Kommentar

Es geht nicht um islamischen Religionsunterricht!

13.01.2015: Religionsführer und Bundeskanzlerin Arm in Arm
13.01.2015: Religionsführer und Bundeskanzlerin Arm in Arm

BERLIN. (hpd) Es ist wahrlich auffällig: Mit Vehemenz fordert der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bedford-Strohm, nicht zum ersten Male mehr islamischen Religionsunterricht in unseren Schulen. Was zunächst einmal merkwürdig anmutet, ergibt Sinn, wenn man bedenkt, dass auch der christliche Religionsunterricht in unserem Bildungssystem massiv unter Druck steht. Ein Protestant wird zum beharrlichen Fürsprecher einer anderen Religion. Es wirkt fast so, als würde Kardinal Marx künftig Werbung für die Jugendweihe betreiben.

Unter dem Vorwand, Muslime müssten in Deutschland besser integriert werden, appelliert Bedford-Strohm zu mehr Möglichkeiten für islamische Gläubige, ihre Kinder flächendeckend in einen eigenen Religionsunterricht schicken zu können. Wie bereits bei evangelischen und katholischen Schülern, soll auch der islamische Unterricht weiterhin in staatlichen Schulen abgehalten werden. Zur Einbindung der Menschen muslimischen Glaubens gehört es nach Auffassung des EKD-Ratsvorsitzenden, ihnen gleiche Rechte auf Ausübung ihrer Religionsfreiheit einzuräumen.

Was Bedford-Strohm als Teil einer vielfältigen Landschaft an Weltanschauungen sieht, ist in Wahrheit der Versuch, den Religionsunterricht im Allgemeinen an öffentlichen Schulen im Land zu stärken. Wer Muslimen einen Anspruch auf Abhaltung von muslimischen Schulstunden gewährt, der muss es auch gegenüber Christen tun – so besagt es das Grundgesetz. Der evangelische Fürsprecher für den Islamunterricht verfolgt also in Wahrheit die Absicht, den eigenen Religionsunterricht weiter zu zementieren und ihn argumentativ unantastbar zu machen.

Unter dem Zustrom von Flüchtlingen wird der Widerspruch schwierig, gerade, wenn es um die Anrechte der Asylsuchenden geht. So traut sich kaum jemand, generell zu hinterfragen, auf welcher Grundlage die Schule nicht zunehmend säkularisiert, sondern von den Religionsgemeinschaften immer weiter vereinnahmt wird. Die Frage, welchen Platz Kirchen im Klassenzimmer haben, wird seit jeher kontrovers diskutiert. Und Protestanten, wie auch Katholiken, verteidigen ihre Präsenz vehement. Sie berufen sich auf Grundrechte, ihre Freiheit sogar bis an die Tafel ausbreiten zu dürfen – unter dem Anblick des Kruzifixes und mit der Gewissheit, politisch ständige Rückendeckung zu erfahren.

Wenn Bedford-Strohms Forderung nun wieder eifrig als Teil der Eingliederung von Muslimen gefeiert wird und die Toleranz der Kirchen gegenüber anderen Religionen Anerkennung erfährt, wird sich kaum jemand derjenigen, die vor Freude über die Offenheit und Pluralität tanzen, daran denken, dass wir mit solchen Schritten nicht nur den Weg für weiteren Einfluss der Glaubensgemeinschaften auf unsere Bildung ebnen, sondern auch die Aufsicht über das, was an staatlichen Schulen gelehrt wird, zunehmend verlieren. Denn Religionsunterricht, egal, welcher Art, ist immer auch ein Aufruf zu Missionierung, soll Kinder zu mündigen Gläubigen machen und lässt Kontrolle über seine Inhalte nur bedingt zu.

Niemand weiß wirklich, was in diesen Schulstunden gelehrt wird. Ob es allein das Bild von Barmherzigkeit und Gnade ist, darf bezweifelt werden. Denn im Vergleich zu regulären Schulfächern bleibt der Religionsunterricht eine von den Weltanschauungsgemeinschaften gelenkte Indoktrination von Botschaften jahrhundertealter Schriften, deren Exegese es bedürfte, die aber nicht jeder Lehrer zu geben bereit ist. Respekt vor den Andersdenken, die Lehrpläne sehen es in der Theorie vor. Doch gerade beim Islamunterricht fehlen bislang verbindliche Übereinkünfte dazu, die in der Flickschusterei der Länder noch erschwert werden.

