Analyse
Ist das von der Kunstfreiheit gedeckt?
Der abgesagte ZDF-Auftritt von Danger Dan und Igor Levit hat eine heftige Debatte über Kunstfreiheit, politische Verantwortung und die Grenzen künstlerischer Provokation ausgelöst. Im Zentrum steht der neue Song „Keine Angst“, dessen Text von den einen als antifaschistische Kunst, von den anderen als gefährliche Radikalisierung und impliziter Gewaltaufruf gelesen wird. Der Fall wirft die grundsätzliche Frage auf, wo die Grenze zwischen legitimer Kunstfreiheit und gesellschaftlicher Verantwortung öffentlich-rechtlicher Sender verläuft.
Foto: Michael Vogel via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0
Im Netz tobt wieder Kulturkampf. Je nachdem, wen man fragt, handelt es sich um Zensur und einen Eingriff in die Kunstfreiheit durch das ZDF, das in vorauseilendem Gehorsam vor dem rechten Mob einen antifaschistischen Song nicht spielen will, oder eine notwendige Entscheidung, die verhindert hat, dass extremistisches Gedankengut, welches einen eindeutigen Gewaltaufruf enthält, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitet wird. Aber was war geschehen? Am Donnerstag, den 16. Juli veröffentlichten die Musiker Daniel Pongratz alias Danger Dan und Igor Levit ein Statement, dass sie vom ZDF ausgeladen worden seien und man einen bereits verabredeten Auftritt abgesagt habe. Eigentlich wollte man ein „antifaschistisches Lied” spielen, wozu es nun nicht gekommen sei. Die Erregung auf Social Media war entsprechend groß.
Am Freitag Abend wurde das Lied mit dem Titel „Keine Angst” in voller Länge auf YouTube veröffentlicht und bis zum Samstag über 500.000 Mal abgerufen. Und der Text hat es wirklich in sich. Neben einer Anleitung, wie man klandestine Strukturen aufbaut (Handy zuhause lassen wegen Bewegungsprofil. Keine vertraulichen Informationen über Messenger-Dienste austauschen.), folgt die Aufforderung, Menschen in ihrem Umfeld zu denunzieren und auch ihre Arbeitgeber zu kontaktieren.
Mit Fotos und Funktion'n, mit Nam'n und mit Adressen
Niemand wird ein Nazischwein als sein'n Nachbarn möchten
Das flankierte man mit ein paar Telefonaten
Um ihre Schul'n, Unis, Arbeitgeber zu beraten
Der wahre Stein des Anstoßes war jedoch für viele am Ende des Liedes zu finden, wo „liebe Grüße” an Personen aus der linksextremistischen Szene geschickt werden, denen schwerste Gewalttaten vorgeworfen werden. Die bekannteste von ihnen ist Maja T., die in Ungarn wegen lebensbedrohender Körperverletzung zu acht Jahren Haft verurteilt wurde.
Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt
Ich lass' ihn jetzt einfach mal im Raum, den Elefant
Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag' nix mehr dazu
Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk
Viele Menschen und scheinbar auch die Leitung des ZDF sahen darin einen Gewaltaufruf. Bekannt wurde Danger Dan als Solokünstler 2021 als er bereits ein antifaschistisches Lied mit Titel „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt” veröffentlichte. Bereits in diesem Song spielte Pongratz − deutlich virtuoser als heute − mit Anspielungen und Zweideutigkeiten und lotete die Grenzen der Meinungsfreiheit bei Angriffen auf die bekannten Personen der radikalen Rechten Götz Kubitschek und Jürgen Elsässer aus. Und auch in dem Text aus 2021 wird bereits zur Militanz aufgerufen:
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz
Wieso man den Sänger also überhaupt in die Sendung „Die Anstalt” eingeladen hat, bleibt eine offene Frage, da man zu Danger Dan eigentlich nur sagen kann: geliefert wie bestellt. Er bleibt seiner Linie aus 2021 treu, auch wenn er inzwischen zu Protokoll gegeben hat, dass er keineswegs zu Gewalt aufrufen wolle. Das Kokettieren mit Grüßen an linksextremistische Gewalttäter bleibt jedoch bestehen. Diese gehen auch über eine andere Lesart hinaus, die durchaus legitim wäre. Wenn Pongratz davon singt, dass man trainieren und sich zusammenschließen solle, dann könnte dies auch zum Zwecke der Selbstverteidigung sein. Diese wäre legitim, sogar notfalls mit Gewalt, sollte man selbst körperlich angegriffen werden, wovor der Sänger sich offensichtlich fürchtet.
