Streit um Dokumentation

Abgelehnte Antisemitismus-Doku wird nun doch ausgestrahlt

Nachdem die ARD sich dazu entschlossen hat, die umstrittene Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa" zu senden, nimmt auch Arte die ursprünglich abgelehnte TV-Dokumentation wieder in sein Programm.

Die ARD sendet am heutigen Mittwochabend die ursprünglich für Arte produzierte Dokumentation über neue Formen des Antisemitismus. Im Anschluss, um 23:45 Uhr, diskutiert "Maischberger" über das Thema. Dabei sollen auch die vom WDR beanstandeten handwerklichen Mängel der Dokumentation thematisiert werden. Zu Gast wird unter anderem der Psychologe und Islamismusexperte Ahmad Mansour sein, der das Verhalten von arte im Vorfeld kritisierte und schon länger vor dem Problem des muslimischen Antisemitismus warnt.

Der deutsch-französische Kulturkanal arte hatte sich gegen eine Ausstrahlung der Dokumentation entschieden, da sie angeblich zu stark vom "ursprünglichen Sendekonzept" abgewichen sei. In einer Pressemitteilung von Arte heißt es dazu, dass "entgegen dem Auftrag der Fokus nicht auf europäische Länder sondern auf den Nahen Osten gerichtet wurde."

Mit Blick auf die öffentliche Diskussion und um einen identischen Kenntnisstand des Arte-Publikums in Frankreich und Deutschland zu ermöglichen, habe man sich nun aber doch dazu entschlossen, die Dokumentation zeitversetzt auszustrahlen. Laut arte kursieren im Internet zahlreiche fehlerhafte Versionen der Doku.

Kommentare (16)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 21 Jun 2017 - 23:28

Gemäß der ARD-Sendung (in der Tat nicht - nur - auf Europa fokussiert) erscheint die Situation in Nahost verfahrener und vertrackter als alles sonst, von dem ich weiß.
"Verdammtes Land" (Andreas Altmann).
Und ich habe nicht im Ansatz eine Lösung - außer, dass sich alle Seiten auf so etwas wie eine offene Gesellschaft einigten, um eine (gerechte?) Zwei-Staaten-Lösung zu schaffen. Wohl zu schön gedacht.
Immerhin passend zum Thema "in Europa" war das ausführliche Filmzitat von Julius Streicher, wo er sich im Prozess bzgl. der Judenverfolgung unter Hitler auf Luther berief.
Und wie sich die Rechte (nicht nur in Europa) auf vordergründige und fadenscheinige Ersatzbegriffe (z.B. 'int. Finanztum' statt 'int. Finanzjudentum') verlegt...

Hallo Hans,

"Und ich habe nicht im Ansatz eine Lösung ..."

Ich auch nicht, aber ich habe gestern einige Vermutungen meinerseits bestätigt bekommen, warum man sich mit einer Lösung so schwer tut. Dank der guten Verknüpfung religiöser Gruppen mit Medien bei uns bleibt allzu deutliche Kritik an den Monotheismen vor den Pforten der Sendeanstalten etc.

Nun benennt die zunächst komplett zensierte Doku zwei Wurzeln des Antisemitismus: das Christentum und den Islam. Das darf jedoch nicht sein. Warum tun sich z.B. alle Sender in D so schwer, eine Doku um Luthers christlichen Judenhass zu zeigen? Warum werden unsere Übertragungen der judenfeindlichen Schriften Luthers nicht auf breiter Ebene besprochen - im LUTHER-Jahr? Ansonsten hecheln die Medien jedem Aufhänger nach, mit dem man wenigstens 100.000 Zuschauer mehr erreichen kann.

Meine Antwort ist: Wir greifen durch unsere Arbeit das Christentum an. Luther war kein Alien, der vom Himmel fiel und exotisches Zeug geschrieben hätte. Er stand in einer antisemitischen Tradition, die erst nach 1945 einen deutlichen Dämpfer bekam. Durch den Holocaust, der die Vernichtung des Judentums (ein christliches Ziel) zu einem perversen Höhepunkt trieb, der zumindest in demokratischen Ländern nicht mehr toleriert werden könnte.

