Das Thema "sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche" kommt in Osnabrück nicht auf die Bühne

Theater Osnabrück
Hauptspielstätte des Theaters Osnabrück am Domhof/Platz der Deutschen Einheit

Mit "Ödipus Exzellenz" sollte die neue Spielzeit am Theater Osnabrück eröffnet werden. Doch überraschend strich Intendant Ulrich Mokrusch das Stück aus dem Spielplan – um zu verhindern, dass "Elemente der katholischen Liturgie im Kontext eines Stückes über sexualisierte Gewalt und deren Vertuschung innerhalb der Kirche auf der Bühne" gezeigt werden. Eine Entscheidung, die für Diskussionen sorgt.

Das Stück "Ödipus Exzellenz", das Regisseur Lorenz Nolting und Dramaturgin Sofie Boiten am Theater Osnabrück auf die Bühne bringen wollten, handelt von sexualisierter Gewalt und deren Vertuschung und basiert auf einer antiken Tragödie von Seneca. Ziel war es, die Mechanismen der Schuldverdrängung des mythischen Königs Ödipus auf die katholische Kirche zu übertragen – bisher sind in der Diözese Osnabrück mehr als 400 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen bekannt.

Der Missbrauch durch katholische Priester und der Umgang mit den jugendlichen Opfern ist ein aktuelles Thema. Das Regieteam wollte zwischen der katholischen Kirche, die ihr eigenes Versagen nicht sehen will, und Senecas "Ödipus" Parallelen aufzeigen. "Dieser Frage geht die Inszenierung jedoch nicht innerhalb des antiken Dramas nach, sondern vor dem Hintergrund einer anderen, ebenso antiken Institution: der katholischen Kirche. Die Geschichte des König Ödipus wird zum Spiegel einer Institution, die sich jahrzehntelang geweigert hat, hinzusehen und enthüllt die Mechanismen von Machtmissbrauch und seiner Verschleierung." So kann man es momentan noch auf der Homepage des Theaters Osnabrück lesen.

Die Theaterhomepage wurde unlängst um folgenden Hinweis ergänzt: "Aufgrund von künstlerischen Differenzen wurde die Produktion leider abgesagt." Eine Entscheidung des Intendanten Ulrich Mokrusch – doch sind es wirklich künstlerische Differenzen oder hat die Kirche Einfluss genommen? Der Norddeutsche Rundfunk berichtete, Mokrusch habe sich an dem reißerischen Umgang mit zentralen Glaubensinhalten, der die Inszenierung überlagert, gestört: "Das fand ich für das Thema verkehrt und auch schädlich und fand es auch für unser Publikum nicht adäquat."

Mangelnde Neutralität bei sensiblen Themen

Regisseur Lorenz Nolting widerspricht. Er habe mit größter Sorgfalt gearbeitet und das Stück mit Hilfe von Karl Haucke – selbst Opfer kirchlichen Missbrauchs – entwickelt, um eine authentische Perspektive einzubringen. Haucke hatte bereits zuvor in Hildesheim an einem ähnlichen Theaterstück mitgearbeitet. Nolting sieht sich in seiner künstlerischen Freiheit beschnitten und wirft seinem Intendanten eine mangelnde Neutralität bei diesem sensiblen Thema vor. Osnabrück ist eine katholisch geprägte Stadt mit einer CDU-Bürgermeisterin, und das Theater ("Am Domhof") ist nur einen Steinwurf weit vom Dom entfernt. Laut Nolting habe Mokrusch erklärt, er fühle sich durch die Darstellung eines Gottesdienstes "missbraucht und beschmutzt" und bezeichnete das Vortragen des Vaterunsers auf der Bühne gar als "Vergewaltigung". Der Intendant wiederum betonte, es sei ihm um den Schutz der Christen im Publikum gegangen, und ganz persönlich wolle er "nach diesem Stück noch einen Kaffee mit dem Generalvikar trinken können".

Nachdem der Regisseur und die Dramaturgin nicht bereit waren, die Eingriffe des Intendanten umzusetzen – sie hätten sich schriftlich verpflichten sollen, keine religiösen Symbole zu diskreditieren und eine Verschwiegenheitsklausel zu unterzeichnen –, kam es zum endgültigen Bruch und der umgehenden Entlassung des Regieteams. Der Hinweis, dass ein Theaterstück, das den sexuellen Missbrauch in der Kirche thematisiert, auch den religiösen Kontext samt Predigt und Sündenvergebung abbilden muss, interessierte Mokrusch nicht. Für Betroffene wie Karl Haucke ist die Absetzung ein Schlag ins Gesicht. Die Kirche bestreitet jegliche Intervention.

