Flüchtlinge in Ungarn

Das ist an Menschenverachtung kaum noch zu toppen

BERLIN. (hpd) Heute Vormittag hieß es noch, dass ein Zug vom Budapester Bahnhof in Richtung Österreich unterwegs ist. Via Twitter gab es kurz darauf Meldungen, dass der Zug von ungarischen Polizisten gestoppt wurde und die Flüchtlinge in Lager gebracht werden sollen.

Ein Video des aus dem Bahnhof Budapest ausfahrenden Zuges machte den mehr als 2.000 unter unmenschlichen Bedingungen lebenden Flüchtlingen und deren Unterstützern Mut, dass Ungarn die Weiterreise der vorrangig syrischen Kriegsflüchtlinge nach Mitteleuropa möglich machen wird.

Doch dann wurden - ebenfalls über den Kurznachrichtendienst Twitter - Bilder verschickt, die verzweifelte Flüchtlinge zeigten, die sich gegen Polizisten wehrten. Knapp 40 Kilometer hinter Budapest wurde der Zug von der ungarischen Polizei gestoppt. Die Flüchtlinge sollten den Zug verlassen und mit Bussen in ein nahe gelegenes Flüchtlingscamp gebracht werden. Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung wurde ein Waggon von der Polizei geräumt, fünf weiteren sind voller Menschen.

Viele der völlig überraschten Menschen setzten sich zur Wehr oder legten sich - wie das Foto zeigt - auf die Bahngleise. Nach Angaben eines Reuter-Journalisten soll die Polizei die Flüchtlinge, die sich weigerten, in die Busse zu steigen, verhaftet haben.

Was diesen Menschen angetan wird, vor allem die Art und Weise, wie mit den Hoffnungen der Verzweifelten umgegangen wird, sollte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt werden. Die rechte Regierung Ungarns zeigt hier eine Methodik im Umgang mit Flüchtlingen, die entsetzlich an die deutsche Geschichte mahnt.

Kommentare (20)

Ilona (nicht überprüft)

Do. 3 Sep 2015 - 17:34

Ein grosses Problem ist u.A., dass die Flüchtlinge nicht informiert werden und nicht wissen, dass sie, wenn sie in Ungarn schon registriert sind, den Asylbescheid abwarten müssen und nicht einfach weiterreisen dürfen (und daran haben auch die netten deutschen Willkommensgrüsse nichts geändert - ein offizielles OK Deutschlands, dass von Ungarn ein Zug Flüchtlinge übernommen wird, lässt noch auf sich warten, und bis dahin ist es leider nicht nur rechtens, die Flüchtlinge an der Weiterreise zu hindern, sondern verpflichtend).
Die Regierung bzw. die Behörden sind völlig überfordert und unfähig (und z.T. nicht gewillt), die Flüchtlinge zu versorgen, wobei es allerdings 2014 noch jährlich 40.000 waren, während jetzt an einem Wochenende 10.000 neue Flüchtlinge ankommen.

Hilfe kommt nur von Freiwilligen, die zum grossen Teil einfach spontan hin sind und angefangen haben, das Nötigste zu beschaffen und zu verteilen, bzw. Dolmetscherdienste und medizinische Hilfe anzubieten.
Die Hilfe von Caritas (Karitász) und des Malteserordens (Máltai Szeretetszolgálat) beschrankt sich darauf, ein Auto in der Nähe parkiert zu haben. Von den in Ungarn karitativ ziemlich aktiven Baptisten (Baptista Szeretetszolgálat) hört man auch nicht viel.

Der Kardinal von Ungarn, Péter Erdő, ist der Meinung, die staatlichen Auffangstellen seien adäquat, und seiner Ansicht macht sich des Menschenschmuggels strafbar, wer Flüchtlinge bei sich beherbergt (was u.A. der Ex-Premier auch tut). Allerdings wohnen die meisten Budapester ziemlich beengt, was den privaten Unterkunftsmöglichkeiten sehr enge Grenzen setzt. (http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/dann-werde-ich-eben-zum-verbrecher/story/14255876). http://nol.hu/belfold/erdo-peter-embercsempessze-valnank-ha-befogadnank-a-menekulteket-1560839
Der katholische Pfarrer von Zugló, András Pajor, der Vorsitzende der Christlichen Kulturakademie, die u.A. den Verteidigungsminister Csaba Hende und die frühere Fidesz-KDNP Staatssekretärin für Bildung, Rózsa Hoffmann zu den Mitgliedern zählt, postet auf seiner Facebook-Seite "Migranten raus!"-Parolen. http://444.hu/2015/09/03/az-atya-aki-folyamatosan-a-migransok-ellen-hergel/