Davor gab es "durch die Jahrhunderte antisemitische Presseerzeugnisse" (Julius Streichen), gab es Pogrome gegen Juden, Mord und Todschlag im Namen Jesu Christi. Würde man also im Fernsehen offen Luthers Antisemitismus thematisieren, würde zwangsläufig das Christentum in ein negatives Licht gerückt. Und das wollen die Lobbyverbände der Geistergläubigen auf keinen Fall zulassen.

Aber auch den Islam muss man aus den gleichen Gründen vor allzu viel Aufklärung schützen. Doch gerade beim Islam ist es viel einfacher, dessen strukturellen Antisemitismus zu erkennen: einfach den Koran lesen.

Würden diese beiden Hürden - Kritikverbot an Christentum und Islam (was sich in anderem Kontext auch auf das Judentum bezieht) - medial überwunden und eine Kritik offen geäußert, dann käme man zu des Pudels Kern: dem Monotheismus-Prinzip, das wechselseitige Anerkennung (nicht Toleranz) der Monotheismen verbietet. Es kann nur einen geben!

Erst wenn sich Politik traut, hier heranzugehen und die Religionsgemeinschaft zur Aufarbeitung und Lösung dieses unhaltbaren Zustandes bewegt, wird sich der Nahe Osten entspannen können. Egal welche Lösung möglich ist - Zwei-Staaten-Lösung oder ein großer "Nahost-Staat" -, sie wird nur dann Erfolg haben können, wenn die Monotheismen ihr grundlegendes Monotheismus-Prinzip aufgeben.

Das jedoch ist augenblicklich reinste Utopie...

Rudi Knoth (nicht überprüft)

Do. 22 Jun 2017 - 13:08

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Allerdings wurden nicht nur das Christentum und das Judentum, sondern auch Philosophen wie Voltaire und Hegel in dem Film genannt.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Do. 22 Jun 2017 - 14:24

Antwort auf von Rudi Knoth (nicht überprüft)

Alle Menschen in religiös geprägten Gesellschaften hatten mehr oder weniger deutlich antisemitische Tendenzen. Doch der Ursprung liegt auch bei denen im Christentum, denn auch der größte Denker kann sich nicht gänzlich von seiner frühkindlichen Indoktrination frei machen.

Deshalb dauert das ja so lange mit der Überwindung des Geisterglaubens...

Rudi Knoth (nicht überprüft)

Fr. 23 Jun 2017 - 09:27

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Dies ist sicherlich insoweit richtig, daß das Feindbild in Europa die Juden waren. Allerdings kann die Begündung auch säkular sein. Siehe z.B. Wilhelm Marr, der den Begriff Antisemitismus prägte. Und gilt Ihre Aussage auch für Hindus und Buddhisten?

Ich will das hier nicht zu sehr vertiefen (obwohl es ein interessantes Thema ist), doch - kurzgefasst - ich bin kein Anhänger monokausaler Zusammenhänge. Es sind stets viele Faktoren, die zusammenkommen müssen, um etwas zu bewirken.

David Z (nicht überprüft)

Fr. 23 Jun 2017 - 13:11

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

"Alle Menschen in religiös geprägten Gesellschaften hatten mehr oder weniger deutlich antisemitische Tendenzen."

Diese Behauptung ist in dieser Pauschalität nachweislich falsch.

David Z (nicht überprüft)

Mi. 28 Jun 2017 - 09:53

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Mayas und Azteken bildeten eine sehr religiös geprägte Gesellschaft, zeigten aber keine antisemitischen Tendenzen. Mehr?

