisationen der Muslimbruderschaft als ausländische Terrororganisationen einstufen zu wollen.

Lamya Kaddor (2023), Foto: © Superbass, Wikipedia, CC BY-SA 4.0
Lamya Kaddor (2023), Foto: © Superbass, Wikipedia, CC BY-SA 4.0

Statt sich mit diesen Fragen jedoch inhaltlich auseinanderzusetzen, etikettierte Kaddor diese Haltung als "muslimfeindlich", wobei sie irritierenderweise auf eine Veranstaltung in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee verwies, an der de Vries teilgenommen hatte. Wörtlich sagte sie, die Bundesregierung gehe "in die Konfrontation mit den Muslimen in Deutschland". Als Beleg dient ihr unter anderem ein Beitrag des Zentralrats der Konfessionsfreien im hpd, dessen Überschrift sie in ihrem Videostatement zeigt. Dabei ignoriert sie sämtliche inhaltlichen Kritikpunkte, insbesondere das Argument, dass die Konferenz vor allem konservative und reaktionäre Verbände als Repräsentanten "des" muslimischen Lebens in Deutschland etablierte, ein Problem, das liberale und säkulare Muslime seit Jahren anprangern. Das Argument, dass diese Institution nicht nur den Austausch mit kritischen, säkularen Stimmen verhindert habe, sondern sich auch als nicht reformierbar erwiesen hätte, ignoriert Kaddor. Ebenfalls irritiert, dass sie die Teilnehmer der Veranstaltung mit "den Muslimen" kontrastiert, was die Frage aufwirft, ob sie diese nicht als Muslime ansieht?

Experten des AK Polis in Beratergremium des Innenministeriums berufen

Ähnlich geht sie bei einer Liste des neuen Beratergremiums vor, indem verschiedene Namen in ihrem Video durch einen gelben Hintergrund hervorgehoben sind - der Journalist Sascha Adamek spricht bei Focus online von einer "Feindesliste". Unter diesen Personen finden sich auch Ahmad Mansour, der als Moslem wegen islamistischer Bedrohungen unter Polizeischutz steht, ebenso wie Ali Ertan Toprak von der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Die Kurdische Gemeinde vertritt rund zwei Millionen Deutsch-Kurdinnen und -Kurden. Toprak begrüßte den neuen Beraterkreis zur Islamismusprävention in einer Pressemitteilung ausdrücklich. Gegenüber Focus online zeigte er sich entsetzt. Kaddors Aussage sei "nicht nur völlig unangemessen für einen demokratisch-politischen Diskurs, sondern auch verantwortungslos". Auch in diesem Zusammenhang spricht Kaddor davon, dass es Ziel der Bundesregierung sei "weniger in den Austausch mit muslimischen Verbänden und Organisationen oder muslimischen Einzelpersonen" zu gehen, was erneut die Frage aufwirft, ob sie den Angesprochenen abspricht Muslime zu sein?

Kaddor übernimmt eine Argumentationsfigur, die Islamisten seit Jahren erfolgreich nutzen: Kritik an Islamismus wird als Angriff auf alle Muslime umgedeutet, indem man reaktionäre und politische Ausformungen mit "dem" Islam in eins setzt. Kaddor selbst spricht im Zusammenhang mit dem AK Polis von "zwielichtigen Personen mit zwielichtigen Ansichten über den Islam”. Dabei wird ihr Tweet, in dem sie von "gemäßigte[m] muslimische[n] Leben" spricht, das "unsichtbar gemacht" werde, von dem Aktivisten der 2003 verbotenen Hizb-ut-Tahrir Suhaib Suhaib Hoffmann mit Kommentar geteilt, der gleich noch einen Schritt weiter geht. Er findet, dass von gemäßigtem muslimischem Leben zu sprechen eine "eklatante Diskursverschiebung" darstelle, wobei er von einem "Psychoterror der Assimilationsagenda" spricht. Dies ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass es eben genau die konservativen bis reaktionären Elemente sind und keineswegs "gemäßigte Muslime", die Aussagen wie die von Kaddor begeistert aufgreifen.

