Ein kommentierender philosophischer Essay

Die Irrtümer des Markus Gabriel – oder: Worin Atheisten sicher nicht irren

Der Kultur-Sendereihe des Schweizer Fernsehens SRF 1 verdanken wir so manch wertvolle „Sternstunde“ des Denkens, des Reflektierens, aber durchaus auch des Zweifelns. Eher zur Verdunkelung allerdings taugt ausgerechnet eine Folge der Reihe „Sternstunde Religion“ mit dem Titel „Worin irren sich Atheisten, Markus Gabriel?“.

Markus Gabriel
Der Philosoph Markus Gabriel bei der Eröffnung der „Phil.Cologne“ 2020

Der im Titel genannte Philosoph entfaltet darin auf einem grandiosen Grundirrtum viele zumindest sehr fragwürdige Gedanken zu Gott und der Welt. So setzt er die Existenz Gottes damit gleich, dass sie der Welt eine Bedeutung1 verleiht, welche ihr ohne Gott nicht zugerechnet werden könne; genauer: Ohne Gott habe die Welt überhaupt keine Bedeutung. Er sagt: „Ich glaube, dass die Frage nach Gott – ganz einfach formuliert, gibt es Gott – diese gewichtige Frage, eine der wichtigsten Fragen ist, weil die Bedeutung der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, davon abhängt, wesentlich, ob es Gott gibt oder nicht. Und die Philosophie hat eigentlich immer gesagt, dass der würdigste Gegenstand des philosophischen Nachdenkens Gott sei, und ich sehe nicht, warum wir an dieser grundlegenden Spielregel der Philosophie etwas ändern sollten.“

In dieser Aussage kommt manches zutage, was Markus Gabriel – einst als „Wunderkind der Philosophie“2 gefeiert – selber offenbar verborgen bleibt. Richtig ist zunächst, dass uns Menschen die Antwort auf die Frage, ob der Welt eine besondere Bedeutung zugrunde liegt, prinzipiell verschlossen bleibt. Aber selbst wenn wir Gott als Urgrund der Welt voraussetzen, ja, selbst wenn er sich objektiv beweisen ließe, würden wir alleine dadurch dieser Antwort keinen Deut näher kommen. Alleine schon, weil sogleich der Streit vor allem der drei großen monotheistischen Weltreligionen neu entbrennen würde, welcher Gott denn nun als Urgrund der Welt angenommen werden kann. Wenn überhaupt, würde es in dieser Frage erst dann Klarheit geben können, wenn Gott sich objektiv allen Menschen offenbaren würde. Aber auch dann wäre über eine mögliche Bedeutung der Welt noch nichts ausgesagt, denn weder aus der Bibel, noch aus dem Koran geht eindeutig hervor, weshalb Gott die Welt erschaffen haben soll. Gott müsste sich also über seine Offenbarung hinaus klar dazu äußern, warum er die Welt erschaffen habe. Hatte er Langeweile, oder dient die Welt einem bestimmten Zweck? Und selbst wenn die Welt einem bestimmten, von Gott definierten Zweck dienen würde, wäre damit nicht gesagt, dass alle Menschen diesem Zweck zustimmen würden. Speziell auf diesen Aspekt hin sollte Gabriel vielleicht einmal die wunderbare Mäuse-Analogie zur Kenntnis nehmen, die Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“3 entwickelt hat.