Kleines Update: Einige Flüchtlinge sind inzwischen an der österreichischen Grenze angekommen (einen Teil der Strecke haben sie zu Fuss zurückgelegt, dann hat man ihnen Busse organisiert); eine weitere Gruppe ist am Samstag aufgebrochen (an der Strecke haben Freiwillige Essen und Wasser verteilt). Die österreichischen Behörden haben bestätigt, dass sie nach den Dubliner Vorschriften vorgehen werden, d.h. wer in Ungarn registriert wurde, wird nach Ungarn zurückgeschickt.
Die Bahn hat eingewilligt, die Fahrkarten zurückzunehmen, und macht das auch.
Die Freiwilligen am Bahnhof Keleti haben die Bevölkerung gebeten, vorläufig keine weiteren Sachspenden zu bringen, weil der Lagerraum voll ist. Es kommen aber auch weiterhin Flüchtlinge im Keleti an, d.h die Lage entspannt sich nicht dadurch, dass einige weitergereist sind.
Da der Sommer vorbei ist (im Dezember-Januar haben wir schon mal -10 Grad, da reichen Zeltlager nicht), werden die Behörden langsam trotz all ihrem Widerstand Unterkunft organisieren müssen; die Budapester selbst leben auf knappem Wohnraum (5-köpfige Familien in Zweizimmerwohnungen mit 50 qm sind hier normal, auch bei Leuten mit Universitätsausbildung), d.h. privat wird sich dieses Problem nicht lösen lassen.

Skythe (nicht überprüft)

Do. 3 Sep 2015 - 17:38

Naja, lassen wir die Kirche mal im Dorf mit den Hitlervergleichen, bitte.

Diese Flüchtlinge werden in Auffanglager gebracht, keine KZ. Und in Ihrem Artikel ist auch nichts von Handgreiflichkeiten oder ähnlichem zu lesen.

Also was genau ist an dem Geschehenen so unglaublich menschenverachtend, dass es vor den Europäischen Gerichtshof muss?

Ich denke, der Autor wollte darauf hinweisen, dass die ersten Juden auch nicht wussten, wohin die Züge gen Osten fuhren. Das ist bei Anne Frank nachzulesen.

Ich verstehe das auch nicht so richtig. Klar bieten Deutschland und Skandinavien die besseren wirtschaftlichen Perspektiven, aber in einem ungarischen Flüchtlingslager ist man vor dem Bürgerkrieg in Syrien doch auch sicher.

Walter Plinge (nicht überprüft)

Fr. 4 Sep 2015 - 14:12

Antwort auf von angelika richter (nicht überprüft)

Vor dem Bürgerkrieg ja, aber nicht vor einer offen fremdenfeindlichen Regierung. In Nordkorea wären diese Leute auch vor dem syrischen Bürgerkrieg sicher, trotzdem käme wohl keiner auf die Idee die Flüchtlinge dorthin zu schicken.

Thomas (nicht überprüft)

Do. 3 Sep 2015 - 19:58

Nun wird klar, dass es in der EU keine gemeinsamen Werte gibt und nie gegeben hat. Die EU ist viel zu schnell gewachsen - unsere ethischen und moralischen gesellschaftlichen Werte weichen in der traurigen Realität von heute dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das hat bei wirtschaftlichen Fragen oft ganz gut funktioniert, aber was wenn es um so fundamentale Werte wie Menschlichkeit und Emphatie geht?? Ich schäme mich für das EUROPA-Bild, welches durch die neuen Nazis in Ungarn in die Welt geschickt wird. Vielleicht sollte auch in diesem Fall der Papst das Wort ergreifen und die Egoisten in Ihre Schranken weisen - das hat in Italien funktioniert. Nicht auszudenken, wieviele Flüchtlinge ohne seine Intervension in den letzten Wochen gestorben wären. Die EU von heute wird es nach meiner Überzeugung leider leider NICHT schaffen!!!

Wuwei (nicht überprüft)

Fr. 4 Sep 2015 - 08:20

Sorry, diese Flüchtlinge haben NICHT das Recht, das Land, in dem sie leben wollen, FREI zu wählen. Daran ändert alles Drama, auch solches aus Missverständnissen, gar nichts.

Kurze Frage, haben sie das Recht das Land, in dem sie leben WOLLEN, frei zu wählen?

WOLLEN habe ich bewusst groß geschrieben, weil von WOLLEN nicht die Rede sein kann, wenn das Land im Krieg ist...Wichtig sind dabei die Verursacher und Unterstützer eines Krieges...

