Zoos tragen weder zu Bildung noch zur Förderung von Kindern bei

TRAIN. (hpd) Die britische Tierrechtsorganisation Captive Animals Protection Society (CAPS) und andere (Tier-)Advokaten, die sich gegen die Gefangenhaltung von Tieren in Zoos wenden, argumentieren seit Langem, dass diese Einrichtungen nicht nur darin versagen, Kindern etwas über die Natur beizubringen, sondern dass sie sogar einen negativen erzieherischen Einfluss haben.

Ein unlängst veröffentlichter Beitrag im Wissenschaftsjournal Conservation Biology [1] scheint nun diese Sichtweise zu bestätigen: In einer Befragung von mehr als 2.800 Kindern, die den Londoner Zoos besucht hatten, stellte sich heraus, dass die Mehrzahl keinerlei positiven Lerneffekt aufwies. Tatsächlich galt für viele Kinder, dass sie nicht nur keinen Kenntniszugewinn zeigten, sondern sogar ein negatives Lernergebnis aufwiesen.

Die Studie zog Lernergebnisse von Schülern in Betracht, die entweder an einer Besichtigung (des Zoos) teilgenommen hatten, die von einem Mitarbeiter der zoopädagogischen Abteilung angeleitet worden war, oder an einer nicht-angeleiteten Besichtigung. Nur 38 Prozent der Schüler, so der Autor des Beitrages, zeigten positive Lernergebnisse. Im Vergleich dazu galt für die Mehrzahl der Schüler (62 Prozent), dass sie keine (positive) Änderung ihrer Kenntnis zeigten, oder, schlimmer noch, während ihres Ausfluges in den Zoo negative Lernerfahrungen gemacht hatten.

Darüberhinaus wurde (aus den Befragungen) gefolgert, dass, entgegen der Behauptung der Zoos, sie würden Kinder dazu inspirieren, aktive Naturschützer zu werden, die Wirkung der Zoos auf den Glauben der Kinder an ihre Fähigkeit, aktiv etwa zum Naturschutz beitragen zu können, “schwach” sei. Der Autor (des Beitrages) führte des weiteren aus, dass, wie seine Befunde nahelegten, die Schüler nicht in ihrer Zuversicht bestärkt wurden, durch die Erfahrung im Zoo mit Blick auf Naturschutzangelegenheiten etwas “Effektives und Verbesserndes” unternehmen zu können.

Im Gegensatz zu diesen Befunden behauptet der Londoner Zoo auf seiner Website, seine (Park-)Anlage biete die “perfekte Bildungsalternative” und rühmt sich eines “vielgestaltigen und hochqualifizierten pädagogischen Teams, das einzigartige Lerneinheiten für alle Altersstufen und Leistungsfähigkeiten bereitstellt.”

CAPS-Direktorin Liz Tyson: “Es überrascht kaum, zu erfahren, dass die meisten Kinder, die einen Zoo besuchen, durch die Erfahrung, weit von ihren natürlichen Heimaten entfernt gefangen gehaltene Wildtiere zu sehen, weder gefördert noch (sinnvoll) unterrichtet werden. Zoos präsentieren ein völlig falsches Bild sowohl der Tiere selbst, als auch der realen und sehr drängenden Probleme, mit denen viele Arten in ihren natürlichen Heimaten konfrontiert sind. Diese neue Studie scheint zu bestätigen, was wir seit vielen Jahren sagen: Zoos tragen weder zur Bildung noch zu sonstiger Förderung von Kindern bei, noch inspirieren sie Kinder, Naturschützer zu werden.”

Ein von der (britischen) Regierung in Auftrag gegebener Report von 2010 erhob Bedenken mit Blick darauf, dass es trotz des Beförderns pädagogischer Programme durch die Zoos kaum Hinweise gebe auf irgendeine pädagogische Wirkung der (Zoo-)Industrie.

Ms. Tyson ergänzte: “Wir wissen, dass die Zoos nicht aufhören werden, ihre gezinkten und irreführenden Behauptungen rund um ihren (angeblichen) pädagogischen Nutzen aufzustellen, deshalb rufen wir Schulen und Eltern auf, die Ergebnisse dieser Studie zu überdenken und zu einer eigenen Bewertung zu kommen. Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas über die Natur zu lernen, ohne dass dazu Tiere ein Leben lang eingesperrt sein müssen. Wir möchten Schulen und Eltern auffordern, nach mitfühlenderen, inspirierenderen und pädagogisch wertvolleren Aktivitäten für ihre Kinder Ausschau zu halten.”

