Katholikentag Münster
Ja, was stört denn jetzt alles?
Schaut man sich die Besetzung der Podiumsdiskussion "Störfaktor Religion – Wieviel Glaube verträgt die Öffentlichkeit" am 3. Tag der 101. Katholikentage in Münster an, so konnte man im Vorfeld bereits gespannt darauf sein, in welche Richtung und zu welchen Diskussionen es kommen würde. Ergebnis: Eine muntere Veranstaltung mit viel Selbstbeweihräucherung.
Als Interviewpartner waren Dr. Eckhard von Hirschhausen und Carolin Kronenburg angesetzt. Von Hirschhausen setzte sich in Berlin unter anderem für freiwilligen Religionsunterricht statt Ethikunterricht ein und war Reformationsbotschafter der evangelischen Kirche im sogenannten Luther-Jahr. Kronenburg ist Mitarbeiterin der katholisch-bischöflichen Aktion Adveniat sowie Pressereferentin und Redakteurin des Bonifatiuswerk der katholischen Christen in Paderborn. Sie ist damit eine von drei Katholiken, die an der Diskussion teilnehmen sollten.
Des Weiteren waren für die Podiumsdiskussion nämlich der bekennende Katholik Ministerpräsident Winfried Kretschmann (GRÜNE) sowie der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, eingeladen. Ihnen gegenüber saßen Seyran Ateş, Mitglied der Islamkonferenz sowie Initiatorin und Mitbegründerin des Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die für einen liberalen Islam steht, sowie Jacques Tilly als scheinbar einziger säkularer Vertreter und Mitglied des Kuratoriums der Giordano-Bruno-Stiftung. Durch die Veranstaltung führte der Journalist Joachim Frank – ebenfalls bekennender Katholik und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Selbiges galt für die Anwälte des Publikums.
Mal abgesehen von der scheinbar dominanten Katholiken-Macht bei der Podiumsdiskussion muss die Frage gestellt werden: Wo ist das Judentum vertreten? Mit dem Katholizismus, dem Protestantismus sowie dem Islam waren die drei größten Religionen Deutschlands vertreten, doch gerade im Zuge der aktuellen Antisemitismus-Debatte wäre es angebracht gewesen, auch einen Gläubigen der viertgrößten Religionsgemeinschaft der Republik einzuladen.
Zu Beginn der Podiumsdiskussion sagte Frank, dass seine Gäste als "Störer" fungieren sollen. Leider schraubte der Moderator damit die Erwartungen etwas zu hoch. Dabei begann der Nachmittag recht launig mit Bildern der Karnevalswagen von Jacques Tilly. Neben den drei Mullahs wurde da auch der "Jugend-Wagen" gezeigt mit dem katholischen Priester und einem kleinen Jungen. Da ging ein Raunen durch das Publikum. Ob Kardinal Woelki da schon ahnte, dass er am Nachmittag einiges an Gegenwind erfahren würde?
Foto: © Ricarda Hinz
Doch Tilly erhielt auch einiges an Zustimmung für seine Wagen und damit verbundene Religionskritik. Hätten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts keine religiösen Gefühle verletzt, so würden heute noch die Scheiterhaufen brennen, zitierte er sinngemäß den Philosophen Michael Schmidt-Salomon und erntete dafür Applaus.
Woelki akzeptierte die Kritik der Karnevalswagen, sieht es aber problematisch, wenn persönliche Gefühle durch Religionskritik verletzt werden. Für Kretschmann gehörte dieses einander stören – zwischen Religionskritikern und Religiösen – zu einer liberalen Gesellschaft. Ähnlich sah es Ateş.
Ateş setzte sich in der Diskussion vehement für Religionsfreiheit und Gleichberechtigung ein. Und trat indirekt Dr. von Hirschhausen auf die Füße, der sich ja gegen einen Ethik- und für einen freiwilligen Religionsunterricht eingesetzt hatte: "Ich wünsche mir mehr Religion in der Schule, aber so, dass alle Kinder alle Religionen kennenlernen können, auch Agnostiker und Atheisten."
So weit, so gut. Bis dato klang alles recht friedlich. Doch dann kam Kardinal Woelki mit recht theologischen und polemischen Argumenten um die Ecke, was den CSU-Vorschlag in Bezug auf die Kreuze in öffentlichen Behörden anging. Laut Woelki unterstütze er alle, die offen ein Kreuz tragen. Und würden diese dann in Amtsstuben oder in Gerichtssälen hängen, so würde dies auch Nicht-Gläubige daran erinnern, dass sie zum einen nach staatlichen Gesetzen handeln, aber sie auch einer höheren Macht unterstehen.
