Auf dem Fachtag "Rechtsextremismus in Beratung und Psychotherapie" des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) hielt Kerstin Sischka Ende September 2025 einen Vortrag zum "Umgang mit Rechtsextremismus in Beratung und Therapie". Sie ist psychologische Psychotherapeutin und Leiterin des Beratungsnetzwerks "nexus", das unter der Trägerschaft der Charité – Universitätsmedizin Berlin steht. Alexander Wolber hat mit ihr und Maria Melzer, Koordinatorin im Projekt "nexus transfer", über ihre Erfahrungen in der Extremismusprävention gesprochen.
hpd: Radikalisierungsprävention fällt historisch eher in das Tätigkeitsgebiet der Pädagogik und Sozialarbeit. Was hat Sie dazu bewegt, sich mit dem Thema zu beschäftigen?
Kerstin Sischka: Ich verstehe Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und Psychotherapeut*innen gehören zur Gesellschaft – als Bürger*innen, Mitmenschen und als Professionelle. Unsere Berufsgruppe ist seit 1999 in der Selbstverwaltung, seitdem sind wir ein wichtiger Teil der Versorgung geworden: Wir arbeiten in Städten und in kleinstädtisch-ländlich geprägten Räumen, und damit auch dort, wo gesellschaftliche Konflikte sich zuspitzen und im Alltag spürbar werden. Wir erleben, wie verschiedene Kräfte gleichzeitig an der Demokratie zerren – von außen, aber auch von innen. Rechtsextreme Bestrebungen gehören dabei zu den gefährlichsten: Sie nähren sich von der schleichenden Entleerung demokratischer Institutionen und verstärken diesen Prozess zugleich.
Was mich als Psychotherapeutin dabei besonders beschäftigt, ist die psychologische Dimension. Rechtsextreme Bewegungen betreiben so etwas wie eine umgekehrte Psychoanalyse – sie suchen gezielt nach dem, was in Menschen unverarbeitet ist, und bieten dafür keine Auflösung an, sondern eine Richtung: einen Feind, eine einfache Ordnung, ein "Wir gegen die anderen".
Unsere Berufsgruppe hat damit zu tun, ob wir wollen oder nicht: Gesellschaftliche Spaltung und Polarisierung wirken auf alle Menschen. Und Menschen aus der gesellschaftlichen Mitte, die hin- und hergerissen ist, sind natürlich auch die Patient*innen in unseren Praxen. Durch deren Seele, durch deren Familien und soziales Umfeld ziehen sich diese Spaltungen, und können ohnehin bestehende Belastungen noch verstärken.
Was ist eigentlich "Rechtsextremismus" und "Radikalisierung" genau, und inwiefern grenzt sich das von psychischen Störungen ab?
Maria Melzer: Rechtsextremismus und psychische Störungen sind zwei grundlegend verschiedene Kategorien, wobei Rechtsextremismus ein Begriff aus der Politikwissenschaft beziehungsweise dem Verwaltungshandeln ist, während psychische Störungen die Domäne der Heilberufe sind. Auf dieser kategorialen Ebene hat beides erst einmal nichts miteinander zu tun und es gibt keine Monokausalität zwischen ihnen.
Schaut man es sich inhaltlich und im Rahmen einer psycho-sozialen Konfliktperspektive an, hat es sehr viel miteinander zu tun, und ist immer multikausal. Rechtsextreme Entwicklungen im unmittelbaren Lebensumfeld erzeugen Belastungen – für Minderheiten, für Menschen in kommunaler Verantwortung, in Schulen, Familien, Betrieben. Bleiben wir einmal beim sozialen Nahfeld, bei der Familie als Mikrokosmos: Unabhängig von Generationszugehörigkeit oder sozialen Schicht treffen persönliche Belastungen auf gesellschaftliche Krisenfolgen, und beides muss irgendwie bewältigt werden.
