"Königsmacher" nannte man die Washington Post einmal. Dass eine einzelne Zeitung einen Präsidenten zu Fall bringen konnte, war Emblem der Macht einer freien Presse. Heute ist das Blatt ein kaputtgesparter Schatten seiner selbst – und steht damit stellvertretend für einen großen Teil der alteingesessenen liberalen Medien in den USA. Eine chronologische Spurensuche.
2013 – Jeff Bezos übernimmt
Wir beginnen am 4. September 2013. Einen Monat zuvor war die Washington Post von ihrem jahrzehntelangen Eigentümer Don Graham für 250 Millionen US-$ an Jeff Bezos verkauft worden. An jenem 4. September fand das erste Meeting zwischen Bezos und der Belegschaft der Post statt – und der neue Inhaber versprach "eine neue goldene Ära" für das angeschlagene Traditionsblatt.
Die Finanzspritzen und die Digitalstrategie des Amazon-Moguls hatten sich nach Jahren der Verluste schnell als lebensrettend erweisen: Während Trumps erster Präsidentschaft verzeichnete die Zeitung ein Rekordwachstum. Doch die sonnigen Zeiten währten nur kurz: Im Zuge der Coronapandemie und Donald Trumps folgenschwerer Abwahl sollte sich die US-amerikanische Medienlandschaft grundlegend verändern.
2020 – Das große Trauma
Mit dem Coronavirus breitete sich in den Vereinigten Staaten auch eine neue Medienlandschaft aus. Diese etablierte sich als dankbare Plattform für die Ausbeutung der Angst und Unsicherheit der Gesellschaft angesichts dieser Jahrhundertkrise. Schon einmal von Alex Jones' Infowars, Newsmax oder dem One American News Network gehört? Wenn nicht, hier die Kurzfassung: Fox News auf Meth.
Als im Oktober 2020 Joe Biden zum Wahlsieger ausgerufen wurde – der erste Call kam schicksalhafterweise von Fox – gab es kein Halten mehr: Das konspirative Milieu, das sich über das letzte halbe Jahr angereichert hatte, explodierte förmlich. Newsmax und OANN standen mit einem Mal in der politischen Gunst der MAGAsphäre und wurden zu nationalen Nachrichtenmachern.
Wurden Wahlscheine gefälscht? Wahlmaschinen gehackt? Und was hat Hugo Chavez damit zu tun? Die "große Lüge", wie Donald Trump seine eigene Niederlage bezeichnen sollte, wurde von einer Verschwörungstheorie zum zweiten nationalen Trauma nach Covid.
2023 & 2024 – Die große Erschöpfung
Es gab ein veritables Medienspektakel um die Kongressanhörungen zum Sturm aufs Kapitol und um die legendäre FBI-Razzia in Mar-a-Lago, bei der kistenweise klassifizierte Dokumente neben dem Klo gefunden wurden. Ebenso um die schrittweise aufgedeckten Umtriebe des Präsidenten und seiner Unterstützer*innen, das Wahlergebnis zu beeinflussen.
Doch irgendwie wollte das alles nicht zünden und die Washington Post schrieb 2023 wieder 77 Millionen und 2024 ganze 100 Millionen US-$ Verlust. In der Folge musste der langjährige CEO Fred Ryan 2023 seinen Hut nehmen und wurde auf Bestreben von Jeff Bezos durch Will Lewis ersetzt. Lewis hatte sein Handwerk im britischen Teil des Murdoch'schen Medienimperiums gelernt und sah sich während seiner zweijährigen Amtszeit als CEO der Post mit heftiger Kritik aus den eigenen Reihen konfrontiert.
Zeitgleich trat der CEO des Nachrichtensenders CNN, der mit den selben Problemen zu kämpfen hatte, nach nur einem Jahr Amtszeit zurück. Chris Licht hatte die Ursache für die über Jahre andauernden Verluste des Unternehmens in einem politisch linken Bias identifiziert – und CNN eine zentristische Rosskur verordnet. Das Resultat war so spektakulär wie katastrophal.
Die Post und CNN stehen an dieser Stelle exemplarisch für die ökonomische Sinnsuche der etablierten liberalen Medienlandschaft in der Transitionsphase zwischen Trumps beiden Amtszeiten. Der Knackpunkt war, dass Teile des Kernpublikums im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie schlicht erschöpft waren. Nach Jahren der tagtäglichen Ausnahmefälle und Existenzkrisen braucht jeder Mensch mal eine Pause. Und wenn eine Zielgruppe übersättigt ist, muss sich ein profitorientiertes Unternehmen wohl oder übel eine neue suchen.
2024 & 2025 – Eigentümer oder Chefredakteur?
In den Vereinigten Staaten ist es nicht ungewöhnlich, dass Zeitungen Wahlempfehlungen aussprechen. Die Washington Post tat das seit 1988 vor jeder Präsidentschaftswahl. Im Rennen zwischen Donald Trump und Kamala Harris war eine redaktionelle Empfehlung zugunsten von Harris geplant, was wohl niemanden überrascht hätte. Den entsprechenden Beitrag allerdings verhinderte Bezos persönlich kurz vor der Veröffentlichung. Die Zeitung verlor im Handumdrehen 250.000 Abonnements, etwa zehn Prozent.
Ein halbes Jahr später, im März 2025, schob sich Bezos erneut in den Fokus der Redaktionsarbeit. Die gesamte Kommentarsektion werde sich künftig ausschließlich um zwei Kernthemen drehen, nämlich "persönliche Freiheiten und freie Märkte". Es war eindeutig, dass das Blatt eine konservativere Zielgruppe ansprechen sollte.
Der Furor der Belegschaft über diese beiden Schritte war astronomisch, die Zeitung erlebte einen Exodus von namhaften Journalist*innen. Doch auch nach dieser Kündigungswelle und den Entlassungen im Jahr 2023 schrieb das Blatt weiterhin Millionenverluste.
2026 – Die Lichter gehen aus
Die Folge: Im Februar entlässt die Post 30 Prozent der Gesamtbelegschaft. Die Bücher- und Sportsektionen werden komplett gestrichen. Von über 20 Auslandskorrespondenzen bleiben zwölf, die Lokalberichterstattung wird beinahe vollständig eingestellt. Insgesamt müssen mehr als 300 der etwa 800 fest angestellten Journalist*innen gehen.
Das ist keine Rationalisierung und keine Fokussierung auf Kernkompetenzen, das ist die Logik des Venture Kapitalismus: Was nicht profitabel ist, wird profitabel gespart – oder stirbt. Und Jeff Bezos, der sich einst als wohlwollender Finanzier stilisierte und dem Blatt den Slogan "Demokratie stirbt in Finsternis" verpasste? Gibt 40 Millionen US-$ an Lizenzkosten für "Melania" aus, eine Dokumentation über die First Lady, nachdem er mit den Trumps beim Dinner war. Aber darüber sprechen wir beim nächsten Mal.