Vor allem aber, was der religiös offenbar sehr interessierte Philosoph Markus Gabriel bezeichnenderweise unterschlägt, wie verhält es sich mit dem Problem der Theodizee? Dieses Problem, welches bei Epikur4 erstmals formuliert, von Gottfried Wilhelm Leibniz5 als solches benannt und für Arthur Schopenhauer6 zur Grundlage seines herzerfrischenden philosophischen Atheismus erhoben wurde, müsste allerdings konsequent weiter gedacht werden: Die eigentlich bedeutsame Frage lautet nicht, weshalb Gott das Leid zulässt, sondern, weshalb er es – schöpfungstheologisch gedacht – ganz gezielt in die Natur hineingelegt hat. Weshalb also hat Gott, der ja dem christlichen Glauben nach bei Erschaffung der Welt alternativ hätte vorgehen können, die Erde mit einem glühend heißen Erdkern versehen, so dass es notwendig in periodischen Abständen zu Erdbeben, zu Plattentektonik also, und zu Vulkanausbrüchen kommen muss? Und warum hat Gott die gegenseitige Vernichtung der Lebewesen zu einem der grundlegenden Prinzipien der belebten Natur erhoben? Wobei zusätzlich die Anwendbarkeit des darwinschen Selektionsgedankens auf physikalische und chemische Vorgänge betont werden muss, was bedeutet, dass die Gesetze, nach denen das Leben sich entwickelt hat, sich auch auf seine Entstehung anwenden lassen7. Die Auskunft, dass Gottes Ratschluss nicht hinterfragt werden darf, ist für mündige Menschen keine Option. Zumal dann nicht, wenn es um die Frage nach der Bedeutung der Welt geht, die ja in Gabriels Argumentation im Vordergrund steht. Welche Bedeutung also hat für Gott das Leiden von Mensch und Tier?

Göttererzählungen im Licht moderner Erkenntnis

Eine weitere Überlegung, die nicht nur Gabriel gar nicht erst reflektiert, besteht in der Frage, wie die frühen Philosophen, oder unsere Vorfahren generell, über Gott und die Welt gedacht hätten, wenn sie das heutige Wissen über die Welt zur Verfügung gehabt hätten. Wären die alten mythischen Motive, die auch die Grundlage des biblischen Schöpfungsmythos bilden, oder die antiken Göttererzählungen in der vorliegenden Form zustande gekommen, wenn die Menschen früher gewusst hätten, dass es eine Evolution des Kosmos und des Lebens gab? Oder dass Blitz und Donner nicht als Ausdruck des Zornes der Götter entstehen? Natürlich hat sich inzwischen auch in der Theologie herumgesprochen, dass die alten Schöpfungsmythen keine naturwissenschaftlichen Berichte über die Entstehung der Welt darstellen, selbst wenn viele Schöpfungsgläubige dies nach wie vor ernsthaft behaupten. Es ist immer wieder erstaunlich, dass bestimmte Leute uralten Erzählungen, die in der Literaturwissenschaft – und damit auch in der biblischen Hermeneutik – gattungsgeschichtlich eindeutig als Mythen, Sagen und Legenden klassifiziert werden8, mehr Glauben schenken als moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Gewiss steht es jedem Gläubigen frei, in religiöser Absicht auf ein voraufgeklärtes Denken zurückzugreifen, denn Glaubensfreiheit besteht auch in der Freiheit zum Irrtum. Aus aufgeklärter Perspektive jedenfalls können die alten Mythen als eine Form der Weltdeutung betrachtet werden, in der die Geschehnisse der Natur aus Unwissenheit fälschlicherweise auf den Menschen hin gedeutet wurden.

Dawkins, Dennett und die historische Funktion der Religion

Des Weiteren löst Gabriel zwei in der Sendung zitierte Aussagen von Richard Dawkins und Daniel Dennett aus ihrem argumentativen Zusammenhang9, um dann mit großem Nachdruck zu betonen, dass er, Gabriel, sie für falsch hält. In der von Dawkins eingeblendeten Aussage klingt es tatsächlich so, als würde er von der Religion allgemein sprechen, die er ablehnt, wenn sie behauptet, Gott habe dieses und jenes gemacht. Dabei sollte jeder, der sich für Dawkins' Gotteswahn interessiert, verstehen können, dass dieser britische Evolutionsbiologe vornehmlich auf amerikanische evangelikale Christen, auf Junge-Erde-Kreationisten und generell auf Evolutionsleugner antwortet. Fairerweise hätte man für uninformierte Zuschauer auf diese Tatsache hinweisen müssen. Dennett erklärte unter anderem, dass er gerne zugebe, dass die Religion in früheren Zeiten bei der Bildung von Gruppen und Identitäten eine wichtige Rolle gespielt habe und den sozialen Zusammenhalt ermöglichte. Er äußerte sich damit also sehr positiv über die Religion, indem er ihr eine bedeutende Funktion zugestand. Zudem betonte er, dass die Religion seiner Ansicht nach ein Motor für so manche, sehr wichtige zivilisatorische Errungenschaft dargestellt habe, wie Demokratie, Wissenschaft und freie Presse. Eine These, der sicher nicht jeder der heutigen Religionskritiker ohne Weiteres zustimmen würde, gilt die Religion in den Augen mancher nicht zu Unrecht eher als Hemmschuh auf dem Wege hin zu einer wissenschaftlich aufgeklärten, offenen und freiheitlichen Gesellschaft10.

