Bremens Polizei zwischen Vielfalt und Neutralität

Turban oder Schirmmütze?

Symbolbild
KI-generiertes Symbolbild

In Bremen könnten Polizisten künftig neben der klassischen Schirmmütze auch einen Turban tragen. Ein Polizeianwärter, der der Sikh-Religion angehört, erschien zur Vereidigungsfeier mit Turban, einem religiösen Symbol seiner Glaubensgemeinschaft. Das hat in dem Stadtstaat eine Debatte um staatliche Neutralität ausgelöst. Die Juristin Jessica Hamed vom Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) ordnet die Debatte vor dem Hintergrund der Polizei als neutralem Träger des Gewaltmonopols ein.

Derzeit gibt es in Bremen keine Vorschrift, die das Tragen religiöser Kopfbedeckungen im Polizeidienst ausdrücklich verbietet. Um dies zu ändern, kündigte der damalige Innensenator des Landes, Ulrich Mäurer (SPD), bereits im Mai 2025 eine "Rechtsverordnung zum Tragen religiöser Kopfbedeckungen" an. Auch der innenpolitische Sprecher der SPD, Kevin Lenkeit, betonte die Notwendigkeit einer klaren Regelung. Doch gibt es in dieser Frage noch keine Einigung. In dem Stadtstaat regieren die Sozialdemokraten in einer Koalition mit Grünen und Linken. Und bei beiden Juniorpartnern stößt die SPD-Initiative auf klare Ablehnung. So verwarfen sie alle Bemühungen Mäurers um Einigung, zuletzt auch einen Kompromissvorschlag. Dieser hätte den Polizisten im Innendienst eine religiöse Kopfbedeckung erlaubt, nur im Außendienst mit Bürgerkontakt wäre die Schirmmütze Pflicht.

Doch Grünen und Linken ging das nicht weit genug. Der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bürgerschaft, Michael Labetzke, sah darin ein "striktes Festhalten an Regeln aus Bismarcks Zeiten". Mit einer offenen Regelung würde man dagegen ein wichtiges Zeichen für eine diverse Gesellschaft senden. Ins gleiche Horn bläst die Linke: Ihr Vorsitzender Nelson Janßen forderte, dass sich die zunehmende Diversität in der Gesellschaft auch in der Repräsentanz des Staates wiederfinden müsse.

Doch ist dies vereinbar mit einem weltanschaulich neutralen Staat? Zu dieser Frage nimmt Juristin Jessica Hamed, stellvertretende Direktorin beim Institut für Weltanschauungsrecht (ifw) Stellung: "Mit Uniform, Bewaffnung und weitgehenden hoheitlichen Eingriffsbefugnissen tritt die Polizei als Organ staatlicher Gewalt auf. Sichtbare religiöse Symbolik in diesem Rahmen kann den Eindruck erwecken, der Staat trete religiös positioniert auf; diese Außenwirkung ist neutralitäts- und vertrauensrelevant. Vertrauen in die Polizei beruht wesentlich auf dem Eindruck strikter Unparteilichkeit. Bürger*innen müssen darauf vertrauen können, dass polizeiliches Handeln weltanschaulich ungebunden erfolgt."

Sichtbare Religionszugehörigkeit könne – auch wenn hierfür keine tatsächliche Grundlage bestünde – Zweifel auslösen, so Hamed weiter. "Wird jemand derselben Religion milder behandelt? Wird jemand anderer Religionszugehörigkeit strenger kontrolliert? Besteht ein kultureller oder religiöser Bias? Vertrauen hängt dabei nicht nur an der inneren Haltung, sondern vor allem an der wahrnehmbaren Neutralität."