Religion aus den Schulen zu entfernen – dies wäre die einfachste Konsequenz, um all diese Unsicherheiten, Konfrontationen und Interessenskonflikte zu beenden. Kein anderer Anbieter hat neben den Glaubensgemeinschaften das Recht, sich in eigenen Unterrichtsstunden abseits des öffentlichen Zugangs zu präsentieren. Die singulären Rechte rechtfertigen sich weiterhin mit kaiserlichen Überbleibseln, weil keine politische Kraft sie anpacken möchte. Immerhin geht es nach außen hin um Wertschätzung von Unterschiedlichkeit, die nicht einmal alle wesentlichen Weltanschauungen abdeckt. Mit einem ethischen Wertefach wäre die nötige Bildung in Glaubensfragen bedient, weshalb die Konfessionslosen gut daran tun, nicht das Einführen eines eigenen Schulfaches zu fordern, sondern, sich für die Verbannung von Religion aus den Klassenräumen einzusetzen.

Keine falsche Verlegenheit und Ängste davor, religiöse Gefühle zu verletzen: Nicht alles, was dieser Tage unter dem Deckmantel von Freiheit, Integration und Toleranz verkauft wird, verfolgt wirklich den Sinn eines friedlichen Miteinanders. Oftmals geht es allein um die Verteidigung des eigenen Machtanspruchs, der auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die sich dagegen noch nicht einmal wehren können. Ob muslimisch, christlich, jüdisch oder atheistisch: Glaube ist Privatsache, auch für Kinder. Es steht jeder Religionsgemeinschaft offen, Angebote zur Bildung zu ermöglichen. Doch dann bitte in der Kirche, in der Moschee, in der Synagoge – oder einfach zu Hause!

Kommentare (22)

Frank Linnhoff (nicht überprüft)

Do. 7 Jul 2016 - 13:53

Genauso geschieht es in meiner Wahlheimat Frankreich, wo es stattdessen das Unterrichtsfach Philosophie gibt.

Wolfgang (nicht überprüft)

Do. 7 Jul 2016 - 14:10

Dieses vehemente Entgegenkommen von B-S. führe ich darauf zurück nach dem Motto, tue ich dir nichts dann tust du mir hoffentlich auch nichts. Mögen die entsprechende Götter entscheiden. Aber aufpassen, viele Götter verderben den Brei!!

Rainer Bolz (nicht überprüft)

Do. 7 Jul 2016 - 17:25

Antwort auf von Wolfgang (nicht überprüft)

Schon die alten Griechen verfuhren nach dem Motto:
Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Do. 7 Jul 2016 - 14:34

Ich finde schon, dass das Angebot an Schulen verbreitert werden müsste.

Dringender Nachholbedarf besteht auch bei den Fächern:

Esoterik und Wünschelrutenlaufen
Homöopathie und andere Wundermedizin
Ufologie (zusammen mit Paläoseti)
Engelkunde
Parapsychologie
biblische Erdkunde (auf Basis des babylonischen Weltbilds)
Kreationismus
Exorzismus
Hexenkunde (Brandmethodik und Brennwertermittlung)
kabbalistische Mathematik
Rhetorik und Schwurbeldeutsch
jenseitige Physik
Bibellatein
Fluchtechnik nach Luther
Ikonenmalerei und Gruselfix-Basteln
wahlweise: Hostienbacken oder die leckersten Gerichte aus Jesusfleisch

Ich denke, wir sollten dafür kämpfen, dass die anderen Schulfächer, die eh keiner mag, langsam aus unserem Bildungssystem verschwinden. :-)

andreas scholz (nicht überprüft)

Mi. 13 Jul 2016 - 20:10

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Rhetorik und Schwurbeldeutsch

also für einen eventuell einzurichtenden lehrstuhl fällt mir da so ganz spontan eine bestens geeignete personalien ein.

Rainer Bolz (nicht überprüft)

Do. 7 Jul 2016 - 16:49

Wer als Erwachsener all die trickreichen Erklärungen für die Absurditäten der Religionen rechtfertigen will oder muss, sowie die Glaubensinhalte verinnerlichen möchte, begibt sich in eine intellektuelle Sackgasse, die das realitätsbezogene Denken sowie die geistige Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt.
Religion kann bedenkenlos mit der Wasserspülung des Klosetts entsorgt werden und das ist gut so.

