Religion first? Die ganz normale christliche Selbstüberschätzung
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Keine Demokratie und keine Lebensorientierung ohne Religion: Das ist die Kernaussage von Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, in ihrem Gastbeitrag in der Wochenzeitung DIE ZEIT am 9. Mai 2018. Da kommt eine Veranstaltung verschiedener Weltanschauungsgemeinschaften im Roten Rathaus Berlin am 6. Juni gerade recht, um erneut die Frage nach einer Diskriminierung aufgrund von Weltanschauung und der Zukunft der hiesigen Religions- und Weltanschauungspolitik aufzuwerfen.
Es ist nahezu unmöglich, auch nur einen Satz aus diesem Artikel der Ministerin, betitelt mit der Frage "Wie viel Religion verträgt die Demokratie?", unwidersprochen stehen zu lassen.
Nein, die Ablehnung eines Kreuzes auf der Kuppel des Berliner Schlosses ist keine "kulturelle Selbstverleugnung", sondern die Akzeptanz einer kulturell pluralistischen Gesellschaft, in der das Kreuz eben nicht mehr allen Bürgerinnen und Bürgern von einer Staatsministerin verordnet werden kann.
Nein, durch die Ablehnung eines Kreuzes auf der Kuppel des Berliner Schlosses wird nicht "jede Form der Rückbindung an das Eigene zum Anachronismus", sondern nur solche Formen der Rückbindung an das Eigene, die das eigene Eigene für das Eigene aller halten.
Nein, die "Kultur des Abendlandes" wäre "ohne die enorme Inspirationskraft der christlichen Theologie" keineswegs "um vieles ärmer an Geist und Sinnlichkeit". Vielleicht wäre sie sogar reicher, wenn die christlichen Kirchen sich nicht so lange machtvoll gegen Demokratie, Menschenrechte und Pluralismus gewehrt hätten.
Nein, die "Entchristlichung der Gesellschaft" (Institut für Demoskopie, Allensbach) ist nicht einfach auf die "Arbeit" der "SED-Diktatur" zurückzuführen. Sie hängt schlichtweg damit zusammen, dass die christliche Religion sehr vielen Menschen heute nichts mehr zu sagen hat, weil sie auf zweifelhaften metaphysischen Voraussetzungen beruht.
Nein, wer nicht christlich ist, der ist nicht "unbehaust", "erbärmlich opportunistisch", "spirituell abstinent", "bindungslos" und "genusssüchtig". Selbstverständlich kann man auch ohne christliche Religion ein gutes und verantwortungsvolles Leben führen. Im Übrigen ist die alte christliche Leib- und Genussfeindlichkeit doch eigentlich auch innerhalb des Christentums zu den Klosterakten gelegt worden.
Nein, nicht "nur eine Gesellschaft, die ihre eigene Identität pflegt" kann "dem Fremden Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen". Eine pluralistische Gesellschaft kann durchaus unterschiedliche Identitäten pflegen, ohne dass sie deshalb fremdenfeindlich ist. Und die Pflege einer gemeinsamen politischen Identität darüber hinaus bestünde gerade darin, einen Abstand zu der jeweils eigenen partikularen kulturellen Identität zu gewinnen.
Nein, das Geben von "Halt" und "Orientierung" ist genauso wenig ein christliches Monopol wie das Ringen um "Antworten auf letzte Fragen" oder das Lenken des Blicks "über Vordergründiges hinaus". Was denkt die Staatsministerin für die Kultur aller Bürgerinnen und Bürger eigentlich über den Teil der Kultur, der nicht so christlich ist wie sie?
Nein, die Menschenwürde in der deutschen Verfassung hat nicht ihre "Quelle im christlichen Glauben", sie hat ihre Quelle im antiken Humanismus (Ciceros dignitas hominis), in Renaissance, Aufklärung und verlorenem Krieg. Wahr ist aber, dass die Menschenwürde auch mit "dem christlichen Glauben, in dem der Mensch Ebenbild Gottes ist und jeder Mensch dieselbe Würde hat" begründet werden kann, selbst wenn diese Begründung oftmals keine Entsprechung in der historischen Praxis des Christentums fand.
Nein, das Christentum hat auch nicht das Monopol auf "Barmherzigkeit". Nicht nur, dass wir diese auch schon beim Heiden Cicero und in der stoischen Ethik finden (misericordia), man sollte vor allem nicht annehmen, dass anderen Kulturkreisen Dinge wie Güte, Erbarmen und Mitmenschlichkeit fremd seien.