Besonders deutlich wird das bei jungen Menschen. Sie sind oft Symptomträger der Konflikte, die in Familien und sozialen Gruppen unbearbeitet bleiben. Wir beobachten, dass junge Menschen sich verstärkt wieder aktionsorientierten Gruppen zuwenden; gleichzeitig nehmen die psychischen Erkrankungen in Jugendalter zu, wenn multiple Krisen insbesondere im Jugendalter und während vulnerabler Entwicklungsprozesse wirken. Rechtsextreme Gruppen können in diesem Kontext als eine Art "Bewältigungsangebot" erlebt werden – sie geben Halt, Zugehörigkeit, Richtung.
Welche Rolle spielen Psychologen und Psychotherapeuten in der Arbeit mit rechtsextremistischen Personen, wenn Rechtsextremismus an sich überhaupt keine psychische Störung ist?
Kerstin Sischka: Richtig, um bei Ihrem Bild zu bleiben: Rechtsextremistische Einstellungen sollen nicht psychotherapeutisch geheilt werden – im Übrigen geht es unserer Berufsgruppe nicht ausschließlich darum, psychische Störungen zu heilen. Unsere Rolle kann sein, dem Menschen einen Raum zu geben, um Lebensentscheidungen zu hinterfragen, Zweifel und Bedrängnis, innere Konflikte oder soziale Probleme zu bewältigen – und auch um gemeinsam Lösungen für Belastungen beziehungsweise deren Ursachen zu erarbeiten. Solche psychischen Belastungen, die auch einen Krankheitswert haben können, finden wir bei allen möglichen Akteuren (Parteileuten, Aktivisten aus dem Vorfeld, jungen Menschen in Aktionsgruppen). Distanzierung und Ausstieg, als Teil der Tertiärprävention, kann über verschiedene Ansätze der Begleitung gelingen, beispielsweise sozialarbeiterisch und pädagogisch. Was psychotherapeutisch adressiert werden kann, sind die psychischen Belastungen, die mit diesen Entwicklungen einhergehen – auf allen Seiten.
Kerstin Sischka
Gibt es interdisziplinäre Kooperationen oder arbeiten Psychologen und Psychotherapeuten hier eher als "Einzelkämpfer"?
Maria Melzer: Wir sind beim Beratungsnetzwerk "nexus" so aufgestellt, dass ein Kernteam auf projektfinanzierter Basis zusammenarbeitet und verschiedene Schwerpunkte abdeckt. Grundsätzlich verorten wir uns in der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit, wo wir mit Partnern wie Fachberatungsstellen oder Behörden zusammenarbeiten. Ausgehend von einer Analyse der Phänomenlandschaft tragen wir Angebote an Menschen heran, die in rechtsextremistische Strukturen im Sinne einer Radikalisierungsdynamik eingewoben und (dadurch) psychisch belastet sind. Das können aktionsorientierte Jugendliche, Internetaktivisten, Vorfeld-Kulturkämpfer oder anderweitig organisierte Personen sein, die mit sich selbst und anderen in Konflikte kommen und potenziell beginnen, an ihrem Weg zu zweifeln. Hier bieten wir vertrauliche und durch Schweigepflicht geschützte Gesprächsräume.
Zudem geht es uns um Menschen im sozialen Umfeld, meist die Familienangehörigen (Lebenspartner, Kinder, Geschwister, Eltern und Großeltern), die durch die Verwobenheit psychisch belastet sind und ebenso geschützte Räume brauchen.
Als Teil von Beratungs- und Interventionsstrukturen arbeiten wir mit anderen Professionen zusammen, beraten diese auch kollegial und können so in einem multiprofessionellen Setting Angebote an belastete Personen in einem sogenannten (De-)Radikalisierungsprozess machen und vermittelte Personen mitbetreuen.
Für die involvierten Fachkräfte finden wir Formate, um zu psychischen Belastungen ihrer Fälle – also den Menschen in Beratungsprozessen – ins Gespräch zu kommen, das Fallverstehen zu erweitern sowie gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu beraten, die in unsere psychotherapeutischen Überlegungen einfließen können.
Wieso werden Menschen überhaupt rechtsextremistisch? Was ist daran so "attraktiv", wenn man das so sagen kann?
