Scharfe Kritik an den linken Befürwortern des Anti-Singer-Protestes

"Es ist beschämend, dass Linke solch reaktionäre Positionen unterstützen!"

Peter Singer (Ted Talk)
Peter Singer (Ted Talk)

BERLIN. (hpd) Michael Schmidt-Salomon hatte bereits vor seiner Abreise nach Griechenland, wo er u.a. über sein bei griechischen Linken beliebtes Buch "Keine Macht den Doofen" diskutierte, Stellung zu dem Anti-Singer-Protest in Deutschland bezogen. Nach seiner Rückkehr aus Athen legte der Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung noch einmal nach, wobei seine Kritik an den linken Unterstützern des Protests ungewöhnlich scharf ausfiel.

Gegenüber dem Humanistischen Pressedienst (hpd) erklärte Schmidt-Salomon am heutigen Donnerstagmorgen, dass er insbesondere über die linken Anti-Singer-Kommentare, die ihn in Athen erreichten, schockiert sei: "Leider ist die Linke, wie bereits in den 1990er Jahren, auf die Propaganda christlich-fundamentalistischer 'Lebensschützer' hereingefallen und hat sich vor den Karren extrem rechter Interessengruppen spannen lassen. Offenbar ist es vielen Linken überhaupt nicht bewusst, dass die von Peter Singer vorgenommene Unterscheidung zwischen menschlichen Personen und nicht-personalem menschlichen Leben notwendig ist, um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs zu legitimieren. Gibt man nämlich die wertende Unterscheidung zwischen den personalen Interessen der Mutter und den nichtpersonalen Interessen des Embryos bzw. Fötus auf, hat dies zur Folge, dass jeder Schwangerschaftsabbruch als 'Mord' eingestuft werden müsste. Genau dies ist das zentrale Anliegen der Gruppierungen, die den Anti-Singer-Protest vor einigen Jahrzehnten initiierten. Es ging und geht ihnen dabei nicht vorrangig um eine Verbesserung der Lebensbedingungen für behinderte oder schwerkranke Menschen (ein Ziel, für das sich bekanntlich auch Peter Singer einsetzt!), sondern um die Rettung des christlichen Menschenbildes sowie um das politische Bestreben, jede Form des Schwangerschaftsabbruchs und der Sterbehilfe zu verbieten (wogegen sich Singers Philosophie entschieden richtet)."

Michael Schmidt-Salomon, Foto: © Andreas Schütt
Michael Schmidt-Salomon, Foto: © Andreas Schütt

Was die religiösen Strippenzieher des Anti-Singer-Protests eigentlich bezwecken, könne man, so Schmidt-Salomon, leicht erkennen, wenn man die jüngsten Verlautbarungen der Katholischen Nachrichtenagentur lese (wörtlich übernommen von der Springer Presse, siehe "Die Welt") oder sich den einschlägigen Kommentar des konservativen christlichen Journalisten Alexander Kissler im Magazin "Cicero" vor Augen führe: "Hinter dem Anti-Singer-Protest steht eine undifferenzierte, religiöse Position, die versucht, menschliche Selbstbestimmungsrechte mit Verweis auf die angebliche 'Heiligkeit des Lebens' auszuhebeln. Zustimmung zu einer solch rückwärtsgewandten Haltung sollte man eigentlich nur im rechten Spektrum der CSU oder in der Partei der bibeltreuen Christen vermuten. Tatsächlich aber sind erschreckend viele Linke und Grüne der Propaganda der 'Marsch-fürs-Leben'-Aktivsten auf den Leim gegangen, so dass die genuin rechte Anti-Singer-Bewegung hier in Deutschland – anders als in anderen Teilen der Welt – einen vermeintlich 'progressiven' Anstrich erhält. Es ist wirklich beschämend, dass Linke solch reaktionäre Positionen unterstützen und so wenig aus den Debatten der letzten Jahre gelernt haben, dass sie nicht einmal ahnen, welch rechte Gesinnung sie mit ihrem Anti-Singer-Protest bedienen. Allem Anschein nach reichen ein paar grob aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus, um bei einigen Linken einen intellektuellen Kurzschluss auszulösen, der jede Form von kritischer Reflektion schlagartig unterbindet. Hätte ich nicht schon vor einiger Zeit in ‘Keine Macht den Doofen’ über das im politischen Spektrum besonders virulente Phänomen der 'Schwarmdummheit' geschrieben, wäre ich spätestens durch die Vorgänge der letzten Woche auf dieses Thema gestoßen."

