Essay
Glaube und Vernunft – oder: Kann Theologie rational sein?
Theologie bedeutet dem Begriff nach “Lehre von Gott”. Wie aber kann eine Lehre den Kriterien der Rationalität genügen, wenn ihr Hauptgegenstand – in diesem Fall Gott – sich jeglicher Zugänglichkeit vollständig entzieht?
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Zu Beginn der Neuzeit formulierte René Descartes, immerhin der Begründer einer neuen Denktradition im Abendland, zwei Grundsätze, die bis heute als Maßstab rationalen Denkens gelten:
“Ziel wissenschaftlicher Studien muss es sein, den Geist so zu lenken, daß er über alles, was ihm begegnet, solide und wahre Urteile fällt.”
Und: „Man befasse sich nur mit solchen Gegenständen, zu deren gewissen und unbezweifelbaren Erkenntnissen unser Geist auszureichen scheint.“1
Nach Immanuel Kant ist rational nur das, was der Verstand nach klaren Regeln denken und in der Erfahrung bestätigen kann. Karl Popper hingegen nennt rational, was sich der Kritik stellt und prinzipiell widerlegbar bleibt. Theologie bedeutet dem Begriff nach “Lehre von Gott”. Wie aber kann eine Lehre den Kriterien der Rationalität genügen, wenn ihr Hauptgegenstand – in diesem Fall Gott – sich jeglicher Zugänglichkeit vollständig entzieht? Man denkt unweigerlich an den vorsokratischen Denker Protagoras, der vor rund 2.500 Jahren bereits geäußert haben soll, dass es keine Möglichkeit gibt über die Götter etwas zu wissen, weder dass sie sind, noch dass sie nicht sind, noch wie sie beschaffen sein könnten, denn vieles hindere das Wissen: die Nichtwahrnehmbarkeit und die Kürze des menschlichen Lebens.
Wie also soll es möglich sein, “wahre und solide Urteile“ über etwas zu fällen, dessen Existenz weder bewiesen noch widerlegt werden kann? Und wie soll man zu ”unbezweifelbaren Erkenntnissen" kommen wenn es um ein Wesen geht, dessen Gestalt und Größe sich dem menschlichen Geist prinzipiell entziehen? In der modernen Theologie besteht weitgehend Konsens, dass Gott dem menschlichen Erkenntnisvermögen nicht zugänglich ist, wie etwa Karl Barth2, Rudolf Bultmann3, Paul Tillich4 oder Karl Rahner5 betonen. Dementsprechend kann Gott weder als Gegenstand noch als Wesen erkannt werden, weil er jede begriffliche und empirische Erfassung übersteigt. Auch der Weltkatechismus der katholischen Kirche betont, dass Gott dem menschlichen Erkenntnisvermögen nicht zugänglich ist. Gott sei dementsprechend “unbegreiflich“ und ”unaussprechlich“ (KKK 206), übersteige jedes menschliche Denken (KKK 230) und könne nicht als Objekt erkannt werden. Der Mensch könne Gott nicht wissen, sondern nur glauben (KKK 37–38).
Theologie in der öffentlichen Wahrnehmung
Mit welcher Legitimation wird Theologie in Deutschland nicht nur an theologischen Hochschulen gelehrt, sondern an insgesamt 20 staatlichen Universitäten – und damit aus allgemeinen Steuermitteln finanziert – als vollwertiges Studienfach angeboten? Und wie steht es um die öffentliche Wahrnehmung dieser Tatsache?
In einer Studie der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) heißt es: "Die Mehrheit der Bevölkerung ist über Umfang und Art der staatlichen Finanzierung kirchlicher Einrichtungen und theologischer Fakultäten nicht informiert." Und weiter: "Die kirchliche Mitwirkung bei der Besetzung theologischer Professuren ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.“
Laut dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung wird Theologie in der Bevölkerung überwiegend mit Religionsunterricht oder kirchlicher Praxis verwechselt6, und eine Allensbach‑Umfrage ergab, dass über 60 Prozent der Befragten glauben, dass Theologie eine kirchliche Ausbildung sei7. Zudem zeigte der Bertelsmann-Religionsmonitor 2017: “Das Wissen über religiöse Institutionen und religiöse Bildungsstrukturen ist in der Bevölkerung gering.” Es sei noch darauf hingewiesen, dass laut der “European Values Study” (EVS 2018/2020) die Religion für viele Menschen als kulturell wertvoll gilt, während Theologie kaum als Wissenschaft wahrgenommen wird8.
