Wenn öffentliche Stellen ein Bild von Musliminnen zeichnen, das Islamisten in die Karten spielt
„Wir müssen uns diversitätssensibel aufstellen. Unsere Angebote sollen Migranten und Muslime ansprechen.“ − „Stimmt. Lass uns ein Bild mit einer Frau mit Hijab auf unsere Homepage setzen!“ So oder so ähnlich mögen die Teamsitzungen in den Kommunikationsabteilungen mancher Kommunen, Städte, Länder, des Bundes oder auch auf europäischer Ebene klingen, wann immer eine interkulturelle Öffnung proklamiert wird und man sich schließlich für eine Illustration mit einer kopftuchtragenden Frau entscheidet. Doch dies wird weder der Realität von Migration noch der von Musliminnen gerecht. Letztlich erweist es der Gleichberechtigung einen Bärendienst. Und Islamisten werden sich die Hände reiben.
Foto: © David Farago
Zuletzt wurde die hpd-Redaktion auf ein Beispiel der Stadt Augsburg1 aufmerksam gemacht. Auf der offiziellen Karriere-Website der Stadt prangte im Header das Bild zweier Personen: eine Frau mit Kopftuch und Abaya, also sogenannter „Modest Fashion“, das heißt: zurückhaltender Mode, und daneben ein Mann in Feuerwehr- beziehungsweise Arbeitskleidung.
Der hpd hat nachgefragt. In der Antwort des zuständigen Direktoriums 1 der Stadt Augsburg heißt es:
„Die Kampagne verfolgt das Ziel, junge Menschen für eine Ausbildung bei der Stadt Augsburg zu gewinnen und die Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten in der Stadtverwaltung sichtbar zu machen. Die abgebildeten Personen stehen stellvertretend für die Menschen, die bei der Stadt Augsburg arbeiten oder sich für eine Tätigkeit bei uns interessieren, ohne Anspruch darauf, deren Mehrheit zu repräsentieren. Dabei ist es uns wichtig, die gesellschaftliche Vielfalt unserer Stadt widerzuspiegeln. Die Verwendung des Motivs der Frau mit Kopftuch und Abaya ist nicht als Aussage über bestimmte religiöse, gesellschaftliche oder politische Auffassungen zu verstehen. Vielmehr soll zum Ausdruck gebracht werden, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebenswege Teil unserer Stadtgesellschaft sind und bei der Stadt Augsburg willkommen sind.“
Doch Augsburg ist kein Einzelfall. So bebildert die Koordinationsstelle für ehrenamtliche Mitarbeit der Landeshauptstadt Hannover ihr Angebot mit einer Grafik, auf der eine muslimische Frau mit Kopftuch und „reizarmer” Kleidung zu sehen ist, während (vermutlich) Vater und Sohn daneben − kurzärmlig gekleidet − Fußball spielen.
Besonders bemerkenswert ist der Berliner Senat. Dieser hat 2021 einen Leitfaden zur diversitätssensiblen Kommunikation unter dem Titel „Vielfalt zum Ausdruck bringen!“ veröffentlicht. Darin wird kritisiert, Musliminnen nicht einfach mit Kopftuch von hinten abzubilden, da der Schleier dadurch negativ konnotiert zum alleinigen Blickfang gerieren könnte. Stattdessen wird empfohlen, Musliminnen mit Kopftuch beispielsweise beim Sport abzubilden. Im Dezember 2025 wurde diese Empfehlung mit dem „Kriterienkatalog zur diversitysensiblen Bildauswahl“ des Berliner Senats nochmals bekräftigt.
2021 hatte auch die Antidiskriminierungs- und Inklusionsabteilung des Europarats, gesponsert von der Europäischen Union, Illustrationen von Frauen auf der einen Gesichtshälfte mit und auf der anderen ohne Kopftuch veröffentlicht und den Hijab mit Begriffen wie „Schönheit“, „Freiheit“ und „Freude“ verbunden. Aufgrund massiver Kritik aus Frankreich wurden die Bilder nach wenigen Tagen zurückgezogen.
Was zunächst harmlos, vielleicht sogar besonders progressiv wirken mag, ist bei näherer Betrachtung ziemlich verhängnisvoll. Und das aus mehreren Gründen.
Die Zwangsislamisierung der Migration
Allen voran scheint solcher Bildauswahl vielfach ein kollektivistischer Kurzschluss zugrunde zu liegen: Migration gleich Islam. Islam gleich Kopftuch. Die tatsächliche Pluralität von Migranten wird damit verengt.