Wer für das Verbot des Schwangerschaftsabbruchs und der Sterbehilfe eintrete, der habe tatsächlich gute Gründe, gegen Peter Singer zu protestieren, da Singer als Philosoph die rationalsten Begründungen für individuelle Selbstbestimmungsrechte geliefert habe, sagte Schmidt-Salomon: "Alle anderen müssen Singers Argumenten natürlich nicht in jeder Hinsicht folgen. Aber sie sollten es sich wirklich dreimal überlegen, ob sie als tumbe Marionetten der christlichen 'Lebensschutz'-Bewegung agieren wollen, die in ihrer verabscheuungswürdigen Propaganda nicht einmal davor zurückschreckt, einen linksliberalen säkularen Juden, der drei seiner Großeltern in deutschen Konzentrationslagern verlor, mit Nazivergleichen zu überziehen – angetrieben von der Hoffnung, ihn durch derartige Diffamierungen endlich für alle Zeiten mundtot machen zu können."

Kommentare (14)

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Do. 21 Mai 2015 - 14:36

Gut gegeben, Michael! Deine deutlichen Worte waren überfällig!

Antihexenjagd (nicht überprüft)

Do. 21 Mai 2015 - 14:46

Linker Gegenaufruf gegen die Umgangsart von 'Kein Forum für Peter Singer':
http://gegendiehexenjagdaufsinger.blogsport.de/

Elke (nicht überprüft)

Do. 21 Mai 2015 - 14:53

Es geht Singer doch überhaupt nicht um die Legitimierung von Tötung Behinderter, wie ihm immer vorgeworfen wird. Worum es ihm vielmehr geht, ist meinem Verständnis zufolge dies: Eltern haben die Möglichkeit, eigenverantwortlich ein schwerstbehindertes Kind zu töten, allerdings nur, solange es noch intrauterin ist, da ist Schwangerschaftsabbruch, sprich: Tötung möglich und legal; sobald es draussen ist und die vielleicht die Schwerstbehinderung da erst festgestellt wird bzw. durch die Geburt selbst erst eingetreten ist, haben sie diese Möglichkeit nicht mehr. Und genau darum geht es Singer, dass ihnen diese Entscheidung auch nach der Geburt eines schwerstbehinderten Kindes, das allem Ermessen nach niemals leidensfrei wird leben können, noch zugestanden werden sollte, anstatt die Fortdauer des Lebens und damit des Leidens der modernen Apparatemedizin zu überlassen, die, nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen, auf den längstmöglichen Erhalt jedes Lebens abzielt. Ein schwerstbehindertes Kind, von dem Singer spricht, kriegen die Eltern nach der Geburt gar nicht mehr zu Gesicht, das wird ihnen sofort abgenommen und apparatemedizinisch versorgt - hier kommt das Kostenargument Singers mit rein -, auch wenn die Aussicht auf längerfristiges Überleben, von Leidfreiheit ganz zu schweigen, gegen Null tendiert. Singer plädiert insofern nicht gegen das LebensRECHT jedes Individuums, ganz im Gegenteil, sondern gegen die leiderfüllte LebensPFLICHT schwerstbehinderter Neugeborener. Und wer bitte sollte da eine Entscheidung treffen, möglicherweise auch gegen die behandelnden Apparateärzte und gegen das herrschende Religionsdiktat, als die Eltern? Mit Nazi-Euthanasie hat das nicht das Geringste zu tun.