Der Politikwissenschaftler Carsten Frerk beziffert in seinem “Violettbuch Kirchenfinanzen” die staatlichen Ausgaben für die Ausbildung des theologischen Nachwuchses mit rund 650 Millionen Euro pro Jahr (Stand 2010). Angesichts stetig fallender Zahlen der Kirchenmitglieder ist eine derartige Summe nicht nur aus säkularer Perspektive nicht mehr zu rechtfertigen.
Holm Tetens und die Rationale Theologie
Um zu zeigen, dass nicht nur die Theologie allgemein, sondern auch die Rationale Theologie nicht den Anforderungen der kritischen Rationalität standhält, ist es hilfreich, sich einer Veröffentlichung von Holm Tetens9 zu erinnern, der im Jahre 2015 eine Schrift mit dem Titel “Gott denken” veröffentlicht hat, worin er sich vornehmlich mit dem Naturalismus und dem Theodizeeproblem auseinandersetzt. Darin heißt es:
“Um die Philosophie wird es erst dann wieder besser bestellt sein als gegenwärtig, wenn Philosophen mindestens so gründlich, so hartnäckig und so scharfsinnig über den Satz ‘Wir Menschen sind Geschöpfe des gerechten und gnädigen Gottes, der vorbehaltlos unser Heil will’ und seine Konsequenzen nachdenken, wie Philosophen zur Zeit pausenlos über den Satz ‘Wir Menschen sind nichts anderes als ein Stück hochkompliziert organisierter Materie in einer rein materiellen Welt’ und seine Konsequenzen nachzudenken bereit sind.”
Bereits dieser Satz belegt, dass Tetens mit seinem Versuch über die Rationale Theologie notwendig scheitern muss, weil er vollständig im Bereich der reinen Spekulation im Rahmen des religiösen Glaubens verbleibt. Wenn es diesen gerechten und gnädigen Gott tatsächlich gäbe, der als Schöpfer der Welt und des Menschen vorbehaltlos unser Heil will, dann hätte er diese Welt nicht so erschaffen dürfen, wie er es getan haben soll. Wer so glaubt, verliert sich gerade deshalb unrettbar im Theodizeeproblem, außer man würde annehmen, dass Adam und Eva als historische Personen existiert haben und durch den Sündenfall dafür verantwortlich sind, dass das Böse sich in der Welt etablieren konnte.
Nun ist Tetens einerseits viel zu klug, um bibelfundamentalistisch zu argumentieren, macht aber andererseits den selben Fehler, den bereits Gottfried Wilhelm Leibniz äußerst wortreich in seiner “Theodicee” ausgebreitet hat, nämlich den vermeintlich freien Willen ins Spiel zu bringen, der das Schlupfloch bieten könnte, durch welches das Böse sich in Gestalt vermeintlich böser Handlungen in die Schöpfung hätte einschleichen können. Das Theodizeeproblem wird hier also nicht aufgelöst, sondern ganz im Gegenteil sogar noch verschärft, denn weshalb sollte der Schöpfer der Welt, der zudem noch vorbehaltlos das Heil des Menschen will, dieses Schlupfloch zulassen? Angenommen, Adam und Eva hätten sich bewusst dazu entschieden, gegen den Befehl Gottes zu handeln, so hätte dieser wissen müssen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben würden.