Markus Gabriel aber stellt mit einiger zur Schau gestellter Vehemenz diese beiden Aussagen als „auf der elementaren religionsphilosophischen Ebene nachweislich falsch“ dar. Groteskerweise behauptet er sogar, dass die Erklärung, dass Gott alles gemacht habe, in der Religion nicht zu finden sei. Er bezeichnet es als eine „religionsphilosophisch inakzeptable These, dass der Begriff Gottes in der Menschheitsgeschichte eingeführt wurde, um Naturerscheinungen zu klären“, um dann zu behaupten, diese Idee Gottes sei „eine der schlechtesten religionswissenschaftlichen Hypothesen, die man formulieren kann.“

Man fragt sich, ob Gabriel jemals auch nur einen sehr oberflächlichen Blick auf die Religionsgeschichte geworfen hat. Weiß er nicht, dass in der Antike Naturerscheinungen wie Gewitter oder Sonnenfinsternisse als Ausdruck göttlicher Stimmungslagen gedeutet wurden? Blitze galten als Waffen des Zeus, Poseidon war für Erdbeben verantwortlich etc. Von Griechenland über Rom und Ägypten bis Mesopotamien – die meisten Naturerscheinungen wurden mit den ihnen zugeordneten Göttern ursächlich in Verbindung gebracht. Im Koran gilt Allah als der Schöpfer aller Dinge, was bis heute von sehr vielen Muslimen weltweit wortwörtlich geglaubt wird. Selbst im Weltkatechismus der katholischen Kirche heißt es nach wie vor: „Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, der die sichtbare und die unsichtbare Welt geschaffen hat.“ (KKK 279) Erst im Jahre 1950 erklärte Papst Pius XII. in seiner „Enzyklika Humani generis“, dass die Evolution des menschlichen Körpers als wissenschaftliche Hypothese diskutiert werden kann, und dementsprechend nicht mehr grundsätzlich als mit dem Glauben unvereinbar gilt. Allerdings wurde die Erschaffung der Seele durch Gott weiterhin als Bestandteil der kirchlichen Dogmatik festgelegt. Es dauerte bis zum Jahre 1996, als Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften in einem Akt erstaunlicher Großmütigkeit erklärte, dass die Evolutionstheorie „mehr als eine Hypothese“ sei. Papst Benedikt XVI. erklärte mehrfach, dass Evolution und Schöpfung sich nicht widersprächen, wobei die Evolution den naturwissenschaftlichen Prozess beschreibe, Gott aber den metaphysischen Grund der Schöpfung darstelle.

Erinnern wir uns: Im Jahre 1981 wurde Stephen Hawking von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften eingeladen, um einen Vortrag über Kosmologie11 zu halten. Nach der Konferenz wurde Hawking vom damaligen Papst Johannes Paul II. darüber belehrt, dass nichts dagegen spräche, wenn die Fachleute sich mit der Entwicklung des Universums nach dem Urknall beschäftigten, sie sollten aber nicht den Versuch unternehmen, den Urknall selbst zu erforschen, denn er sei der Augenblick der Schöpfung und damit das Werk Gottes. Diese von Hawking als Anekdote überlieferte Episode zeigt sehr deutlich die noch längst nicht vollständig überwundene Neigung der katholischen Kirche Denkverbote auszusprechen, sobald ihre zentralen Überzeugungen angegriffen werden. Demnach steht der Glaube nach wie vor dem Erkenntnisgewinn im Wege!