Ähnlich kommentierte auch der ZEIT-Journalist Christian Bangel auf X, der schrieb: „Dieses Lied wäre eine Gelegenheit gewesen, über die Angst zu reden, die viele auf dem Land wieder empfinden, während in Berlin über illegitime linke NGOs gesprochen wird.” Angst vor rechtsextremer Gewalt in Orten wie Dippoldiswalde, Burg oder Wurzen, wo aus dessen Sicht heute ähnliche Zustände herrschen wie in den 1990er Jahren, einer Zeit, die auch als „Baseballschlägerjahre” bekannt ist, wo Menschen zu Tode geprügelt wurden. Diese Diskussion sollte auch geführt werden, jedoch unabhängig von der Frage, ob Pongratz eine Grenze überschritten hat.
Ebenfalls zu diskutieren ist, ob solch ein Gruß in einem Lied tatsächlich als ein wortwörtlicher Aufruf zu Handlungen zu verstehen ist oder ob man der Kunst nicht etwas mehr Doppeldeutigkeiten zugestehen muss. Manche mögen sich daran erinnern, dass die Punk Band NOFX 1992 einen Song veröffentlichte, in dem sie dazu aufrief, alle Weißen zu töten („Kill all the White Man“), was kaum jemand als ernsthaften Aufruf zum Mord verstanden haben dürfte. Andererseits verweist der Sozialwissenschaftler Holger Marcks zu Recht darauf, dass die Angstpolitik, wie sie hier von Pongratz geschürt wird, zu Radikalisierung führen kann. In einem Tweet schrieb er: „Bedrohungserzählungen, die von vielen geteilt werden und den digitalen Gruppendynamiken unterliegen, haben stets Radikalisierungspotential.“ In einem fiktiven Beispiel fragte er, ob die Leute, die das Lied von Danger Dan nun feiern würden, es unbedenklich fänden, wenn eine Band vergleichbar Grüße an „die Uwes und Beate” schicken würde. Dies ist eine Anspielung auf die Rechtsterroristen des NSU, die zehn Morde begingen:
Ist doch eh klar,
was ich rate.
Grüße an die
Uwes und Beate.
Was bleibt, ist, dass die Wellen so hoch geschlagen sind, dass das ZDF sich nun in einer eigenen Sendung mit dem Fall befasste und die große Aufmerksamkeit, derer sich Danger Dan nun erfreuen kann. Denn dass Versuche, bekannte Künstler zu canceln, gerne mal das Gegenteil dessen erreichen, was sie beabsichtigen, ist der bekannte Nebeneffekt dieser Aktionen. Immerhin dürfte es juristisch so sein, dass auch für „Keine Angst” gilt: Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.
Kommentare (2)
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Mir gehen bei der Diskussion…
Mir gehen bei der Diskussion um das Lied zwei Sachen durch den Kopf, die in den wenigsten Kommentaren behandelt werden:
1. Die letzten zwei Zeilen sind ja ziemlich klar als Provokation angelegt, Danger Dan weiß genau, dass er damit aneckt und einen Skandal produziert. Kann man natürlich so machen. Slime haben in den 80ern noch ganz andere Sachen gesungen. Nur: Die wollten subversiv sein, den Spießern ans Bein pinkeln und hätten um so etwas wie "Die Anstalt" einen großen Bogen gemacht. Man muss sich mal entscheiden: Will man punkig und provokativ sein, oder staatstragend und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten? Beides zusammen geht nicht.
