Kirchentage als Wirtschaftsfaktor?

11._gebot_katholikentag_wuerzburg.jpg

Das "11. Gebot" beim Katholikentag in Würzburg, der vor zwei Wochen stattfand.
Das "11. Gebot" beim Katholikentag in Würzburg

Wenn alljährlich wechselnd der katholische und der evangelische Kirchentag in verschiedenen Städten stattfinden, dann werden diese mehrtägigen Großevents zu einem sehr großen Teil durch öffentliche Mittel unterstützt. Und wann immer diese Unterstützung der kirchlichen Großevents, die ja von allen Steuerzahlern bezahlt werden, kritisiert wird, halten die Veranstalter dagegen, dass die Kirchentage der jeweiligen Stadt und Region doch auch wirtschaftlich nutzten. Ein schwaches Argument.

Kirchentage werden nicht durch die Kirchen selbst, sondern durch einen jeweils für das einzelne Event gegründeten Kirchentagsverein organisiert. Auf der Website des Kirchentags heißt es dazu:

"Die Einnahmen setzen sich aus drei Säulen zusammen. Öffentliche Gelder von Stadt, Land und Bund bilden die Grundlage der Finanzierung. Hinzu kommen die Mittel der einladenden Landeskirche. Weitere Mittel erwirtschaftet der Kirchentag selbst. Dazu gehören Einnahmen aus Ticketverkäufen, Sponsoring, KirchentagsShop sowie Spenden und sonstige Fördermittel."

Der Kirchentagsverein kümmert sich dann auch um das Einsammeln der öffentlichen Gelder, die ein durchaus gewaltiges Ausmaß haben. Nehmen wir als Beispiel den Deutschen Evangelischen Kirchentag, der im Mai 2027 in Düsseldorf stattfindet. Hier kommen 5,8 Millionen Euro von der Stadt Düsseldorf, 7 Millionen Euro vom Land Nordrhein-Westfalen und mindestens eine halbe Million Euro vom Bund (lesen Sie dazu auch diesen Artikel).

Die Initiative "11. Gebot – Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!" hat für das kommende Großevent in Düsseldorf eine Staatsquote von 53,5 Prozent errechnet. Die Subventionszahlungen der öffentlichen Hand für die Kirchentage der vergangenen 20 Jahre haben die Kritiker der Finanzierung durch die Steuerzahler detailliert aufgelistet.

Für den gerade zu Ende gegangenen "katholischen Kirchentag" in Würzburg gibt es noch keine Gesamtbilanz. Fest steht aber, dass auch hier die Steuerzahler massiv Geld beigesteuert haben. Das Land Bayern gab 3 Millionen Euro, der Bund 940.000 Euro und die (verschuldete) Stadt Würzburg 500.000 Euro inklusive Sachleistungen. Natürlich kam auch hier wieder der Hinweis, dass die Stadt und die Region doch auch wirtschaftlich etwas von dem Großereignis hätten. Es profitierten der Einzelhandel, die Gastronomie, die Hotellerie und indirekt auch die Stadt Würzburg über Gewerbesteuereinnahmen und den kommunalen Anteil an der Umsatzsteuer. Natürlich ist das nicht falsch, doch stehen diese Einnahmen in keinem Verhältnis zu den Ausgaben durch die Steuerzahler. Menschen, die unabhängig davon, ob sie katholisch, evangelisch, muslimisch, jüdisch oder konfessionsfrei sind, die große Missions-Party unterstützen (müssen).

Deutlich wird das Missverhältnis vor allem, wenn man das kirchliche Event mit einer anderen Großveranstaltung in der Stadt Würzburg vergleicht. Alljährlich lockt das Straßenmusikfestival "Stramu" 80.000 bis 100.000 Besucherinnen und Besucher an. Finanziert durch den Förderverein und Sponsoren. Haupteinnahmequellen sind Getränkestände und Merchandise sowie Sponsorengelder. Auch Stadt und Land geben ein paar Tausend Euro dazu, aber in keiner Weise vergleichbar mit den Zuschüssen für den Katholikentag.