In gewisser Weise stimmt es also einerseits, wenn Markus Gabriel sagt, dass die Religion nicht eingeführt wurde, um Naturerscheinungen zu erklären. Andererseits ist die Aussage in sich grotesk, weil bereits die Wortwahl nicht zum Gegenstand passt. Denn natürlich wurden Religionen nicht „eingeführt“, sondern sie haben sich über lange Zeiträume hinweg aus frühen Formen der jeweiligen Volksfrömmigkeit heraus entwickelt. Speziell das Christentum war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zutiefst geprägt von einer unseligen Vermischung von altorientalischer Mythologie und griechischer Naturphilosophie12. Entgegen Gabriels Behauptung strotzt die Religionsgeschichte nur so von Beispielen, wo die Religion regelrecht als Waffe gegen naturwissenschaftliche Erklärungen eingesetzt wurde.

Sein Kommentar zu der oben genannten Aussage von Dennett grenzt schon an Dreistigkeit. Dennett hatte lediglich eine bedeutende sozialpsychologische Funktion der Religion betont. In Gabriels Worten aber klingt es so, als habe Dennett ausgesagt, die Funktion Gottes bestehe darin, soziale Kohäsion zu stiften, was etwas völlig anderes ist. Dass diese Funktion heute nicht mehr gebraucht wird, wie Dennett tatsächlich sagt, versucht Gabriel zu widerlegen, indem er die Rolle der Kirchen in vielen heutigen Gesellschaften hervorhebt. Dabei scheint er gar nicht zu merken, dass er damit das eigentliche Thema verfehlt, denn die Tatsache, dass auch in liberalen demokratischen Rechtsstaaten viele Menschen an Gott glauben, oder dass es in der Schweiz und in Deutschland organisierte Kirchen gibt und Kirchensteuer gezahlt wird, bedeutet noch lange nicht, dass damit automatisch der gesellschaftlichen Zusammenhang gestärkt wird13. Gabriel lässt es zudem so aussehen, als habe Dennett behauptet, dass menschliche Gemeinschaften immer durch den Glauben an Gott zusammengehalten worden seien und dass dies heute etwa durch die Naturwissenschaften ersetzt werden könne. Gabriel verfälscht also die Aussagen von Dawkins und Dennett zu Ursprung und Funktion der Religion in teilweise erstaunlich plumper Manier, um dann seinerseits zu erklären, dass diese Aussagen unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht seriös seien.

Ganz im Stile seiner eigenen, in bezeichnender, selbstentblößender Weise zur Schau gestellten Rhetorik führt er dann auf Nachfragen des Moderators eine Behauptung an, die er bereits in seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“14 aufgestellt hat. Markus Gabriel behauptet, dass Ludwig Feuerbachs These vom wesentlich projektiven Charakter der Religion nachweislich nicht tragfähig sei: „Das stimmt alles so nicht, was wir da hören“, bekundet er energisch, indem er argumentiert, dass bezüglich der Frage nach der Entstehung des Monotheismus in der Ägyptologie Antworten gegeben werden, aber auch in der Judaistik und der Islamwissenschaft seien Antworten enthalten, ohne zu präzisieren, worauf diese seiner Ansicht nach im Bezug zu Ludwig Feuerbach eigentlich antworten. Seinen recht nebulösen Aussagen nach darf man allenfalls vermuten, dass im alten Ägypten, im Judentum und auch im Islam offenbar keine auf Gott gerichteten Projektionen menschlicher Sehnsüchte und Hoffnungen zu erkennen seien. Auf jeden Fall aber verwechselt Gabriel die Erklärungsebenen, indem er eine philosophisch-anthropologische Erklärung mit einer historischen Rekonstruktion zurückzuweisen versucht.

