20 Jahre hpd
Benedikt XVI. im Bundestag und 15.000 Menschen protestierten
In diesem Jahr feiert der Humanistische Pressedienst (hpd) sein 20-jähriges Jubiläum. Die Redaktion möchte diese Zeit Revue passieren lassen und jeden Monat auf einen Artikel oder ein Thema hinweisen, der beziehungsweise das die Gesellschaft mitverändert hat. Im September 2011 begleitete der hpd die bis dahin wohl größte Demonstration säkularer und humanistischer Menschen.
Foto: © Giordano-Bruno-Stiftung, Bearbeitung: hpd
Am 22. September 2011 hielt Papst Benedikt XVI. auf Einladung des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert eine Rede im Deutschen Bundestag. Mehrere Dutzend Abgeordnete – vor allem aus den Fraktionen der Linken und der Grünen – nahmen an der Bundestagssitzung aus Protest nicht teil. Sie kritisierten zu Recht, dass sein Auftritt unvereinbar sei mit der religiösen Neutralität des Staates.
Manche Abgeordnete, die der Rede des Papstes fernblieben, sah man hingegen bei der Gegendemonstration, die sich am Brandenburger Tor formierte. Und auch den früheren Staatsminister im Kanzleramt, Rolf Schwanitz (SPD), der auch Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung ist. Er sagte, er finde es wichtig, „dass man sich nicht wegduckt und ein Zeichen setzt“. Die Bundesgeschäftsführerin der Linken, Caren Lay, nannte es „unpassend, dass in einem säkularen Staat ein religiöses Oberhaupt vor dem Parlament spricht“.
Dort, am Brandenburger Tor, standen auch die ehemaligen Heimkinder mit der „Prügelnonne” und erinnerten an das Unrecht, das ihnen angetan worden war. Begleitet wurden sie von Redaktionsmitgliedern des hpd. Die Großdemo mit rund 15.000 Menschen auf dem Potsdamer Platz und der Leipziger Straße begann mit Verspätung, während der Papst im Berliner Olympiastadion eine weitere Rede hielt.
Arik Platzek berichtete damals für den hpd über die Demonstration und fasste die Redebeiträge zusammen. So kritisierte Irmingard Schewe-Gerigk von Terre de Femmes den Papst wegen seiner Frauen- und Geschlechterpolitik. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann sprach zur Kriminalgeschichte des Christentums und zitierte dazu Bibeltexte und kirchliche Dekrete, auf deren Grundlage bis in die heutige Zeit von der Normvorstellung abweichende sexuelle Identitäten und Verhaltensweisen durch die Kirche diskriminiert und herabgewürdigt werden. Frieder Otto Wolf, damals Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands (HVD) und Vorsitzender des Koordinierungsrates säkularer Organisationen (KORSO) (jetzt Zentralrat der Konfessionsfreien), verwies auf den „großen Nachholbedarf in der Trennung von Staat und Kirche” in Deutschland. Bodo Mende aus dem Landesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) Berlin-Brandenburg bezeichnete den Papst als einen der Hauptverantwortlichen für die Unterdrückung von Lesben, Schwulen und Transgender auf der Welt. Und Carsten Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe, erinnerte an die Wirkungen der kirchlichen Verdammung und Verleumdung von Kondomen. Den fulminanten Abschluss der Großdemo bildete die Rede von Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs). Unter tosendem Beifall stellte Schmidt-Salomon klar: „Der Papst gehört nicht in den Deutschen Bundestag, sondern vor ein internationales Gericht.”
Es war die größte kirchenkritische Demonstration, die in Deutschland je stattgefunden hat. Doch auch bei den beiden anderen Stationen des Papstbesuches in Erfurt und Freiburg regte sich massiver Widerstand. Allerdings wurden in den deutschen Leitmedien die lautstarken Proteste, wenn überhaupt, nur am Rande erwähnt. Anders als im Humanistischen Pressedienst. Dieser begleitete die Deutschlandreise des Papstes mit einer ganzen Serie von Artikeln:
10.06.2011: Der Papst kommt!
05.08.2011: Papstbesuch für mehr als 50 Millionen
12.08.2011: Papstbesuch für mehr als 50 Millionen, Teil 2
02.09.2011: Der Papst kommt – Wir sind schon da
08.09.2011: Papstbesuch für mehr als 50 Millionen, Teil 3
21.09.2011: „Papst” und „Hitler” in Berlin, dazu gibt es auch ein Video
26.09.2011: Auch in Erfurt gab es Proteste
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