"Lucian Freud und das Tier" in Siegen

Hundeträume

Zebra auf blauem Tisch (1943-44)
Zebra auf blauem Tisch (1943-44)
Huhn auf Bambustisch (1944)
Huhn auf Bambustisch (1944)
Mädchen mit weißem Hund (1950-51)
Mädchen mit weißem Hund (1950-51)
Fohlen (1970)
Fohlen (1970)
Guy und Speck (1980-81)
Guy und Speck (1980-81)
Dreifachportrait (1987-88)
Dreifachportrait (1987-88)
Lucian Freud mit dem betagten Schimmelwallach Grey Gelding - Portraitfoto David Dawson (2003)
Lucian Freud mit dem betagten Schimmelwallach Grey Gelding - Portraitfoto David Dawson (2003)
Portrait eines Hundes (2011)
Portrait eines Hundes (2011)

BERLIN. (hpd) "Mich interessiert der Mensch als Tier ungemein. Dass ich gern nach Aktmodellen arbeite, rührt zum Teil daher", sagte Lucian Freud einmal, Porträtist keiner geringeren als der Königin Elisabeth II, dessen Werke in der Tate Modern in London hängen. Aber auch von Tieren fertigte er regelrechte Porträts an. Das zeigt eine Ausstellung, "Lucian Freud und das Tier", im Museum für Gegenwartskunst in Siegen.

"Dreifachporträt" nennt er sein Werk, auf dem seine Enkelin mit zwei Windspielen abgebildet ist, "Doppelporträt", darauf sein Assistent mit seinem Hund. Aneinander geschmiegt, schläfrig, wie geistesabwesend oder träumend Mensch und Tier. Beide vor allem lebendiges Fleisch. Die Augen hinter dunklen Haaren verborgen das Mädchen. Die Porträtierten sind ganz bei sich. Und doch unterstreichen die Umrisslinien des Tieres die Bewegungen der Menschenglieder, aber auch umgekehrt. Hände ruhen wie Pfoten auf den Tierrücken. Die ganze Last der Erdenschwere scheint die Leiber auf die Matratzen zu drücken.

Als Akt bezeichnet Freud, ein Enkel Sigmund Freuds, der 1922 geboren mit seinen Eltern mit zehn Jahren vor den Nazis nach England floh, das Ölbild seiner Scheckstute mit geschwungener Rückenlinie, deren seidiges Fell man beinahe vibrieren zu sehen glaubt. Ihr Kopf, auch ihre Hufe sind außerhalb des Bildrandes zu denken. Es ist dies eines seiner letzten Werke, der schon über Achtzigjährige ritt das Pferd noch einige Jahre vor seinem Tod 2011. Als Porträt malte er das ein Jahr später entstandene Bild eines frontal, perspektivisch fast barock überzeichnet gefassten, bejahrten Schimmelkopfes mit tiefschwarzen Augen unter schlohweißen Wimpern, dessen empfindsame Nüstern fast den Malerpinsel abzutasten scheinen.

An den von Freud gemalten Menschen offenbart sich ein unverblümter Umgang mit der Sexualität, wie er früher undenkbar gewesen wäre. Der andere Freud, sein Großvater hatte hier die Wende eingeleitet, die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts taten ihr übriges. Der Enkel beweist eine Gelassenheit, die es ihm erlaubt, aus den Aktstudien, deren Zentrum oft das Organ ist, das uns über Jahrmillionen der Evolution direkt mit dem Entstehen des Lebens verbindet, sachliche Untersuchungen über die Farben dem Altern ausgesetzter Körper zu machen. Freuds Tiere zeigen dahingegen ein Eigensein, wie man es bis vor kurzem wohl auch nie so wahrgenommen hätte.

Lucian Freuds Antriebskraft für das Malen war eine unersättliche Neugier. Er selbst sagte über sich, er male wie ein Biologe. Diesem Erkundungsdrang entging nicht einmal eine tote Fledermaus zwischen Kleeblättern. Das Schnäuzchen geöffnet, die papierenen Flügel wie zu einem letzten Versuch, den flauschigen Leib zu schützen, erstarrt. Ehe die Fäulnis einsetzt, und doch von der Erde kaum zu unterscheiden. - Jeder Tod ist gleich wichtig.

Über 30 Bilder, Grafiken und Zeichnungen vereint die Schau in Siegen. Von den ersten Pferdezeichnungen des Teenagers über Studien nach toten Tieren, die der junge Maler von einer Zoohandlung bezog, bis zu den Radierungen seiner schlafenden Windspiele, die noch im Traum zu laufen scheinen. Freud war so bescheiden, nur Oberflächen der Leiber, Haut und Fell, malen zu wollen – er tat es mit einer Perfektion, die dem großen Velázquez ebenbürtig ist, und rührt dabei an des Innerste des Lebens.

 


"Lucian Freud und das Tier", Museum für Gegenwartskunst Siegen, Unteres Schloss 1, 57072 Siegen bis 7.6. 2015, Katalog Snoeck Verlag 29,80 Euro

 

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Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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