Wie erwartet kam darauf auch die Störung von Tilly, der kritisierte, dass die Kirchen immer so emanzipiert und reformiert daher kämen, wenn es um Rechtsprechung ginge, wo doch gerade die katholische Kirche lange Zeit eher anti-demokratisch gewesen sei.
Auch Kretschmann kritisierte diesen Kreuz-Erlass: "Ich kann sagen, dass es das in meinem Land nicht geben wird", so der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Dies brachte Moderator Frank zu einer sehr merkwürdigen Zwischenfrage: "Weil Sie Religionsfeind und Selbstverleugner sind?" Kretschmann konterte: "Es kommt immer darauf an, wer etwas zu welchem Zeitpunkt mit welcher Absicht macht", was das Publikum unterstützte.
Leider muss man sagen, dass diese Selbstbeweihräucherung der Moderatoren zu ihrem Glauben es teils schwer machte, die Podiumsdiskussion zu verfolgen. Immer wieder brachten sie nämlich ein, dass sie bekennende Katholiken sind. Bei solch einem Thema wäre es vielleicht angenehmer gewesen, doch eher neutraler agierende Moderatoren ans Werk zu lassen.
Dennoch war es alles in allem eine interessante, wenn auch teils zähe Diskussion. Die Themen und Fragen des Publikums zeigten deutlich, welchen Reizfaktor Religion hat. Schade war nur, dass bei vielen interessanten Argumentn teils keine richtige Diskussion aufzukommen schien beziehungsweise sich die Diskussionsteilnehmer später nochmal auf Themen bezogen, die schon Minuten vorher abgehandelt wurden, wie Kretschmann in Bezug auf die Argumentation der Religionsfreiheit bei Ateş. Da wäre es einfacher – und auch angenehmer – gewesen, wenn solche "Störungen" direkt angesprochen worden wären.
Kommentare (10)
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Ich würde gern v. H. Dr. v.
Ich würde gern v. H. Dr. v. Hirschhausen wissen, wie er sich die Religionsunterricht und Biologieunterricht vostellt. Erst wird erklärt wie die Welt in 6 Tagen entstand und dann, in der nächsten Unterrichtsstunde wird die Evolution erklärt? Oder glaubt H. Dr. v. Hirschhausen nicht an der Evolution? Ich würde ihn gerne persönlich aufklären...
Danke für Ihre Wiedergabe
Danke für Ihre Wiedergabe unserer Diskussion, und Sorry, dass Ein katholischer Verband auf einem Katholikentag Katholiken ins Rennen schickt.
Zur seltsamen Rückfrage an Kretschmann eine kleine Seltsamkeit, dass der Zitat Charakter verloren ging: wer das aufhängen von Kreuzen kritisiere, befand jüngst der CSU Generalsekretär, sei entweder Religionsfeind oder (als Christ) Selbstverleugner. Kretschmann hat das übrigens erkannt.
Kollegiale Grüße
Winfried Kretschman hat
Winfried Kretschman hat meiner Ansicht nach so wenig Ahnung von der katholischen Religion wie ich vom Chinesischen: http://berufsbeleidigt.de/winfried-kretschmann/
Das Grundübel ist unterdrückt
Das Grundübel ist unterdrückt. Fantasien und ihre Auswüchse sind hinreichend dargestellt. Was fehlt, ist die Berücksichtichtigung der Realität, der beweisbaren Tatsachen und des rationalen Denkens.
Wer Märchendarstellungen vor tatsächlichem Sein mehr Gewichtung einräumt, darf über mangelnde Beachtung nicht verwundert sein.
Fragt doch die scheinheiligen "Heilsverkünder" nach Herkunft und Beweis für ihre "göttlichen Eingebungen", so wird bei ehrlicher Aufarbeitung rasch der Punkt erreicht sein, wo im Nichts endende Spuren offenbar werden.
Den Grundsatzfragen mit
Den Grundsatzfragen mit Ehrlichkeit, beweisbaren Tatbeständen, Realität und rationalem Denken zu dienen, scheint fantasiebegabten Märchenerzählern in ihren ausufernden Fantasiedebatten unmöglich zu sein. Fragt diese scheinheilige Spezies nach dem beweisbaren Ursprung ihrer leeren Lehren, so wird rasch sichtbar, dass im Nebel des NICHTS jede Spur von Realität verloren geht. In Ermangelung von Nachweisbarkeit der Notwendigkeit einer allmächtigen Schöpfergröße wird der Begriff "Gott" gewählt, deren es im Laufe der Geschichte über 3000 verschiedene gab.
