Ein Tweet des islamistischen Aktivisten Ahmad Tamim an den Rechtsextremen Martin Sellner sorgt für Irritation und verweist auf mehr als nur eine Provokation. Dahinter steht eine strategische Debatte innerhalb der Neuen Rechten, die offen für Allianzen mit konservativen Muslimen und sogar Islamisten wirbt. Der Artikel zeigt, warum diese Annäherung ideologisch weniger widersprüchlich ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.
Ein Tweet, der aufhorchen lässt: Der islamistische Aktivist Ahmad Tamim lädt den österreichischen Rechtsextremen Martin Sellner "auf eine Tasse Kaffee" zum Gespräch ein, wenn dieser in Berlin sein sollte. Was auf den ersten Blick wie eine absurde Pointe der politischen Gegenwart wirkt, verweist bei näherem Hinsehen auf eine ideologische Schnittmenge, die seit einigen Jahren sowohl von Teilen der extremen Rechten als auch von Islamisten offen thematisiert wird.
Der Tweet ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines strategischen Denkens, das in der sogenannten Neuen Rechten längst formuliert worden ist. Besonders deutlich wird das in der Streitschrift "Feindbild Islam als Sackgasse" von Frederic Höfer, erschienen beim Jungeuropa Verlag. Der Verlag steht exemplarisch für ein intellektuelles Netzwerk aus neurechten Projekten wie dem Verlag Antaios oder dem Institut für Staatspolitik in Schnellroda.
Dabei ist diese Art der Bündnissuche nicht auf die Neue Rechte beschränkt, sondern fand sich Anfang der 2000er Jahre auch schon bei der NPD (heute: "Die Heimat").
Höfers Argument ist dabei bemerkenswert offen: Eine pauschale Frontstellung gegen den Islam sei nicht nur politisch unklug, sondern letztlich ein "rechter Kampf gegen rechts". Seine Diagnose basiert auf einer simplen Beobachtung: In einer längst pluralisierten Gesellschaft – ob im Ruhrgebiet, in Berlin oder Hamburg – sei die "multiethnische Realität" nicht rückgängig zu machen. Wer politisch gestalten wolle, müsse daher nicht auf Abgrenzung setzen, sondern auf Kooperation.
Diese Kooperation denkt Höfer ausdrücklich nicht als taktisches Zweckbündnis, sondern als ideologische Allianz. Er spricht von einer "traditionalen Ökumene", die unterschiedliche kulturelle Hintergründe überbrücken soll. Gemeint ist eine gemeinsame Front "konservativer" Kräfte unabhängig von Herkunft oder Religion. Die verbindenden Elemente liegen für ihn auf der Hand: ein traditionelles Familienbild, die Ablehnung von Gleichstellungspolitik, Skepsis gegenüber liberalen Freiheitsrechten und der Kampf gegen eine als "linksliberal" diffamierte Gesellschaft.
Ideengeschichtlich ist dieser Ansatz kein Zufall. Höfer knüpft an Denker wie Frithjof Schuon an, einen Vertreter des sogenannten Traditionalismus, der auf René Guénon zurückgeht. Diese Denkschule propagiert die Vorstellung einer ewigen, überzeitlichen Wahrheit ("Perennialismus"), die sich in verschiedenen Religionen manifestiere und stellt sich damit bewusst gegen die Moderne, Aufklärung und Liberalismus. Genau hier entsteht die ideologische Brücke: Wenn alle "traditionellen" Religionen als Verbündete gegen die Moderne gelten, wird auch der politische Islam anschlussfähig.
Interessanterweise findet man dann auch in der radikalen Rechten Argumente, die man eigentlich von Islamisten kennt, wenn es darum geht, Antisemitismus zu verharmlosen. Der Begriff "Antisemitismus" beschreibt üblicherweise eine spezifische europäische Form des Judenhasses, die sich historisch aus christlich geprägten Feindbildern, mittelalterlichen Vorurteilen und später aus rassistischen Ideologien der Neuzeit entwickelt hat. Dabei wandelte er sich von religiöser Ablehnung hin zu einer vermeintlich "wissenschaftlich" begründeten rassistischen Ausgrenzung. Die radikale Rechte übernimmt nun das Argument, nach dem sowohl Araber als auch Juden "Nachfahren Sems, des Sohns Noahs" seien. Dadurch soll die Verfolgung der Juden über die Jahrhunderte mit der Diskriminierung von Arabern heute auf eine Stufe gestellt werden, was in Anbetracht der historischen Gräuel eine Verharmlosung darstellt.
Dass diese Anschlussfähigkeit keine Einbahnstraße ist, zeigt der eingangs erwähnte Tweet. Tamim, der dem Umfeld der mittlerweile verbotenen Organisation Hizb ut-Tahrir zugerechnet wird, erkennt offenbar ebenfalls das Potenzial solcher Allianzen. Die Einladung an Sellner ist weniger als Provokation zu verstehen denn als Angebot: zum Dialog zwischen Kräften, die trotz aller Differenzen ein gemeinsames Feindbild teilen.
Damit wird eine paradoxe Konstellation sichtbar. Während liberale und linke Akteure den politischen Islam oft als schützenswerte Minderheitenposition behandeln oder zumindest differenziert betrachten wollen, sehen sowohl Islamisten als auch Teile der extremen Rechten ineinander potenzielle Partner. Der Grund liegt in inhaltlichen Überschneidungen: autoritäre Gesellschaftsbilder, rigide Geschlechterrollen, Ablehnung sexueller Vielfalt und eine fundamentale Gegnerschaft zur offenen Gesellschaft. Wohin die Ablehnung dieser sexuellen Vielfalt führen kann, zeigt sich aktuell in Brandenburg, wo sich junge Neonazis mit migrantischen Jugendlichen zusammentun, um schwule Männer zu misshandeln und auszurauben. "Wir beobachten an einzelnen Orten in Ostbrandenburg ein für uns neues Phänomen, dass sich Jugendliche zusammentun, bei denen das auf den ersten Blick gar nicht passt, nämlich junge Neonazis und Jugendliche mit Migrationsgeschichte" zitiert der Tagesspiegel Anne Brügmann vom Verband Opferperspektive. Gerade beim Thema Queerfeindlichkeit gebe es Schnittmengen, die andere Widersprüche anscheinend übertünchen. Allerdings bedeutet das nicht, dass diese Milieus identisch wären oder konfliktfrei kooperieren könnten. Ihre Weltbilder bleiben in zentralen Punkten unvereinbar. Doch politisch-strategisch gilt offenbar: Der gemeinsame Gegner – Liberalismus, Pluralismus, individuelle Freiheitsrechte – wiegt schwerer als die Differenzen.
Der Tweet von Tamim wirkt vor diesem Hintergrund wie ein kleines Fenster in eine größere Entwicklung. Er zeigt, dass politische Lager, die sich öffentlich als unversöhnliche Gegner inszenieren, im Hintergrund längst über gemeinsame Interessen nachdenken. Wer diese Dynamik verstehen will, sollte sie weder skandalisierend überhöhen noch naiv unterschätzen. Sie ist ein reales politisches Phänomen und eine Herausforderung für alle, die an einer offenen, liberalen Gesellschaft festhalten.







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