20 Jahre Humanistischer Pressedienst

Als die "Prügelnonne" die Kirchen herausforderte

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In diesem Jahr feiert der Humanistische Pressedienst (hpd) sein 20-jähriges Jubiläum. Die Redaktion möchte diese Zeit Revue passieren lassen und jeden Monat auf einen Artikel hinweisen, der die Gesellschaft mitverändert hat. Den traurigen Anfang macht dabei die "Prügelnonne", die sichtbares Symbol der bis heute nicht abschließend geklärten Missbrauchsskandale ist.

20 Jahre hpd

Im Jahr 2010 wurden Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Der hpd berichtete damals und veröffentlichte eine Dokumentation der Initiative Kirche von unten (IKvu) aus dem Jahr 2003. Schon damals waren – zu diesem Zeitpunkt noch ungehört – Missbrauchsvorwürfe erhoben worden. Doch erst die Berichterstattung über die – vom Canisius-Kolleg selbst öffentlich gemachten – Missbrauchsfälle löste eine Lawine aus, die bis heute nicht verebbt ist.

Der Humanistische Pressedienst war in diesen frühen Tagen und Jahren der Aufklärung des Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen eines der wenigen Medien, die neben kurzlebigen Schlagzeilen immer und immer wieder über diesen Skandal berichtete, Kontakt zu Betroffenen aufnahm und diese unterstützte. Insbesondere Evelin Frerk, damals Mitglied der hpd-Redaktion, machte sich mit ihrem Engagement für die "Heimkinder" stark. Daraus entstand unter anderem auch die Artikelserie "Deutschland, deine Kinder".

Zum Symbol für diese Aufklärungsbewegung wurde die "Prügelnonne". "Deutschlands bekanntester Karnevalswagenbauer, Jacques Tilly, steuert zur Demo der ehemaligen Heimkinder am 15. April [2010] in Berlin eine mobile Skulptur bei, die für Gesprächsstoff sorgen dürfte: eine drei Meter hohe 'Prügelnonne', die in einer Hand ein Kruzifix, in der anderen einen Rohrstock schwingt", heißt es in einem hpd-Artikel vom 30. März 2010.

Damals berichteten auch überregionale Medien über diese Demonstration der Heimkinder. Das Foto der "Prügelnonne" vor dem Brandenburger Tor in Berlin ging um die Welt. Selbst in der Tagesschau war dieses Bild zu sehen.

"Die Grundidee für die Figur stammt von den Heimkindern selbst", berichtete Tilly seinerzeit. "Offensichtlich haben die Nonnen in den Heimen nicht weniger schlimm gewütet als die Priester und Patres, auch wenn dies bislang in den Medien kaum thematisiert wurde." Daher stieß Tillys Entwurf der "Prügelnonne" bei den ehemaligen Heimkindern auf begeisterte Zustimmung. Gemeinsam mit seiner Kreativpartnerin, der Düsseldorfer Bildhauerin Doris George, baute er die Skulptur in "liebevoller Handarbeit". Die Arbeit an der "Prügelnonne" war für sie Ehrensache. "Für uns ist es selbstverständlich, dass wir den Protest der ehemaligen Heimkinder unterstützen!", sagte Tilly. "Es ist einfach unerträglich, was man ihnen über so viele Jahre hinweg angetan hat! Wir hoffen, dass unsere Prügelnonne dazu beitragen kann, noch größere Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken. Denn nur unter starkem öffentlichen Druck werden sich die Vertreter von Staat und Kirchen den berechtigten Forderungen der ehemaligen Heimkinder stellen." – Ein Satz, der sich bewahrheiten sollte.

Später im gleichen Jahr sah man die Figur der "Prügelnonne 'Schwester Candida'" auch beim Ökumenischen Kirchentag in München. Sie musste auch danach noch viele Veranstaltungen besuchen. Etwa die große Gegendemo zum Papstbesuch in Berlin am 22. September 2011. Dies war die vermutlich bis heute größte kirchenkritische Demonstration, die in Deutschland je stattfand: "Rund 15.000 Menschen gingen in Berlin auf die Straße, um gegen reaktionäre Dogmen, diskriminierende Sexualpolitik und verfassungswidrige Privilegien der katholischen Kirche zu protestieren", fasste es die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) zusammen. Die "Prügelnonne" stand bereits lange vor Beginn der Demonstration am Brandenburger Tor. Zur Großdemo wurde sie – begleitet von ehemaligen Heimkindern – zum Potsdamer Platz getragen.

Im vergangenen Jahr war der 15. Jahrestag des Bekanntwerdens der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Und bis zum heutigen Tage warten Missbrauchsopfer weiter auf eine angemessene Entschädigung.

Die "Prügelnonne" wird darauf nicht mehr hinweisen können, die Figur war durch ihre vielen Einsätze so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie irgendwann entsorgt werden musste. Doch Bilder von ihr mahnen weiter.

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