Neuregelung des Religionsunterrichts gefordert

Der Humanistische Verband Rheinland-Pfalz/Saarland e. V. begrüßt die Initiative von Anne und Peter Schäfer aus Worms, auf dem Weg einer Petition an den rheinland-pfälzischen Landtag eine öffentliche Diskussion über die Regelung des Religions- und Ethikunterrichtes an staatlichen Schulen in Gang zu setzen.

Petitionen sind ein außerordentlich wichtiges demokratisches Instrument, das es Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht, einen aus der Zivilgesellschaft heraus wahrgenommenen Bedarf in Bezug auf gesetzliche Regelungen und ihre eventuell nötige Anpassung an veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten zu formulieren und direkt an das gesetzgebende Organ zu richten.

Beim Religionsunterricht an staatlichen Schulen hat sich die Situation seit dem Inkrafttreten von Grundgesetz und Landesverfassung erheblich gewandelt: Waren vor 70 Jahren noch über 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz Mitglied der christlichen Kirchen, sind es aktuell nur noch etwas über 50 Prozent, Tendenz weiter sinkend. Stattdessen existiert heute eine Vielfalt an religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen, so dass wir darauf angewiesen sind, uns im Blick auf ein friedliches soziales Miteinander über unsere Werte zu verständigen.

Für den Humanistischen Verband (HVD) Rheinland-Pfalz/Saarland ist ein gemeinsamer Werteunterricht die vernünftigste und zielführendste Lösung. Eine weitere Ausdifferenzierung des Werteunterrichtes an Schulen durch Unterricht in voneinander getrennten Gruppen wäre eher kontraproduktiv. Das zeigt bereits die Diskussion rund um die Einführung eines Religionsunterrichtes für Muslime. Der gemeinsame Werteunterricht, wie er in der Petition von Anne und Peter Schäfer vorgeschlagen wird, soll Wissen über die verschiedenen religiösen und nichtreligiöen Weltanschauungen vermitteln, Übereinstimmungen aufzeigen und Techniken einüben, um mit Differenzen konstruktiv und wertschätzend umzugehen.

"Eine zeitgemäße Pädagogik muss Kinder und Jugendliche befähigen, in einer vielfältigen Welt zurechtzukommen und diese aktiv mitzugestalten. Die Dominanz einzelner weltanschaulicher Richtungen an unseren Schulen verhindert dies", betont Holger Hein, pädagogischer und bildungspolitischer Sprecher des HVD Rheinland-Pfalz/Saarland.

Die mit einer Neuregelung einhergehende Einschränkung von Privilegien der christlichen Kirchen darf nicht verschwiegen werden, darf aber auch kein entscheidendes Kriterium sein.

Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium lehnt bisher eine Änderung der Rahmenbedingungen mit Verweis auf die grundgesetzliche Fundierung der gegenwärtigen Regelung ab. Dabei übergeht sie die Aussage in Artikel 7 Absatz 3 Satz 1 GG, wonach an bekenntnisfreien Schulen der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach sein muss. Der HVD sieht hier Handlungsbedarf, denn zur flächendeckenden Etablierung eines Religionsunterrichtes an öffentlichen Schulen hat die eher zweifelhafte Einstufung all unserer staatlichen Schulen als nicht bekenntnisfrei geführt. Diese Einstufung ist aus Sicht des Humanistischen Verbandes dringend juristisch zu überprüfen.

Kommentare (17)

Hedwig Toth-Schmitz (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 21:55

Antwort auf von Heinz König (nicht überprüft)

Die Petition kann leider nicht online unterzeichnet werden und die Frist läuft auch nur noch bis Ende des Monats.
Der Vordruck der Liste, die an die Initiatorin Anne Schäfer geschickt werden kann und ihre Kontaktdaten sind hier zu finden: https://hvd-rlp-saar.de/humanistischer-verband-fuer-neuregelung-des-religionsunterrichts/

Hier der Link, haben wir jetzt auf unserer Webseite ergänzt:
https://hvd-rlp-saar.de/humanistischer-verband-fuer-neuregelung-des-religionsunterrichts-2/

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Sa. 27 Jul 2019 - 00:40

Antwort auf von Jutta Dietz (nicht überprüft)

Jutta, die Petition kann offenbar (wie Hedwig schon anmerkte) nicht online gezeichnet werden? Schade.