Angela (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 08:52

Endlich wird das eigentliche Problem beim Namen genannt: Den - religionsdemographisch die Felle davonschwimmenden - Kirchen geht es um den Erhalt überkommender Privilegien, Geld und Macht. Als Mittel dazu kommt den einschlägigen "Würdenträgern" der Islam geradezu recht. Wer sich die Mühe macht und genau hinschaut, der kommt auch zu dem Entschluss, dass nicht die Anwesenheit von "Muslimen" (im Sinne von Menschen mit Vorfahren aus muslimisch geprägten Ländern) in unserem Land das eigentliche Problem ist, sondern vielmehr das überkommene deutsche Staatskirchenrecht. Von daher kann man gar nicht oft und laut genug zum massenhaften Kirchenaustritt aufrufen (zuzusagen als nichtrassistische Alternative zu Pegida), denn nur so kann diesem unsäglichen klerikalen Sumpf endlich die allgemeine Legitimation entzogen werden.

Kleiner Wermutstropfen an dieser obenstehenden Analyse: Die Formulierung "mündige Gäubige" ist eine contradictio in adiectio. Es muss vielmehr heißen, die Schulen sollen die Kinder endlich zu mündigen, d.h. denkenden, Staatsbürgern erziehen, als zu unmündigen Untertanen, also Gläubige, denen man nicht nur Dogmen, sondern auch sonst jeden irrationalen Unsinn weismachen kann.

"Wer sich die Mühe macht und genau hinschaut, der kommt auch zu dem Entschluss, dass nicht die Anwesenheit von "Muslimen" (im Sinne von Menschen mit Vorfahren aus muslimisch geprägten Ländern) in unserem Land das eigentliche Problem ist, sondern vielmehr das überkommene deutsche Staatskirchenrecht"

Ganz so simpel ist es dann doch nicht. Sie vermischen hier zwei Ebenen: die der strukturellen Macht und jene der religösen Ideen.

Das Staatskirchenrecht ist sicherlich abschaffungsreif und wird ūbrigens auch von vielen Gläublingen kritisiert. Religiöse Ideen haben damit allerdings nichts zu tun, sie verbreiten sich auch ausserhalb staatlicher oder religiöser Strukturen. Das sehen wir zB in den USA oder FR. Und dies gilt fūr jede Religion, auch fūr den Islam.

Die Gläubigen werden dann zum Problem, wenn ihre religiösen Ideen problematisch sind. Und leider sind die Ideen, die im orthodoxen Islam stecken, in der Tat problematisch und zwar problematischer als selbst das, was im Durchschnitt fundamentalistische Christen oder Buddhisten glauben.

Anzunehmen, die Abschaffung unseres Staatskirchenrechts wūrde gleichzeitig die Probleme lösen, die uns der orthodoxe oder sogar der extremistische Islam beschehrt, halte ich fūr einen fahrlässigen Trugschluss.

Manfred Spieß (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 10:13

Sehr geehrter Herr Riehle,

In Ihrem obigen Kommentar zu Stellungnahmen zum islamischen und anderen Religionsunterricht (RU) bringen Sie einige Unterstellungen und auch viel fachliche Unkennntis zum Vorschein. Wie können Sie allen Ernstes behaupten: " Religionsunterricht, egal, welcher Art, ist immer auch ein Aufruf zu Missionierung, soll Kinder zu mündigen Gläubigen machen". Ich habe fast 30 Jahre RU in Bremen erteilt und immer die Glaubensthemen und die religionskundlichen sowie die ethischen Zusammenhaänge mit den Jugendlichen im Diskurs erörtert. Widerspruch war immer erwünscht. Und ähnlich arbeiten die meisten anderen Reli-Lehrer in unseren Schulen auch heute. Und dies oft in "segensreichem" Zusammenhang mit dem Fach Ethik (was Ihnen vermutlich auch nicht passt). - Sie zeichnen hier ein Zerrbild von Schule, das nicht der Wirklichkeit entspricht.
Ihre Unterstellungen gehen sogar noch weiter: "Niemand weiß wirklich, was in diesen Schulstunden gelehrt wird. Ob es allein das Bild von Barmherzigkeit und Gnade ist, darf bezweifelt werden." Der Geruch Ihrer - vielleicht auf "Verschwörung" zielenden Vermutung ? - dringt unangenehm durch. Müssen Sie wirklich auf Boulevardblatt-Stil herabsinken?