Nein, "Verständigung erfordert" keineswegs "ein Bewusstsein der eigenen Identität: Klarheit darüber, was uns ausmacht als Deutsche und als Europäer". Identitäten sind zumeist unklar, fragil, hybrid und in Bewegung. Sie setzen Verständigung eher voraus als dass sie eine Vorbedingung von Verständigung wären. Wie sollte es überhaupt interkulturelle und interreligiöse Verständigung geben können, wenn alle zunächst erst ihre Identitäten vollends zu klären hätten? Es gäbe dann gar keine Verständigung mehr, sondern nur noch Abschottung.
Nein, der deutsche Staat ist kein christlicher Staat, sondern er ist und sollte sein: religiös neutral. Dass eine Staatsministerin sich so deutlich vom Geist des Grundgesetzes abwendet und in Richtung Gottesstaat denkt, muss irritieren. Religiöse Neutralität, und hier liegt wohl die gedankliche Konfusion, bedeutet ja keineswegs Wertneutralität bzw. die von der Ministerin gefürchtete "schlichte Indifferenz".
Nein, Demokratie braucht keine "Kultur des Glaubens". Sie kann auch ausgezeichnet ohne christlichen oder anderen religiösen Glauben funktionieren. Selbstverständlich aber ist eine "Kultur des Glaubens" innerhalb der Demokratie willkommen, solange sie sich deren Institutionen und Prozessen unterordnet. Sie kann Bestandteil einer pluralistischen Kultur sein. Glauben sollte man nur nicht, dass nur Christen an etwas glauben, für das sie einstehen und sich engagieren.
Diese Äußerungen der Staatsministerin zeigen einmal mehr, dass es aktuell in Deutschland keine moderne, pluralismuskompatible Religions- und Weltanschauungspolitik gibt. Die Verunglimpfung nicht religiöser Menschen wirft darüber hinaus erneut die Frage auf, ob konfessionsfreie und nicht religiöse Menschen in Deutschland diskriminiert werden.
So ist es gut, dass diese Themen am 6. Juni 2018 in Berlin auf dem Abendpodium Religion first? mit Vertreterinnen der Regierungsparteien des Berliner Abgeordnetenhauses diskutiert werden. Die am Runden Tisch der Weltanschauungsgemeinschaften im Land Berlin teilnehmenden Gruppen laden ein zur Präsentation einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes - Weltanschauung als Diskriminierungsgrund – im Roten Rathaus.
Kommentare (14)
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Ein nicht beweisbater, aber
Ein nicht beweisbater, aber auch nicht widerlegbarer Gott ist das perfekte Instrument zur Verar... von Menschen.
Wäre Gott widerlegbar, hätte der Spuk ein Ende.
Wäre er beweisbar, hätten die Priester keine Gestaltungsspielräume.
Der nur postulierte Gott aber erlaubt den Priestern, praktisch jedes Verbrechen als "Gottes Wille", "Gottes Auftrag" oder "Gottes Gesetz" zu rechtfertigen: Eroberungskriege, Rassismus, Todesstrafe, Verstümmelung von Menschen, Unterdrückung von Frauen, etc.
Mit Hilfe von Religion wurde in der Geschichte der Menschheit einer Unmenge von Gräultaten höhere Legitimation verliehen.
Es ist wirklich praktisch, dass Gott nicht beweisbar ist ...
A.S. - das ist sehr fein
A.S. - das ist sehr fein beobachtet! ;)
Natürlich ist’s er definierte
Natürlich ist’s er definierte christliche Gott oder muslimische Gott empirisch widerlegbar.
Ich habe mir den Text von
Ich habe mir den Text von Staatsministerin Grütters durchgelesen und teile die Beurteilung durch Dr. Schöppner.
Mit fiel vor allem folgender Satz des CDU-Mitglieds auf:
"Tatsache ist, dass Religion uns heute oft in ihren pathologischen Auswüchsen begegnet, entstellt von der Fratze des Fundamentalismus, verstörend durch Gewalt im Namen des Glaubens."
Heute? Wirklich erst heute? Was war denn früher? Friede, Freude, Eierkuchen? Man lese die Bibel, in der die Anfänge des Monotheismus geschildert wurden, man lese den Koran, der dessen Fortführung mit gleichen Mitteln dokumentiert. Massenmorde, Gräueltaten, unethisches Verhalten, das von einem altorientalischen Monstergott geheiligt wird, Drohungen, Drohungen, Drohungen und vieles mehr.
