Kommentar zum Abschlussbericht der "Religionskommission" der Grünen
Es ist der Anfang der Debatte
BERLIN. (hpd) Ingrid Matthäus-Maier hat den Abschlussbericht der Kommission "Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat" von Bündnis 90/Die Grünen bereits für den hpd analysiert. Sie hat die positiven Aussagen des Berichts klar benannt. Aber auch die geäußerte Kritik ist deutlich und notwendig. Bemerkenswert ist aber auch, wie der Bericht zustande kam.
Um gleich einmal etwas Wind aus den Segeln der Kritiker zu nehmen: Zuerst muss klargestellt werden, dass es sich bei dem Bericht der Religionskommission nicht um einen der "Säkularen Grünen" handelt. Deshalb sind und können auch nicht alle Forderungen dieser Gruppe innerhalb der Grünen berücksichtigt sein.
Die Forderungen, die die Kommission in den vergangenen 2 Jahren erarbeitet haben, mögen für Laizisten und Säkulare teilweise unbefriedigend sein. Doch darf nicht unbeachtet bleiben, dass die Kommission das gesamte Spektrum der Mitglieder von B90/Die Grünen abdeckte.
Die Berliner Landesvorsitzende, Bettina Jarasch, die federführend in der Kommission tätig war, ist auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Ebenfalls dabei waren Sybille Mattfeld-Kloth und Friedel Battenberg aus der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) "Christinnen und Christen" bei den Grünen. Aber eben auch Mitglieder der BAG "Säkulare Grüne" und die konfessionslose Bundesvorsitzende von B90/Die Grünen, Simone Peter.
Die Tatsache, das sich in der Partei Gläubige und Ungläubige, Christen, Muslime, Juden, Agnostiker und Atheisten an einen Tisch setzten und gemeinsame Positionen erarbeiteten, ist nicht deutlich genug hervorzuheben und zu loben. Dass die Ergebnisse nicht in allen Fällen den Forderungen säkularer Kreise genügen (können), erklärt sich aus den Kompromissen, die in einer solchen Kommission von allen Seiten gemacht werden müssen.
"Die religiös-weltanschauliche Landkarte in Deutschland ist vielfältig und bunt und sie verändert sich stetig. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sind dazu gekommen oder neu entstanden, auch innerhalb der Gemeinschaften wird es differenzierter. Und immer mehr Menschen verstehen sich selbst als frei von Religion. Aber das Religionsverfassungsrecht bildet die Wirklichkeit von vor fast 100 Jahren ab." Mit diesen Sätzen leitete Bettina Jarasch die Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag ein. Die Bundesvorsitzende Simone Peter nannte den Abschlussbericht "nicht das Ende, sondern das Startsignal für eine jetzt beginnende Debatte".
Bereits am 17. Januar des vergangenen Jahres fand ein bundesweiter Kongress unter dem Titel: "Im Namen der Freiheit: Religion, Staat und Gesellschaft im Konflikt?" mit rund 300 Teilnehmern im Landtag von NRW in Düsseldorf statt, auf dem erste Ergebnisse der Kommission öffentlich diskutiert wurden. Simone Peter kündigte an, dass die Kommissionsmitglieder in den nächsten Wochen und Monaten bundesweit mit einer interessierten Öffentlichkeit diskutieren werden.
Der Kommissionsbericht wird auch Grundlage für die Bundesdelegiertenkonferenz (d.i. der Parteitag) im Herbst in Münster sein. "Damit ist eine lange Periode religionspolitischer Abstinenz der Partei beendet" schreiben die "Säkularen Grünen" in einer ersten Stellungnahme auf ihrer Webseite. "Der Kommissionsbericht enthält wichtige Aussagen in einem säkularen Sinne zu einer Neubewertung der gesellschaftlichen Situation in Deutschland. Diese Aussagen berücksichtigen die veränderte religiöse und weltanschauliche Zusammensetzung der bundesdeutschen Gesellschaft. In Anbetracht der ständig steigenden Zahl von konfessionsfreien Menschen, der sich vertiefenden Binnendifferenzierung innerhalb der großen Kirchen, des Hinzukommens weiterer Religionen, der Bedeutung kleinerer Religionsgemeinschaften sowie der wachsenden Bedeutung von Weltanschauungsgemeinschaften ist eine politische Neubewertung dringend notwendig."
Der Abschlussbericht der Kommission "Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat" sollte deshalb nicht als ein Versagen grüner Politik verstanden werden. Sondern als Aufbruch und Chance. Immerhin ist diese Partei die erste (der großen Parteien), die diese Themen jetzt offensiv angehen will. Und das trotz Winfried Kretschmann, Katrin Göring-Eckardt und Sven Giegold, die vermutlich einige der Positionen des Berichtes nur schwer verdaulich finden dürften.
Abschließend noch: Jetzt sind die anderen Parteien gefordert, sich mit religionspolitischen Themen auseinanderzusetzen.
Kommentare (9)
Netiquette für Kommentare
Ja, bemerkenswert, wer da
Ja, bemerkenswert, wer da miteinander redet, beginnt, den Realitäten ins Auge zu blicken und an eigenen Ästen zu sägen. Würde mich daher nicht wundern, wenn sich z.B. B. Jarasch von der RKK-Lobby noch einen heftigen Rüffel einfängt. Insgesamt aber eine längst überfällige Fortführung der Kritik religiöser Bevormundung.
Stimme Ihnen zu Herr Trutnau;
Stimme Ihnen zu Herr Trutnau; leider sind es nur die Grünen, die längst überfälliges angehen. Wo bleiben SPD und Linke? Von da kommt nichts; stattdessen werden in der SPD die Laizisten von der Parteiführung gemobbt.
Was sind Sie für ein
Was sind Sie für ein bewunderungswürdiger Optimist, dass Sie da von der SPD etwas erwarten?
Auch die LINKE biedert sich den Kirchen an. Thema: Wählerstimmen!!
Nö, werte/r schulze, nicht
Nö, werte/r schulze, nicht nur Grüne (und die auch nur halbherzig). Die PdH vertritt das viel konsequenter.
Hallo Herr Trutnau, ein
Hallo Herr Trutnau, ein vorgezogener April-Scherz? Dass irgendwelche Kleingruppen irgendwas "viel konsequenter" vertreten, wird schon stimmen. Aber hier geht es doch um eine Veränderung der Politik in Deutschland, da spielen nunmal Grüne, Linke und SPD eine wesentliche Rolle.
Ach so! Na, warten wir mal ab
Ach so! Na, warten wir mal ab...
Was soll denn abgewartet
Was soll denn abgewartet werden? Sind konkrete Heilserwartungen aktuell? Ich bin schon verblüfft, wieviel Unpolitisches sich in den Kommentaren zeigt. Wenn die atheistische Szene nicht mehr zu bieten hat, dann bleibt wirklich nur warten - auf sehr lange Zeit.
Tja, werte/r schulze,
Tja, werte/r schulze, Aufklärung begann immer mit einigen wenigen unge- (oder uner-)hörten Leuten, sie sich auf einen langen, steinigen Weg gemacht haben - seit ca. 500 Jahren.
Fürwahr, eine Mehrgenerationenaufgabe, nicht wahr?
Aber nicht verzagen!
Ja, auch ich bin sehr
Ja, auch ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse, die die PdH erzielen wird, ich hoffe auf Anhieb auf die absolute Mehrheit (Späßchen muß sein).
Ehrlich, die sind länger als längst überfällig, wenn schon lange die PBC gibt?! :-)