Sven Schultze (nicht überprüft)

Do. 21 Mai 2015 - 16:02

"Schwarmdummheit" - falls es so etwas tatsächlich geben sollte - ist komplex und zu ihr gehören wohl auch immer beide Seiten. In den Kommentaren, die hier im hpd geschrieben wurden, klang sehr oft die Forderung nach mehr Aufklärung über Peter Singer durch. Mit ein wenig mehr auf die Leute zugehen, die davon kaum etwas wussten - man nennt es Aufklärung - hätte wohl viel mehr erreicht werden können: Die Preisverleihung aussetzung und dafür öffentliche Podiusmdiskussionen o.ä., das wäre das Mittel der Wahl gewesen. Wie präsent dieses Thema in der Öffentlichkeit war und ist zeigt sich auch daran, dass sich auch der äußerst bekannte Youtuber und Viedoproduzent LeFloid des Themas annahm. Leider auch verkürzend, was die entsprechenden Kommentare auf Youtube zeigen. Ab der 3. Minute gehts zum Thema; aber auch sonst sehenswert! https://www.youtube.com/watch?v=rlOsfTJIksc

malte (nicht überprüft)

Do. 21 Mai 2015 - 19:55

Ich glaube nicht, dass linke Singer-Kritiker "auf die Propaganda der Lebensschützer hereingefallen" sind. Es ergeben sich immer wieder bei bestimmten Themen "Synergieeffekte" zwischen Gruppen, die politisch eigentlich nicht viel miteinander zu tun haben (z.B. beim Nahostkonflikt).

Wieso Singer gerade in Deutschland auch linke Kritiker auf den Plan ruft, ist doch gar nicht schwer zu erklären: Das Thema "Euthanasie" ist durch die deutsche Geschichte vorbelastet. Ich finde "antifaschistische Reflexe" im Prinzip auch sehr vernünftig, in dem Sinne, dass bei bestimmten Aussagen erst einmal die Alarmglocken läuten. Nur darf man eben bei diesem "Läuten" nicht stehenbleiben, es muss schon eine intensivere Auseinandersetzung folgen - wovon bei den Anti-Singer-Protesten oft nicht die Rede sein kann.

Absurderweise geht der Protest ja diesmal von einer PRO-CHOICE-Initiative aus - also von Leuten die FÜR das Recht auf Abtreibung sind (https://no218nofundis.wordpress.com/). Wie inkonsistent diese Leute argumentieren (sie sind offenbar auch gegen PND und PID) hat Michael Schmidt-Salomon durchaus treffend festgestellt.

Das ist allerdings haarsträubend. Wenn christliche "Lebensschützer" die PID ablehnen, dann ergibt das wenigstens eine kohärente Position. Aber was kann einen Pro Choicer, der selbst eine Abtreibung aus Karrieregründen in Ordnung findet, dazu bewegen, ein Verbot von PID und Pränatest zu fordern? Anscheinend sind diese Leute wirklich unfähig, zwischen der Förderung von Behinderten und der Förderung von Behinderung zu unterscheiden. Nach gleicher Logik wäre die "Mach's mit"-Kampagne eine Diskriminierung von AIDS-Kranken, und das Verbot von Contergan eine Diskriminierung der Contergangeschädigten.

Falls es jemand noch nicht weiß, DIE LINKE ruft jedes Jahr zur Gegendemo gegen den absurden Marsch der Lebensschützer in Berlin auf. Also ganz auf den Leim gegangen können sie nicht sein......

Marcel (nicht überprüft)

Fr. 22 Mai 2015 - 17:48

Vieles am geschilderten unfairen Umgang mit Peter Singer erinnert mich an den Umgang so einiger Protagonisten mit Menschen, die sich für Männer und Jungen einsetzen. Auf http://genderama.blogspot.ch/ und anderen Webseiten werden unzählige solcher Anfeindungen, Diffamierungen etc. (von Bloggern, Ministerien, Stiftungen, Politikern, Medienschaffenden usw.) beschrieben. Ich fordere den hpd, die gbs und alle Humanisten auf, sich im Sinne ihrer eigenen Philosophie gleichermassen gegen eine unfaire Behandlung dieser engagierten Menschen auszusprechen.

kritische Feministin (nicht überprüft)