Ich bin in Deutschland geboren und habe dort Bildung genossen und mir wurde schon im Kindergarten und auch davor in meinem Elternhaus beigebracht, Verantwortung für mein Handeln zu tragen...und genau diese Verantwortung erwarte ich von den Verursachern, "Putschern" und Waffenlieferanten...

Herzlichen Gruß

Sorry, aber diese Flüchtlinge sind Menschen und warum dürfen sie nicht frei wählen, wo sie leben möchten??? Die Deutschen die z.B.Mallorca überbevölkern oder sonst wo durften doch auch frei wählen. Bloss weil wir das Glück haben, in einem reichen Land geboren zu sein, haben wir kein Recht über andere zu urteilen. Jede/r von uns kann etwas von seinem Reichtum, der übrigens zur Erinnerung sowieso nur auf dem Leid anderer aufgebaut ist, etwas abgeben und helfen!!!

Rechte sind auch nur vom Menschen gemacht. Schlimm genug, dass nicht jeder dort leben kann wo er möchte.

Walter Plinge (nicht überprüft)

Fr. 4 Sep 2015 - 14:09

Antwort auf von Wuwei (nicht überprüft)

Doch, genau dieses Recht haben sie. Dass ihnen dieses Recht von der EU verweigert wird, ist ein ganz anderer Punkt.

Schon mal unser Grundgesetz gelesen (insbesondere Artikel 3). Man kann Flüchtlingen - nur aufgrund ihres Status oder ihrer Nationalität - nicht Rechte absprechen, die allen anderen Menschen haben. Die Flüchtlingen haben das Recht in einem Land ihrer Wahl Asyl zu beantragen. Da gibt es überhaupt nichts zu diskutieren.

angelika richter (nicht überprüft)

Sa. 5 Sep 2015 - 14:12

Antwort auf von Walter Plinge (nicht überprüft)

Von den rund 8 Milliarden Menschen auf dieser Welt haben mindestens 2-3 Milliarden im Prinzip Anspruch auf Asyl in Deutschland. In Indien und großen Teilen der muslimischen Welt reicht bereits die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, um lebenslang Zielscheibe von Misshandlungen, Mordversuchen und systematischer Diskriminierung zu sein. Halten Sie das für realisierbar? Ich nicht. Ich engagiere mich gerne ehrenamtlich in der Integrationshilfe und halte gleichzeitig gesicherte Grenzen um Europa für noch viele Jahrzehnte nötig, um die Migrantionsbewegungen für alle Seiten fair zu dosieren und dabei auch die Aufnahmebereitschaft der schon lange hier lebenden Menschen zu erhalten.

Dennis Riehle (nicht überprüft)

Fr. 4 Sep 2015 - 14:24

Wir verbitten uns zumeist geschichtliche Vergleiche. Und tatsächlich ist es stets heikel, mit historischen Bildern und Ereignissen Parallelen ziehen zu wollen. Sie gehen in der Regel auch schief oder sind unangemessen. Doch die ersten Gedanken, die uns in den Kopf kommen, halten sich meist nicht daran, was man darf – und was nicht.

Da war es Ungarn, das die Zäune öffnete, um damit den „Kalten Krieg“ zu beenden – und das heute an anderer Stelle die Stacheldrähte wieder aufbaut, um sich abzuschotten. Es waren erschütternde Bilder zu Zeiten der DDR, als Menschen vor der Botschaft in Prag vollkommen zusammengepfercht darauf hofften, nach Westen ausreisen zu dürfen, die eigentlich ganz Europa hätten lehren sollen: Derartige Zustände darf es nicht noch einmal geben. Nun kesseln Beamte erneut Tausende ein – dieses Mal am Ostbahnhof von Budapest.

Und dann das: In gutem Glauben werden Hilflose in einen Zug gelockt, um der Freiheit näher zu kommen. Eigentlich wissen sie nicht, wohin sie fahren werden. Aber zunächst denken sie nichts Böses. Hinterlistig werden die Waggons gestoppt – und statt einer Zukunft steht ein Lager vor den Flüchtlingen, aus dem schon viele Erzählungen über nicht gesetzeskonforme Behandlungen nach draußen drangen. Nein, mit der dunkelsten Phase unserer Geschichte gibt es keinen Zusammenhang; es wäre haltlos, unverantwortlich und populistisch, das zu behaupten. Und dennoch kamen mir genau die Sequenzen aus den Dokumentationen in den Sinn, als ich von der Meldung aus Ungarn gestern hörte.

