Gefährlicher Aberglaube
Foto: pixabay.com CC0 Creative Commons
Der Aberglaube ist das größte geistige Übel unserer Zeit. Er vergiftet das Bewusstsein vieler Menschen, die dadurch leicht beeinflussbar oder manipulierbar sind. Außerdem sind Abergläubische oft autoritätsgläubig und entwickeln ein verschobenes Weltbild, das den Blick auf die Realität verstellt. Nach meinen Erfahrungen sind sie überdurchschnittlich anfällig für Fake News und Verschwörungstheorien.
Dass der Aberglaube auch heute noch weit verbreitet ist, überrascht und verstört auf den ersten Blick. Bildung, Information und Wissen haben die Welt in den letzten Jahrhunderten recht präzis kartographiert. Auch Geisteswissenschaften wie Psychologie, Philosophie und Soziologie schlüsselten Phänomene auf, die früher unerklärlich waren.
Ursache für Wohlstand und Entwicklung war die rasante geistige, wissenschaftliche und technische Entwicklung. Alles, was unser Leben angenehm und sicher macht, verdanken wir dem Drang "aufgeklärter Menschen", die Welt mit nüchternem Blick zu erforschen und zu ergründen.
Deshalb leben wir heute gesünder und länger. Deshalb funktionieren Nahrungsmittel- und Warenproduktion und deren Verteilung, deshalb haben wir viel Freizeit, die wir auf vielfältige Weise (Kultur, Vergnügen, Sport) gestalten und genießen können.
Aberglaube nimmt zu
Trotzdem sprießt der Aberglaube munter weiter, wie eine neue Umfrage in Österreich zeigt (in der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich hoch sein). Demnach glaubt mehr als ein Viertel der 1.000 vom Linzer Meinungsforschungsinstitut Spectra befragten Personen an übersinnliche Phänomene wie Gedankenübertragung, Wunderheilungen und übersinnliche Wahrnehmungen. Oder an Hellseherei, Telepathie.
Erschreckend ist vor allem, dass die Werte gegenüber der letzten Befragung zugenommen haben. Da läuft etwas gründlich schief.
Beim Hellsehen sind die Leute leicht skeptischer. Trotzdem glauben noch 19 Prozent an diese übersinnliche Disziplin. Bei der Magie sind es immerhin noch 17 Prozent, bei der Wiedergeburt 16 und bei der Kontaktaufnahme mit Verstorbenen (Jenseitskontakte) 15.
Erstaunlich ist, dass nur 6 Prozent an die Wirkung der Teufelsaustreibung, also den Exorzismus, glauben. Denn die katholische Kirche betreibt dieses schauerliche Ritual recht häufig. Auch heute noch bildet sie laufend neue Exorzisten aus.
Was also 94 Prozent der Befragten als nicht glaubwürdig betrachten, praktiziert die weltweit größte christliche Kirche. Dass es ihr viele Freikirchen gleichtun, macht die Sache nicht besser.
Misstrauen überall
Weshalb ist der Aberglaube auch heute noch so verbreitet? Einerseits verdanken wir ihn der Esoterikszene, die die Existenz von Geistwesen, Kobolden, Elfen, Einhörnern verkündet und felsenfest an die Wiedergeburt und die Anwesenheit von Verstorbenen glaubt. Oder an die gefährliche Lichtnahrung und das Channeling, bei dem angeblich medial begabte und hellsichtige Medien vermeintlich Kontakt mit Geistwesen in den höheren Sphären des Universums aufnehmen können.
Der aufflammende Aberglaube hat aber auch mit dem wachsenden Misstrauen gegenüber den Wissenschaften und der komplexen Realität in der modernen Welt zu tun. Es ist schwer, sich heute zurecht zu finden und den Durchblick zu behalten, vor allem auch in der Wirtschaft und Politik.
Deshalb fallen viele auf Populisten wie Trump, Salvini, Bolsonaro, Johnson usw. herein. Diese verkünden ein einfaches Weltbild und vermeintlich einfache Lösungen, wie beispielsweise die Klimalüge und andere Fake News. Und somit eine neue Art des Aberglaubens.
Diese Form des Irrglaubens ist brandgefährlich. Sie kann die Welt in den Abgrund führen.
Übernahme mit freundlicher Genehmigung von watson.ch.
Kommentare (24)
Netiquette für Kommentare
Diese Form des Irrglaubens
Diese Form des Irrglaubens ist brandgefährlich, sie kann die Welt in den Abgrund führen. Und sie wird es vermutlich auch, denn wir sind gerade dabei dies zu beobachten.
