Wie wir uns Reichtum leihen – und Armut vererben

Schulden – Das süße Gift der Politik

„Misstraue allen Theorien, die deinen Neigungen entsprechen.“ Dieser Satz von David Hume ist mehr als ein kluger Hinweis. Er ist eine Warnung. Eine Warnung davor, gerade den Argumenten zu glauben, die sich gut anfühlen. Und kaum ein politisches Instrument fühlt sich so gut an wie Staatsschulden. Denn Schulden versprechen das scheinbar Unmögliche: heute geben, ohne heute zu nehmen. Sie erlauben Politik, Wünsche zu erfüllen, ohne sofort die Rechnung präsentieren zu müssen. Genau darin liegt ihre Verführungskraft – und genau darin liegt ihr Problem.

500-Euro-Scheine

Die Geschichte ist voller skeptischer Stimmen. Hume formulierte 1752 in seinem Essay „Of Public Credit“, entweder müsse die Nation die Staatsschulden vernichten oder die Staatsschulden würden die Nation vernichten. Adam Smith sah in der wachsenden Staatsverschuldung eine Last, die „alle großen Staaten Europas“ bedrücke und sie langfristig wahrscheinlich ruinieren werde. Thomas Jefferson schrieb 1789 an James Madison, keine Generation dürfe größere Schulden aufnehmen, als sie während ihrer eigenen Existenz zurückzahlen könne. Auch David Ricardo galt als scharfer Kritiker der Staatsverschuldung; ihm wird die Formulierung zugeschrieben, sie sei eine der schlimmsten Geißeln, die je zur Plage der Nationen erfunden worden seien. Diese Stimmen sind alt. Und doch wirken sie, als wären sie erst kürzlich aufgeschrieben worden.

Die stille Umverteilung

Staatsschulden erscheinen oft neutral. Technisch, abstrakt, fast schon harmlos. Doch bei genauerem Hinsehen entfalten sie eine klare soziale Wirkung. Sie sind – entgegen ihrem Anschein – kein neutrales Instrument, sondern wirken wie ein Umverteilungsmechanismus. Und zwar tendenziell von unten nach oben. Der Mechanismus ist einfach: Schulden erzeugen Zinszahlungen. Diese Zinsen fließen an diejenigen, die Kapital besitzen. Gleichzeitig muss der Staat diese Zinsen finanzieren – entweder über Steuern oder über Einsparungen. Und Einsparungen treffen häufig jene, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. So entsteht ein doppelter Effekt: Kapital wird verzinst – und staatliche Leistungen werden relativ geschwächt.

Hinzu kommt ein politischer Aspekt: Wer Gläubiger ist, hat Einfluss. Nicht unbedingt direkt, aber strukturell. Denn hohe Verschuldung bindet politische Handlungsspielräume. Entscheidungen müssen zunehmend auch unter dem Blickwinkel der Kapitalmärkte getroffen werden.

Ein besonders sensibler Punkt: die Belastung zukünftiger Generationen. Schulden verschieben Lasten in die Zukunft – zu Menschen, die an der ursprünglichen Entscheidung nicht beteiligt waren. Das übliche Gegenargument ist, dass zukünftige Generationen auch Infrastruktur, Wachstum etc. erben. Sind wir, die heutige Generation, über die Erbschaft glücklich, die wir bekommen haben? Sicher sind wir froh, dass wir über die bestehenden Brücken fahren können. Aber drücken uns nicht heute schon die Schulden und klagen wir nicht zurecht über mangelndes Wachstum? So überzeugend scheint das Rezept bislang jedenfalls nicht funktioniert zu haben. 

Die asymmetrische Logik von Einnahmen und Ausgaben

Ein oft übersehener Punkt in der Debatte über Staatsverschuldung liegt in der unterschiedlichen Struktur von Einnahmen und Ausgaben des Staates. Staatliche Einnahmen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie setzen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit voraus. Und diese ist ungleich verteilt. Wer mehr verdient, wer Vermögen besitzt, wer wirtschaftlich erfolgreich ist, trägt – zwangsläufig – einen größeren Teil zur Finanzierung des Staates bei. Anders ist ein funktionierendes Steuersystem kaum denkbar.