Sa. 23 Mai 2015 - 21:15

Die immer wieder geäußerte Behauptung, vor allem „Lebenschützer“ würden Singer kritisieren, soll nur die Kritik diskreditieren. Nur weil Hubert Hüppe, in der Tat ein bekennender „Lebensschützer“, auch gegen Singer ist, heißt das ja nicht, dass alle anderen seine Meinung übernommen haben. Vielleicht ist Hüppe ja von den Behinderten manipuliert worden? Als ehemaliger Behindertenbeauftragter der Bundesregierung war er ihnen oft ausgesetzt…

Fun-Fact: Herr Schmidt-Salomon behauptet, dass die von „Peter Singer vorgenommene Unterscheidung zwischen menschlichen Personen und nicht-personalem menschlichen Leben notwendig ist, um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs zu legitimieren.“

Auch hier machen unserem Propheten, ähh, Philosophen seine Wissenslücken offensichtlich schwer zu schaffen. Aber, wie gesagt, wir helfen gern. Man kann davon ausgehen, dass es einen Unterschied macht, ob wir von einem Fötus in einem anderen Körper oder von einem geborenen Baby sprechen. Wir geben zu, das ist nicht einfach zu begreifen für Herrn Schmidt-Salomon: Einen Unterschied zu machen zwischen einem geborenen Menschen, den man nicht töten darf, und einem ungeborenen Menschen, dessen Leben mit dem der Schwangeren verbunden ist. (Lasst uns jetzt bitte nicht über Spätabbrüche diskutieren, oder wenn: selbst wenn der Fötus schon lebensfähig sein sollte, steckt er immer noch im Körper der Frau, ergo: ihre Entscheidung.) Feministinnen haben sich schon immer auf die Geburt als definitive Grenze bezogen. Das mag manchem Philosophen, die lieber über die „wertende Unterscheidung zwischen den personalen Interessen der Mutter und den nichtpersonalen Interessen des Embryos bzw. Fötus“ nachdenken, etwas platt erscheinen, funktioniert aber sehr gut, es macht einen überhaupt nicht gemein mit „Lebensschützern“ – denen im allgemeinen bei der Lektüre dieses Blogs die Haare zu Berge stehen dürften! Singer und sein gläubiger Anhang finden diese Grenze willkürlich und wollen sie gern weiter hinausschieben. Singer macht auch gar keinen Hehl aus seinem Motiv. Er möchte Eltern und Ärzten die Gelegenheit geben, sich für das Umbringen der Babys zu entscheiden, deren Behinderung man bei der Pränataldiagnostik nicht entdeckt hat oder entdecken konnte… Und man kann durchaus gegen das Abtreibungsverbot sein und trotzdem selektive Abbrüche angesichts des „falschen Geschlechts“ oder des „falschen Körpers“ für ein ernstes Problem halten.
https://no218nofundis.wordpress.com/2015/05/22/zu-michael-schmidt-salomon-und-der-giordano-bruno-stiftung/

Den Widerstand Linker auf "Propaganda der Lebensschützer" zurückzuführen, halte ich ebenfalls für verfehlt - siehe mein Kommentar oben. Ich widerspreche Singer auch an vielen Punkten, und zu dieser Position bin ich eigenständig ohne irgendeine "Propaganda" gekommen. Es ist typisch für Schmidt-Salomon, sich immer einseitig auf die Religion als Feindbild zu konzentrieren, bei seinen Aussagen zum ärztlich assistierten Suizid macht er den selben Fehler.

Was du hier schreibst, ist allerdings noch größerer Unsinn. Du drückst dich darum, anzuerkennen, dass deine eigene Position gar nicht so weit von der Singers entfernt ist. Du meinst, ungeborene Kinder hätten noch kein Lebensrecht, bei Singer gilt das auch noch kurz nach der Geburt. Und dieser letztlich graduelle Unterschied wird jetzt zu einem riesigen Dissens aufgeblasen, der Nazi-Vergleiche und Redeverbote rechtfertigen soll? Natürlich muss man Singers Position in diesem Punkt nicht teilen - das tue ich auch nicht. Aber man sollte zumindest eine argumentative Begründung für die eigene Position liefern. Von dir kommt nur das lächerliche Traditionsargument, dass "Feministinnen das immer schon so gemacht haben".