Siehe: Trump, Salvini, Bolsonario, Johnson usw.
Wer kann und will diese Leute noch aufhalten? gemäß dem Spruch, nur die aller dümmsten Kälber wählen ihre Schlachter selber.
"Diese Form des Irrglaubens
"Diese Form des Irrglaubens ist brandgefährlich. Sie kann die Welt in den Abgrund führen."
Hat er doch längst. Sonst würden Sie, Herr Stamm, heute Blumen züchten oder sonst einem schönen Hobby nachgehen und nicht die immer gleichen Texte schreiben die nur jene nachvollziehen können die die Aufklärung nicht mehr brauchen.
"Weshalb ist der Aberglaube
"Weshalb ist der Aberglaube auch heute noch so verbreitet?"
-
Weil er "Menschenrecht" ist! Schließlich besteht kein relevanter Unterschied zwischen religiösen und z.B. esoterischen Wahnvorstellungen.
Der Status von etwas als
Der Status von etwas als Recht, erklärt aber nicht allein seine Verbreitung. Es erklärt lediglich, warum es nicht bestraft wird. Auf religiöse Vorstellungen kann man die Frage analog ja auch anwenden: Warum ist religiöser Glaube und sog. Aberglaube noch weit verbreitet, obwohl es heute Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt?
"Warum ist religiöser Glaube
"Warum ist religiöser Glaube und sog. Aberglaube noch weit verbreitet, obwohl es heute Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt?"
-
Wohl aus folgenden Gründen: 1. Anscheinend gibt es ein tief im menschlichen Wesen verankertes Bedürfnis nach selektiver Ignoranz und wahnhaftem Glauben. 2. Die Religionsfreiheit schützt dieses Bedürfnis. 3. Analytisch-philosophisch fundierte wissenschaftliche Bildung findet (so gut wie) nicht statt.
Danke für den interessanten
Danke für den interessanten Artikel! Ebenso erstaunlich wie der Aberglaube ist die kategorische Ablehnung, nach natürlichen Ursachen für bestimmte Dinge zu suchen, oder überhaupt erstmal zu prüfen, ob bestimmte Behauptungen tatsächlich zutreffen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung mit Abergläubischen. Sobald sie wittern, dass man sie auf einen rationalen Pfad führen möchte, machen sie den Rollladen dicht.
Kann mir jemand den
Kann mir jemand den Unterschied zwischen "Glaube" und "Aberglaube" erklären oder ist das nur eine Frage der Anzahl der "Follower"?
Der Unterschied ist, dass
Der Unterschied ist, dass Abergläubische, deren Aberglauben man als Aberglauben bezeichnet, extrem sauer reagieren. Sie wollen ihren Aberglauben gerne als Glaube bezeichnet wissen und sich selbst als Gläubige. Ich tu ihnen den Gefallen, weil es für mich nicht so entscheidend ist. Für mich ist beides synonym...
Die Unterscheidung ist m.E.
Die Unterscheidung ist m.E. rein willkürlich von den Kirchen eingeführt worden, um die christliche Religion als etwas besseres darstellen zu können. Ich erinnere mich noch heute an die schrägen Argumentationsversuche meines damaligen Religionslehrers.
Nachtrag: heute würde ich
Nachtrag: heute würde ich sagen: Religion ist Aberglaube mit Lehrbuch.
Es gibt keinen Grund,
Es gibt keinen Grund, zwischen Glauben und Aberglauben zu unterscheiden. Ich mache das schon lange nicht mehr. Religion ist für mich organisierte Aberglaube.
Das Wort "Aberglaube"
Das Wort "Aberglaube" existiert aber eher nicht in einem sprachlichem Vakuum. "Aberglaube" hat sprachlich einen Bezugspunkt und das ist der "Glaube". "Aberglaube" ist demnach so etwas wie ein Irrglaube gegenüber dem "richtigem und wahrhaftigen Glauben". Aber derartige Definitionen können nur glaubende Menschen bedienen und nutzen.
Ich als Atheist nehme ich aber davon Abstand, weil ich eben nicht glaubend bin. Weder der Glaube noch der Aberglaube sind für mich vertretbare Konzepte, weil sie für mich schlicht nutzlos erscheinen und mit meinem Realitätsverständnis komplett kollidieren.