Allzu simpel und undurchdacht ist ihre scheinbare Lösung: "Religion aus den Schulen zu entfernen – dies wäre die einfachste Konsequenz, um all diese Unsicherheiten, Konfrontationen und Interessenskonflikte zu beenden". So einfach ist die Welt. Ein Schulfach wird demontiert und ein Problem ist gelöst! Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!?
Die pädagogischen Fragen unserer Zeit werden nicht durch Abbruchunternehmen gelöst. Da braucht man schon bessere und humanere Mittel und Wege. Vor allem in einer religiös und kulturell pluralen Gesellschaft wie der unsrigen.
Ich bin überzeugt, Herr Riehle, dass Sie auf diesem Gebiet noch viel dazu lernen können. Machen Sie sich doch mal auf den Weg und besuchen Sie Religions-Unterricht! Das kann auch für Sie ertragreich sein. -

Und noch ein abschließendes Wort zum Humanistischen Verband: Hier und da mischen Sie sich ja gelegentlich in Deutschland in Fragen der ethischen Schulgestaltung ein und sind sogar schulgestaltend aktiv. Dagegen ist ja prinzipiell nichts einzuwenden. Aber es wäre besser, Sie stellen in Ihren Publikationen eigene gute Praxisteile vor, anstatt immer wieder "die Religionen" mit Ihren oft unqualifizierten Angriffen zu überziehen. Dann würde vielleicht sogar mal das Gesprächsklima besser! Gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Dialogbereitschaft sind nämlich auch ausdrücklich Ziele von Religionsunterricht!

Dr. Manfred Spieß, Oldenburg

"Widerspruch war immer erwünscht. Und ähnlich arbeiten die meisten anderen Reli-Lehrer in unseren Schulen auch heute."

Aus meiner persönlichen Erfahrung: nur bis zu einem gewissen Punkt und auf gar keinen Fall weiter, sonst griff sofort der Notenhammer, oder man hatte es zumindest mit dem Damoklesschwert des Abgewürgtwerdens zu tun. Diskussionen in "Reli" waren - auch wenn es so mancher Lehrer vermutlich nicht wahrhaben kann - immer nur Scheindiskussionen.

Was ich in "Reli" für mich war: der vermutlich denkbar beste Unterricht im Schauspielern, Herumphantasieren, Heucheln und Lügen und Taktieren, ganz nach dem Motto Eckel herunterschlucken oder zumindest unterdrücken, Interesse und Weitestgehende Übereinstimmung mit dem Vorgetragenen vorheucheln. Je euphorischer die vorgetragene Begeisterung, je abstuser die frei erfundene positive Erfahrung mit Gott, desto besser für die Note, was einem auch wieder die eine oder andere Abfrage erspart hat.

Wie schön, dass gerade einem Papst das berühmte Diktum "mundus vult decipi" zugeschrieben wird. Im einschlägigen Propagandaunterricht kann man das am besten erfahren und einstudieren.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 11:22

Antwort auf von Manfred Spieß (nicht überprüft)

"Wie können Sie allen Ernstes behaupten: " Religionsunterricht, egal, welcher Art, ist immer auch ein Aufruf zu Missionierung, [...]"."

Sie sind also der Meinung, dass Religionsunterricht NIEMALS missioniert? Ich selbst hatte das Glück von einem evangelischen Pfarrer unterrichtet zu werden, der uns den Inhalt der Bibel schonungslos offenbarte - was einen erheblichen Anstoß zu meinem heutigen Atheismus gab. Doch von katholischen Mitschülern habe ich anderes gehört.

"Ich habe fast 30 Jahre RU in Bremen erteilt und immer die Glaubensthemen und die religionskundlichen sowie die ethischen Zusammenhaänge mit den Jugendlichen im Diskurs erörtert."

Das ist gut so und steht jedem Religionslehrer frei. Doch die Praxis, gerade beim Islamunterricht, sieht oft genug anders aus. Das sollten Sie wissen.