Warum also sind solche sinnlosen Spiegelfechtereien, wie sie allerorten geführt werden, überhaupt notwendig? Absurdistan bedarf der Eliminierung. Wahrheit, Tatsachen und Realität bestimmen unser Sein, auch wenn dies nur murrend von den "Traumtänzern" hinnehmbar erscheint.
Der Autor hat wohl die
Der Autor hat wohl die Zwischenfrage des Moderators "Weil Sie Religionsfeind und Selbstverleugner sind?" missverstanden. Sie war nicht merkwürdig sondern eine ironische Anspielung auf den CSU Generalsekretär Markus Blume, der im Rahmen der Diskussion um die Kreuze in Bayerischen Amtstuben gesagt hatte: "Bei den Kritikern haben wir es mit einer unheiligen Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern zu tun".
Ich kann nur noch ungläubig
Ich kann nur noch ungläubig den Kopf schütteln. Der Bischof spielt den dummtreuen Glaubenden und niemand traut sich dies zu sagen. Auch unsere Nachfahren werden wahrscheinlich nur noch ungläubig auf uns (Ahnen) zurückschauen und sich fragen: "Waren die Menschen im 21. Jahrhundert wirklich so dumm? Wussten die nicht, dass die Bibel ein mehrdeutiges Märchenbuch und ein Monogott nichts anderes als eine Personifikation der Lichtenergie bzw. ein kollektives Über-Ich ist?" Und unsere Nachfahren werden eine alte Doku von dem Kirchentag 2018 sehen und denken: In was für einen Wahn doch die Menschen damals lebten und nur noch ungläubig den Kopf schütteln - genauso wie ich.
Wissen sie eigentlich was sie
Wissen sie eigentlich was sie glauben sollten, wenn sie behaupten, sie seien katholisch?
Glauben sie wirklich an die Himmelfahrten von Maria und Jesus, die Unfehlbarkeit des Papstes, die jungfräuliche Empfängnis Mariens, die Erbsünde, die nur durch den qualvollen Tod des Gottessohnes getilgt werden konnte – auf Befehl Gottes, dass Gott Himmel und Erde in sechs Tagen erschaffen hat, dass die Bibel ein unfehlbares, vom Heiligen Geist inspiriertes Buch ist, dass durch Taufe und Beichte Sünden vergeben werden und durch Weihwasser Autos gegen Unfälle geschützt werden können, dass bei der heiligen Messe tatsächlich Brot und Wein in den Leib Christi und sein Blut verwandelt werden, glauben sie an die Hölle und den Teufel: „Die Lehre der Kirche sagt, dass es eine Hölle gibt und dass sie ewig dauert. Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden, „das ewige Feuer“ Katholischer Katechismus 1997
Dann glaube ich, dass unser Staat von diffusen Hirnen regiert wird.
Diesen/Deinen Aussagen,
Diesen/Deinen Aussagen, lieber Roland, kann man zu 100 % und absolut zustimmen!
Zu R.Fakler: meine Erfahrung
Zu R.Fakler: meine Erfahrung in vielen Jahrzehnten in Diskussionen mit Mitbürgern, die sich katholisch gläubig nennen: letztlich legt sich jeder von ihnen seinen eigenen Glauben zurecht, wenn sie in die Defensive gedrängt werden. Dieses und jenes Bibelwort glauben sie nicht, aber jenes und andere, daran glauben sie fest! genaugenommen müßten alle diese Leute, die zwar von diesem Geisterglauben schon als Kleinkinder indoktriniert sind, imgrunde aber - wie wir "Ungläubigen" - auch nichts damit anfangen können, von der Kirche disqualifiziert (sprich: entkommuniziert werden. Und wenn das geschehen ist, dann können wir (endlich!) auch die Kirchen dichtmachen, weil sowieso keiner mehr hingeht. Ich empfehle dann(zur Aufrechterhaltung der Pensionen für den abgedankten und verbrauchten Klerus - ähnlich wie die heutige Rundfunkgebühr - eine pauschale Kirchen-Abgabe der Menschen, die diesen Staat am Leben erhalten:der Steuerzahler.