Da erscheinen die heutigen Gräuel der Fundamentalisten fast harm- und wirkungslos. Durch die gesamte Geschichte der Monotheismen zieht sich eine eklige Blutspur, auch eine Spur der Ignoranz Wissen gegenüber und vor allem eine Ignoranz Menschenwürde gegenüber. Von Religionsfreiheit will ich gar nicht sprechen. Diese ist allen Monotheismen wesensfremd.
Dr. Schöppner schreibt richtig:
"Nein, das Christentum hat auch nicht das Monopol auf "Barmherzigkeit". "
Ich möchte hier als Beispiel auf Dr. Martin Luther - den jüngst frenetisch gefeierten Volksverhetzer - verweisen. Er hat uns deutlich aufgeschrieben, was für ihn Barmherzigkeit ist: Die völlige Vernichtung des Judentums in Deutschland mit Methoden, die die Nazis perfektioniert und großindustriell umgesetzt haben, und die Luther selbst als "scharfe Barmherzigkeit" titulierte. Nachzulesen in "Von den Juden und ihren Lügen", 1543.
Selbst im Töten von Andersgläubigen sieht er einen Akt der "christlichen Liebe" (in: "Vier tröstende Psalmen für die Königin von Ungarn", 1526)
Und dem Resümee von Dr. Schöppner muss ich mich leider auch anschließen:
"Die Verunglimpfung nicht religiöser Menschen wirft darüber hinaus erneut die Frage auf, ob konfessionsfreie und nicht religiöse Menschen in Deutschland diskriminiert werden."
Ich verfolge seit längerem die "Causa Christophorus" in Hambach, wo die Familie Stier Opfer dieser Diskriminierung wurde. Nicht der Mensch steht im Mittelpunkt derart rückwärtsgewandter Politik, sondern der "christliche Mensch". Alle anderen sind - nach der offenkundigen Meinung der Staatsministerin - Sonderlinge, die falsch leben oder von der SED-Diktatur gehirngewaschen wurden.
Doch die Realität entwickelt sich im Gegensatz zu dieser Meinung prächtig in Richtung eines aufgeklärten und säkularen Deutschlands. Nein, ich will kein Mordinstrument auf der Kuppel des Stadtschlosses sehen, ich will kein von Gruselfixen durchzogenes Land. Das sehen jeden Tag mehr Menschen auch so. Weitermachen...
Wehrt euch, leistet
Wehrt euch, leistet Widerstand
gegen dreiste Christen hier im Land!
Super Artikel!
Super Artikel!
"Keine Demokratie und keine Lebensorientierung ohne Religion" - soviel Dummfug lässt mich fast sprachlos, ist aber der übliche religionitisch verseuchte Christensprech, der der Frau eingebimst wurde und den sie jetzt nachplappert.
Sie kann nichts dafür - aber ich bin so frisch, frech, fröhlich und frei, mir das nicht sagen lassen zu müssen.
Ich möchte hinzufügen:
Ich möchte hinzufügen:
Nein, die Menschenwürde kann keinesfalls mit "dem christlichen Glauben, in dem der Mensch Ebenbild Gottes ist und jeder Mensch dieselbe Würde hat" begründet werden.
Die Bibel kennt den Begriff Menschenwürde nicht. Im Gegenteil - ich bin als Ungläubiger verdammt (Markus 16,16). Alles sonst ist hingebogen, passend gemacht.
Aber:
Doch, "der deutsche Staat" IST ein christlicher Staat, er ist NICHT religiös neutral; wir leben in der Kirchenrepublik Deutschland! Womit Frau G. konfrontiert ist, ist die seit Jahren anhaltende Erosion dieses Gottesstaates. Das kann irritieren und an der Identität rütteln. Vielen Noch-Abergläubischen geht es ebenso. Und das ist auch gut so.
Ich bin allen Mitmenschen, die an diesem Abriss mitwirken, dankbar und glücklich, dies erleben zu dürfen.
Wie viel Religion verträgt
Wie viel Religion verträgt die Demokratie?
Wenn die Frage auf irgendeine (monotheistische) Religion als Teil der Demokratie sich bezieht, die Antwort ist eindeutig: Null. Religion ist eine Diktatur, hat nichts mit Demokratie zu tun. Das müsste auch für eine Staatsministerin klar sein.
"Diktatur" passt nicht ganz,
"Diktatur" passt nicht ganz, "Psycho-Diktatur" wäre richtiger.