2. Ich finde es kurios, wie leichtfertig wieder mal mit dem Begriff "Zensur" um sich geworfen wird. Das Lied ist doch nicht verboten. Man kann es streamen und das Video bei YouTube gucken, die Musiker treten live damit auf. Es wurde lediglich ein Auftritt in einer einzigen Sendung abgesagt. Dass jetzt plötzlich Linke ein Verständnis von Zensur an den Tag legen, das man sonst nur von Typen kennt, die auf Facebook in Großbuchstaben schreiben, ist kein gutes Zeichen.
Der Sänger in der roten…
Der Sänger in der roten Jacke leidet offensichtlich nicht an mangelndem Selbstgefallen oder seiner Rolle als unterdrückter Kampfgenosse, und dem (bis auf zwei seiner Positionen, die ich schlimm finde) von mir sehr geschätzten Max Uthoff mitsamt Redaktion traue ich die Bewirtschaftung dieser Skandal-PR-Masche bequem zu. Oder sie sollten wirklich auftreten und es ist von oben abgesägt worden, aber das wäre ja ...
>> auf dem Land ... in Orten wie Dippoldiswalde, Burg oder Wurzen, wo aus dessen [Christian Bangels] Sicht heute ähnliche Zustände herrschen wie in den 1990er Jahren, einer Zeit, die auch als „Baseballschlägerjahre” bekannt ist, wo Menschen zu Tode geprügelt wurden <<
Dippoldiswalde, Burg und Wurzen sind Kreisstädte mit über 10.000 bzw.20.000 Einw., die man sicher auch nicht als politisches Naherholungsgebiet bezeichnen kann.
Wirklich existentiell ist es auf dem tatsächlichen Land, wo im Umkreis von 100m 30 oder 40 andere Menschen leben. Da bist du die Polizeiwache selbst oder eben nicht.
Insofern wirkt es auch auf mich sehr bizarr, wenn in sehr städtischen Zirkeln, nicht nur in Berlin, darüber diskutiert wird, ob man dazu aufrufen darf, sich verteidigungs-, also gewaltbereit zu stellen.
Das ist privat nicht anders als auf internationaler Ebene: Wenn man mit einem Du-oder-Ich-Aggro konfrontiert ist, sollte man die Entscheidung selbst treffen können.
Dass als Baseballschlägerjahre nur die 1990er in aller Munde sind, hat seinen Grund.
Sie begannen schon in den 1970ern (+Wehrsportgruppen) und erreichten ihren ersten Höhepunkt Mitte der 1980er.
Erwähnt werden in den Medien aber fast ausschließlich die 1990er, weil da der Osten diese Baseballschlägerjahre hatte. Und rohe Gewalt bringt man in den westlich dominierten Medien doch lieber nur mit dem Osten in Verbindung, da kann man dann so schön kopfschüttelnd drauf herabblicken.
löbliche Ausnahme: hoerspielundfeature.de/hamburgs-baseballschlaegerjahre-100.html
In einem Land, in dem weitreichende, unbedingte Gewaltaufrufe angeblich von der Religionsfreiheit gedeckt sind, müssen sie auch von der Kunstfreiheit gedeckt sein.
Oder beides nicht.
Ich bin für beides nicht.
Da ich selbst Gegenstand pseudolinks-hysterischer Denunziation bin, kann ich nur inständig vor einem neuen Gesinnungsmeldewesen warnen!
Das machen Rechte ja demonstrativ. Listen führen.
Auch von vorgeblich links her gibt es schon seit Jahren inbrünstige Bestrafungsfantasien wegen falscher Begriffsverwendung, unvollständigen Impfpasses, Freude an Zuwanderungskontrolle, mangelnder Teilnahme an kollektiven Veranstaltungen zur Demonstration der korrekten Weltsicht. ("Wieso wart ihr denn gestern nicht auf der xxx-Demo?"+ äußerst skeptischer Prüfblick) und ähnlicher Vergehen.
Wie erfolgreich die Straßenkämpfe der 1920er Jahre aus linker Sicht waren, ist bekannt. Die enorme Aufgabe dieser Fraktion bleibt nach wie vor die Erlangung von Denklogik, Impulskontrolle (incl. Empörungsregulation) und ein Minimum an Interesse fürs normale Leben.
Sonst kann man gar nicht links sein.