Der wahrgenommenen Überparteilichkeit komme gerade in Konfliktlagen eine besondere Bedeutung für die Akzeptanz polizeilicher Entscheidungen zu. Wie Hamed betont, gehe es nicht darum, religiöse Menschen aus dem Polizeidienst fernzuhalten. "Im Außendienst muss die Polizei als neutraler Träger des Gewaltmonopols auftreten. Deshalb können für die Polizei strengere Anforderungen gelten als für Verwaltungsangestellte ohne unmittelbaren Bürgerkontakt. Bürger*innen dürfen zudem erwarten, dass ihnen der Staat in einer Zwangssituation (Kontrolle, Durchsuchung, Festnahme) ohne religiöse Zuschreibung gegenübertritt. Wer dem Staat in solchen Situationen faktisch ausgeliefert ist, kann religiöse Symbolik als Machtzeichen wahrnehmen."

Auch die neue Innensenatorin Eva Högl (SPD) fordert ein einheitliches, neutrales Erscheinungsbild bei der Polizei. Die Bevölkerung müsse darauf vertrauen können, dass Polizisten unparteiisch handeln; dieses Vertrauen könne durch religiöse oder politische Symbole in der Uniform beschädigt werden: "Polizistinnen und Polizisten tragen Waffen, sie können Menschen festnehmen, sie greifen in Grundrechte ein. Das ist staatliche Gewalt. Und der Staat muss weltanschaulich neutral sein – das ist ein Kernprinzip unserer Verfassung." Die Frage, wann mit einer Regelung zu rechnen ist, die für alle Beteiligten Klarheit schafft, lässt Högl offen. "Wir prüfen verschiedene Wege."

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Kommentare (10)

A.S. (nicht überprüft)

Fr. 16 Jan 2026 - 15:46

Mal wieder: Grüne und Linke im Dienst der Anti-Aufklärung.

Das finde ich als Grüner auch bedenklich. Zumindest hatten beide Parteien das Bremer "Justizneutralitätsgesetz" vom 26.02.2025 (GBl. S. 58) mitbeschlossen, was Berufsrichter*innen bei allen Handlungen mit Außenwirkung religiöse Symbole untersagt.

Die Autorin irrt allerdings, dass es überhaupt keine Vorschrift für den Polizeidienst gäbe. 2021 hat der Bundestag § 34 Abs. 2 des Beamtenstatusgesetzes entsprechend erweitert, welches auch für Landesbeamt*innen gilt.

Manfred Herrmann
(LAG Säkulare Grüne Berlin)

Klaus Weidenbach (nicht überprüft)

Fr. 16 Jan 2026 - 18:53

Alle Staatsgewalt muss in jeglicher Hinsicht religionsneutral sein. Weder ein Sikh (mit Turban) noch ein Jude (mit Kippa) oder ein Christ (mit sichtbarem Kreuz) sollte sich als Polizeiuniformträger mit seinen religiösen Emblemen zeigen dürfen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, aber auch nicht in der Dienststelle. Religion ist absolute Privatsache und darf nicht mit einem staatlichen Tun verbunden sein. Die leider immer noch vorhandene Wichtigkeit der Religion in den Köpfen vieler Politiker, ihre Unterwürfigkeit unter die Kirchen muss sich den gesellschaftlichen Änderungen (Kirchenaustritte) anpassen. Vielleicht möchten die spinnerten Befürworter von Turban statt Schirmmütze auch für weibliche, islamische Polizeiangehörige Burka, Hidschab, Niqab gestatten? Religion fördert Integration nicht, im Gegenteil, sie separiert.

Guggemos, Walter (nicht überprüft)

Fr. 16 Jan 2026 - 21:28

passen zu diesem Thema hat "Civey" diese Tage eine Online-Umfrage durchgeführt. Die Frage lautete: Sollte es Polizeikräften Ihrer Ansicht nach erlaubt sein, im Dienst religiöse Symbole (z.B. Kreuzanhänger, Kopftuch) zu tragen?
Teilnahme > 5.000 (Damit stufte Civey das Ergebnis als reprasentativ ein)
Ergebnis:
7,9% Ja, auf jeden Fall
6,8% eher ja
10,6% Unentschieden
18,5% Eher nein
56,2% Nein, auf keinen Fall

Tim Mangold (nicht überprüft)