Kerstin Sischka: Was wir beobachten, ist eine große Vielfalt: Nicht für jeden Menschen spielen Gruppe, Ideologie oder Gewalt die gleiche Rolle. Es gibt unterschiedliche Phasen der Radikalisierung, unterschiedliche Intensitäten der Ideologisierung, unterschiedliche Gewaltmotive, unterschiedliche Rollen und Positionen innerhalb von Gruppen. All das folgt keinem einheitlichen Muster.
Eine besondere Dynamik entsteht dort, wo Störungen der Struktur oder Persönlichkeitsfunktionen ins Spiel kommen. Ein Mensch, dessen psychische Struktur beeinträchtigt ist, verfügt über eingeschränkte Möglichkeiten zur Selbstregulation und Reflexion – das verändert, wie Radikalisierungsprozesse verlaufen. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind gut ausgerüstet, genau hier zu arbeiten.
Maria Melzer
Gibt es psychologische oder soziodemografische Merkmale von Rechtsextremisten, die Sie häufig beobachten?
Kerstin Sischka: Diese Frage lädt ein, nach dem "typischen Rechtsextremisten" zu suchen – aber dieses Bild existiert nicht. Ein Profil zu zeichnen und im Sinne von Sozialwissenschaften hinzuschauen, ist nicht mein Gebiet.
Natürlich ist es wichtig, zu schauen, in welchen Kontexten und unter welchen Bedingungen leben die Menschen, was haben sie erlebt und was hat sie geprägt – und welche Ressourcen bringen sie mit. Wir fragen bei "nexus" auch nach den Merkmalen des kommunalen Konfliktraumes und den dortigen Ressourcen für die Prävention und Intervention. Denn es gibt Orte, an denen sich Phänomene verdichten und Druck ausgeübt wird. Dort sind die Belastungen besonders groß und dort werden auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten gebraucht.
Erleben Sie auch radikalisierte oder extremistische Kinder und Jugendliche, oder entfalten sich diese Ideologien erst im Erwachsenenalter?
Kerstin Sischka: Rechtsextreme Einstellungen ziehen sich durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Was junge Menschen unterscheidet, ist oft die höhere Bereitschaft zur Aktion – sie suchen den Konflikt, äußern sich, bleiben nicht am Stammtisch. Das ist auch eine Chance, denn es ermöglicht eine konkrete Auseinandersetzung.
Dabei ist mir wichtig, junge Menschen als politische Akteure ernst zu nehmen. Sie haben ein politisches Begehren, und es wäre falsch, so zu tun, als wüssten sie nicht, was sie tun – es geht für sie um sehr viel. Rebellion und Reibung gehören zur Jugend, und sie sind legitim. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie: im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, im Respekt vor Rechtsstaat, Menschenwürde und dem demokratischen Prinzip.
Über welche Wege kommen diese Personen überhaupt in die Beratung oder Therapie?
Maria Melzer: Wir arbeiten mit Einzelpersonen, die von sich aus auf uns zukommen, weil sie psychisch belastet sind und sich in Radikalisierungsprozessen befinden, vielleicht aussteigen möchten; aber auch mit Familienangehörigen. Hier ist die Bestätigung einer Person aus dem Umfeld oder einer Fachperson ideal, um uns zu vergewissern, dass keine Gefahr von der Person ausgeht, um die es geht. Wir können telefonisch oder online beginnen, und auch persönliche Treffen sind möglich.
Häufiger jedoch werden Menschen an uns vermittelt, weil sie auffällig wurden, eine Strafverfolgung stattfindet oder Verurteilung droht. Das sind Zeitfenster für günstige Veränderungsprozesse, in denen die Belastung oft hoch ist und die Gesprächsoffenheit steigt.
In Gesprächen mit Stadtteilakteuren, anderen heilberuflichen Kolleg*innen, Polizei, Fachkräften aus Haft und Bewährungshilfe oder Justiz sowie Fachberatungsstellen der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit kann die Möglichkeit eines psychotherapeutischen Beratungsgesprächs mit "nexus" angeboten werden, das auf freiwilliger Basis genutzt werden kann. So sind dann auch Vermittlungen innerhalb eines Hilfesystems möglich.