Moderner Nihilismus als Quelle der ökologischen Krise?

Die nächste These, die Markus Gabriel präsentiert, besteht in seiner wiederum mit großem Nachdruck formulierten Ansicht, dass der von ihm als solcher bezeichnete „moderne Nihilismus“, genauer, ein „atheistisch-nihilistisches Weltbild“ die Quelle der derzeitigen ökologischen Krise darstelle. Etwas verkürzt gesagt besteht der moderne Nihilismus Gabriels Auffassung nach in einer Mischung aus Positivismus sowie einem durch den Aufstieg der Naturwissenschaften bedingten nachlassenden Glauben an Gott, was zu einer umfassenden Sinnkrise des modernen Menschen geführt haben soll. Gabriels Darstellung nach besteht der Positivismus darin, dass die Naturwissenschaften alleine beschreiben, wie es um den Menschen und seine Gesellschaft steht. In Wirklichkeit ist der Positivismus in seiner einfachsten Definition eine philosophische Erkenntnistheorie, die sich mit dem beschäftigt, was objektiv nachweisbar ist, also positiv15 in der Welt vorkommt, wodurch metaphysische oder religiöse Spekulationen über das Wesen der Natur bedeutungslos werden. Gabriel verwechselt hier also erkennbar den Positivismus mit dem Naturalismus.

Bezogen auf Gabriels These zur Ursache der ökologischen Katastrophe lautet die eigentlich relevante Frage, wann je in der Geschichte der Menschheit der Glaube an Gott eine Ethik begründet hat, die es uns Menschen als eine innere Notwendigkeit erscheinen lässt, die Natur um ihrer selbst willen als schützenswert zu erachten? Ist nicht die von dem Theologen Eugen Drewermann in seinem wichtigen Buch „Der Tödliche Fortschritt“16 sehr ausführlich dargestellte These viel plausibler, dass gerade die christliche Religion in der Weiterführung des alttestamentarischen Herrschaftsanspruchs den Menschen in ein reines Herrschaftsverhältnis zur Natur gesetzt hat? Im Gegensatz zu Gabriels Überzeugung erscheint hier nicht der Atheismus, sondern der wesentlich religiös begründete Anthropozentrismus als Hauptursache für den zerstörerischen Umgang mit der Natur sowie für die ungezügelte Ausbeutung der Tiere. Gewiss gibt es seit einigen Jahrzehnten eine christlich motivierte Bewegung zur Bewahrung der „Schöpfung“. Allerdings scheint diese Bewegung sehr stark von der Sorge um die Bewahrung unserer eigenen Überlebensinteressen getragen zu sein und entspricht von diesem Aspekt her dem, was Drewermann als die Rücksichtnahme auf die Natur mit Rücksicht auf den eigenen Egoismus beschrieben hat. Wie bereits angedeutet, lässt sich auf diese Weise eine tragfähige Umweltethik nicht begründen.

Atheismus – die Verneinung von Sinn und Bedeutung?

Dann hat Gabriel offensichtlich weder den Neuen Atheismus, noch den Atheismus als solchen auch nur im Ansatz verstanden, oder er stellt beides bewusst falsch dar, indem er erklärt: „Der Atheismus ist selber eine Form des Glaubens, nur eben ein Glaube ohne Gott. Der Atheismus ist der Glaube an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens17. Das ist der Glaube. Und die Frage ist sozusagen, auch mal unter psychotherapeutischen Gesichtspunkten, warum möchte man denn lieber glauben, und hält es für weniger naiv, das das eigene Leben und das der anderen, eigentlich objektiv bedeutungslos ist. Warum möchte man das lieber glauben, als die Dinge, die uns bedeutungsvoll erscheinen – bedeutungsvolle Begegnungen – es auch sind. (…) Und die Antwort, aus existenzieller Perspektive, die habe ich von den Atheisten bisher noch nicht erhalten.“

