"Humanisten am Bodensee" fordern Solidarität mit Dieter Nuhr

Religionsfreiheit entbindet nicht von Kritikfähigkeit

Dieter Nuhr auf dem Deutschen Comedypreis in Köln am 15. Oktiober 2013
Dieter Nuhr auf dem Deutschen Comedypreis in Köln am 15. Oktiober 2013

KONSTANZ. (hpd) Die Humanisten am Bodensee haben zur Solidarität mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr aufgerufen. Wie der Sprecher der “Humanistischen Alternative Bodensee” (HABO), Dennis Riehle, mitteilt, sei die Anzeige gegen den Komiker “nicht nachvollziehbar”.

Wie bereits berichtet, war Dieter Nuhr von einem Muslim vorgeworfen worden, den Islam beschimpft zu haben und als “Hassprediger” aufzutreten. Nach Ansicht Riehles offenbare sich durch die aktuelle Diskussion erneut der Kampf zwischen zwei Grundrechten, der nicht heruntergespielt werden dürfe.

“Aus meiner Perspektive wird die Religionsfreiheit zunehmend weitgreifender interpretiert und drängt damit immer häufiger die Meinungsfreiheit beiseite. Dabei bin ich davon überzeugt, dass letztere den höheren Stellenwert in einer aufgeklärten Demokratie einnehmen muss” bekräftigt Riehle. Religionsfreiheit kann kein Freifahrtschein sein, sie befreit vor allem “nicht von der Kritikfähigkeit, die auch eine Religion an den Tag legen muss”.

Im vorliegenden Kontext käme hinzu, dass die künstlerische Freiheit obendrein ein besonderes Schutzbedürfnis aufweise. Gerade in der Satire, die Pointen ausreizen müsse und damit den Sinn und die Aussagekraft der Botschaften dieser besonderen Form der gesellschaftlichen Reflexion vermitteln zu können.

Und so stellt Riehle fest: “All die im Zusammenhang mit der Anzeige vorgebrachten Äußerungen des Künstlers sind nach meinem Verständnis lupenreine Meinungsbeiträge, von einer Beschimpfung kann ich gar nichts erkennen. Es ist durchaus bezeichnend, welche Sensibilität hier im Umgang mit öffentlichen Standpunkten von einem Vertreter der Bewegung eingefordert wird, die derzeit auf Straßen und in fernen Ländern mit großen Worten und Taten gegen unsere freiheitlichen Werte wettert. Hier gilt es nun auch, diesen demokratischen Rechtsstaat zu verteidigen, in dem eben nicht mit zweierlei Maß gemessen wird”.

Der HABO-Sprecher verweist darauf, dass “getroffene Hunde eben bellen”: “Offenbar hat Nuhr in ein Wespennest gestochen, bei solcher Aufregung kann ich es mir nicht anders erklären. Würde hinter den Wahrnehmungen des Kabarettisten in Bezug auf den Islam nicht doch eine gewisse Wahrheit stecken, hätte der Anzeigensteller doch problemlos den Weg nutzen können, nicht nur Nuhr, sondern viele andere Menschen, die ähnliche Empfindungen teilen, von einem gegenteiligen Bild seiner Religion zu überzeugen. Jede Weltanschauung muss sich ihre Akzeptanz erringen, auch das Christentum steckt täglich in dieser Herausforderung. Das hat nicht zuletzt die katholische Bischofssynode in Rom gezeigt. Und dass auch der Islam anders kann, dass zeigen uns doch viele gemäßigte Strömungen, die einen Reformprozess bejahen. Die Empörten erreichen im Augenblick nur das Gegenteil – sie zementieren Eindrücke, die Nuhr zugespitzt auf den Punkt gebracht hat”.

Kommentare (14)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Fr. 31 Okt 2014 - 00:42

Nuhr macht das genau richtig. Wünschte mir hier einen gbs-Aufschrei.Aber gut, die haben auch so alle Hände voll zu tun...