A.S. (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 12:13

Ihr habt meine (Ex-Rheinland-Pfälzer) volle Unterstützung!

Religiöse Erziehung schädigt den kindlichen Verstand, die Islamisten sind die augenfälligsten Beispiele. Erfolgreich Geschädigte halten ihr Leben lang völlig absurde Ideen für "wahr".

Als Absolvent des Johannesgymnasiums in Lahnstein kann ich ein Lied davon singen. Zahlreiche meiner Schulfreunde haben bis heute den klaren Blick für die Welt nicht wiedergefunden. N.B. Der heutige Innenminister RLPs, Roger Lewenz, war auch an dieser Schule...

Wolfgang Graff (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 14:45

Die rheinland-pfälzische Landesregierung zum Umdenken in Sachen Religionsunterricht zu bewegen - das wird eine harte Nuss. In der Landesverfassung steht als ein pädagogisches Ziel die Gottesfurcht.
Auf meine Anfrage nach der Qualifikation der Ethiklehrer erhielt ich die Antwort, dass Ethikunterricht großenteils vom Religionslehrer erteilt werde.
Der einzige Lichtblick im klerikalen Sumpf in Rheinland-Pfalz waren einige im Landtag vertretene Säkulare Grüne. Umso mehr freue ich mich, wenn jetzt Unterstützung durch den Humanistischen Verband kommt. Bitte lasst euch nicht entmutigen!

Roland Weber (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 15:44

Selbstredend ein guter Gedanke und Vorstoß.

Gerade ein gemeinsamer Unterricht für alle Schüler würde aus der jeweiligen Einseitigkeit herausführen. Kinder würden schnell Gemeinsamkeiten und Wertschätzungen finden und sich nicht eben als Erwachsene in zementierten Glaubensfronten wiederfinden.

Aber davor haben die Herrschenden schon immer Angst gehabt - ob sie es erkennen oder nur unbewusst ahnen - eine große Übereinstimmung in Wertehaltungen gefährdet jegliche Herrschaft, weil deren Verstöße klar erkannt würden. Es würde Kindern auch klar, dass Religionen stets nur Teile des Ganzen sind. Leider wird schon der Gedankenaustausch im Kindesalter durch die Politik sabotiert.

Die Angst vor dem Verlust der Deutungshoheit lässt Politikern in Religionsfragen bis heute leider keinen erkennbaren Spielraum. Ändern wird sich noch für Jahrzehnte nichts!

Bernd Kockrick (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 19:37

Der Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen ist nach der Taufe der effektivste Zugriff auf die religionsunmündigen Kinder und damit Bestandssicherung der Kirchen. Aber ist das der Auftrag der öffentlichen Schulen in einem pluralistischen Staat? Nicht nur, dass die Kinder in die Arme der Kirchen getrieben werden, der Staat trägt auch noch die Kosten für die Theologischen Fakultäten, die Religionslehrer und die räumliche und sächliche Ausstattung der Schulen. Bei keinem anderen Fach achtet die Schulaufsicht so stringent auf die Erteilung der Sollstunden wie bei "Reli". Und das die Zensur in "Reli" auch noch versetzungsrelevant ist zeigt überdeutlich, dass wir in einem Kirchenstaat leben.
Bernd Kockrick, Braunschweig

sitha Berg (nicht überprüft)

Mi. 24 Jul 2019 - 22:17

Wohl wahr! Religiöse Erziehung ist Kopfwäsche und nur schwer aus den Gehirnen raus zu bekommen.
Statt Religionsunterricht sollte im Geschichtsunterricht oder Sozialkundeunterricht kritisch und aufgeklärt über Religionen in den verschiedenen Zeitaltern und verschiedenen Kulturen informiert werden. Das könnte man dann Bildung nennen und wäre einem modernen Schulwesen angemessen.
Ist aber ganz klar nicht im Sinne der Kirchen, weil dann ja jedem Kind aufginge, dass Religion etwas fürs historische Museum ist.
Werte brauchen keine Religion, im Gegenteil. Wie man durch die Jahrtausende sehen kann, hat sie die Menschheit unterdrückt und Schaden angerichtet.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Do. 25 Jul 2019 - 02:41

"... wonach an bekenntnisfreien Schulen der Religionsunterricht kein ordentliches Lehrfach sein muss" - nein, kein ordentliches Lehrfach *ist*.
Es ist an der Zeit, auf Landesebene (besser noch, auf Bundesebene) Bekenntnisschulen in bekenntnisfreie Schulen umzuwidmen.