Zwar schreibt Kaddor in einem Pressestatement, dass es wichtig sei, "besonders jene muslimische[n] Stimmen in die politische Arbeit einzubinden, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen", Zuspruch erhält sie jedoch eher von Influencern, die sich im Umfeld der verbotenen Plattform Muslim Interaktiv bewegten, wie Hoffmann.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Bekämpfung des Islamismus keinen Angriff auf Muslime, sondern eine Verteidigung demokratischer Grundrechte darstellt, die von vielen Muslimen befürwortet wird. Wer – wie Kaddor – diese Unterscheidung verwischt, spielt denjenigen in die Hände, die Religion als politische Waffe missbrauchen. Eine säkulare Gesellschaft darf sich nicht von dieser Rhetorik einschüchtern lassen.

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Kommentare (24)

Stefan Dewald (nicht überprüft)

Mi. 26 Nov 2025 - 12:59

Und wieder wird mir bestätigt, warum es richtig ist, seit mehr als 20 Jahren nicht mehr grün zu wählen.

"seit mehr als 20 Jahren nicht mehr grün zu wählen"

Diese hier geschilderte Einstellung ist schon lange nicht mehr mehrheitsfähig bei den Grünen! Es sind Einzel-Meinungen!

Roland Fakler (nicht überprüft)

Mi. 26 Nov 2025 - 14:49

Gut so! Unser Staat müsste viel klarer unterscheiden, zwischen Muslimen, die unsere Rechtsordnung anerkennen und sich integrieren wollen und denjenigen, die darauf abzielen hier eines Tages, sei es auch mit friedlichen Mitteln, die Scharia einzuführen,
Islamisten rechnen damit, dass sìe hier irgendwann durch Zuwanderung und Kinderzeugen die Mehrheit stellen und dann islamische Regeln, im besten Fall das Kalifat, durchsetzen können.
Die Scharia ist aber keine in Deutschland gültige Rechtsordnung. Selbst wenn 95 % der Wähler für die Scharia wären, könnte sie in Deutschland nicht eingeführt werden, weil sie die Menschenrechte von Ungläubigen, Frauen, Homosexuellen…verletzt, was nicht zulässig ist. Die Scharia könnte nur mit Gewalt durchgesetzt werden, was laut unserer Verfassung, Gegengewalt rechtfertigen würde.

"die Menschenrechte von Ungläubigen, Frauen, Homosexuellen ..." — Wie lange waren Frauen eben nicht gleichberechtigt, wie lange war (männliche) Homosexualität strafbar im Deutschland des Grundgesetzes? Es mag ja sein, dass konservative Muslime recht altbackene Vorstellungen pflegen – gerade was Ehe und Familie angeht. Wir sollten aber nicht so tun, als wäre das nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Jedenfalls wurde es jahrzehntelang in den Bundesrepublik genau so praktiziert.

Gerd (nicht überprüft)

Mi. 26 Nov 2025 - 14:55

Da stellt sich bei mir schon die Frage: Ist Frau Kaddor eine verkappte Islamistin, die den "langen Marsch durch die Institutionen" angetreten hat, um die deutsche Politik zu unterwandern?

Lamya Kaddor ist Mitglied und Aushängeschild des Liberal-islamischen Bundes (https://lib-ev.de), der wird beim 'hpd' aber selten erwähnt.
Da könnte man doch glatt die Frage stellen: warum? Was sind denn die Unterschiede zwischen Ibn-Rushd-Moschee und lib-ev? Was gefällt gbs, zdk und hpd nicht an deren liberalem Islam?
Über Antwort würde ich mich freuen.

Ich kann nur für mich sprechen. Mir gefällt nicht, dass Fr. Kaddor immer und immer wieder ins Horn der Islamisten bläst. Ist im Artikel ja beschrieben und lässt sich an unzähligen Beispeilen belegen. Da ist nicht viel mit Liberalität.