So lange in den Schulen die
So lange in den Schulen die Stunden für naturwissenschaftliche Fächer immer weiter reduziert werden, bzw. es möglich ist sie 'abzuwählen' um den Notenschnitt zu verbessern, wird es keine Besserung geben. Nur korrekt (über naturwissenschaftliche Grundlagen) informierte Menschen sind immun gegen solchen Hokuspokus (worunter auch Religionen verstanden werden, denn dort wird ja gerade das *Übersinnliche* zur Norm erhoben).
Gerade auch die staatliche Förderung von Konfessionsschulen und den unsäglichen Waldorfschulen trägt dazu bei Menschen heranzuziehen, die für dergleichen Schwurbelschwatz anfällig sind.
@ W.v.Sulecki Apropos
@ W.v.Sulecki Apropos "unsägliche Waldorfschulen" ...:
"100 Jahre Kunst in der Waldorfschule: Die Golems – und wie sie in die Welt kommen
Waldorfschulen erzählen den Mythos einer ‘Erziehung zur Freiheit’. Aber ‘auch in den musischen und künstlerischen Bereichen besteht nicht wirklich kreative Freiheit, wie ständig propagiert wird’, schreibt Volker Kirsch in seinem offenen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Eine Begegnung mit der ‘Kunst’ der Waldorfschule von Andreas Lichte (…)" weiter: https://hpd.de/artikel/golems-und-sie-welt-kommen-17096
Der Glaube an Gott oder
Der Glaube an Gott oder Götter jeglicher Art, ist für mich schon grundsätzlich Aberglaube. Ängste und existenzielle Sorgen werden von den Glaubenslehren geschürt oder gar erst geweckt. Es ist schwer nachvollziehbar, warum aufgeklärte Menschen an irgendwelche Götter glauben, statt sich mit der Lebensrealität zu befassen oder einfach nur an ihre eigene Fähigkeit glauben. Welche negativen Auswirkungen der irrationale theistische oder auch monotheistische Glaube haben kann, hat die menschliche Entwicklung bis heute immer wieder gezeigt. Das Zeitalter der Aufklärung stellte dem Aberglauben erstmals das vernunftgeleitete Denken gegenüber; die im 19. Jahrhundert aus der Romantik entstehende Wissenschaft der Volkskunde deutete das Wort positiv um, als Vorstellung der einfachen, aber auch unverbildeten Bevölkerung („Volksglaube“).
Friedrich II. Preußischer König (1712-1786) urteilte über den Aberglauben sarkastisch: „Bei meiner Geburt habe ich die Welt in der Sklaverei des Aberglaubens gefunden; ebenso verlasse ich sie sterbend.“
Der englische Historiker Henry Thomas Buckle (1821 - 1862), urteilte noch drastischer:
„Das einzige Mittel gegen Aberglauben ist Wissenschaft. Nichts anderes kann diesen Pestflecken aus dem menschlichen Geiste hinwegwischen. Ohne sie bleibt der Aussätzige ungereinigt und der Sklave wird nicht befreit.“
Die richtige Frage wurde
Die richtige Frage wurde bereits gestellt: Was soll der Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben sein!?
Aberglaube ist der christliche Kampfbegriff, um den eigenen Aberglauben von anderen Aberglauben unterscheiden und aufwerten zu können. Gerade Säkulare sollten sich hüten, zwischen Glauben und Aberglauben unterscheiden zu wollen. Es genügt schon, dass man Glauben mit irgendwelchen geistigen Vorgängen in Zusammenhang bringen will.
Wer es nochmals in fortgeschrittenem Alter unternimmt, z.B. die Apostelgeschichte zu lesen, wird sich nur an den Kopf greifen können. Wie kann man Derartiges überhaupt nur irgendwie für möglich halten? Heilige helfen, Reliquien sowieso ... Was ist daran bitteschön nicht reinster Aberglaube?
Eine zig hunderte von Euros teure Gewandung erhebt keinen christlichen Priester über den Schamanen eines Naturvolkes ...
Was sollen eigentlich die
Was sollen eigentlich die Bezeichnungen Aberglaube und Irrglaube? Gibt es da einen Untetschied zu Glaube? Ist Glaube nicht genau so gefährlich, oder sogar noch gefährlicher?
Ein Depp unter Deppen ist
Ein Depp unter Deppen ist unauffällig.
Die Kirchen fördern Aberglauben in vielen Facetten, damit sie selber als weniger bekloppt erscheinen. In einer ansonsten rationalen Umwelt würden die Kirchen als "schräge Vögel" doch nur noch verlacht werden.