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 5 Nov 2014 - 00:40

Antwort auf von F. Nicolai (nicht überprüft)

Danke, Frank. Hätte ich eh noch gesehen. Mit gbs alle Hände voll zu tun meinte ich die Oberweseler. Schön, dass das eine Regionalgruppe in die Hände genommen hat.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Fr. 31 Okt 2014 - 11:45

Wie hieß es sinngemäß erhellend schaurig auf einem amerikanischen Demoplakat beleidigter Muslime? "Wer behauptet, der Islam sei gewalttätig, wird geköpft!" Der Rat, satirische Kritik an Religion anzunehmen, ist gut, stößt aber auf einen fundamentalen Unterschied zwischen Religion (oder anderen totalitären Ideologien) und praktisch allen anderen gesellschaftlichen Phänomenen. Religionen folgen dem bedingungslosen Führerprinzip. Der Führer (ob weltlich oder spirituell) bietet Schutz und dafür opfern sich seine Anhänger bis zur Aufgabe des Lebens. Jeder Muslim fühlt sich aufgerufen, seinen Gott zu verteidigen. Ob dies auf der geringstmöglichen Ebene geschieht, die sozial verträglich ist, oder ob dies am anderen Ende der Skala ein Selbstmordattentat ist, ist dabei prinzipiell gleichgültig. Kritik an Allah, am Islam, am Koran, der Scharia, der Zwangsbeschneidung oder der patriarchalischen Lebensweise wird als persönlicher Angriff auf das Individuum verstanden. Die zur Kritikfähigkeit nötige Distanz zwischen Individuum und dem kritisierten Gegenstand fehlt bei Gläubigen, weil sie indoktriniert bekamen, dass es hier keinen Unterschied gäbe. Wenn ich einen Wissenschaftler bezüglich eines Fehlers in seiner Theorie kritisiere oder einen Politiker bezüglich einer Fehlentscheidung, dann werden diese Personen im Idealfall keinen Angriff auf ihre Person vermuten, sondern sich auf sachlicher Ebene damit auseinandersetzen. So entsteht ein Konsens, der beide Parteien weiterbringt. Daher ist eine säkulare Gesellschaft entwicklungsfähiger, als eine religionsorientierte. Die Ergebnisse sehen wir weltweit. Doch bereits durch diese Aussage würden sich Gläubige beleidigt fühlen, weil es für sie zum Glauben keine Alternative gibt. Ein Teufelskreis! Er basiert - wie geschrieben - auf dem Führerprinzip. Wenn Gott die Menschen erschaffen hat, sind wir sein Eigentum und niemand kann sich davon loskaufen. Es ist religiös betrachtet quasi eine natürliche Eigenschaft des Menschen, Sklave zu sein, so wie wir zwei Augen und eine Nase haben. Dazu kommen die Jenseitsängste, falls man sich im Leben falsch entscheidet. Die Gesetzgebung muss m.M.n. darauf Rücksicht nehmen, indem "religiöses Beleidigtsein" als nicht durch den Kritiker oder Satiriker hervorgerufen gewertet wird, sondern als in das "Führer-Konstrukt" namens Religion implementiert. Eine säkulare Gesellschaft muss es aushalten, dass alles, auch unsachlich, kritisiert werden darf, solange dies ausschließlich mit sprachlich adäquaten Worten geschieht. Die grundlegende Eigenschaft aller "Führer-Konstrukte", nämlich die beanspruchte "absolute Wahrheit" (Wort Gottes etc.), verhindert dauerhaft dieses rechtsstaatliche Prinzip der Meinungsfreiheit. Dies ist aber - und so muss sich die Rechtsprechung entwickeln - ein den "Führer-Konstrukten" innewohnender Fehler, der von den Vertretern dieser gesellschaftlichen Richtungen intern geheilt und korrigiert werden muss. Ist dies nicht möglich (wovon ich ausgehe, weil Religion an sich dadurch obsolet würde), dann muss der Staat mit aller Deutlichkeit klarmachen, dass religiöse Gruppen ihr "sich beleidigt Fühlen" klaglos ertragen müssen. Je klagloser, desto geringer der Widerstand gegen die "Führer-Konstrukte" an sich.

Jo (nicht überprüft)

Fr. 31 Okt 2014 - 16:37

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

"Jeder Muslim fühlt sich aufgerufen, seinen Gott zu verteidigen. Ob dies auf der geringstmöglichen Ebene geschieht, die sozial verträglich ist, oder ob dies am anderen Ende der Skala ein Selbstmordattentat ist, ist dabei prinzipiell gleichgültig."

Wie bitte?

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

So. 2 Nov 2014 - 13:47

Antwort auf von Jo (nicht überprüft)