"Ihre Unterstellungen gehen sogar noch weiter: "Niemand weiß wirklich, was in diesen Schulstunden gelehrt wird. Ob es allein das Bild von Barmherzigkeit und Gnade ist, darf bezweifelt werden." Der Geruch Ihrer - vielleicht auf "Verschwörung" zielenden Vermutung ? - dringt unangenehm durch."

Ich rieche nichts. Aber wenn Sie genau wissen, was in ganz Deutschland in jeder Religionsunterrichtsstunde geschieht, dann sollten Sie darüber einen Artikel schreiben und beim hpd veröffentlichen. Ihre Methodik würde mich interessieren.

"So einfach ist die Welt. Ein Schulfach wird demontiert und ein Problem ist gelöst! [...] Die pädagogischen Fragen unserer Zeit werden nicht durch Abbruchunternehmen gelöst."

Da Religionsunterricht keine Sachvermittlung betreibt und auch sonst keine verifizierbaren oder nötigen Aspekte für das weitere Leben der Schüler liefert, stellt sich eher die Frage, warum man sich diesen Luxus (allein für Relilehrer ca. 1,6 Mrd. Euro/Jahr) weiterhin leisten sollte. Schülern geht ja nichts verloren, wenn es keinen Reliunterricht mehr gibt.

"Da braucht man schon bessere und humanere Mittel und Wege. Vor allem in einer religiös und kulturell pluralen Gesellschaft wie der unsrigen."

Welche Probleme und finanziellen Belastungen gerade die religiöse Durchdringung unserer Kirchenrepublik mit sich bringt, ist Ihnen aber schon aufgefallen?

"Gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Dialogbereitschaft sind nämlich auch ausdrücklich Ziele von Religionsunterricht!"

Dann beschäftigt sich Religionsunterricht also nicht mehr mit Religion? Oder sind Sie wirklich der Meinung, dass der Markenkern monotheistischer Religionen (und um die geht es hier) "gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Dialogbereitschaft" sei? Also Religionen, die den jeweiligen Konkurrenten auf dem Markt der Ahnungslosen vorwerfen, eine "unwahre" Religion zu sein, deswegen nicht akzeptabel, um deswegen völlig intolerant jeden Dialog zu verweigern.

Falls Sie jetzt einwenden, das dies seit wenigen Jahrzehnten in wenigen Ländern der Welt nicht mehr ganz so ausgeprägt praktiziert wird, dann ist dies nicht einer Änderung des dualistischen Markenkerns der Monotheismen zu verdanken, sondern ausschließlich säkularen Kräften, die hier massiv Druck auf Religionsgemeinschaften entwickelt haben.

Als historisch interessiertem Menschen ist Ihnen das sicher klar. Deshalb sollten sie allen säkularen Kräften in Deutschland dankbar sein, dass sie mitgeholfen haben, Religionen so weit zu entschärfen, dass Katholiken nicht mehr auf Protestanten schießen (verbal oder mit Waffen).

Trotzdem ist es keine Aufgabe von Schule, Aberglauben zu vermitteln.

"Ob es allein das Bild von Barmherzigkeit und Gnade ist, darf bezweifelt werden."

Entspricht auch zu 100 Prozent dem, was ich im evangelischen Relgionsunterricht in Bayern erfahren habe. Die Vorstellung von einem rächenden, strafenden Gott war allgegenwärtig. Dazu genügt bereits die Einführung in zahlreiche alttestamentarische Geschichten. Beispielsweise die sieben Plagen: Allein die Heuschreckenplage ist aus heutiger Sicht nichts weiter als eine Methode der biologischen Kriegsführung gegen eine unschuldige Zivilbevölkerung, und der dahinterstehende, rächende Gott somit ein Fall für das Haager Tribunal. (Wehe dem Schüler, der das offen ausspricht!!)
Im nachhinnein kann ich mich vermutlich sogar gücklich schätzen, Religion noch in ihrer vollen hardcorigen Brutalität kennengelernt zu haben, denn das Gelabere von Gott als dem großen himmlischen/transzendalen Teddybären und Jesus als den besten Kumpel für alle Fälle, das heutige Religionslehrer so zum Vortrage bringen, erscheint dagegen eher wie eine Marketing-Erfindung, gerade um überhaupt noch Nachwuchs für die Kirchensteuerkasse zu rekrutieren. (Religion in ihrer vollen Härte wäre mittlerweile wohl ein Fall für den Jugendschutz.) So gut wie alle Jugendlichen, die von sich behaupten, über den schulischen Religionsunterricht "zum Glauben gefunden" zu haben wissen im übrigen auf nähere Nachfrage so gut wie gar nichts über das, was sie eigentlich glauben sollten, vielmehr wird man mit einem naiv-schwärmerischen Gerede zugelabert ("Und da war auf einmal Jesus in mir."). Religiöser Analphabetismus geradezu in Reinform, der so (re)produziert wird und zwar einerseits auch seine unfreiwillig komischen Seiten hat, andererseits aber, da er Irrationalität als Denkstrategie legitimiert brantgefährlich werden kann.