Psychologisch gesehen, denke
Psychologisch gesehen, denke ich, die Empfänglichkeit für esoterische oder religiöse Vorstellungen ist in dem Wunsch begründet, einfache Lösungen für eigene und gesellschaftliche Probleme zu finden. Viele Menschen scheinen in Überforderungssituationen gerne die Verantwortung an Götter oder anderen Hokuspokus abzugeben. Statt Probleme realistisch anzugehen, werden sie geleugnet (Klimawandel, Umweltverschmutzung) oder man regrediert zum Kinde und vertraut sich Gottvater o.ä. an, oder schluckt Psychopillen. Neigt man zum Größenwahn (die Kehrseite der Infantilität aber dieselbe Medaille) wendet man sich der Zauberei oder anderen Machtgelüsten (Exorzismus, Kindesmissbrauch) zu, um einer eigenen, verantwortungsbewussten und vernünftigen Problemlösung bequem aus dem Weg zu gehen.
Eine gesellschaftliche Veränderung weg von der Irrationalität kann ich mir nur durch eine Erziehung zur Selbstbestimmung und Selbstständigkeit sowie Verantwortungsbereitschaft vorstellen. Um den üblichen Problemen des Lebens gewachsen zu sein, muss eine stabile psychische Grundlage durch die Erfahrung von Empathie in Kindheit, in der Ausbildung und in den Beziehungen zwischen den Erwachsenen stattfinden. Das wäre vielleicht ein Weg hin zu mehr Verstand.
Der Unterschied zwischen
Der Unterschied zwischen Glaube und Aberglaube ist der:
Wenn einer senkrecht in den Himmel auffährt, dann ist das Glaube.
Wenn eine waagrecht auf einem Besen durch die Lüfte reitet, ist es Aberglaube.
Ist doch sehr einleuchtend!
... diese Unterscheidung
... diese Unterscheidung trifft genau den Kern und erspart viel Palaver! Danke!
Danke für die Aufklärung!
Danke für die Aufklärung!
Und ich dachte immer es gäbe keinen Unterschied.
Jede Form von Glaube ist eine
Jede Form von Glaube ist eine gesellschaftliche Konditionierung...
Als Aberglaube wurde durch ein paar Jahrhunderte hindurch, alles bezeichnet, dass "dem einzig wahrem Glauben" an einen monotheistischen (christlichen) Gott widersprach (aber = wider). Also ein Wider- oder Irrglaube, der durch die herrschende Kirche definiert wurde und als vorhandenes Brauchtum oder andere Überlieferungen teilweise uralte Wurzeln besaß (die wir auch in dem, was heute noch als Schamanentum bezeichnet wird, verorten können). Viele von den im ursprünglichen Alltag eingebetteten Gebräuche hat die Christianisierung assimiliert (siehe ein Großteil der Kirchenfeste). Jede Form des überliefertem Brauchtum, das nicht in den Kanon der christlichen Feste integriert wurde, lief Gefahr als Aberglaube bekämpft zu werden. Auch die einstigen Kräuterfrauen, die als Hexen verfolgt und vernichtet wurden, sind ein Symptom dafür. Abgeschnitten von inzwischen sehr weit zurückliegenden Wurzeln, nahmen das einst vielleicht sinnvolle Brauchtum, jede Form von sogenanntem herabgesunkenen Kulturgut sowie (patriarchal-antike) Rest-Religionen, vermengt mit östlichen Glaubenskonzepte eigene Formen an und wurden zu, manchmal gefährlichen, Selbstläufern. Sie dienten der Unterhaltung, der Geschäftemacherei und manche galten als Heilmittel. Psychologische Strategien in bunte kunstvolle Bilder verpackt, siehe Tarot, werden immer noch gern angewandt.
Alles ist (wissenschaftlich) erklärbar, aber nicht alle finden einen Zugang dazu. Kein Wunder bei unseren immer noch kläglichen Bildungskonzepten und der verbissenen Art an sinnvolle neue gedanken heran zu gehen ...
"Nach meinen Erfahrungen sind
"Nach meinen Erfahrungen sind sie (die Abergläubigen) überdurchschnittlich anfällig für Fake News und Verschwörungstheorien."
Die gesamte Bibel ist "Fake" und die monotheistische Religion (ja, Einzahl, denn das, was sie Religionen nennen sind Sekten) eine Verschwörungstheorie! Deshalb muss ich immer lachen, wenn sie vom postfaktischen Zeitalter reden, denn das haben wir doch seit Tausenden von Jahren.