Karsten Krämer (nicht überprüft)

Fr. 28 Nov 2025 - 15:45

Antwort auf von Seb (nicht überprüft)

@ Seb Sind Sie der Autor des Artikels, Sebastian Schnelle? Oder ist das "Seb" Zufall? Falls Sie der Autor sind, sollte das deutlich werden, sonst klingt das merkwürdig: "Ist im Artikel ja beschrieben ..."

@ Seb Nein, ich habe nicht "erkannt", dass Sie der Autor des Artikels sind, ich habe das nur vermutet. Für mich ein entscheidender Unterschied, Wischi-Waschi braucht keiner.

SG aus E (nicht überprüft)

Mo. 1 Dez 2025 - 01:47

Antwort auf von Seb (nicht überprüft)

"Ist im Artikel beschrieben"? Sie meinen: "Kaddor übernimmt eine Argumentationsfigur, die Islamisten seit Jahren erfolgreich nutzen: Kritik an Islamismus wird als Angriff auf alle Muslime umgedeutet, indem man reaktionäre und politische Ausformungen mit 'dem' Islam in eins setzt"?

Der Vorwurf ist falsch: Sogenannte Kritik am Islamismus wird als Angriff auf alle Muslime gesehen, weil der Islamismus-Begriff dieser sog. Islamkritiker schier grenzenlos ist. Lesen Sie doch mal den 'hpd', was da alles als islamistisch dargestellt wird. Nicht nur, dass alle Islamverbände unterschiedslos und synonym als (erz-)konservativ, reaktionär und islamistisch bezeichnet werden, auch jedes Verhalten, dass von dem, was Säkulare als normal ansehen, abweicht, wird als islamistische Bedrohung dargestellt. Islamisierung des Abendlandes durch Normverschiebung: fängt mit der schweinefleischfreien Schulkantine an, führt über skandalisierte Ramadanbeleuchtung und öffentliche Gebetsrufe bis zu den aus Zeiten des Antisemitismus bekannten Forderungen nach Beschneidungs- und Schächtverbot. Wo sehen Sie da Liberalität bei 'gbs', 'zdk', 'hpd' und Leserschaft?

Frei zugänglich ist die Pressemitteilung Lamya Kaddors: https://www.lamya-kaddor.de/pressestatements (21.11.2025, abgerufen 30.11.2025).
Wo sehen Sie da Ihre Vorwürfe belegt? Sie reagiert auf die Gefahr, die durch Islamismus droht, nicht hysterisch und scheint keine Angst vor der Sichtbarkeit muslimischen Lebens in Deutschland zu haben. Was noch? Dass sie dafür ist, den Dialog mit der Mehrheit der praktizierenden Muslime und den Trägern der meisten Moscheen im Lande fortzuführen? Der Staat redet doch auch mit dem Verband Konfessionsfreien, der im Vergleich noch weniger Prozent der Klientel vertritt als die Islamverbände. Aber klar: Dialog mit schwierigen Partnern oder Ausgrenzung unbeliebter Mitbürger – das ist eine politische Entscheidung. Ja nachdem, wie man sich das Zusammenleben in Vielfalt vorstellt. Die neue Bundesregierung steht für Ausblenden und Ausgrenzen. Insofern ist der 'hpd' in bester Gesellschaft.

Anbei die Namen der fünfzehn Mitglieder des neuen, für das Verhältnis zwischen Staat und Muslimen zuständigen Gremiums: Prof. Dr. Christine Schirrmacher (Universität Bonn und Leuven), Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (Universität Münster), Prof. Dr. Ruud Koopmans (Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Kyrill-Alexander Schwarz (Universität Würzburg), Güner Balci (Integrationsbeauftragte Berlin-Neukölln), Gülden Hennemann (Justiz Bayern), Ahmad Mansour (Psychologe und Geschäftsführer MIND), Ali Ertan Toprak (Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands), Dr. Hans-Jakob Schindler (Counter Extremism Project), Rebecca Schönenbach (Beraterin im Bereich Terrorismusbekämpfung und Extremismusfinanzierung), Florian Endres (Leiter Kompetenzzentrum Islamismusprävention und Deradikalisierung im BAMF), Aladdin Sarhan (LKA Rheinland Pfalz), Falko Liecke (Staatssekretär für Jugend und Familie Berlin), Dr. Nina Dierkes (Bundesamt für Verfassungsschutz), Lars Rückheim (Bundeskriminalamt). https://www.christophdevries.de/neuer-beraterkreis-islamismuspraevention-und-islamismusbekaempfung-im-bmi-vorgestellt/

Ich denke, die (rechts-)liberalen und (erz-)konservativen unter den Säkularen können sehr zufrieden sein.