Dr. Emmerich Lakatha (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 20:14

Antwort auf von Manfred Spieß (nicht überprüft)

Ihrem Posting kann ich absolut nicht zustimmen. Zu den wesentlichen Aufgaben der Religionsgemeinschaften in Österreich die Seelsorge und die Glaubensverkündigung. Würden sie es öffentlich vertreten, dass dem in Deutschland nicht so ist? Können Sie mir offen ins Gesicht sagen, dass Sie als Religionslehrer nicht das christliche Welt- und Menschenbild gehlehrt haben? Was haben Sie sonst gelöehrt?

Sehr geehrter Herr Spieß,
ich kann den anderen Kommentatoren, die bisher auf ihren Post geantwortet haben, nur zustimmen. Einen regelrecht (g)eifernden Missionar durfte ich auch im Religionsunterricht verfolgen. Ich möchte aber etwas anderes ergänzen, und Sie ganz konkret zu Ihrer diesbezüglichen Meinung fragen: Sie sagen: "Gegenseitige Akzeptanz, Toleranz und Dialogbereitschaft sind [...] ausdrücklich Ziele von Religionsunterricht". Wenn Ihnen an ehrlichem Dialog und Auseinandersetzungen gelegen ist, warum wollen Sie die Schüler dann auftrennen in katholische, evangelische, islamische, und nichtreligiöse/philosophische Unterrichtssgruppen, die dann getrennt die Existenz und Gebote Gottes, und ethische Problemfelder der heutigen Gesellschaft (Schwangerschaftsabbruch, Forschung an Embryonen oder Tieren, Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen) diskutieren? Wäre es nicht im Sinne eines toleranten, respektvollen Miteinanders, wenn wir diese Themen gemeinsam erörtern, statt in sicheren, homogenen Gruppen (die unsere pluralen Gesellschaft so gar nicht entsprechen), in denen das "richtige" Einstellungsspektrum schon von vorneherein feststeht? Und würden wir nicht viel mehr über andere Anschauungen und (Wert)vorstellungen zu diesen Konfliktthemen lernen, wenn wir sie aus erster Hand erfahren würden? Es würde Schülern Handlungsalternativen und Perspektiven jenseits ihres traditionellen Weltbilds aufzeigen (z.B. dass Frauen selbstbestimmt mit Ihrem Körper umgehen können, oder dass eine Paradiesvorstellung den Tod angenehmer macht; wer weiß, vielleicht gewinnen Sie sogar ein Schäfchen dazu, auch wenn andere abwandern). Und würden die Schüler nicht gerade in einem solchen, vom Lehrer moderierten Rahmen, lernen, miteinander sachlich und respektvoll zu interagieren (gerade bei diesen schwierigen Themen) statt mit (non)verbaler Gewalt zu reagieren?
Im Übrigen hat der Autor nicht vorgeschlagen, wie Sie ihm vorwerfen, das Schulfach Religion völlig zu "demontieren", sondern es umzuwandeln, in ein Fach in dem wie oben beschrieben alle Schüler gemeinsam, gleichberechtigt, und ergebnisoffen diskutieren können. Müsste das nicht, wenn ich mir Ihre Argumente so ansehe, absolut in Ihrem Sinne sein?