Natürlich kam auch hier wieder der Hinweis, dass die Stadt und die Region doch auch wirtschaftlich etwas von dem Großereignis hätten. (...) Natürlich ist das nicht falsch, doch stehen diese Einnahmen in keinem Verhältnis zu den Ausgaben durch die Steuerzahler.

Die Teilnehmer müssen keinen Eintritt bezahlen. Das Katholikentagsticket hingegen kostete in Würzburg 135 Euro (ermäßigt 79 Euro). Geld, das den Teilnehmern schon mal für andere Ausgaben fehlt. Und jedenfalls diejenigen zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, die in Turnhallen übernachteten oder auch privat untergebracht wurden, waren für die örtlichen Hotels keine zahlenden Gäste.

Beim sommerlichen Straßenmusikfestival gibt es für die Künstler keine Gage, sondern es gilt das Hutgeld-Prinzip und das damit gelebte Festival-Motto: "Gefällt's Dir gut, wirf was in Hut!". Cafés, Restaurants, Biergärten, Fast-Food-Betriebe und Bäckereien in der Fußgängerzone sind an diesem Wochenende hoch frequentiert. Hotels profitieren von den anreisenden Fans, aber auch von den mehr als 150 Künstlern und Crews, die irgendwo untergebracht werden müssen. Da das Festival jeweils am Freitag und Samstag mitten in den Einkaufsstraßen stattfindet, erhöht sich die Passantenfrequenz massiv, was zu erheblichen Mitnahmeeffekten im Handel führt.

Mit Blick auf den zurückliegenden Katholikentag in Würzburg, zu dem nach Veranstalterangaben 34.000 Tickets verkauft wurden und zusätzlich 40.000 Besucher zu den Veranstaltungen ohne Ticketbindung gekommen sein sollen,  zitierte dagegen die Tageszeitung Mainpost den Handelsverband Unterfranken: Es sei ein deutlicher Umsatzschub für den Einzelhandel ausgeblieben. Viele Besucher seien "für das Event gekommen – nicht zum Shoppen", sagte Veronika Schott-Pearson vom Handelsverband der Zeitung. Vor allem Cafés hätten profitiert, während Händler im Vergleich zu üblichen Brückentagen teils bis zu 30 Prozent weniger Umsatz gemeldet hätten.

Viele Menschen meiden sogar die Innenstadt während der kirchlichen Sommerfeste

Das scheint frühere Bilanzen von Kirchen- und Katholikentagen zu bestätigen, wonach viele Menschen aus der Stadt und aus dem Umland an den Tagen des Missionsevents bewusst nicht an dem Spektakel teilnehmen wollen und die Innenstadt meiden.

Besonders krass erscheint die Förderung auch mit Blick auf den nächsten Kirchentags-Standort in Düsseldorf: Das Event im Mai 2027 wird mit mehr als 13 Millionen Euro aus Steuermitteln unterstützt. Erwartet werden laut Veranstalter 100.000 Besucher. Vergleicht man das mit dem nicht öffentlich subventionierten Düsseldorfer Rosenmontagszug, so wird das Missverhältnis besonders deutlich: Der Karneval lockt alljährlich bis zu eine Million Besucher an. Also zehn Mal so viele wie beim Kirchentag erwartet werden. Und die Jecken sind bekanntlich besonders feier-, trink-  und verzehrfreudig. Dabei ist für den Karneval das 11.Gebot gelebte Praxis: Du sollst deinen Rosenmontagszug selbst finanzieren.

Die Kirchen hingegen bekommen nicht nur 650 Millionen Euro jährliche Staatsleistungen zugesteckt und haben gewaltige Kirchensteuereinnahmen (allein die evangelische Kirche knapp 6,1 Milliarden Euro im Jahr 2025). Sie pochen auch darauf, dass Moses von Gott nur 10 Gebote entgegengenommen habe und wollen von einem 11. Gebot nichts wissen.

Entgegen den Interessen der konfessionsfreien Mehrheit im Land teilen Stadt, Land und Bund diese Sichtweise und schütten trotz der in anderen Bereichen praktizierten Sparpraxis alljährlich millionenschwere Subventionen aus.

Unterstützen Sie uns bei Steady!