Auf der Ausgabenseite zeigt sich ein anderes Bild. Staatliche Leistungen sind in weiten Teilen auf das Allgemeine gerichtet: Infrastruktur, Bildung, Sicherheit, soziale Sicherungssysteme. Sie kommen grundsätzlich allen zugute – aber sie haben eine unterschiedliche Bedeutung für unterschiedliche Gruppen. Wer weniger hat, ist stärker auf diese Leistungen angewiesen. Für ihn sind sie nicht Ergänzung, sondern Voraussetzung für Teilhabe.

Damit entsteht eine strukturelle Asymmetrie: Die Einnahmenbasis liegt stärker bei den Leistungsfähigeren, die Wirkungsseite der Ausgaben entfaltet ihre größte Bedeutung bei den weniger Leistungsfähigen. Solange diese beiden Seiten offen miteinander verhandelt werden, ist das kein Problem. Es ist der Kern politischer Aushandlung in einer Demokratie: Wer trägt was, und wer bekommt was – und warum. Problematisch wird es dort, wo diese Aushandlung umgangen wird. Staatsverschuldung eröffnet genau diese Möglichkeit. Sie erlaubt es, die Einnahmenseite zu entlasten, ohne die Ausgabenseite unmittelbar anzutasten. Politisch bedeutet das: Belastungen können vermieden werden, ohne auf Leistungen zu verzichten. Doch dieser Zustand ist nicht stabil. Mit wachsender Verschuldung steigt der Druck. Zinszahlungen nehmen zu, finanzielle Spielräume schrumpfen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem Anpassungen unvermeidlich werden. Und diese Anpassungen erfolgen typischerweise nicht auf der Einnahmenseite – dort, wo sie politisch besonders konfliktträchtig wären –, sondern auf der Ausgabenseite. Das hat eine klare Konsequenz: Zunächst werden diejenigen geschont, bei denen die Einnahmen generiert werden. Später werden diejenigen belastet, die stärker von den Ausgaben abhängig sind. Damit wirkt Staatsverschuldung nicht nur als zeitliche Verschiebung von Lasten, sondern als Mechanismus, der bestehende Verteilungsstrukturen verstärken kann. Nicht zwangsläufig, nicht in jedem Einzelfall – aber als strukturelle Tendenz. Und genau darin liegt ihre politische Brisanz. Staatsverschuldung wird damit nicht nur zu einem Instrument der Gegenwartsfinanzierung, sondern zu einem Mechanismus, der politische Konflikte verschiebt – und ihre Lasten ungleich verteilt.

Die politische Versuchung

Wenn Schulden ein rein ökonomisches Problem wären, ließen sie sich technisch lösen. Doch sie sind vor allem ein politisches Problem. Denn Schulden sind bequem. Sie erlauben es, Konflikte zu vermeiden. Statt offen zu diskutieren, wer heute belastet werden soll, wird die Belastung in die Zukunft verschoben. Statt Prioritäten zu setzen, können mehrere Interessen gleichzeitig bedient werden. Das macht Schulden politisch attraktiv – und gefährlich. Denn die Alternative wäre oft unpopulär: Steuern erhöhen oder Ausgaben kürzen. Beides erzeugt Widerstand. Schulden hingegen erzeugen zunächst Zustimmung. So entsteht ein systematischer Anreiz zur Verschuldung. Nicht aus bösem Willen, sondern aus politischer Logik.

Gleichzeitig schränken Schulden die Zukunft ein. Ein wachsender Teil der staatlichen Einnahmen fließt in Zins- und Schuldendienst. Mittel, die nicht mehr für Gestaltung, Investitionen oder Krisenbewältigung zur Verfügung stehen. Die politische Freiheit der Zukunft wird damit durch die Bequemlichkeit der Gegenwart erkauft.

Der „Hoffnungs-Bias”

Ein zentraler, oft unterschätzter Mechanismus ist das, was man als „Hoffnungs-Bias” bezeichnen könnte. Die Logik dahinter ist simpel: Heute ist Krise – deshalb machen wir Schulden. Morgen wird es besser – dann zahlen wir zurück. Das Problem: Das Morgen bleibt selten krisenfrei. Die Geschichte zeigt eine Abfolge von Krisen: Finanzkrisen, geopolitische Konflikte, Pandemien. Jede einzelne rechtfertigt neue Schulden. Gleichzeitig verschiebt sich die Rückzahlung immer weiter nach hinten. So entsteht ein permanenter Ausnahmezustand. Der „Hoffnungs-Bias” wirkt dabei wie ein psychologischer Verstärker. Er erlaubt es, die eigene Verschuldungspolitik als temporär zu interpretieren – auch wenn sie faktisch dauerhaft wird.