Es sei Markus Gabriel anempfohlen, den Dialog mit Atheisten zu suchen, anstatt lediglich einige ihrer Positionen fehlzuinterpretieren und daraus zum Teil völlig absurde Schlussfolgerungen abzuleiten. Zunächst stellt der Atheismus nichts anderes als die Position einer Verneinung dar18 – die Verneinung der Existenz Gottes. Weder sind Atheisten zwangsläufig Naturalisten, noch müssen sie den Sinn von allem in Frage stellen. Der Atheismus ist ausdrücklich nicht, wie Gabriel es behauptet, „auch ein Sprung in den Glauben“, und zwar, dass sich alles, was existiert, naturwissenschaftlich erklären lassen muss. Atheisten negieren lediglich den Glauben daran, dass ein Gott für die Existenz des Universums und des Lebens auf dem Planeten Erde verantwortlich ist. Rein vom Begriff her kann ein Atheist abgesehen von dem Glauben an Gott an alles mögliche glauben, weil der Atheismus nicht den Standpunkt der puren Rationalität darstellt. Auch wenn wir nicht wissen, warum es das Universum und uns selbst gibt, oder wie die molekulare Struktur des Universums die Welt zusammenhält, müssen wir nicht annehmen, dass Götter dabei eine Rolle spielen. 

Weshalb der Atheismus aber, wie Markus Gabriel großspurig verkündet, den Glauben an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens darstellen soll, bleibt unerklärt. Was es allerdings auch bleiben muss, weil es sich um eine unsinnige, weil nicht plausibel zu begründende Fehldarstellung handelt. Wie bereits erläutert, bedeutet Atheismus die Verneinung der Existenz Gottes, nicht aber die Verneinung von Sinn, Bedeutung oder Wert. Im Unterschied zu anderen Tieren können wir Menschen erkennen, dass die Natur uns zwar hervorbringt, sich aber nicht darum kümmert, was aus uns wird. Dadurch aber wird das Leben nicht bedeutungslos, denn auch wenn das Universum nur ein Übergangsstadium darstellt, haben wir dennoch ein Gespür für unseren Wert und unsere Bedeutung durch unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Eine Mutter wird ihr Kind nicht weniger lieben, weil es für die Existenz des Lebens keine höhere Bedeutung gibt oder die Existenz des Menschen keinem höheren Zweck dient, also unserer Existenz kein besonderer kosmologischer Sinn zugerechnet werden kann.

Dass Markus Gabriel dies nicht zu wissen scheint, ist seltsam. Weder die Dinge, noch die Bedeutung, die wir uns selber und den Dingen zuschreiben, verlieren dadurch an Wert, dass es keinen übergeordneten Sinn, oder keine höhere Notwendigkeit für sie gibt. Wenn Gabriel meint, hierzu von Atheisten bisher keine Antwort darauf erhalten zu haben, sollte er einfach versuchen, den Sinn diesbezüglicher Aussagen der von ihm kritisierten prominenten Atheisten zu verstehen, anstatt diese zu verdrehen. Atheisten würden allenfalls irren, wenn sie ihren Nichtglauben als feste Behauptung aufstellen würden. Denn ebenso wie gläubige Menschen können natürlich auch sie zur Frage der Existenz oder Nichtexistenz von Göttern keine Beweise vorlegen. Atheisten verneinen die Existenz von Göttern, sind aber faktisch Agnostiker, weil sie die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz möglicher Götter offen lassen müssen. Das betrifft allerdings ebenso die mögliche Existenz von Russells Teekanne. Sie irren aber nicht, wenn sie in der Welt nicht das Wirken eines wie auch immer gearteten Gottes erkennen, oder anerkennen. Selbst wenn Götter sich jeglicher naturwissenschaftlicher Zugänglichkeit vollständig entziehen, ist es sehr wohl möglich, die bestimmten Göttern zugeschriebenen Eigenschaften auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen. Das oben bereits angesprochene Theodizeeproblem entsteht ja überhaupt erst dadurch, dass dem Gott der Bibel unter anderem die Eigenschaft Allmacht zugesprochen wird, obwohl er angesichts des Leidens in der Welt nur allzu ohnmächtig erscheint.