Gewöhnliche Diktaturen herrschen mit "Gewehr am Kopf", Religionen herrschen mit "Gott im Kopf". Vor Gewehren kann man mit etwas Glück davon laufen, einen Gott im Kopf schleppt man mit sich rum, egal wohin man flüchtet.
Religion funktioniert über psychologische Vergewaltigung im Kindesalter. Lebenslange Traumata sind eine häufige Folge.
Was mir immer wieder übel
Was mir immer wieder übel aufstößt, ist, wenn Menschen, die sich zu einer abrahamitischen Religion bekennen, Religion und Kultur zu einem Einheitsbrei vermengen. Auch Frau Grütters begeht diesen Irrtum.
Nein, das Christentum ist ein Wahrheitskult und damit keine Kultur. Wahrheit ist kein Produkt, das Menschen gestalterisch hervorbringen. Kultur dagegen ist genau das.
Trotz aller Sympathie für Menschen, die den Papst lediglich für den Vorsitzenden des Kulturvereins namens Katholizismus halten: dem Selbstverständnis der katholischen Kirche entspricht das nicht. Und daher sollte man zwischen Religion und Kultur klar unterscheiden lernen.
Wenn Naturalisten hier nicht unterscheiden können mag das ja noch verzeihlich sein. Aber Frau Grütters? Sie sollte darauf verzichten uns eine Religion im Namen der Kultur überstülpen zu wollen.
Vorsicht mit dem Begriff
Vorsicht mit dem Begriff "Kultur", er umfasst ein sehr breites Bedeutungsspektrum.
Die bei uns übliche Bedeutung von "Kultur" ist eher ein Synonym für Kunst, Eß- und Lebensgewohnheiten.
Für religiöse Fundamentalisten ist "Kultur" etwas Normatives, so eine Art Zwangsjacke für die Menschen, die festlegt, was Menschen denken und wie sie sich verhalten müssen. In diesem fundamentalistischen Sinne verwendet Frau Grütters das Wort "Kultur" und hat historisch gesehen Recht. Das Christentum ist wie andere Religionen auch eine "Zwangsjacke", aus der wir uns erst allmählich befreien.
Frau Grütters will diese Befreiung nicht.
Frau Merkel will diese Befreiung nicht.
Herr Söder will diese Befreiung nicht.
Herr Erdogan will diese Befreiung nicht.
Die Evangelikalen in den USA und anderswo wollen diese Befreiung nicht.
Die Mullahs in Teheran wollen diese Befreiung nicht.
u.v.m.
Die Pfarrerstochterund
Die Pfarrerstochterund richtungsweisende Kanzlerin hat ihre christlichen Minister offensichtlich nicht im Griff, sonst würde sie wohl diese religös extremistischen Dame Gütters nicht gestatten, einen Großteil unserer Bevölkerung derart zynisch, arrogant und intolerant zu verunglimpfen!
Ich bin schon ganz gespannt, wann unser Herr "Heimathofer" auf den Zug aufspringt!
Ich kann es nur wiederholen:die Kirchen sehen (zu recht) ihre Felle davon schwimmen und kämpfen ohne Bandagen um's Überleben!
Mir fliest dieses Wasser noch zu langsam. Aber wir bleiben dran, Frau christliche Ministerin!
wir werden unterstützt:
wir werden unterstützt: Spiegel vom 19.5. - danke für diesen Verriss der Kirchen und ihrer Geschichte. Hoffentlich kommt noch mehr davon. Es ist sonst ja nicht auszuhalten ín dieser verkirchlichten BRD, die Humanisten totschweigt und Kindesmissbraucher, Diskriminierer, Frauenrechtemissachter und Homosexuellenfeinde hochleben läßt. Karin Resnikschek, aus dem
klerikalen Südwesten der Republik
Liebe Mitstreiter, lese heute
Liebe Mitstreiter, lese heute ein Interview mit dem großartigen Schauspieler Selge: er meint, dass Menschenrechte und Demokratie das Werk der christlichen Kirchen sind. Diese Lüge geistert durch die Welt. Die Kirchen haben den alten Griechen und der modernen Aufklärung ihre Menschheitserrungenschaft gestohlen und uns A-theisten unser Proprium, unsere Werte. Hoffe, dass sie dafür irgendwann betraft werden - auch wenn die Bibel was von "alle sind Kinder Gottes" schreibt. Das entschuldigt nicht, was sie uns antun und angetan haben. Ganz im Gegenteil. Oder populistisch ausgedrückt: "in die Hölle mit ihnen!" Karin Resnikschek Tübingen