PS: Eine Frage blieb unbeantwortet: Was gefällt gbs, zdk und hpd nicht am liberal-islamischen Bund? Wenn da nicht bald was kommt, werde ich behaupten: er ist ihnen zu liberal.

Was gbs, ... nicht gefällt kann ich Ihnen nicht beantworten, da ich nur für mich sprechen kann. Ich habe kein Problem mit der Gruppe, habe sie aber auch noch nie näher betrachtet, weil es dafür keinen Anlass gab. Insofern habe ich schlicht keine Meinung dazu. Das mag für Sie unbefriedigend sein, ist aber so.

Frau Kaddor hingegen begegnet mir als öffentliche Person, auch auf X, immer wieder und ich nehme viele ihrer Aussagen mit befremden wahr. Auch das können Sie selbstverständlich anders sehen.

Der Islamismus beginnt für mich da, wo ein undemokratisches Staatsmodell propagiert wird. Ausführlich ist meine Position hier nachzulesen, wo auch auf die Grenzen und Schwierigkeiten mit Konzepten wie der politischen Theologie eingegangen wird. Unter anderem können Sie dort nachlesen, dass ich persönlich zwar konservative Gesellschaftspolitik ablehne, anderen dieser aber explizit zugestehe:

https://espace.library.uq.edu.au/view/UQ:730034

Sebastian Schnelle - Autor des Artikels

Genau so sehe ich Frau Kaddor. Sie in Person steht für die islamistische Unterwanderung der "Grünen".
Ist Frau Kaddor nicht auch bei der Giordano-Bruno-Stiftung?

Mir scheint, 'hpd' und Leserschaft verwenden eine andere Definition von 'islamistisch' als Frau Kaddor. Sollte man mal klären. Sonst reden wir aneinander vorbei.

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 26 Nov 2025 - 15:31

Frau Kaddor ist Muslima.
Wie alle Gläubigen ist sie darauf programmiert, ihre Religion zu schützen und zu verbreiten.
Den Islam kritisch zu hinterfragen ist ihr Ding nicht.
Das ist bei Frau Merkel oder Frau Göring-Eckardt hinsichtlich deren Christentum genau so.

H. Lambert (nicht überprüft)

Do. 27 Nov 2025 - 13:38

Antwort auf von A.S. (nicht überprüft)

Den Fanatismus des Islam mit christlichem Glauben gleichzusetzen offenbart eine erschreckend voreingenommene, die Realitäten ignorierende Sichtweise. Wo gibt es religiöse Freiheit im Islam? Wo Geistesfreiheit überhaupt? Wieviele Christen haben Muslime umgebracht...?

Liebe:r H. Lambert, es gibt auch fanatische Christen.
Beim "opus dei" zum Beispiel.
Oder bei den Evangelikalen.
Oder bei den "Lebensschützern", die Abtreibungsärzte attackieren.

Die meisten fanatischen Christen sind legalistisch unterwegs.

Ich meine, Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht: Ihre Beispiele sind natürlich unerfreulich, aber doch nicht mit der terroristischen Intoleranz des Islam vergleichbar!

Sehr geehrte:r H. Lambert,
die "terroristische Intoleranz" auf christlich hatten wir bei der Inquisition.
Aber zugegeben: Die Inquisition hat mit einer Art Gerichtsprozeß gearbeitet, der formalisiert war und protokolliert wurde. Die Angeklagten hatte eine geringe Chance sich zu verteidigen und sie konnten widerrufen, um ihren Hals zu retten.
Der Islam arbeitet gegen Abweichler mit Fatwas, das sind öffentliche Aufrufe zum Lynchmord. Siehe Salman Rushdie.