Abgesehen davon bedeutet Rationale Theologie, religiöse Glaubensinhalte oder Glaubensaussagen auf der Basis der Vernunft auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen. Warum also legt Gott die Wissbegierde im Menschen an, wenn er dieser nicht nachgehen darf, und falls er es doch tut, sogleich mit Verbannung bestraft wird? Noch gewichtiger aber erscheint ein Problem, das Leibniz sicher so noch nicht hätte formulieren können, denn weshalb erschafft Gott den Menschen innerlich zwiegespalten, indem er Bewusstsein und Unbewusstes voneinander isoliert im menschlichen Gehirn, oder in dessen Geist, anlegt? Was bleibt vom vermeintlich "freien Willen“, wenn die Menschen sich gerade in ihren schwerwiegenden Handlungen über die eigentlichen Motive ihres Handelns gar keine Klarheit verschaffen können?
Schöpfungstheologie vs. seriös begründete Weltanschauung
Wenn die Grundannahmen der Rationale Theologie eben nicht rational, und vor allem nicht auf der Höhe eines psychologisch aufgeklärten Menschenbildes reflektiert werden, ergeht es ihr genauso, wie es dem Theodizeeproblem bereits ergangen ist. Denn ebenso, wie sich der Schöpfer durch seine Schöpfung widerlegt, geht die Rationale Theologie an ihren eigenen Voraussetzungen zugrunde. Wenn man − wie es die Rationale Theologie eigentlich verlangt − jede Aussage, die je über Götter getroffen wurde, auf ihre jeweilige Plausibilität hin überprüfen würde, sollte man nicht die Perspektive verdrehen, sondern sich auf dem Boden der Vernunft und der Wirklichkeit bewegen.
Eine schöpfungstheologisch ausgerichtete Weltanschauung basiert auf dem Versuch, die Welt so zu interpretieren, dass sie zu bestimmten – in diesem Fall religiös motivierten – Ideen passt. Eine seriös, also aufgeklärt begründete Weltanschauung dagegen sollte von der Welt ausgehen, wie sie wirklich ist; wie sie sich jedenfalls auf den relevanten naturwissenschaftlichen Ebenen beschreiben lässt, um dann zu prüfen, welche unserer Ideen zur Welt passen. Die Idee eines Gottes, wie sie dem klassischen Theodizeeproblem zugrunde liegt, passt ganz offensichtlich nicht zur Welt und kann dementsprechend als zutiefst unplausibel aufgegeben werden.
Eine schöpfungstheologisch ausgerichtete Weltanschauung basiert auf dem Versuch, die Welt so zu interpretieren, dass sie zu bestimmten – in diesem Fall religiös motivierten – Ideen passt. Eine seriös, also aufgeklärt begründete Weltanschauung dagegen sollte von der Welt ausgehen, wie sie wirklich ist (…), um dann zu prüfen, welche unserer Ideen zur Welt passen.
Was nun die Begründungen angeht, so würde wohl kein Theologe, der sich mit den Naturwissenschaften beschäftigt, eine Theorie alleine deshalb für plausibel halten, weil sie aufgestellt wurde. Genau das aber ist das Prinzip oder der „Trick“ des religiösen Glaubens, denn er soll sich letztlich dadurch bewahrheiten, dass er geglaubt wird. Nur die Religion nimmt für sich in Anspruch, ohne weitere Begründungen oder gar Beweise für wahr gehalten zu werden. Man beruft sich auf ein altes Buch, verweist auf eine lange Glaubenspraxis im Rahmen einer bestimmten Kulturtradition, installiert eine religiöse Institution, die den Glauben als zu glaubend vorschreibt, versieht diesen Glauben mit vermeintlich göttlich vermitteltem Wahrheitsanspruch und sieht sich auf diese Weise von jeglichem rationalen Begründungsdruck befreit.
