Die Autoren verzichten bewusst auf alarmistische Zuspitzungen und legen stattdessen ein leises, aber strategisch angelegtes Muster offen. Im Zentrum steht dabei eine adaptive, legale und institutionell eingebettete Vorgehensweise, die auf Geduld, Mehrdeutigkeit und diskursive Anschlussfähigkeit setzt. Auf Basis umfangreicher Quellenarbeit zeichnen Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav Gustenau nach, wie sich dieser Anspruch ideengeschichtlich entwickelt hat und warum gerade seine Unauffälligkeit demokratische Gesellschaften vor besondere Herausforderungen stellt.
Das vorgelegte Buch versucht gar nicht erst, mit der naheliegenden Dramaturgie der Empörung zu arbeiten. Wer spektakuläre Zuspitzungen erwartet, wird eher enttäuscht. Stattdessen legen die Autoren etwas offen, das deutlich unbequemer ist: ein strategisches Muster, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass es nicht laut daherkommt. Im Zentrum steht dabei nicht Gewalt, sondern ein langfristig angelegter Transformationsanspruch: die schrittweise Umgestaltung offener Gesellschaften entlang religiös-politischer Ordnungsvorstellungen, wie sie insbesondere mit der Muslimbruderschaft (MB) verbunden sind.
Diese Perspektive verschiebt den Fokus. Heinisch, Scholz und Gustenau beschreiben eine Form der Einflussnahme, die sich bewusst im Rahmen des Legalen bewegt, die vorhandene institutionelle Strukturen nutzt und sich diskursiv anpasst. Das eigentlich Bemerkenswerte ist dabei weniger das Ziel als die Methode: Inkrementalität, Geduld und strategische Mehrdeutigkeit. Was auf den ersten Blick wie normale zivilgesellschaftliche Aktivität wirkt, kann Teil eines langfristigen Projekts sein, das auf kulturelle und politische Hegemonie abzielt. Eine These wie diese bedarf jedoch starker Belege, um nicht in beliebige Unterstellungen zu enden – und diese liefern die Autoren.
Vom Gründer der MB, Hasan al-Banna, und dessen programmatischer Schrift "An die Jugendlichen", über Yusuf al-Qaradawi, den 2022 verstorbenen Spiritus Rector der MB, und verschiedenen Strategiepapieren aus den 1980er und 1990er Jahren verfolgen die Autoren den Anspruch der MB, ihr klar formuliertes Ziel, eine "islamische Herrschaft auf der Erde zu etablieren" bis in die Gegenwart. In diesem Zusammenhang gewinnt auch ein Begriff wie "Civilization Jihad" eine andere Bedeutung. Was klingt wie ein Schlagwort für erregte Debatten, wird in der Analyse als strategische Selbstbeschreibung ernst genommen. Gemeint ist kein offener Kampf, sondern ein Prozess der schrittweisen Verschiebung von Normen, Institutionen und Deutungsmustern. Gerade diese Unauffälligkeit macht ihn schwer greifbar. Denn wo kein klarer Bruch erkennbar ist, fehlt auch der Moment, in dem demokratische Gesellschaften typischerweise reagieren. Ein Prozess, wie ihn sich auch verschiedene national-völkische Bewegungen versuchen zunutze zu machen.

Hier setzen die Autoren mit dem Konzept der hybriden Bedrohung an. Hybridität bedeutet in diesem Kontext nicht einfach eine Mischung verschiedener Mittel, sondern eine gezielte Überlagerung von Ebenen: religiös, politisch, sozial und institutionell. Organisationen, die diesem Muster folgen, agieren gleichzeitig als Interessenvertretung, Bildungsakteur und politischer Player. Sie sind anschlussfähig an demokratische Diskurse, ohne ihre eigenen langfristigen Zielsetzungen notwendigerweise offenzulegen. Gerade diese Ambivalenz ist funktional, nicht zufällig.
Auffällig ist dabei, wie stark die Analyse auf Quellenarbeit setzt. Anstatt sich auf Zuschreibungen von außen zu verlassen, rekonstruieren die Autoren Programme, Selbstdarstellungen und ideengeschichtliche Linien aus internen Dokumenten und einschlägigen Veröffentlichungen. Das ist mehr als ein methodisches Detail. Es ist eine notwendige Voraussetzung, um die Debatte aus der Sackgasse zwischen Verharmlosung und Pauschalverdacht herauszuführen. Wer verstehen will, ob und wie eine Bewegung strategisch agiert, muss sich daran messen lassen, was sie selbst sagt und wie konsistent diese Aussagen über Zeit und Kontexte hinweg sind.
Gerade hier zeigt sich auch, warum die Diskussion so schwierig ist. Offene Gesellschaften sind darauf angewiesen, Akteuren zunächst mit einem Grundvertrauen zu begegnen. Gleichzeitig schaffen sie damit Räume, die auch strategisch genutzt werden können. Wenn Begriffe wie Integration, Antidiskriminierung oder Religionsfreiheit aufgegriffen werden, geschieht das nicht zwangsläufig in böser Absicht, aber es kann Teil einer bewussten Anschlussstrategie sein. Die Grenze zwischen legitimer Interessenvertretung und langfristiger normativer Verschiebung ist dabei selten klar zu ziehen.
Die eigentliche Herausforderung liegt deshalb weniger im Mangel an Informationen als in der Art ihrer Einordnung. Was nicht als Bedrohung erscheint, wird auch nicht als solche behandelt. Und was sich im Rahmen des rechtlich Zulässigen bewegt, entzieht sich den klassischen Instrumenten der Gefahrenabwehr. Die Analyse von Heinisch, Scholz und Gustenau zielt genau auf diese Grauzone: auf Prozesse, die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle verlaufen und gerade deshalb wirksam sein können.
Am Ende bleibt eine unbequeme Einsicht: Die Verteidigung offener Gesellschaften entscheidet sich nicht nur an ihren extremistischen Rändern oder in sicherheitspolitischen Ausnahmesituationen, sondern im alltäglichen Umgang mit Akteuren, die innerhalb dieser Gesellschaften agieren. Wer hier vorschnell urteilt, läuft Gefahr, mehr zu verzerren als zu klären. Wer jedoch auf analytische Schärfe verzichtet, übersieht womöglich genau das, was langfristig wirksam wird. Die 1998 vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit einer Zeile aus einem Gedicht des türkischen Politikers Ziya Gökalp (1876–1924) auf den Punkt gebrachte Strategie "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind" ignorieren offene Gesellschaften auf jeden Fall auf eigene Gefahr.
Heiko Heinisch/Nina Scholz/Gustav E. Gustenau, Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der "Civilization Jihad" der Muslimbruderschaft. Baden-Baden 2026, Nomos, 235 Seiten, 59 Euro