1 Gabriel spricht zunächst von der Bedeutung der Wirklichkeit, die seiner Ansicht nach davon abhängt, ob es Gott gibt oder nicht, was sich aber im Laufe seiner Argumentation auf die Bedeutung der Welt verschiebt.

2 Klaus Lüber, „Markus Gabriel: Philosophie für alle“, deutschland.de, 9. Juli 2026

3 Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis, Band 1, 1979

4 vgl. Laktanz, De ira Dei (Über den Zorn Gottes), Kap. 13: „Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht; oder er kann es und will es nicht; oder er will es nicht und kann es nicht; oder er will es und kann es.“

5 Gottfried Wilhelm Leibniz, Theodicee (Erstausgabe 1710), Reprint: OK Publishing, 2022

6 Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Zweiter Band, Kapitel 17: „Zur Kritik der Leibniz'schen Theodicee“; siehe auch Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, Bd. 2, „Nachträge zur Lehre vom Leiden der Welt“, 1851

7 vgl. Eugen Drewermann, …und es geschah so. Die moderne Biologie und die Frage nach Gott, Patmos Verlag, Düsseldorf 2009

8 vgl. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese. Bd. 1, Olten/Freiburg i. Br.: Walter-Verlag 1984

9 vgl. YouTube‑Video, SRF Sternstunde Religion, ab 8:26 min

10 So verweigerte bekanntlich bereits zum Beginn des sogenannten „Westfälischen Friedens“ im Oktober 1648 der damalige Papst Innocenz X. seine Anerkennung. Und noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es Papst Gregor XVI., der in einer Enzyklika verlauten ließ, dass allgemeine Gewissens- und Meinungsfreiheit als „Wahnsinn“ und „überaus verderblicher Irrtum“ zu betrachten sei. Ebenso energisch verwarf er darin sowohl die Idee der Trennung von Kirche und Staat als „schändliche und unverschämte Freiheit“, als auch die seiner Meinung nach „von Grund auf schlechte, niemals ausreichend verurteilte abscheuliche Freiheit der Buchdruckerkunst“. Nicht weniger fanatisch verdammte er die Pressefreiheit und empfahl als Heilmittel gegen das „verderbliche Gift des Irrtums“ ausdrücklich die Ausrottung aller seinen Worten nach „verderblichen Grundlagen des Übels“ in den Flammen der Verbrennung. vgl. Innozenz X, Breve „Zelo Domus Dei“ (1648); Gregor XVI, Enzyklika „Mirari vos“ (1832)

11 vgl. Stephen Hawking, Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit, München 2002, Kap. 8 („Der Ursprung und das Schicksal des Universums“), Abschnitt zur Konferenz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften (1981)

12 vgl. Eugen Drewermann, Strukturen des Bösen, Bd. 1, insbesondere die Abschnitte zur altorientalischen Mythologie und zur Aufnahme griechischer Philosophie in die christliche Theologie; sowie Der tödliche Gott (1994), Kap. 2–4

13 vgl. Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009, bes. Kap. 1–3. Dort beschreibt Taylor die Erosion kirchlicher Autorität, den Verlust gemeinsamer religiöser Deutungsrahmen und die Auflösung religiöser Bindekräfte im sozialen Gefüge

14 Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt, Berlin 2013, bes. Kap. 8 („Gott“)

15 „positiv“ bezeichnet hier keinen wertenden Begriff im Sinne von gut im Gegensatz zu schlecht, sondern bezieht sich auf das objektiv Gegebene bzw. empirisch Nachweisbare

16 Eugen Drewermann, Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums, 6. erw. Aufl., Regensburg 1990

17 vgl. YouTube‑Video, SRF Sternstunde Religion, ab 36:16 min

18 Diese Feststellung gilt auch dann, wenn man zwischen verschiedenen Formen des Atheismus unterscheidet – wie etwa Dawkins, der in Der Gotteswahn eine siebenstufige Skala der theistischen Wahrscheinlichkeit verwendet

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