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Do. 25 Jul 2019 - 15:50

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Da die Schulen Ländersache sind, wären die Länder am Zuge. Die Kultusministerkonferenz könnte beschließen, alle staatlichen Schulen zu bekenntnisfreien Schulen zu machen. Damit wäre der Religionsunterricht mangels Nachfrage defacto marginalisiert.
Warum das nicht passiert? Weil sich in unseren Parlamenten unfassbar viele Gestalten herumtreiben, die aussehen, als hätten sie alle Latten am Zaun aber an die Existenz unsichtbarer Geister glauben. Es wird also noch geraume Zeit dauern, bis sich die Vernunft durchsetzt.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Sa. 27 Jul 2019 - 00:08

Antwort auf von Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Schon klar, Karl-Heinz: Ländersache. Noch besser wäre allerdings auf Bundesebene eine entsprechende GG-Änderung. Das wird in unserer Kirchenrepublik allerdings noch länger dauern...

Karl-Heinz Büchner (nicht überprüft)

Mo. 29 Jul 2019 - 11:58

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Nicht ganz,
auch wenn im Grundgesetz der Religionsunterricht nicht mehr als Pflichtfach stünde, könnten die Länder ihn zum Pflichtfach erklären, solange das GG den Religionsunterricht nicht aus den Schulen verbannt (Kultushoheit der Länder). Und für die GG-Änderung braucht man eine 2/3-Mehrheit.

Guntram Kanig (nicht überprüft)

Do. 25 Jul 2019 - 05:45

Gute Idee! Vielleicht kommt es zu einer Kettenreaktion.

Edgar Schwer (nicht überprüft)

So. 28 Jul 2019 - 06:33

Im Gesetz Nr. 812 zur Ordnung des Schulwesens im Saarland heißt es in § 14:
„Die Eltern können die Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht ablehnen. Nach Vollendung des 18. Lebensjahres steht dieses Recht der Schülerin oder dem Schüler zu. Die Erklärung über die Abmeldung vom Religionsunterricht ist der Schulleiterin oder dem Schulleiter von den Erziehungsberechtigten oder von der Schülerin oder dem Schüler schriftlich abzugeben.
Diese Vorschrift gilt auch für Privatschulen“.
Leider haben die saarländischen Eltern durch ihre katholische Sozialisierung nicht den Mumm, § 14 konsequent zu beanspruchen. Durch den immer noch vorhandenen gesellschaftlichen Gruppenzwang wie Kindertaufe, Kommunion, Konfirmation oder Firmung will man den Kindern keinen schulischen oder gesellschaftlichen Nachteil zumuten. Welchem Druck konfessionsfreie oder vom Religionsunterricht abgemeldete Kinder durch religiös eifernde Lehrer- innen ausgesetzt sind, wäre noch kritisch zu untersuchen.
Im Nachbarland Luxemburg ist das Fach Religion jetzt auch an den Grundschulen abgeschafft und durch einen neutralen Werteunterricht ersetzt worden. An den weiterführenden Schulen hatte das neue, für alle Kinder verpflichtende Fach „Leben und Gesellschaft“ bereits vorher den Religionsunterricht ersetzt. Das Großherzogtum ist davon nicht untergegangen.

An der Regelung in Luxemburg sollten sich die Verantwortlichen in unseren Regierungen ein Beispiel nehmen, so geht Demokratie und so erfüllt man die Forderungen der Verfassung und des Grundgesetzes. Diese Regelung ist auch für ganz Europa vorbildlich.

Humanistischer Verband Deutschlands

Der Humanistische Verband Deutschlands vertritt die Interessen und Rechte von Konfessionsfreien in Staat und Gesellschaft. Er bringt sich in aktuelle ethische Debatten ein und engagiert sich auf der Basis von Toleranz, Selbstbestimmung und Solidarität für eine menschlichere Gesellschaft. Als Weltanschauungsgemeinschaft ist er den Kirchen gemäß Art. 140 Grundgesetz gleichgestellt.

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