Sa. 17 Jan 2026 - 14:10

Ja, ganz klar, Polizisten, Richter, Staatsanwälte, andere Staatsbedienstete müssen neutral auftreten, alles andere gefährdet Vertrauen in die Neutralität des Staates und kann als Vorteilsnahme gesehen werden. Vielfalt, weitestgehend ja, aber nicht bei derartigen Beamten im Dienst. Wenn der Beamte gerne religiös ist und damit niemandem schadet, gerne, würde ich gerne diskutieren wenn sich die Gelegenheit bietet, aber im Dienst hat man seinen Glauben nicht zu sehen. Das gilt für alle, Muslime, Christen, Juden, Sikhs, Hindus. Die Konsequenz für die Sichtbarkeit dieser Symboliken im Dienst wären zu groß.

Hans-Jürgen Brenneke (nicht überprüft)

So. 18 Jan 2026 - 16:35

Ich will staatliche Neutralität und keinerlei Symbole bei Mitarbeitenden des Staates, also generell im Dienst und bei allen: nichts. Schon gar keine religiösen! Insbesondere die Aufdringlichkeit der meisten Religiösen ist oft schwer erträglich für mich. Frei von Religion muss ich permanent deren Propaganda mitfinanzieren: Konfessionelle Kindergärten und Schulen, theologische Fakultäten, allgemeine Staatsleistungen, die nicht verjähren aber zu jährlichen Zinszahlungen führen, Gehalt der Bischöfe, Millionen Kirchentagszuschüsse, Kirchensteuereinzug, eigenes Arbeitsrecht, Körperschaftsbefreiung (Grundsteuer, Gerichtskosten, etc.), Büros in allen Landtagen und im Bundestag, Sitze für Konfessionen in allen Rundfunkräten, Verkündigungssendungen in öffentlich-rechtlichen Medien… Von allem viel zu viel.

GeBa (nicht überprüft)

Mo. 19 Jan 2026 - 10:46

Antwort auf von Hans-Jürgen Brenneke (nicht überprüft)

Da sind Sie nicht allein, diese Aufdringlichkeit der Religionen müßen wir alle erdulden, zumindest so lange wie unsere Regierung noch Kirchentreu ist und diese mit ihren Lügen unterstützt, wir könnten Milliarden von Steuergeldern sparen und für wichtigere Probleme
einsetzen, wenn unsere Regierung endlich neutral aufgestellt ist.
Leider sehe ich da nicht die kleinsten Schritte dies zu verändern, zumindest solange unser
Bundeskanzler von der CDU oder CSU ist und eine christliche Partei repräsentiert.

KG (nicht überprüft)

Mo. 19 Jan 2026 - 16:44

Kann man auch mit Nudelsieb Polizist werden?
Wer es nicht mal schafft, sich neutral zu kleiden, wird auch Schwierigkeiten haben, sich anderen Menschen gegenüber neutral zu verhalten.

Dr. Ingeborg Wirries (nicht überprüft)

Di. 20 Jan 2026 - 16:07

Und dann gibt es da noch diese 150prozentigen, die ihre KollegInnen an einer staatlichen (!) Schule mit "Grüß Gott" begrüßen....und sich pikiert wundern über deren Antwort: " ...falls ich ihn mal treffe ...aber wo ist er, wenn man/frau ihn mal braucht, zum Beispiel, wenn Kleinkinder in religiösen Konflikten gemordet werden??? ..". Da weiss der/die 150prozentige keine Antwort...Es gibt ja auch nur diese eine höchstpeinliche Antwort: Dieser Gott ist ein furchteinflössendes Hirngespinst/Konstrukt geld- und machtgieriger Pfaffen/Priester/Bischöfe/Kirchenfunktionäre -und die sog. christlichen Kirchen "verdienen"/ergaunern!!! mit diesem Phantom ihren Reichtum....Hoffentlich nicht mehr lange!!!

Inge Hüsgen

Die Autorin ist die Chefredakteurin des "Skeptiker", der Vierteljahreszeitschrift der GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) sowie Redakteurin beim Humanistischen Pressedienst.

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