Und natürlich ist es ein Widerspruch, gleichzeitig für das Recht auf Abtreibung und gegen PID/PND einzutreten. Wenn du der Ansicht bist, dass die Frau das Recht hat, über eine Abtreibung zu entscheiden, dann musst du auch damit leben, dass sie für die Abtreibung vielleicht Gründe hat, die dir nicht gefallen. Was ist denn das für eine Einstellung: "Dein Körper gehört dir - allerdings nur, wenn du meine Weltsicht teilst".

Gabriele Röwer (nicht überprüft)

So. 24 Mai 2015 - 00:01

Ich bitte in der allgemeinen Aufregung pro und contra Michael Schmidt-Salomon/Peter Singer auch dies zu bedenken:
Der Chefredakteur der Zeitschrift "Aufklärung und Kritik", Helmut Walther, steht mit seiner Kritik an den utilitaristischen Grundlagen der Ethik Peter Singers sicher ebenso wenig in dem Ruf, auf die "Propaganda christlich-fundamentalistischer Lebensschützer" hereinzufallen und "sich vor den Karren extrem rechter Interessengruppen spannen (zu) lassen" (vgl. seinen Beitrag in A&K 1/1995 http://www.gkpn.de/id129.htm) wie der Religions- und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner (1924-2014), der meinen in A&K 3/2011 publizierten Essay über seine (Tier-) Ethik in Abgrenzung von Peter Singer Wort für Wort autorisierte:http://www.gkpn.de/Roewer_Tierethik.pdf.
Gabriele Röwer

Jörg Hartmann (nicht überprüft)

So. 24 Mai 2015 - 12:53

PND/PID doof finden (ob vor oder - wie bei Singer - noch ein paar Tage nach der Geburt) und gleichzeitig gegen Kriminalisierung von Abtreibung sein geht vorzüglich - aber eben nur entweder durch Unterscheidung von personalem und (noch) nicht personalem Leben (wenn auch nicht unbedingt so wage und potentiell willkürlich wie durch Unterscheidung individueller Merkmale) oder schlicht durch Ablehnung von Strafjustiz (und ggf. Staat) allgemeinen. Für spezielles Singer-Bashing gibt beides keinen Anlass.

Jörg Hartmann (nicht überprüft)

So. 24 Mai 2015 - 13:19

Einer ganzen Reihe von Leuten, die Singer mit Nazis vergleichen, geht es sowieso nicht um Anti-Ableism sondern um Anti-Anti-Speziesismus.

UNKRAUT (nicht überprüft)