Es bleibt die Hoffnung, dass ein anderes Theater den Mut findet, "Ödipus Exzellenz" aufzuführen und den Diskurs über Machtmissbrauch und Vertuschung in der katholischen Kirche dorthin zu bringen, wo er hingehört: auf die Bühne. Bleibt die Frage, wie man mit dieser Art von Zensur und Verengung der Meinungskorridore zukünftig umgehen will.„"

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Kommentare (6)

Angelika Wedekind (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 14:41

Als Schauspielerin und Regisseurin sage ich dazu: so ein Intendant gehört gefeuert! Kunst muss frei bleiben und ein Intendant hat gefälligst persönlich dafür zu sorgen, dass das so bleibt!

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 14:50

Die Theaterleitung in Osnabrück sollte sich was Schämen über deren Feigheit.

A.S. (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 15:23

Menschen muss man vor Religion schützen. Was die übliche Praxis ist: Religion wird vor Menschen geschützt. Verkehrte Welt!

Winfried Ponsens (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 15:33

Keine der Begründungen zieht. Wer den Zusammenhang von katholischer Messe, dem Vater Unser und sexueller Gewalt durch Priester leugnet, der hat wenig bis gar nichts vom Leid der Betroffenen verstanden. Das ist doch das, was die kriminelle Handlung in der Kirche so auszeichnet: die sexuelle Gewalt trifft hier die Opfer nicht plötzlich und unerwartet in einem Moment der direkten, möglicherweise erfolglosen Überwältigung sondern im Zuge eines spirituellen Nebels. Die sexuelle Gewalt wird hier häufig sogar als verdrehter Wunsch nach Nähe zu Gott unausweichlich. Gerade das gemeinsame Gebet bereitet die Gewalttat vor. Nicht umsonst können "normale" Vergewaltigungsopfer die Tat als von außen kommend z.B. der Polizei melden oder mindestens sonstwie mitteilen. Kirchliche Missbrauchsopfer brauchen meist 40 Jahre und länger, um sich selbst nicht mehr als Teil der Tat zu verstehen sondern den Täter als allein verantwortlich zu markieren. Erst wenn sie die spirituelle Distanz aufgeben, sind sie überhaupt bereit, eine solche Tat auch als Verbrechen zu begreifen und zu melden. Der Intendant fühlt sich beschmutzt? Und wie fühlen sich die Opfer?

Jens (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 19:01

Das Kaffeetrinken des Intendanten ist wichtiger als die Opfer und die Kunst. Na hoffentlich verbrennt er sich ab jetzt nicht jedes Mal wenn er einen Kaffee trinkt.

Klaus Bernd (nicht überprüft)

Do. 31 Jul 2025 - 23:08

„Institution, die sich jahrzehntelang geweigert hat, hinzusehen“
Ich störe mich an dem „jahrzehntelang“ und an dem "hinzusehen". Nach meiner Meinung sollte das „jahrhundertelang“ heißen. Wobei das „nicht hinzusehen“ eine krasse Verharmlosung darstellt, ja selbst „Vertuschung“ das Handeln der Kirche nicht korrekt beschreibt. Die Versetzungspraxis erfüllt zumindest den Straftatbestand der Begünstigung von Straftaten. Die systemischen Bedingungen, wie sie der Kommentar von Winfried Ponsens teilweise beschreibt, waren in den vergangenen Jahrhunderten, als „Hochwürden“ noch in Soutane durch die Gemeinde SEINER Kindlein schritt, noch viel ausgeprägter als in der Zeit nach 1945, die in den meisten Untersuchungen den Startermin darstellt.
Der Intendant übernimmt in seiner Rechtfertigung die paternalistische Rhethorik und Einstellung des Klerus, wenn es ihm um den „Schutz der Christen“ geht. Für gute Beziehungen zum Generalvikar, dem Mann fürs Grobe im Bistum, opfert er die künstlerische Freiheit.

Ralf Nestmeyer

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller (zu seiner Website geht es hier). Er hat zahlreiche Reiseführer, Sachbücher und Krimis geschrieben und gehört zu den Gründungsmitgliedern von PEN Berlin.

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