Frank Nicolai (nicht überprüft)

Mi. 28 Jun 2017 - 11:56

Antwort auf von David Z (nicht überprüft)

Etwas mehr Sachlichkeit bitte. Es wäre etwas schwierig gewesen für südamerikanische Ureinwohner, gegen eine Bevölkerungs-/Religionsgruppe eine Gegnerschaft aufzubauen, von deren Existenz sie nicht einmal etwas ahnten.

Entschuldigung, ich bin es nicht, der hier unsachlich ist.

Im zitierten Kommentar stecken zwei Behauptungen:

A. Alle religiös geprägten Gesellschaften lassen Menschen antisemitische Tendenzen ausbilden.

B. Alle Religionen sind mehr oder weniger gleichwertig ursächlich für die Ausprägung antisemitischer Tendenzen.

Ad A. Um die Behauptung widerlegen zu können, bräuchten wir zum Vergleich Gesellschaften, die nicht religiös geprägt waren. Da es diese nicht gibt, ist die zitierte Behauptung gemäß Falsifikationismus wissenschaftlich nicht haltbar.

Ad B. Diese Behauptung impliziert, dass alle Religionen in Anzahl und Ausmaß ihrer schlechten Ideen gleich sind. Sie sind es nicht. Genau so wenig wie alle Ideologien gleich sind.

Die Doku ist sicherlich nicht nur auf Europa fokussiert, aber ich finde es ungerechtfertigt, den Autoren daraus einen Vorwurf zu stricken. Sie begründen dieses Vorgehen ja ganz klar: "Wir glauben, dass wir das alles nur verstehen können, wenn wir uns die Situation vor Ort im Nahen Osten anschauen". Und damit haben sie meiner Meinung nach recht.

Die Doku war ein Propaganda-Werk erster Güte. Es wurde ohne Differenzierung die Antisemitismuskeule ausgepackt, es wurde suggestiv und manipulativ argumentiert und Gruppen die den Jüdisch-Orthodoxen, bzw. der rechtsradikalen (!) Netanjahu-Regierung nahestehen wurden als Kronzeuge benannt. Und dafür werden dann GEZ-Gelder rausgeworfen. Die NDS haben einen denkwürdigen Artikel dazu veröffentlicht. http://www.nachdenkseiten.de/?p=38750

"Propaganda" kann ich in der Doku nicht erkennen. Sie hat eine aufklärerische Stoßrichtung, die Propaganda von BDS und ähnlichen Gruppen wird dort mit der Realität im Nahen Osten konfrontiert. Auf welch tönernen Füßen Ihr "Propaganda"-Vorwurf steht, sieht man auch daran, dass sich der "Faktencheck" des WDR letztlich als krampfhafter Versuch entpuppt, irgendwo ein Haar in der Suppe zu finden. Man sollte auch mal was anderes als die "Nachdenkseiten" lesen:

https://diekolumnisten.de/2017/06/23/donald-schoenborn-und-der-wilde-westen/

http://www.audiatur-online.ch/2017/06/22/der-wdr-faktencheck-zur-antisemitismus-doku-im-faktencheck/

Eigentlich ist nichts, was in der Doku erzählt wird, wirklich neu. Wer sich ernsthaft und unvoreingenommen mit dem Nahostkonflikt auseinandergesetzt hat, dem ist das meiste bekannt. Tilman Tarach hat das alles schon vor Jahren in seinem Buch "Der ewige Sündenbock" zusammengetragen.

David Z (nicht überprüft)

Fr. 23 Jun 2017 - 14:01

Und schon haben wir ein aktuelles Beispiel exakt von dem, was die Dokumentation beschreibt:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article165846965/Knesset-Abgeordnete-auf-Podium-in-Humboldt-Uni-niedergebruellt.html

Und nein, es geht hier nicht um die üblichen Verdächtigen wie Glatzen in Springerstiefeln.

Florian Chefai

Hier sollte eine kurze Beschreibung des Autors bzw. der Autorin stehen. Die Autoren sind noch nicht angelegt, weil im Rahmen der Migration diese Daten nicht zuverlässig aus dem Freitext-Inhalt zu extrahieren sind.

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