Der „Zurechnungs-Bias” – das „Umparken im Kopf“

Ein zweiter Mechanismus, den man als “Zurechnungs-Bias” bezeichnen könnte, ist das „heimliche Umparken im Kopf“. Gemeint ist damit keine bloße Fehlwahrnehmung, sondern eine Verschiebung innerhalb der staatlichen Haushaltslogik. Neue Schulden werden häufig mit dem Argument gerechtfertigt, sie dienten Investitionen – also Ausgaben, die zukünftigen Nutzen stiften. Infrastruktur, Bildung, Transformation. Begriffe, die politisch schwer angreifbar sind. Doch genau hier beginnt das Umparken. Denn die Aufnahme neuer Schulden schafft Spielräume im Haushalt. Und diese Spielräume ermöglichen es, andere Mittel umzuwidmen. Was ursprünglich für Investitionen vorgesehen war, kann nun für laufende Ausgaben verwendet werden. Konsum wird möglich, ohne ihn als solchen deklarieren zu müssen. Formal bleibt die Begründung bestehen: Die Schulden finanzieren Investitionen. Faktisch verschiebt sich jedoch die Gesamtstruktur des Haushalts. Das Ergebnis ist ein subtiler Selbstbetrug: Man glaubt, verantwortungsvoll zu handeln, weil die neuen Schulden einem sinnvollen Zweck zugeordnet sind. Gleichzeitig verändert sich im Hintergrund die Verwendung bestehender Mittel. So entsteht eine Doppelillusion: Die Investition scheint finanziert – und der Konsum erscheint unverändert. In Wahrheit wurde beides miteinander vermischt. Dieses „Umparken im Kopf“ ist kein bewusster Betrug. Es ist ein struktureller Effekt politischer Haushaltsführung unter Anreizbedingungen. Gerade deshalb ist er so wirksam – und so schwer zu korrigieren. Staatsverschuldung ermöglicht damit nicht nur zusätzliche Ausgaben, sondern auch eine Verschleierung ihrer tatsächlichen Verwendung.

Das Missverständnis der Austerität

Ein häufiges Argument lautet: Wer gegen Schulden ist, fordert Austerität. Doch diese Gleichsetzung greift zu kurz. Austerität bedeutet eine restriktive Fiskalpolitik, oft verbunden mit Kürzungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Die Kritik an Schulden richtet sich jedoch nicht zwingend gegen staatliche Ausgaben – sondern gegen ihre Finanzierung. Es geht nicht um weniger Staat, sondern um eine andere Art der Finanzierung: offen, transparent und gegenwartsbezogen. Die Unterscheidung ist entscheidend. Denn sie verschiebt die Debatte von der Frage „Wie viel Staat?“ hin zu „Wie wird dieser Staat finanziert?“

Der schwierige Vergleich

Oft wird argumentiert, dass man Staatsschulden nicht mit privaten Schulden vergleichen könne. Und das ist richtig. Ein Staat ist kein Privathaushalt. Er hat andere Möglichkeiten, andere Zeiträume und andere Instrumente. Er kann Steuern erheben, Währungen beeinflussen, langfristiger planen und in Krisen bewusst Defizite eingehen, um wirtschaftliche Einbrüche abzufedern. Genau deshalb greift die berühmte Vorstellung der „schwäbischen Hausfrau“ als vollständiges Modell staatlicher Finanzpolitik zu kurz.

Ein Staat, der sich in jeder Krise exakt wie ein Privathaushalt verhalten würde, könnte wirtschaftliche Abstürze sogar noch verschärfen. Antizyklisches Handeln kann sinnvoll und notwendig sein.