Erstens stammen längst nicht alle Migranten aus muslimisch geprägten Herkunftsgesellschaften. Von den rund 31,1 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund stammt nur etwa ein Viertel aus muslimisch geprägten Herkunftsländern. Der Rest verteilt sich unter anderem auf (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, Polen und Rumänien sowie auf die EU-Binnenmigration. Und zweitens sind selbstverständlich nicht alle Menschen aus muslimisch geprägten Herkunftsregionen automatisch Muslime: Viele sind Christen, Jesiden, Bahai oder haben der Religion abgeschworen. Nebenbei bemerkt steigt die Zahl von Apostaten, vor allem unter der Jugend, aus mehrheitlich muslimischen Herkunftsländern sprunghaft an. In Deutschland kämpfen Ex-Muslime weiterhin für die Anerkennung von Atheismus als Fluchtgrund. Dass (Ex-)Muslime in Sammelunterkünften mit ihren Verfolgern konfrontiert sind, ist die Spitze des Eisbergs. Die wenigsten Integrationsangebote berücksichtigen in ihrer Bildsprache nicht-muslimische Migranten. Sie dürften sich nicht angesprochen fühlen – da macht es sich etwa die Stadt Augsburg zu einfach.
Legitimierung von Geschlechtertrennung
Noch problematischer wird es, wenn ausgerechnet das Kopftuch zum visuellen Stellvertreter für muslimisches Leben insgesamt herhält. Lale Akgün, Mitbegründerin des Arbeitskreises Politischer Islam und Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Säkularität und Humanismus in der SPD, merkt gegenüber dem hpd an: „Wenn Migrantinnen mitgemeint sind, pflegt man in Deutschland, gerade auf Plakaten von Behörden oder NGOs, eine Frau mit Kopftuch zu platzieren, um sich dann sehr weltoffen zu fühlen. Gerade so, als wäre das Kopftuch ein ‚Markenzeichen‘ von Migrantinnen. Das finde ich nicht nur deplatziert, sondern geradezu frauenfeindlich und diskriminierend.“
Auch die Stadt Augsburg schreibt in ihrer Antwort: „Augsburg ist eine vielfältige und weltoffene Stadt, in der Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, religiösen und persönlichen Hintergründen leben. Diese Vielfalt prägt auch unsere Belegschaft sowie die Menschen, die wir mit unserer Ausbildungswerbung ansprechen möchten. Unser Anspruch ist es, diese Realität in der öffentlichen Kommunikation angemessen abzubilden.“
Aber: Nur etwa 30 Prozent der muslimischen Frauen in Deutschland tragen ein Kopftuch, eine Mehrheit von 70 Prozent trägt keins. Dieser Befund geht auf die 2021 veröffentlichte Untersuchung „Muslimisches Leben in Deutschland” zurück.
Das Kopftuch steht für Geschlechterapartheid: Warum trägt der Mann keines? Warum „muss“ die Frau es in Anwesenheit von Männern tragen? Das Kopftuch steht für die Kontrolle weiblicher Sexualität: Warum wird empfohlen, es ab der Geschlechtsreife zu tragen? Warum gelten Frauen, die es tragen, als besonders „sittsam“; die es nicht tragen, als „unrein“? Kopftuch und Abaya stehen für die Übersexualisierung des weiblichen Körpers: Warum sonst gilt die weibliche Silhouette oder bereits eine Strähne Frauenhaar als derartige Verführung, das sogar Vergewaltigungen an unverschleierten Frauen legitimiert werden?
Die Verschleierung steht für den Politischen Islam der Islamischen Republik Iran, der Türkei, Saudi-Arabiens, Katars, Afghanistans etc. Er steht für den legalistischen, islamistischen Verbandsislam von DITIB, Millî Görüş bis zur Deutschen Muslimischen Gemeinschaft.
Mit diesen Illustrationen reproduziert die öffentliche Hand ein Bild von Musliminnen, das lediglich eine konservative bis politisch-islamische Lesart des Islams sichtbar macht. Sie macht sich hier eine repressive Sexualmoral zu eigen und verstärkt damit letztlich die Deutungshoheit darüber, was als ‚muslimisch‘ gilt und was nicht. Das kommt Islamisten entgegen, die ihre fundamentalistische Auslegung als „der Islam“ etablieren wollen.
Was ist mit den Musliminnen, die kein Kopftuch tragen? Was ist mit jenen, die die Verhüllungspraxis sogar ausdrücklich ablehnen? Ihnen wird mit dieser Bildsprache Unrecht getan. Auch sie scheinen keinen Platz in der Diversität zu haben.