Welche Bedeutung haben psychische Probleme oder Störungen in der Radikalisierung und Prävention?
Kerstin Sischka: Menschen, die sich in rechtsextreme Zusammenhänge verstrickt haben und dabei psychisch leiden, müssen wie jeder andere Zugang zu einer Praxis finden können – und darauf vertrauen, dass sie dort nicht ideologisch beeinflusst werden.
Das verlangt von unserer Berufsgruppe: Kolleginnen und Kollegen zu ermutigen, solche Patientinnen und Patienten anzunehmen, und zugleich klar zu halten, dass eine Therapie kein Ort ideologischer Einflussnahme ist. Was Therapie sein kann, ist ein vertrauensgeschützter Raum, in dem alles ausgesprochen werden darf – wenn es der Selbstreflexion und einer konstruktiven Veränderung dient. Ein vertrauensgeschützter Ort, wo überhaupt erst einmal gesprochen werden kann und an dem die Funktion des Rechtsextremismus im eigenen Leben erst verstanden werden kann. Therapeutinnen und Therapeuten haben dabei das Recht, eigene Grenzen zu ziehen. Aber die Möglichkeiten unserer Berufsgruppe, Menschen aus solchen Bewegungen hinauszubegleiten, werden bislang zu wenig genutzt.
Kerstin Sischka
Welche Ziele werden in der Beratung oder Therapie verfolgt, wenn Rechtsextremismus zutage tritt?
Grundsätzlich entscheidet die Person in der Therapie über ihre eigenen Ziele – und das ist oft bereits die erste wichtige Aufgabe: herauszufinden, was sie erreichen möchte und auch zu erreichen fähig ist. Die Therapeutin begleitet diesen Prozess, beobachtet, hört zu, fragt nach, konfrontiert und schafft einen Raum, in dem auch unangenehme Gefühle gespürt, gehalten beziehungsweise gemeinsam ausgehalten werden können.
Die Ziele müssen immer wieder transparent besprochen werden. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verfolgen einen Heilauftrag – keine politischen oder ideologischen Ziele. Dafür stehen berufsethische Grundsätze wie das Abstinenzgebot. Wenn jemand beispielsweise nicht mehr gewalttätig sein möchte, verbindet sich das persönliche Ziel mit einem gesellschaftlichen Interesse – nicht, weil die Therapeutin eine Haltung vermittelt, sondern weil Therapie innerhalb gesellschaftlicher Vereinbarungen stattfindet, nach denen auch sie selbst lebt. Ob jemand weiterhin rechte Einstellungen hat, ist für die therapeutische Arbeit an sich keine Hürde, die es zu bearbeiten gilt, – entscheidend ist die Frage nach gewaltorientierten rechtsextremistischen Handlungstendenzen.
Welche Methoden kommen dann zum Einsatz, und inwiefern unterscheiden sie sich bei verschiedenen Altersgruppen?
Kerstin Sischka: Neben der verfahrens- und störungsspezifischen Diagnostik und Behandlung braucht es vor allem Kontextsensitivität – ein Hintergrundverstehen der Dynamiken in diesem Phänomenbereich und der Belastungen, die damit einhergehen. Das sieht bei jungen Menschen anders aus als bei Erwachsenen mittleren Alters, die vielleicht bereits eine eigene Familie haben. Und es unterscheidet sich, ob jemand vorwiegend online in Strukturen eingebunden ist oder stark offline verwickelt.
In meiner eigenen Arbeit kommen psychoanalytisch fundierte Methoden zum Einsatz – struktur- und konfliktorientierte Ansätze, die das Selbstverstehen erweitern, den Umgang mit Traumafolgen ermöglichen und strukturelle Fähigkeiten fördern: um sich zu lösen, nachzudenken, neue Beziehungen zu entwickeln. Dadurch kann psychische Belastung reduziert, Symptome können gelindert und heilend auf das Störungsbild eingewirkt werden.
Mit welchen Herausforderungen sieht sich ein Berater oder Therapeut konfrontiert?