Mo. 25 Mai 2015 - 17:21

Als "unpazifistischer radikaler Linker" erstmal Danke für die Kritik von M.Schmidt-Salomon, denn sich um die Chance der Überprüfung eigener Positionen zu bringen, fördert nicht nur die Selbstgefälligkeits-Schublade, sondern ist für mich zutiefst "konterrevolutiönär". Ich halte es zwar für überzogen von "sich vor den rechten Karren spannen lassen" zu reden, aber es fördert eine (meiner persönlichen Meinung, Empfindung, Erfahrung nach) grundlegende Schwäche progressiver und emanzipatorischer Bewegungen zu Tage. Nämlich die unzureichende Wahrnehmung atheistischer Verantwortung und der manchmal daraus resultierenden "Fehlinterpretationen" von Gut und Böse, Falsch und Richtig, die zumeist auf den Grundlagen eines "theistisch, bürgerlich-moralisierenden" Wertekanon basiert. In den Kommentaren zuvor ist von antifaschistischem Reflex (ein hervorragender und überlebenswichtiger Reflex) und vom Synergieeffekt am Beispiel Nahost die Rede. Betrachten wir uns zweiteren in der Praxis mal genauer. Nicht nur das ich auf jeder Antifa-Demo das Heulen kriegen könnte, das faschistoide Kleinbürgergeister, minderbemittelte Hooligans und die üblichen Naziverbrecher/innen das Thema Religion auf ihren Gidas und CoKG für sich beanspruchen, die ihre Islamkritik natürlich als Schutzschild für ihre Menschenverachtende Gesinnung mißbrauchen, derweil eine antifaschistische Linke, deren Hauptanliegen die Bekämpfung Freiheitsunterdrückender Bestrebungen, auch in religiöser Hinsicht, sein sollte mit einem "auch wir finden den IS doof" Plakat hinterherhinkt...Natürlich gehört es gerade in der autonomen Linken zum Selbstverständnis "konfessionsuninteressiert" zu sein und die "Institution Kirche" als solche ablehnend zu bewerten, aber es wird eher ein Plenum einberufen um die Satzung des Kleingartenvereins auf reaktionäre Inhalte zu überprüfen, da der Präsident desselbigen im "Stadt X stellt sich quer- Bündnis" ist, derweil auf der Kundgebung den Solidaritätsreden der örtlichen Pastorin und dem Vertreter des Moscheeverbandes höflich Beifall geklatscht wird (...ist leicht polemisch, aber kein Grund mich zu entschuldigen, den der Kern stimmt !). Diese Abgrenzung findet (zu Recht) sofort statt, sobald ein Vertreter einer politischen Kaste, welche z.B. eine restriktive Asylpolitik betreibt, auftaucht...und wenn es nur der kleine SPD-Ortsvorsteher ist, der sein Lebtag noch nie den Bundestag von innen gesehen hat...Bei dem Versuch anzumerken, das hier Vertreter/innen, deren individuelle antirassistische, antifaschistische Grundhaltung ich gar nicht bezweifele, eines "patriachalen, von oben nach unten Alleinherrschenden und eines von unten nach obend dienenden Knechtschaft-verherrlichenden ethischen Weltbildes" das Wort haben, ernte ich im besten Falle Schulterzuckendes "...ist doch gut das die mitmachen und das mit der Nächstenliebe ist doch ne tolle Sache..." - bis hin zur Verdächtigung der Islamphobie. Besonders deutlich wird das in der anhaltenden Nahost-Auseinandersetzung. Das sich ein/e Deutschlandfahnensöckchen am Außenspiegel - KfZ-Fahrer/in über "die Juden" ereifert war mir klar. Kann man doch wunderbar den Ball der historischen Verantwortung zurückkicken, da "die" ja keinen Deut besser sind als die eigenen Großeltern, na, soviel Glück ! Das aber eine progressive Linke zum Teil unbewußt, zum Teil durch das jahrzehntelange, beinah schon verschwörungstheoretisch a la Chemtrails anmutende Schielen auf den US-Imperialismus ebenso unreflektiert handelt erschreckt mich immer wieder. Von diversem antisemitischen Dreck mal ganz abgesehen, ich als antinationaler Staatengrenzeneinreißenwollender Mensch soll mich für einen Nationalstaat stark machen ??? Einen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch noch "Gottes-Staat", in dessen Verwaltungsgrenzen schon jetzt z.B. LGBT-Menschen jede Minute um ihr Leben fürchten müssen ?!! Das grenzt schon an politische Debilität ! Lange Rede, kurzer Sinn. Es fehlt einer progressiven und emanzipatorischen Bewegung weder an Ideen, Kreativität und schon gar nicht an Berechtigung, angesichts einer im größtenteils im Argen liegenden Welt. Was uns fehlt ist eine progressive und emanzipatorische