Dieser Tage gibt es offenbar viele Gelegenheiten, in Parallelen zu denken. Vielleicht, weil wir ab einem gewissen Grade von Unmenschlichkeit unsere Gefühle nicht mehr in Worte fassen können…

Sven Schillings (nicht überprüft)

Fr. 4 Sep 2015 - 22:45

Die hier zum Teil geäußerte Meinung, jeder Mensch könne sich sozusagen frei aussuchen, in welchem Land er leben will, ist nicht nur naiv und romantisch, sondern vor allem völlig falsch. Staaten können frei darüber bestimmen, wen sie in ihr Territorium lassen wollen und wen nicht. Gerade die klassischen Einwanderungsländer wie Kanada, USA und Australien praktizieren dies so seit vielen Jahren mit großem Erfolg! Und genau dies ist das Defizit bei uns in Deutschland. Es hat bis dato keine Diskussion darüber stattgefunden, wen wir als zukünftigen Neubürger dabeihaben wollen und wen nicht. Dieser sicher nicht einfachen Thematik geht die Politik aus dem Weg. Genauso höhlen wir zunehmend das Asylrecht aus, indem wir diejenigen, deren Asylantrag gesetzeskonform abgelehnt wurde, nicht konsequent abschieben sondern hier lassen. Dies verringert die Hilfekapazitäten für die wirklich Asylberechtigten. Es fehlt der Mut zur Wahrheit: wir können und wollen nicht jeden finanziell unterstützen, der nach Deutschland möchte.

valtental (nicht überprüft)

Sa. 5 Sep 2015 - 00:09

Das Orban (FIDESZ) und Molnar (Jobbik) als rechtskonservative/-extreme Politiker keine perfiden Tricks scheuen, um die Lage am Keleti-Bhf. möglichst schnell aufzuösen, ist offensichtlich. Allerdings hat dieses Vorgehen die Umsetzung der EU Asyl- und Flüchtlingsregelungen zum Ziel (weshalb alle Nazivergleiche m.E. völlig daneben sind): Registrierung und Asylentscheid im Land der Einreise! Wer von den Flüchtlingen eigenmächtig Sammellager verlässt oder ablehnt und weitereist, verstösst gegen die Asylbestimmungen.

Und bei der z.T. momentan weitverbreiteten Fremdeneuphorie erlaube ich mir anzumerken, dass Mitleid erregende Fotos und gespendetes Trinkwasser nur eine Seite darstellen, die andere heißt Projekt Integration. Wem dies zu hart klingen mag, sei "Ein Staat - zwei Welten" in der ZDF-Mediathek empfohlen. Dabei dürfte öfters der Unterkiefer runterklappen und grundsätzliche Fragen aufkommen.

Frank Nicolai (nicht überprüft)

Sa. 5 Sep 2015 - 22:03

Sehr lesenswert ist der Artikel von Jens Berger bei den nachdenkseiten: http://www.nachdenkseiten.de/?p=27444

valtental (nicht überprüft)

Sa. 5 Sep 2015 - 23:01

Antwort auf von Frank Nicolai (nicht überprüft)

Danke für diesen Hinweis - Berger bringt diese miese Heuchelei vieler dt. Politiker in seinem Artikel exakt auf den Punkt! Und Nazivergleiche aus dt. Medien bzgl. Ungarns Vorgehen sind in diesem Licht natürlich der Gipfel. Umleitungen in ungarische Registrierungslager mit Holokaustzügen, oder vorläufige, notgedrungene Unterarmnummerierungen mit Filzstift auf tschechischen Bahnhöfen mit Häftlingstätowierungen zu assozieren, ist nichts als geschichtliche Verirrung. Nach dieser Unlogik könnte man den Österreichern vorhalten, nichts gegen den Einsatz von quasi Vergasungswagen mit 71 Erstickten auf ihrer Autobahn unternommen zu haben... Dieser historisch vollkommen unreflektierte Gebrauch der Nazikeule wird zu nichts weniger führen, als dass wirklich zutreffende Vergleiche nicht mehr für vollgenommen werden.

David (nicht überprüft)

Do. 31 Dez 2015 - 01:47

Interessantes Foto.

Ich hoffe, es ist inzwischen bekannt, wie es zustande kam. Auf youtube ist exakt diese Szene komplett als Video zu sehen.

Der einzige, der sich hier menschendverachtend verhält, ist der abgebildete Mann, der, als er gewahr wird, dass Presseleute mit Kameras vor Ort sind, seine Frau samt Kind auf die Schienen wirft und sich in bester Fussballermanier schauspielernd daneben schmeisst.

Da brauchen wir uns wahrlich nicht wundern, wenn der Begriff "Lügenpresse" fällt.

David (nicht überprüft)

So. 10 Jan 2016 - 10:49

Antwort auf von David (nicht überprüft)

Nachtrag:

https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=vWiolHd0VCA

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