Kerstin Sischka: Es gibt innerliche und fachliche Hürden gegenüber Personen in Radikalisierungsprozessen – phänomenspezifisches Wissen, beispielsweise zu Symboliken, ist nicht Teil der Psychotherapieausbildung. Ebenso sind Onlinewelten und deren Dynamiken ein sich rasch veränderndes Feld.
Die Vergangenheit mit Gewaltdelikten eines Menschen treffen auf das Sicherheitsbedürfnis des psychotherapeutischen Gegenübers. Ebenso sind Unterschiede in den verschiedenen Lebenswelten auszuhalten – wie in jedem therapeutischen Setting, aber genau das macht ja dieses Setting aus: Um sich vertrauensvoll austauschen zu können, braucht es ja im Therapieraum keine hundertprozentige Übereinstimmung in der Lebenswelt. Es braucht eine Offenheit und innere Aufgeräumtheit, um anderen Einstellungen und Ansichten zu begegnen. Auch dafür sind die vielen Stunden Selbsterfahrung in der Ausbildung da: um eine Grundlage zu schaffen, Ambiguitäten auszuhalten.
Manchmal müssen auch strukturelle Fragen geklärt werden und dann ist es für einzelne aus der Berufsgruppe stärkend, wenn es Angebote wie Supervision, aber auch Klarheit in der weiteren Anbindung von Klienten gibt. Solche Erfahrungen sammeln wir und bereiten sie für Angehörige von Heilberufen auf, um das Arbeitsfeld zugänglicher zu machen.
Welche Faktoren beeinflussen den Erfolg solcher Arbeit positiv oder negativ?
Kerstin Sischka: Das ist ein individueller Mix aus Offenheit, Freiwilligkeit, der intrinsischen Motivation, aber auch der (kognitiven) Fähigkeiten, wie auch Sprache und Sprachfähigkeit. Eine Psychotherapie kann als entlastend, stellenweise aber auch belastend wahrgenommen werden, wenn durch das Bearbeiten Gefühle oder Gedanken an die Oberfläche kommen und zu Abwehrhaltungen führen.
Gleichzeitig hat der Erfolg einer Psychotherapie auch etwas mit dem Leidensdruck des Patienten zu tun und kann daran gemessen werden, wie dieser gelindert werden kann, welche Schlüsse die Person aus der Aufarbeitung und den gegebenenfalls neu geübten Fähigkeiten zieht, und was tatsächlich an Änderung bewirkt werden konnte und wie nachhaltig diese sind.
Kerstin Sischka
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis schildern?
Kerstin Sischka: Mittlerweile können wir in unserer Praxis auf eine Reihe von Beispielen zurückschauen. So ein Klient, der sich als "Selbstmelder" an uns gewandt hat, weil er viele Jahre lang mit einer Loslösung aus der organisierten rechtsextremen Bewegung kämpfte, in die er tief verwoben war. Er suchte psychologische Hilfe, als er zu verstehen begann, wie sehr er auch emotional mit Personen in der rechtsextremen Szene verstrickt war – Freunde, von denen er sich nicht lösen konnte, die er nicht verlieren wollte, weil sie die einzigen beständigen Personen für ihn waren, während er die politische Szene aber bereits ablehnte und deren Destruktivität ihm zunehmend Angst machte. Es war ein längerer und krisenhafter Prozess, ihn dabei zu begleiten, für sich einen Weg zu finden.
In anderen Beispielen wenden sich Familienangehörige an uns, zum Beispiel wenn der Bruder, Lebenspartner oder Schwager der rechtsextremen oder verschwörungsideologischen Szene angehört und dies das Familienleben belastet, bis hin zu einem Risiko für besonders vulnerable Personen, etwa ältere Menschen oder Kinder. Hier geht es oft darum, die Konfliktfähigkeit der ratsuchenden Person mit psychotherapeutischen Mitteln zu stärken, und dabei immer auch den Schutz der verletzlichen Personen im Blick zu haben, jedoch den Gesprächsfaden mit der radikalisierten Person nicht abreißen zu lassen.
Wie steht es um die wissenschaftliche Evidenz? Ist (psychologische) Extremismusprävention wirksam?