Naturalismus, Naturwissenschaft und Religion
Naturwissenschaft und Religion kommen sich notwendigerweise immer dann in die Quere, wenn sie ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereich überschreiten, wobei sich der Zuständigkeitsbereich der Religion nicht einmal klar definieren lässt. In der Wissenschaftstheorie gilt seit Popper als allgemein akzeptiert, dass wissenschaftliche Theorien nicht nur überprüfbar sein müssen, sondern aufgestellt werden unter der Voraussetzung, sie an der Wirklichkeit scheitern zu lassen. Naturwissenschaftliche Forschung kann nur dort betrieben werden, wo sich objektive Wechselwirkungen messen lassen. Da man weder Götter, noch deren vermeintliches Handeln in der Welt objektiv nachweisen kann, entziehen diese sich bereits rein logisch jeglicher wissenschaftlicher Zugänglichkeit oder Überprüfbarkeit und widersprechen damit vollständig der wissenschaftlichen Methodik.
Der Naturalismus besteht in der Auffassung, dass sich alles, was existiert, vollständig durch naturwissenschaftliche Methoden erklären lässt, und wird dementsprechend ohne übernatürliche Entitäten und transzendente Ursachen formuliert. Als wichtigsten Einwand dagegen argumentiert Tetens zunächst sehr richtig, dass der Naturalismus nicht die Entstehung von Bewusstsein erklären kann. Dazu muss man sagen, dass ein Erklärungsmodell nicht durch dessen Unvollständigkeit obsolet wird. Und solange es sich an der objektiven Wirklichkeit orientiert, ist es auf jeden Fall jedem Erklärungsversuch weit überlegen, der vollständig auf religiösen oder sonstigen metaphysischen Spekulationen beruht.
Holm Tetens hat also Unrecht, wenn er meint, es wäre um die gegenwärtige Philosophie besser bestellt, wenn sie auf das geistige Niveau des beginnenden 17. Jahrhunderts zurückfällt.
1 René Descartes: Regeln zur Ausrichtung der Erkenntniskraft, in: René Descartes, Philosophische Schriften, hrsg. von Artur Buchenau, Felix Meiner Verlag, Hamburg. (Oft auch übersetzt als "Regeln zur Lenkung des Geistes“)
2 Karl Barth, Kirchliche Dogmatik I/1, § 9
3 Rudolf Bultmann, Neues Testament und Mythologie, 1941
4 Paul Tillich, Systematic Theology, Bd. 1
5 Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens, 1976.
6 Bertelsmann Stiftung: Religionsmonitor 2017. Kapitel „Religiöses Wissen und religiöse Kompetenz“. Gütersloh 2017. (Alternativ oder ergänzend: Religionsmonitor 2023, Abschnitt „Religiöses Wissen“
7 Institut für Demoskopie Allensbach: Religiöse Orientierungen in Deutschland. Allensbach 2019.
8 European Values Study (EVS): EVS 2017 – Integrated Dataset (Release 4, 2020). GESIS – Leibniz‑Institut für Sozialwissenschaften, Köln
9 Holm Tetens ist Philosoph und war eigener Aussage nach Atheist, bis er sich von dem Problem der Ungerechtigkeit her dem Gottesgedanken zugewandt hat: “Aber die Tatsache, dass die Geschichte voll von Menschen ist, denen unglaubliches Unrecht geschehen ist, und die ungesühnt und ungetröstet gestorben sind, ist ein so skandalöser Sachverhalt, dass man schon sehr gute Gründe haben muss, zu sagen: Ja, aber so ist die Welt eben, wir können leider nichts daran ändern. Es ist in der Tat einer der stärksten Gründe für den Gottesgedanken, angesichts der ungetröstet und ungesühnt verstorbenen Opfer der Weltgeschichte darauf zu hoffen: Gott gibt nichts und niemanden endgültig verloren, er will unbedingt das Heil der Welt und der Menschen.”
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Der Katechismus der…
Der Katechismus der katholischen Kirche beschreibt Gott als unendlich glücklich. Welchen Grund sollte ein solches Wesen haben, irgendetwas zu schaffen.
Gott habe eine "großartige Menschheit geschaffen" behauptet Leo XIV in seiner Enzyklika magnifica humanitas und fegt damit mit beispielloser Unverfrorenheit das Thodizeeproblem gleich mal vom Tisch.