Was ist daran unklar? Da Allah sich nicht selbst verteidigen kann, müssen dies seine Anhänger erledigen. In islamischen Ländern kann diese Verteidigung schon mal etwas ruppiger ausfallen, z.B. durch Steinigung, Köpfen und so. Wer glaubt, dieses habe nichts mit der Verteidigung Allahs zu tun, der glaubt nur und wird dadurch bestenfalls selig, nicht aber wissend. Schließlich werden so drakonisch nur Verstöße gegen den Koran oder die Scharia geahndet. Und deren Gesetze und Regeln muss jeder Moslem einhalten, um ins Paradies zu kommen. Es hat also unmittelbar mit Auswirkungen auf die himmlische Gerichtsbarkeit und nur mittelbar mit dem Diesseits zu tun. In demokratischen Ländern kann die Scharia natürlich nicht offen angewendet werden. In Härtefällen bleiben dort Selbstmordattentate das Mittel der Wahl. Im Normalfall protestiert man gerne mal dagegen, dass man sich noch nicht integriert hat, also integriert wurde und das nur wegen der ganzen Islamophobie, die überall grassiert. Oder wenn Vorhautstinker gegen Knabenbeschneidung auf die Straße gehen. Oder wenn sie Witze über den Propheten machen. Da ist es für einen echten Moslem sicher schwer zu ertragen, dass er bei diesen schweren Beleidigungen sein Messer in der Tasche behalten soll. Diejenigen, die hier aus Gründen der Einsicht nicht mehr gegen die Meinungsfreiheit von Satirikern wettern, sind im Sinne des Islams bereits nicht mehr "muslim", da sie eben den Islam nicht mehr bedingungslos verteidigen. Denn - wir wissen ja - kann Allah dies selbst nicht erledigen. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll er seit einigen tausend Jahren ein wenig kränkeln. Irgendeinen bösen Sternschnupfen hat er sich wohl eingefangen...

Jo (nicht überprüft)

So. 2 Nov 2014 - 22:43

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Wie kann man bitte behaupten, es sei "prinzipiell gleichgültig", ob man seine Religion sozialverträglich oder per Selbstmordattentat verteidigt? Wie absurd ist diese Debatte geworden?

Jetzt habe ich Ihren Kritikpunkt verstanden. "Prinzipiell" heißt (für mich) "einem Prinzip folgend". Es besteht also kein grundsätzlicher Unterschied zwischen der bloßen Ausgrenzung eines Andersdenkenden und dessen Ermordung. In beiden Fällen (und allen Abstufungen dazwischen) liegt ein dualistisches Denken zugrunde, dass die eigene Gruppe als "Ingroup" und die aller anderen als "Outgroup" definiert. Und sind wir ehrlich: Wenn die christlichen Kirchen z.B. wieder die gleiche Macht in Deutschland bekämen, die sie im Mittelalter innehatte, dann würde sich die mildtätige Fassade rasch ändern. Religion an sich grenzt nämlich aus, das ist ihr wesentlicher Markenkern. Das freundliche auf Andersdenkende Zugehen, das auch Luther den Juden in missionarischer Absicht angedeihen lassen wollte, dient ausschließlich der Erweiterung der eigenen Ingroup, denn die Aufnahme in den internen Zirkel erfolgt erst nach Anerkennung der eigenen Regeln (Glaubensbekenntnis). Wären Religionen wirklich weltoffen, dann gäbe es sie nicht und wir hätten eine humanistische Gesellschaft. Ich hoffe, meine Gedanken sind jetzt ein wenig klarer geworden.

Jo (nicht überprüft)

Mo. 3 Nov 2014 - 15:45

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Ich verstehe das Argument, halte es aber für wenig zielführend. Ein Mensch, der andere in die Luft sprengt, setzt sein "Prinzip" absolut; ein Mensch, der sich mit anderen streitet, tut das nicht.

Wenn der Streit ergebnisoffen und fair ausgetragen wird, bin ich ganz bei Ihnen. Doch leider neigen Vertreter der Religionen dazu, ihre Glaubensinhalte absolut zu setzen. Ich habe viele Debatten mit Gläubigen aller "Abstufungen" geführt. Selbst die, die nur "irgendwie" an einen Urstimulus des Universums glauben, lassen sich argumentativ nicht davon überzeugen, dass niemand - auch kein Gläubiger - genau weiß, was am Anfang des Universums geschah. Doch die Flucht in die Lücke wird dort als Gegenargument gegen wissenschaftliche Vorsicht angewendet. Umso dramatischer, wenn ich führenden Mitgliedern einer Kirche auszureden versuche, dass es sprechende Schlangen gibt. Das ist sinnlos, weil sie meine naturalistische Sicht der Dinge als Angriff auf ihren Glauben fehlinterpretieren. Natürlich überlebe ich derartige Debatten physisch, anders, als würde ich die gleiche Diskussion mit einem einsatzbereiten Selbstmordattentäter führen. Doch frage ich mich stets, was macht es so attraktiv, sich in der fixen Idee zu verfangen, Hirten der Bronzezeit hätten mehr über die Welt und das Universum - auch den Menschen und seine Bedürfnisse - gewusst, als wir heute. Fazit: Gäbe es eine ergebnisoffene Streitkultur zwischen Gläubigen und Naturalisten, hätten wir deutlich weniger Stress mit Religionen. Ich würde mich ja von der Echtheit diverser Wunder überzeugen lassen - wenn es denn gelänge - doch habe ich mit noch niemandem gesprochen oder geschrieben, der seinen Glauben aufgrund besserer Erkenntnisse von heute infrage stellen würde. Ich meine hier auch Christen. Bei Muslimen - siehe Dieter Nuhr - ist das praktisch zur Gänze ausgeschlossen. So gesehen habe ich keine Lösung anzubieten, wie das Problem zu lösen sei, doch für mich wäre nach wie vor ein Anfang, wenn wir in Debatten nicht irgendwo willkürlich eine Grenze einziehen, bis zu der man noch "okay" oder ab der man bereits gemeingefährlich ist.