Originalquelle: captiveanimals.org, Übersetzung: Colin Goldner/Great Ape Project


  1. Jensen, E., 2014, Evaluating Children’s Conservation Biology Learning at the Zoo, Conservation Biology, Vol. 28, No. 4, 1004–1011  ↩

Kommentare (5)

gerhard (nicht überprüft)

Fr. 26 Sep 2014 - 16:04

Wie kann der Autor behaupten das es keinen positiven Effekt gibt, wenn 38% sagen, dass es so war?

Als Pädagoge müßte er wissen, daß dies ein guter Wert ist.

Anonym (nicht überprüft)

So. 28 Sep 2014 - 16:26

???
Verstehe den Artikel nicht. Hat der Autor das Paper überhaupt gelesen? Ich zitiere:
"Overall, my results show the potential educational value of visiting zoos for children. However, they also suggest that zoos’ standard unguided interpretive materials are insufficient for achieving the best outcomes for visiting children. These results support a theoretical model of conservation biology learning that frames conservation educators as toolmakers who develop conceptual resources to enhance children's understanding of science."
Es ergibt sich also anscheinend grundsätzliches Bildungs-Potential bei einem Zoobesuch für Kinder, insofern dieser nicht unbegleitet geschieht. Das Informationsmaterial der Zoos alleine wird hingegen als nicht ausreichend bewertet. Ist ja auch irgendwie logisch, welches achtjährige Kind liest sich schon "langweilige" Tafeln durch? Natürlich ist es viel interessanter und es bleibt eher was hängen, wenn ein Zoo-Guide die Hintergründe zu den jeweiligen Tierarten erklärt.

Claudia (nicht überprüft)

Mo. 29 Sep 2014 - 01:05

Antwort auf von Anonym (nicht überprüft)

Das BildungsPOTENTIAL wird den Zoos in dem Artikel auch nicht abgesprochen, hingegen wird die REALITÄT von Zoobesuchen kritisiert, die der überwiegenden Mehrzahl der Kinder eben keine Bildung vermittelt und damit in Widerspruch steht zu den Behauptungen der Zoos.

Georg (nicht überprüft)

Mo. 29 Sep 2014 - 16:01

Es ist auch ein Unterschied, ob der Zoobesuch eines Kindes im Rahmen eines Familienausfluges (Erholung) oder im Rahmen einer Bildungsveranstaltung (z.B. in einer Zooschule) stattfindet. Es ist logisch, das man dies differenzieren muss. Jeder größere Zoo hat heute entsprechende Zooschulen angegliedert, die unbestreitbar wichtige Bildungsarbeit leisten. In wie weit der Zoobesuch mit der Familie zur Bildung dient bleibt immer abhängig von der Wissensvermittlung durch die Eltern (oder anderer Familienmitglieder).

Jörg (nicht überprüft)

Di. 30 Sep 2014 - 13:38

Ein wenig Klarheit in der Angelegenheit wird man erhalten, wenn man sich die Mühe macht, nur das Abstract des fraglichen Artikels zu lesen. Darin steckt sicherlich ein Auftrag für den Londoner Zoo aber auch der Hinweis auf denpositiven Effekt von Zoopädagogik.

Hier der Text des frei zugänglichen Abstracts:
Millions of children visit zoos every year with parents or schools to encounter wildlife firsthand. Public conservation education is a requirement for membership in professional zoo associations. However, in recent years zoos have been criticized for failing to educate the public on conservation issues and related biological concepts, such as animal adaptation to habitats. I used matched pre- and postvisit mixed methods questionnaires to investigate the educational value of zoo visits for children aged 7–15 years. The questionnaires gathered qualitative data from these individuals, including zoo-related thoughts and an annotated drawing of a habitat. A content analysis of these qualitative data produced the quantitative data reported in this article. I evaluated the relative learning outcomes of educator-guided and unguided zoo visits at London Zoo, both in terms of learning about conservation biology (measured by annotated drawings) and changing attitudes toward wildlife conservation (measured using thought-listing data). Forty-one percent of educator-guided visits and 34% of unguided visits resulted in conservation biology-related learning. Negative changes in children's understanding of animals and their habitats were more prevalent in unguided zoo visits. Overall, my results show the potential educational value of visiting zoos for children. However, they also suggest that zoos’ standard unguided interpretive materials are insufficient for achieving the best outcomes for visiting children. These results support a theoretical model of conservation biology learning that frames conservation educators as toolmakers who develop conceptual resources to enhance children's understanding of science.

Colin Goldner

Der Autor ist klinischer Psychologe, Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Sekten, Psychokulte, sogenannte Alternativmedizin und sonstige Heilslehren aus aller Welt. Er wurde insbesondere aufgrund seiner Arbeiten über Tendzin Gyatsho (den gegenwärtigen Dalai Lama) sowie Bert Hellinger und dessen Familienaufstellungen bekannt. Sein Buch über die Psychoszene setzte Standards für die Beratungsarbeit. Seit 1988 schreibt er u. a.

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