Kerstin Sischka: Im Feld der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit gibt es unterschiedliche Ansätze der Fachkräfte, gemein ist ihnen jedoch, dass es um Beziehungsarbeit geht, um alternative Angebote, um eine wirkliche Auseinandersetzung mit der eigenen, vielleicht schuldhaften Vergangenheit. Jede Berufsgruppe bringt hier ihre eigene Wirksamkeit mit ein und schon allein durch eine professionelle Beziehung können Menschen in misslichen Lagen Entlastung und Veränderung erfahren. Wir bei "nexus" arbeiten nicht im luftleeren Raum und haben – wie oben schon besprochen – nicht den alleinigen Auftrag der "Deradikalisierung".
Ich denke, Evidenz wird sichtbar an "gelingenden" Ausstiegsprozessen – das muss man auseinanderblättern um die Wirksamkeit zu erkennen: Evidenz für Gewaltprävention, Loslösung aus traumatischen Gruppenbeziehungen, Selbstreflexion als eine Art Immunisierung gegen Ideologien und vieles mehr, was zum Teil auch unspezifisch wirkt und individuell von der Beziehungsgestaltung abhängt.
Orte, an denen ich selbst über Wirksamkeit sprechen kann, sind Intervision im Team, kasuistische Seminare, die Supervisionen im Einzelsetting, Kommunikation mit der Wissenschaft – also im intra- und interprofessionellen Diskurs. Wir untersuchen Behandlungsprozesse weniger mit quantitativen Methoden, sondern mit qualitätssichernden Settings. Wir sind auch mit unseren Kooperationspartnern und Fördermittelgebern in einem engen Diskurs, bei dem es um eine Plausibilisierung der Evidenz und eine Multiperspektivität auf das Erreichte geht.
Was sollte sich Ihrer Meinung nach künftig verändern, damit Extremismusprävention "besser" wird?
Maria Melzer: Aus unserer Perspektive wäre es wünschenswert, dass die Einbindung der psychotherapeutisch-psychiatrischen Arbeit in multiprofessionellen Teams selbstverständlich wird und die Ressourcen zur Verfügung stehen, Angehörige von Heilberufen in die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit einzubeziehen. Langfristig sollten auch Bereiche in der Regelversorgung und eine sektorübergreifende Zusammenarbeit gut integriert und selbstverständlich sein.
Das wird noch Zeit brauchen und auch den politischen Willen sowie die finanziellen und menschlichen Ressourcen. Besonders sind hier die Bundesprogramme gefragt – ich sehe hier die Neuausrichtung von "Demokratie leben!" ab 2027 als Schlüsselmoment: Nur wenn stabile Initiativen gefördert werden, kann sich strukturell nachhaltig etwas verbessern, und das wäre mein Wunsch für die tertiäre Extremismusprävention. Eine Verstetigung und Integration in regelhafte Prozesse von Innovationsprojekten, so wie "nexus transfer" eines ist, sollte ermöglicht werden. Das wäre nicht nur für die zu versorgenden Menschen selbst, sondern fürs ganze Netzwerk entlastend, da wir auch mit Fachkräften zusammenarbeiten.
Auch in der Aus- und Weiterbildung der psychotherapeutischen Kolleg*innen und im Ausbau von Psychotherapie sollten Aspekte der Extremismusprävention Platz finden, damit junge Behandelnde weniger fachliche Hürden nehmen müssen und alle Menschen mit einem Behandlungsbedarf – auch solche, die sich in Radikalisierung verstrickt haben – gut versorgen können. Momentan werden politische Signale gesendet, die dieses Vorhaben eher erschweren. Wir brauchen aber einen Ausbau von sozialarbeiterischen, pädagogischen und psychologisch wirksamen Strukturen und Fachkräften, die gut ausgebildet und mit umfassenden Ressourcen arbeiten können, um in allen Bereichen der Prävention Menschen zu erreichen und unsere Gesellschaft zu stärken. Diese Arbeit wird so stark durch menschliche Begegnungen getragen, braucht Netzwerke und viel Energie und muss daher mit einer hohen Priorität politisch verhandelt werden.
Ich bedanke mich für das Gespräch, Frau Sischka und Frau Melzer.







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