Doch aus dieser richtigen Feststellung wird häufig ein falscher Schluss gezogen: dass die grundlegenden Mechanismen von Verschuldung deshalb nicht mehr gelten würden. Denn auch Staaten können ökonomische Realitäten nicht beliebig außer Kraft setzen. Auch staatliche Schulden erzeugen Zinsen. Auch sie binden zukünftige Einnahmen. Auch sie verschieben Lasten in die Zukunft. Und auch Staaten geraten irgendwann in Zielkonflikte zwischen Konsum, Investitionen, Sozialstaat und Schuldendienst. Der Unterschied liegt also weniger darin, ob Schulden Folgen haben, sondern darin, wie lange und auf welche Weise diese Folgen überdeckt oder verteilt werden können. Die „schwäbische Hausfrau“ ist deshalb als vollständiges volkswirtschaftliches Modell tatsächlich naiv. Die Vorstellung, Staaten könnten dauerhaft ohne fiskalische Begrenzungen leben, allerdings ebenso. Der Fehler liegt nicht darin, Staaten nicht mit Privathaushalten gleichzusetzen. Der Fehler beginnt dort, wo aus diesem Unterschied eine ökonomische Narrenfreiheit abgeleitet wird.

Das Närrische zeigt sich politisch in zwei unterschiedlichen Formen. Die einen rufen reflexhaft nach immer neuen Schulden. Für nahezu jedes Problem scheint zusätzliche Verschuldung die bequemste und politisch konfliktärmste Lösung zu sein. Die anderen wiederum hintertreiben systematisch eine notwendige Finanzierung staatlicher Aufgaben über Steuern. Belastungen dort zu erhöhen, wo wirtschaftliche Leistungsfähigkeit vorhanden ist, gilt schnell als politisch unzumutbar. Auch dadurch wächst der Druck zur Verschuldung. So entsteht ein paradoxes Zusammenspiel: Die einen normalisieren Schulden, weil sie Belastungen vermeiden wollen. Die anderen fördern Schulden, weil sie bestimmte Belastungen verhindern wollen. Beide Seiten bekämpfen sich rhetorisch – und stabilisieren dennoch gemeinsam die strukturelle Neigung zur Verschuldung.

Eine alternative Position

Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine klare Gegenposition. Erstens: Jede Generation sollte ihre Herausforderungen aus eigenen Mitteln bewältigen. Das bedeutet nicht, dass alles sofort ausgeglichen sein muss – aber dass die Finanzierung grundsätzlich gegenwartsbezogen erfolgen sollte. Zweitens: In guten Zeiten müssen Rücklagen gebildet werden. Nicht Schuldenaufnahme als erster Schritt, sondern Rücklagenbildung. Schulden dürfen nicht der Standard, sondern müssen die Ausnahme sein. Drittens: Investitionen können kreditfinanziert werden – aber nur unter klaren Bedingungen. Dazu gehört ein transparenter Tilgungsplan, der über einen spezifischen Steuermechanismus finanziert wird. Ein „Schuldensoli“, der sichtbar macht, was die Entscheidung kostet. Denn nur was sichtbar ist, wird politisch ehrlich verhandelt. Viertens: Schulden müssen begrenzt werden. Nicht nur formal, sondern auch politisch. Diese Position hat ein klares Ziel: Vermeidung verdeckter Umverteilung, Erhalt politischer Handlungsfähigkeit und Sicherstellung von Generationengerechtigkeit.

Entgiftung

Schulden sind kein neutraler technischer Vorgang. Sie sind ein politisches Instrument mit tiefgreifenden Konsequenzen. Man könnte sagen: Schulden sind wie Alkohol. Sie betäuben kurzfristig und lösen scheinbar Probleme. Doch sie schaffen oft neue – und größere. Oder, in einem Satz: Schulden sind ein süßes Gift, dem wir nur allzu gerne erliegen.

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Dirk Winkler

Der Autor ist Gründungsmitglied und langjähriges Vorstandsmitglied der Säkularen Humanisten – gbs Rhein-Neckar sowie Vorstand des Evolutionswegvereins, der die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Evolution fördert und deutschlandweit die Einrichtung neuer Evolutionswege unterstützt. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Humanisten Baden-Württemberg K.d.ö.R. Von Beruf ist er Bankbetriebswirt. Im Verlag Springer Nature erscheint von ihm das Buch “Nicht alles passt in eine Meinung: Wissenschaft trifft Gesellschaft – Denken in Zusammenhängen”.

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