Hallo A.S. Außerdem muss man doch die historische Situation berücksichtigen. Vor der Aufklärung und ihrer Errungenschaften verteidigte die Inquisition den Glauben und das politische System (stratifizierte Gesellschaft), natürlich heute unvertretbar, aber doch auch aus Angst vor gesellschaftlichem Verfall und Anarchie. Heute kämpft der Islam im Westen gegen eine aufgeklärte Gesellschaft mit einem demokratisch-liberalen System für die Wiederhestellung des in blutigen Kämpfen überwundenen diktatorischen Systems.
Noch ein Hinweis: Nach H.A. Winkler, Geschichte des Westens u.a.m. entstand die Freiheit im Westen durch die Machtansprüche der Kath. Kirche, die die der weltlichen Herrscher, in Frage stellten und begrenzten. Das geschah nach Winkler nirgendwo sonst auf der Welt. Das bedeutet nicht, dass ich die Ansprüche der Religionen befürworte, aber doch, dass ich stärker differenziere.

Hallo H. Lambert,
ich sehe die historische Situation etwas anders.

Die römischen Kaiser hatten ein Autoritätsproblem mit ihrer angeblichen Göttlichkeit bei gleichzeitiger religiöser Vielfalt im Reich. Das politische Modell vom "Gottkaiser" hatte die Römer aus Ägypten übernommen, ohne die Voraussetzungen verstanden zu haben: Einheitliche Religion im Reich, zugeschnitten auf den Herrscher, und Abschottung der Herrscherfamilie vor der Öffentlichkeit. Die römischen Kaiser hatten i.d.R. einen öffentlichen Werdegang im Heer und haben sich militärisch qualifizieren müssen.

Theodosius, nicht Konstantin, setzte das Christentum als Einheitsreligion im römischen Reich durch. Das Konzept des "menschlichen, aber von Gott gewollten Kaisers" war mit der griechisch-römischen Kultur besser verträglich als das orientalische Konzept vom Kaiser istgleich Gott.

Was Theodosius, selber Christ, nicht gesehen hat ist die Abhängigkeit, in die die Kaiser von der Kirche dadurch geraten sind. Die Kirche musste den Kaiser als "von Gott gewollt" deklarieren. Tat sie es nicht, hatte ein neuer Kaiser ein Problem. Diese Abhängigkeit gipfelte im Investiturstreit und im Gang nach Canossa. So hat sich der Papst Schritt um Schritt über den Kaiser gestellt.
Bitte beachten Sie die Hackordnung:
Der Papst hat nie, bis heute, dem Kaiser gehorcht. Der Papst/die Kirche hat vom Kaiser verlangt, dass er der Kirche gehorcht. Noch heute erklärt die katholische Kirche jede weltliche Herrschaft für illegitim, die sich ihr nicht unterordnet.
Durch wiedererlangtes Wissen in der Renaissance und Luthers Reformation konnten einige der Fürsten sich aus der Papst-Herrschaft herauswinden. Der Papst verlangte vom Kaiser, die Reformierten wieder auf die katholische Linie zurückzuzwingen. Das war der Auftakt zum 30-jährigen Krieg. Im Prager Blutgerich wurden den böhmischen Füren die zuvor erkämpften Rechte wieder weggenommen. Die katholische Liga versuchte, die protestantischen Fürsten nieder zu ringen, im Auftrag des Papstes.

Anders als H.A. Winkler sehe ich den europäischen Weg zur "Freiheit" im Befreiungkampf der Fürsten gegen die Oberherrschaft des Papstes. Natürlich haben die Fürsten für ihre eigene Freiheit gekämpft, nicht für die Freiheit des Volkes. Das blieb auch unter der protestanischen Kirche geknechtet und wurde ausgebeutet.
In der Kombination aus Luthers Übersetzung der Bibel, dem Buchdruck und der höheren Bildung der Protestanten (Alphabetisierung, um die Bibel lesen zu können) verlor die katholische Kirche einen erheblichen Anteil an ihrer Autorität.