Ich verstehe Ihr intellektuelles Problem, aber genau dem letzten Satz kann ich mich nicht anschließen. Man ist eben nicht gemeingefährlich, wenn man auf einer irren Meinung beharrt, sondern man ist gemeingefährlich, wenn man andere Menschen (explizit oder implizit) bedroht. Da die meisten Gläubigen nicht mal eben so ihren Glauben (oder das, was sie dafür halten) über Bord schmeißen werden, ist diese Grenze extrem wichtig.

Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Di. 4 Nov 2014 - 15:26

Antwort auf von Jo (nicht überprüft)

Sie beschreiben ein Dilemma. Natürlich lasse ich jedem Menschen seinen Glauben, vor allem ab einem bestimmten Alter ist es fast aussichtslos, ihn zur Vernunft zu bringen. Für das Individuum betrachtet ist es also in der Tat entscheidend, das Gegenüber nach dem Grad seiner physischen Gefährlichkeit zu beurteilen. Doch ändert dies an dem von mir beschriebenen "Prinzip" nichts - bornierter Quatsch bleibt bornierter Quatsch -, aber viel wichtiger erscheint mir, dass Personen, die ja nur deswegen an Gott etc. glauben, weil sie in ihrer Kindheit indoktriniert wurden (= vernünftige Gründe für einen Geisterglauben gibt es nicht). Und einst indoktrinierte Erwachsene bekommen selbst Kinder, die sie mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder indoktrinieren. Ein nie endender Teufelskreis. Ich sehe da z.B. muslimische Familien, die zunächst begrüßen, wenn ihre 16-jährige Söhne öfters in die Moschee gehen, sich mehr mit dem Islam und Koran beschäftigen. Dass diese hierdurch eventuell radikalisiert werden und irgendwann Richtung Syrien abhauen, um Menschen zu ermorden, das fällt häufig genug viel zu spät auf. Es ist eben nicht so, dass mehr Glauben zu besseren Menschen führt, sondern hin und wieder auch zu gewissenlosen Tötungsmaschinen, die sich in der Rolle des Märtyrers gefallen. Nur weniger Glauben, weniger Religion führt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem friedlicheren Mitglied der Gesellschaft. Das schließt natürlich nicht aus, dass es auch streng Gläubige gibt, die völlig friedlich leben (es sind sogar die weitaus meisten), aber allein das Gefahrenpotential, das im Glauben steckt (und nicht etwa in seinem "Missbrauch"), ist für mich Anlass genug, auch vermeidlich harmlose Glaubensinhalte zu hinterfragen und alles dafür zu tun, dass Kinder irgendwann von diesem Geisterglauben ferngehalten werden. Es gibt genug Risikofaktoren für eine moderne Gesellschaft, die teilweise unverzichtbar sind (z.B. Straßenverkehr, Internet). Da sollte man jeden verzichtbaren Faktor reduzieren. Wie geschrieben: Erwachsene können ihren Glauben nicht einfach über Bord werfen, aber deren Kindern sollten wir helfen, diesen schädlichen Teufelskreis zu durchbrechen.

David (nicht überprüft)

Di. 4 Nov 2014 - 20:59

Antwort auf von Jo (nicht überprüft)

"Man ist eben nicht gemeingefährlich, wenn man auf einer irren Meinung beharrt, sondern man ist gemeingefährlich, wenn man andere Menschen (explizit oder implizit) bedroht."

Da sich das eine aus dem anderen speist, halte ich auch die nicht direkt bedrohliche Position für problematisch.

Beispiel: Ist ein rassistischer Mensch oder ein überzeugter Neonazi nicht auch dann problematisch, wenn er (noch?) nicht Gewalt anwendet?

Frank Linnhoff (nicht überprüft)

Fr. 31 Okt 2014 - 18:51

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