Teilhabe statt Integration
Die Bebilderung mit Kopftuchträgerinnen exemplifiziert auch den Triumph des Begriffs der Teilhabe, der sich simultan mit dem Abgesang auf die klassische Integration vollzogen hat.
Integration versteht sich als Prozess der Anpassung beziehungsweise der Akkulturation an die grundlegenden Werte und Gepflogenheiten der aufnehmenden Gesellschaft. Sozialer Zusammenhalt und die Orientierung zugewanderter Individuen setzen schließlich auch ein Mindestmaß an gemeinsamen Normen voraus. Dabei geht es nicht um Bratwurst, Bier und Oktoberfest, sondern um die „Hardcore-Werte“, wie es der Forensiker Frank Urbaniok ausdrückt: sexuelle Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Gewaltfreiheit.
Die Bildwahl öffentlicher Institutionen scheint dagegen zunehmend einem anderen Verständnis zu folgen: Teilhabe.
Die Botschaft lautet sinngemäß: Musliminnen sollen an der Gesellschaft partizipieren können, ohne sich an deren grundlegende Werte anpassen zu müssen. Sie sollen so bleiben, wie sie sind – oder wie man sie sich vorstellt – und genau darin liege die vermeintliche Anerkennung.
Das Problem dabei ist jedoch, dass Kopftuch und insbesondere Abaya keineswegs vollkommen neutrale Kleidungsstücke, sondern Instrumente repressiver Geschlechtervorstellungen und Ausdruck einer polit-islamischen Ideologie sind.
Noch perfider wird es dann, wenn der Schleier – wie vom Berliner Senat empfohlen – entgegen der stereotypen Rolle präsentiert und damit normalisiert wird: etwa an einer muslimischen Frau mit Kopftuch, die arbeitet, Sport treibt oder zugleich Feministin ist.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Klar sollen Frauen mit Hijab ihr Leben leben. Aber solche Inszenierungen nähren den Eindruck, den Schleier als 100 Prozent mit der modernen Gesellschaft vereinbar erscheinen zu lassen. Dabei täuschen jene Motive darüber hinweg, dass die Teilhabe dieser verhüllten Musliminnen nur dann als möglich erscheint, wenn der zuvor als sündhaft markierte weibliche Körper verhüllt wird. Kurzum: Wir akzeptieren eine scheinbar religiös legitimierte Diskriminierung von Frauen − der größeren Gruppe −, um eine mögliche Diskriminierung von Musliminnen − der kleineren Gruppe − zu vermeiden.
Standen im Feminismus und Antirassismus früher Fragen nach Gleichberechtigung und der materiellen Verbesserung von Lebensverhältnissen im Zentrum, dreht sich heute alles um Repräsentanz. Nicht mehr: Welche Leiderfahrungen und Machtverhältnisse wirken? Sondern: Wer findet statt und wer wird repräsentiert.
Wenn Vielfalt Neutralität verdrängt
Ein säkularer Staat ist zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet. Das bedeutet jedoch nicht, Vielfalt als positiven Wert an sich zu fördern, ohne zu hinterfragen, wofür eigentlich diejenigen stehen, die als Repräsentanten der Vielfalt gepriesen werden. Schnell entsteht ein Interessenskonflikt: Weil das Kopftuch etwa mit der Gleichberechtigung, wie sie in Artikel 3 festgelegt ist, quer steht.
Neben der Genugtuung von Islamisten erreicht die derzeitige Praxis womöglich das Schlechteste aus zwei weiteren Reaktionen: Zum einen verprellt der Staat damit liberale Muslime und säkulare Migranten, die mit politischen Islamdeutungen nichts zu tun haben wollen. Ein Vertrauensverlust entsteht bei den Leuten, die wir eigentlich brauchen. Zum anderen können solche Darstellungen bei Teilen der Mehrheitsgesellschaft Ängste und Abwehrreaktionen verstärken. Wenn öffentliche Institutionen muslimisches Leben immer wieder nahezu ausschließlich über den Schleier darstellen, kann beim Betrachter der Eindruck entstehen: „Die Muslime sind schon überall – und jetzt sollen sich demnächst auch noch unsere Frauen verschleiern.“
Das ist selbstverständlich keine zwangsläufige Reaktion. Aber eine mögliche. Jedenfalls: Futter für die AfD.
1 Hinweis der Redaktion: Das Bild wurde inzwischen geändert. Ob ein Zusammenhang zur Anfrage des hpd besteht, ist nicht bekannt.
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