Ethik, deren Marschrichtung nur "von Tellerrand zu Tellerrand" kennt und einzig und allein der "Förderung der Freiheit des individuellen Bewußtseins" zugute kommen sollte. Natürlich "entkommt" niemand ständig der Prägung des Lebens, selbst die wackersten Fighter/innen des schwarzen Blocks haben höchstwahrscheinlich ein konfessionelles Bildungssystem durchlaufen und mußten Samstags Rasen mähen, damit die Nachbarn nicht vorwurfsvoll in den Garten gucken. Die Gegenwehr kann aber nicht darin bestehen, das wir uns einen Krimskramsladen der Wertebeliebigkeiten schaffen, indem wir uns je nach "politischer Gemengelage" zwischen bürgerlichen Wertvorstellungen,selbstgerechten Habitus, theistisch geprägten Moralvorstellungen oder anderem transzendentem Hokuspokus die "Werteethik" zusammenbasteln, die unserer Meinung nach gerade am besten zum "political correct - Outfit" passt. Hierdurch kommt es nämlich genau zu den Verwerfungen a la Peter Singer. Der Reflex auf Singer ist richtig und zeugt von Wachsamkeit. Die Reaktion greift aber auf die "altvertrauten Litaneien" und Methodik der Mottenkiste zurück. Was ist für mich der Wert meines Lebens. Mein Bewußtsein ! Natürlich gehört hierzu auch die Unversehrtheit meines Körpers, keine Frage, schließlich ist das der LKW meines "bewußten Daseins"...bin ich allerdings dieses "Seins" nicht mehr fähig, brauch ich auch den LKW nicht mehr. Als einziger und alleiniger Besitzer meines "Seins" bestimme ich natürlich auch darüber, wann ich das beenden will und wann nicht. Dies steht nicht zur Disposition, wo kämen wir da sonst hin...Bin ich allerdings nicht mehr in der Lage diese Entscheidung "aus freien (also bewußten) Stücken" zu treffen, hoffe ich für mich das das die Menschen tun, die ich achte, liebe und respektiere...wenn sie wollen und können ! Ich lege diese Verantwortung niemand auf, der damit weiterleben muß...bleib ich halt an irgendwelchen Apparaten hängen. Ärgerlich, aber was solls...ich BIN ja nicht mehr ! Das gleiche hätte ich für mich als Säugling gelten lassen, so wie ich Peter Singers Statement (nach kurzem innehalten und Zeit zum Nachdenken lassen) interpretiere. Meine erste "bewußte Wahrnehmung", an die ich mich erinnern kann ist ein großer,brummender Hoover Klopfstaubsauger...das ist mein Zeitpunkt gewesen an dem ICH BIN...alles davor ist für mich heute (zumindest bewußt) komplett irrelevant. Hätten meine Eltern sich nach meiner Geburt für eine Unterlassung Lebensrettender Maßnahmen entschieden, es wäre mir vollkommen egal gewesen...ich war fast 14 Milliarden Jahre nicht existent, da wäre es auf ein paar Tage mehr oder weniger nicht angekommen. Und auch hier kann und darf es nur einen Entscheidungsträger geben, nämlich die Menschen die sich für mich als unbewußtes Wesen verantwortlich fühlen. So wie es selbstverständlich ist, das allein die Schwangere Herrin ihres Körpers ist, so ist es auch selbstverständlich das die Gebärende und alle die SIE für berechtigt hält über den "Fortbestand" meiner Hülle entscheidet, genauso wie im Falle eines Hirntodes als Erwachsener. Alles andere soll sich raushalten...Staat, Politik, Glaubens-Sekten, Berufsverbände von Ärzten_innen und alle die den Wert der Würde des Menschen für wichtiger halten als die Würde des Menschen selbst. Rechte habe ich mit meiner Geburt automatisch, aber Würde kann ich nur durch bewußtes Empfinden meines eigenen ICHs, nämlich durch "Werden" erlangen. Bin ich dazu nicht in der Lage, stört es mich nicht ob ich lebe oder tot bin. Alles andere entspringt der Arroganz unseres Bewußtseins auf Teufel komm raus etwas "Besonderes" (Gottes Ebenbild z.B.) sein zu müßen. Es würde uns allen gut tun, sich einmal am Tag daran zu erinnern warum wir tagtäglich "gegen den Strom schwimmen" wollten. Nicht um alte Dogmen durch neue zu ersetzen, nicht mit den von div. Unterdrücker-Eliten Jahrhundertelang geprägten Teilen einer überholten,bigotten Moral zu hantieren, sondern neue erweiterte Wege für das Selbstbestimmungsrecht des/der Einzelnen zu beschreiten. Das beinhaltet in erster Linie das Abschneiden der eigenen alten Zöpfe und nicht nur der Hinweis auf den Zopf des Gegenübers...

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