"Freiheit" wurde meiner Meinung nach zuerst von den Fürsten gegen den Papst, dann von Fürsten gegen den Kaiser (die lutheranischen Fürsten betrieben im 30-jährigen Krieg eine Loyalitätspolitik gegen den Kaiser, die aber nicht honoriert wurde) und schließlich in der französischen Revolution von der Bourgoisie gegen die Fürsten erkämpft. Der Kampf der kleinen Leute gegen die Fabrikanten-Bourgoisie wurde durch die Sozialdemokratisierung ausgefochten, der Kampf gegen die neue Internet-Bourgoisie läuft gerade.

Für die Seelenfänger der Kirche sind die Menschen nur Beute. Das Wohl der Menschen hat die Kirche nie wirklich interessiert. Der Kirche ging es immer um Macht und Geld. Das ist bei den anderen großen Religionen und vielen kleinen Sekten genauso. Die "guten Taten", derer sich die Kirche rühmt, sind nur Fassade, um die Öffentlichkeit über ihre wahren Absichten zu täuschen. Die "guten Taten" sind Camouflage.

Meine Lebenserfahrung:
Die größten Halunken machen die frömmsten Gesichter. Darin sind alle religiösen Ver-Führer gleich. 100% irdisch.

H. Lambert (nicht überprüft)

Fr. 28 Nov 2025 - 17:37

Antwort auf von A.S. (nicht überprüft)

Bitte nicht so lange Ausführungen. Sie berücksichtigen nicht die evolutionäre Bedeutung von Religion und, dass es ungeachtet Ihrer historischen Gegenargumente der Westen war, in dem sich die Aufklärung, auch gegen die Kirchen durchsetzen konnte.
Um wieder auf Ihre Gleichsetzung von Christentum und Islam zurückzukommen, sollten Sie einfach die Ihnen bekannten Werte ihrer Protagonisten Jesus und Mohamed vergleichen.

SG aus E (nicht überprüft)

Mo. 1 Dez 2025 - 02:09

Antwort auf von H. Lambert (nicht überprüft)

Die Werte des Propheten werden in Deutschland von Christen bzw. Konfessionslosen einerseits und Muslimen andererseits sehr unterschiedlich gesehen. Die Diskutanten sollten klären, ob sie vom Islam oder von ihrer Vorstellung über den Islam sprechen.

Dengel (nicht überprüft)

Mi. 26 Nov 2025 - 17:32

Lamya Kaddor kann nicht länger verhehlen, was ihre wirkliche Agenda ist, wenn sie die typischen Floskeln verwendet, "die Islamisten seit Jahren erfolgreich nutzen: Kritik an Islamismus wird als Angriff auf alle Muslime umgedeutet, indem man reaktionäre und politische Ausformungen mit "dem" Islam in eins setzt. Kaddor selbst spricht im Zusammenhang mit dem AK Polis von "zwielichtigen Personen mit zwielichtigen Ansichten über den Islam”.."
Diese so diffamierten Personen sind ihr großenteils persönlich bekannt und sie weiß ganz genau, wie diese seit Jahrzehnten gegen den politischen reaktionären Islamismus kämpfen und welchen Gefahren sie sich dadurch aussetzen - über die Diffamierungen einer Lamya Kaddor hinaus, die diese Gefahren dadurch geradezu heraufbeschwört. Hamed Abdel-Samad ist nur ein trauriges Beispiel für die existenzbedrohenden Folgen solcher Diffamierungen.

Sebastian Schnelle

Der Autor ist promovierter Philosoph und betreibt den Podcast "vorpolitisch", in dem er sich mit gesellschaftspolitischen Fragen der Gegenwart beschäftigt und mit Gästen v.a. aus Wissenschaft und Forschung spricht. Er hat zum Islamismus geforscht und publiziert und arbeitet aktuell an einem Buch über die Neue Rechte in Deutschland und ihre Ideengeschichte.

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