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort, Herr Spieß, und freue mich auf eine ehrliche Diskussion mit Ihnen!

andreas scholz (nicht überprüft)

Mi. 13 Jul 2016 - 20:28

Antwort auf von Manfred Spieß (nicht überprüft)

der zweck des religionsunterrichtes ist die unterweisung im glauben.

anders formuliert: die gezielte, partielle deaktivierung des plausibilitätsmoduls im gehirn kleiner menschen, die sich nicht dagegen wehren können.

diese kleinen menschen sollen in die lage versetzt werden, dinge für wahr zu halten, die nicht wahr sein können, weil sie den naturgesetzten widersprechen.

ewiges leben, jungfrauengeburt und dergleichen schwachsinn mehr.

und was natürlich unbedingt einer betrachtung wert ist, ist die tatsache, dass
sie und ihre kollegen die arbeistlosenstatistik belasten, wenn religionsunterricht aus der schule verbannt wird.

ich denke das ist wirklich relevant.

Resnikschek Karin (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 15:49

Leider ist nun mal im Grundgesetz Art. 7 Religionsunterricht garantiert; die Forderung nach Abschaffung bedarf einer 2/3 Mehrheit der Bürger- macht also wenig Sinn in der BRD. Der Religionsunterricht ist m.M. nicht das Problem, sondern die mittelalterliche/frühneuzeitliche Vormachtstellung und der juristische Vorrang von Religion, auf dem die Amtskirchen mit dem Veto der Bischofskonferenzen beharren. Das ist menscherechts-, grundrechts- und grundgesetzwidrigwidrig! Zumal dieser juristische Vorrang auch dem Islam qua Religion zusteht. Daher ist die Forderung nach einem gleichberechtigten Wertealternativfach ETHik/LER/Humanistische Lebenskunde sehr bedeutsam. Denn das brauchen die Konfessionslosen: Wertevermittlung, zumal wenn die Eltern berufstätig sind. Der Religionsunterricht macht - außer ein bisschen Gott-/Kirchenerinnerung - im Prinzip das Gleiche: Wertebildung, Lebenskunde und nimmt Stellung zu allen modernen Lebensfragen in Wissenschaft und Politik. Soweit o.k. Etwas anderes würden die Kirchenanhängerkinder in säkularer Zeit gar nicht besuchen. Solange wir also religiöse Mehrheiten haben, wäre dieser Weg gangbar: Ethik parallel zu Religion(en). Philosophie ist etwas anderes - es sei denn, die philosophische Ethik versteht sich auch als orientiert an europäischen Werten und macht das zum Schwerpunkt an der Schule. Da gibt es bereits Einsicht bei den Philosophenverbänden! Also braucht es jedenfalls Ethik ab Kl. 1 und vor allem Humanistik/Ethik-Lehrstühle an den Universitäten, parallel zu den gut ausgestatteten Theologischen Fakultäten (Beispiel Niederlande). Darum kämpfen die Fachverbände Ethik/LER verzweifelt seit 30 Jahren. Eine einzige Schande für die BRD, dass sich da immer noch nichts ändert.
Die Grünen haben jetzt eine Initiative gestartet, dazu liegt eine Stellungnahme der HU (J.A. Haupt) vor - die sollte von allen Parteien mitgetragen und nicht wieder von den Bischöfen verwässert oder ganz kassiert werden. Karin Resnikschek

David (nicht überprüft)

Fr. 8 Jul 2016 - 16:25

Die glūckliche Allianz der Religionen im Kampf gegen den bösen Säkularismus.

Die Engländer sind da ūbrigens schon weiter. Der Erzbischof von Canterbury forderte bereits vor einigen Jahren die Einfūhrung der sharia, um es den neuen Būrgern heimeliger zu machen.

https://www.theguardian.com/uk/2008/feb/07/religion.world

Wolfgang (nicht überprüft)

Sa. 9 Jul 2016 - 10:47

Ich muss akzeptieren, das es verschiedene Religion gibt, aber ich habe das Recht der Freiheit, sie nicht respektieren zu müssen. Und davon mache ich regen Gebrauch. Für mich ist jeder Theologe ein potentieller intoleranter Lügner. Und das mit des Staates Hilfe!

Dennis Riehle

Der Autor war bis Ende 2012 Mitglied der Evangelischen Kirche und wurde dort als Prädikant ausgebildet. Er ist seit vielen Jahren in Seelsorge und Beratung aktiv, heute ist er Sprecher der "Humanistischen Alternative Bodensee" (HABO).

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