Buchvorstellung in Berlin

Empört euch anständig!

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour hat ein kleines Buch geschrieben. Er möchte es als Ergänzung zu Stéphane Hessels fulminantem Aufruf „Empört Euch!“ verstanden wissen, der vor über 15 Jahren erschienen ist und eine ganze Generation prägte. Gemeinsam mit Michel Friedman diskutierte er in der Urania Berlin über Wut und Empörungskultur, Anstand, Zuhören und Respekt.

Omid Nouripour und Michel Friedman
Omid Nouripour, Politiker der Grünen (rechts) und Michel Friedman, Publizist und Talkmaster

„Unser Land steckt in einem Zustand der Dauerempörung fest“, schreibt Omid Nouripour im Vorwort des Buches. Weiter beklagt er: „Der Kulturkampf ist an die Stelle der echten Debatte getreten und verhindert Lösungen, die gesellschaftlich breite Akzeptanz finden und vielleicht sogar versöhnen können.“ Empörung sei in Deutschland zutiefst emotional aufgeladen, ergänzt Friedman; anders als in Frankreich, wo „Empörung eher Bourgeoisie von der Revolution trennt“.

Mit Empörung allein, die nur emotional und nicht lösungsorientiert daherkommt, könne die Gesellschaft sich nicht weiterentwickeln, so Nouripour. Deshalb habe er das Buch geschrieben, denn „die Krisen unserer Zeit erfordern nicht Aufregung, sondern vernunftbasierte Antworten.“ Für ihn sei vor allem durch die Wirkmacht der Sozialen Medien jeglicher Anstand in den Debatten verloren gegangen. Anstatt Antworten zu geben oder gegensätzliche Meinungen zu diskutieren, wird sich meist nur noch „empört“, geschimpft und persönlich beleidigt. Es gibt kaum noch einen Austausch sachlicher Argumente. Und kaum ist eine Aufregung vorbei, empört man sich über das nächste Skandälchen. Und verliert damit die tatsächlichen Probleme des Landes und der Gesellschaft komplett aus den Augen.

Fünfzehn Jahre nach Stéphane Hessels Manifest „Empört Euch!“, einem Aufruf zum Widerstand und gegen die Ignoranz, ist aus der Empörung ein Dauerzustand geworden. Die Menschen empören sich über alles – über große politische Fragen in der gleichen Intensität wie über Banalitäten. Das führte nach Ansicht Nouripours im Ergebnis zu gesellschaftlicher Spaltung, Kulturkämpfen und Lähmung statt Fortschritt.

Die lautstarken und häufig genug unsachlichen Debatten in der Gesellschaft resultieren zudem darin, dass einige sich komplett daraus verabschieden. Denn manche Menschen überlegen sich dreimal, „ob sie etwas sagen, schreiben, posten können. Und es im Zweifelsfall einfach lassen. Der Druck, die Angst vor dem Geschrei, führen zu Selbstzensur.“

Man solle darüber reden, dass die Sozialen Medien dazu geführt haben, dass sich die Kommunikation enorm beschleunigt hat, sagte Nouripour in der Urania. Die Algorithmen geben vor, in welcher „Bubble“ man sich befindet und „man muss auch darüber reden, dass beispielsweise die AfD in den Bundestag eingezogen ist und der Populismus kulturell Fuß gefasst hat.“ Auch wenn das ein globales Phänomen sei, müssten wir schauen, dass die Gesellschaft in unserem Land nicht vollends zerbricht.

Cover: Empört euch nicht!

„Wann, wenn nicht jetzt?“ fragte Friedman. „Wir müssen unsere Republik in den nächsten Jahren wieder stabilisieren.“ Ansonsten könnte es zu spät sein für die Demokratie. 

Im Buch versucht Nouripour in zehn thematisch geordneten Kapiteln Antworten auf die offenen Fragen der Gesellschaft zu finden. (Leider kam das in der Podiumsdiskussion etwas zu kurz.) Für den Politiker ist Bildung der Schlüssel zum Bestand und zur Stärke unserer Demokratie. „Früher war das Problem der Zugang zu Information, heute ist es die Art, wie wir uns informieren und wie wir diese Informationen filtern: […] Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – war Desinformation noch nie so erfolgreich wie heute.“ Das sei nicht nur ein Problem, das könne zu einer Katastrophe für die Demokratie werden. Er verweist auf Finnland, wo sowohl Lehrende als auch Schüler und Schülerinnen seit 2014 darin geschult werden, Fake News zu erkennen. „Finnland [führt] seit Jahren den 'European Media Literacy Index' an, hat also die widerstandsfähigste Bevölkerung gegen Fake News in ganz Europa. Wie sie das machen? Durch Bildung, konkret: mit Medienkompetenz ab der Vorschule.“

In Deutschland hingegen bereiteten wir unsere Kinder nicht ausreichend auf ein Leben im Informationszeitalter vor. Wir lieferten sie schutzlos der Informationsflut aus. „Auch weil wir selbst als Eltern und Gesellschaft damit überfordert sind.“

Generell ist der Ansatz von Nouripour eher pragmatisch. Er verlangt an keiner Stelle revolutionäres Umdenken oder gar Eingriffe in die Gesellschaft. Denn häufig ist gut gemeint nicht gut gemacht und mit harschen und absoluten Forderungen erreiche man nichts. „Wenn eine Seniorin vom Land ‚Exit Racism‘ von Tupoka Ogette nicht gelesen hat und nach acht Jahrzehnten Lebenserfahrung bei ihrer Lieblingssüßigkeit nicht auf den Begriff ‚Schokoküsse‘ umsteigen will, dann bietet sich Großherzigkeit an. Manches braucht seine Zeit.“

Und genau diese Haltung – gnädig, wenn möglich und Härte, wo nötig – zeichnet das Buch aus. „Statt Empörung braucht es also einen Aufstand der Anständigen gegen Spaltung und Rassismus.“

Wir leben in einer komplexen Welt. Und schon allein deshalb gibt es auf viele Fragen keine einfachen Antworten. Doch: „Wir stehen nun an einem Scheideweg. Wollen wir eine informierte oder eine empörte Gesellschaft sein? Wenn jeder seine eigene Wahrheit hat und Meinungen mit Fakten verwechselt werden, dann werden Tatsachen ignoriert, Experten verhöhnt, Wissenschaft geleugnet. Wenn die Wahrheit aber niedergeschrien wird, weil sich jeder nur so informiert, wie es seine eigene Meinung bestätigt, dann ist unsere Freiheit am Ende.“

Das Buch ist nicht so revolutionär wie Hessels Meisterwerk. Es gibt keinen noch nicht gedachten Gedanken, keine völlig neue Erkenntnis. Jedoch versammelt es etliche vernunftbasierte Ideen zur Lösung der drängendsten gesellschaftlichen Probleme. Und ist allein deshalb unbedingt lesenswert.

Omid Nouripour, Empört euch nicht!, Ullstein 2026, 160 Seiten, 18 Euro, ISBN: 9783550204890

Kommentare (1)

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Petra Schumann (nicht überprüft)

Di. 6 Okt 2026 - 11:43

Selbstvermarktung, sowohl von Nouripour als auch Friedmann – irgend was muss man ja machen, wenn man nicht gerade in der talk-show sitzt ... aber muss der hpd dabei mitmachen? Ich sage "Nein!" Was das jetzt noch "anständige Empörung"?

Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel