Wählen unter dem Kruzifix
Bild: bearbeitet, unter Verwendung eines Fotos von © Tim Reckmann, FLickr CC BY 2.0
Deutschland hat gewählt. Zehntausende Bürgerinnen und Bürger, die am Sonntag ein Wahllokal aufsuchten, um über die Sitzverteilung im neuen Bundestag abzustimmen, mussten ihren Stimmzettel in Räumen mit christlicher Symbolik ausfüllen. Selbst Kirchen werden zu Wahllokalen umfunktioniert.
Fotos in den Medien zeigen die Spitzenkandidaten der Parteien bei der Stimmabgabe – so auch Hubert Aiwanger in seinem Wahllokal im oberbayerischen Inkofen. Am Sonntagmorgen, noch guter Dinge, wirft er seinen Stimmzettel in die Wahlurne. Wer das Foto genauer betrachtet, sieht nicht nur sein weißes Hemd und die akkurat gebundene Krawatte des Chefs der Freien Wähler, sondern auch ein geschnitztes Holzkreuz mit dem gekreuzigten Jesus, das über seiner rechten Schulter an der Wand hängt.
Vor allem in Bayern, aber auch in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen gibt es zahlreiche Wahllokale, an deren Wänden Kreuze befestigt sind, mal als schlichte Variante, mal als "Balkensepp" mit der Darstellung des Gekreuzigten, um einen berüchtigten taz-Sprachduktus zu zitieren. Doch nicht nur die Kreuze sorgen mancherorts für Irritationen: In manchen Fällen dienen Kirchen sogar als Wahllokale, wie etwa die Stuttgarter Frauenkopfkirche oder ein Gemeindehaus im Stuttgarter Süden. Die Begeisterung von Pfarrerin Vinh-An Vu wird allerdings nicht von allen geteilt: "Ich finde es gut und wichtig, dass die Frauenkopfkirche als Wahllokal dient. Damit zeigt sie sich als offene Gastgeberin und Dialogpartnerin in einer politischen Entscheidungsfindung, wie es mit unserem Land weitergeht."
Religiöse Neutralität und rechtliche Grauzonen
Wie lässt sich diese Praxis mit der im Grundgesetz verankerten religiösen Neutralität des Staates vereinbaren? Und was bedeutet sie für die Trennung von Staat und Kirche im Kontext einer Bundestagswahl? Paragraf 32 des Bundeswahlgesetzes formuliert hierzu unmissverständlich: "Während der Wahlzeit sind in und an dem Gebäude, in dem sich der Wahlraum befindet, sowie unmittelbar vor dem Zugang zu dem Gebäude jede Beeinflussung der Wähler durch Wort, Ton, Schrift oder Bild sowie jede Unterschriftensammlung verboten."
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Kirchen und Klassenzimmer mit Kreuzen oder Kruzifixen als Wahllokale geeignet sind. Laut Paragraf 46 der Bundeswahlordnung liegt es im Ermessen der Gemeinden und Städte, geeignete Wahlräume auszuwählen: "Die Wahlräume sollen nach den örtlichen Verhältnissen so ausgewählt und eingerichtet werden, dass allen Wahlberechtigten, insbesondere Menschen mit Behinderungen und anderen Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigung, die Teilnahme an der Wahl möglichst erleichtert wird." Darüber, ob sich auch Kirchen als Wahllokal eignen, schweigt die Bundeswahlordnung. Fest steht: Sakrale Wahlräume sind keine Seltenheit: So wurden im Stadtstaat Bremen bei der Bundestagswahl in diesem Februar in 17 Kirchen und Gemeindehäusern Stimmen abgegeben.
Religiöse Symbole als "Zimmerschmuck"?
Darf man sich über religiöse Symbole im Wahllokal beschweren oder deren Abnahme fordern? Die Stadt Dortmund hat dazu eindeutig Stellung bezogen: "Einige Wahlräume sind in Kirchen oder anderen Gemeinden eingerichtet. Es ist durchaus möglich, dass dort religiöse Symbole (wie z.B. Kreuze) aufgehängt sind. Diese dürfen jedoch keinesfalls entfernt werden. Sollten Wähler sich dadurch gestört fühlen und sich bei Ihnen beschweren, so können Sie ohne Bedenken mitteilen, dass die Symbole als 'Zimmerschmuck' keine Wählerbeeinflussung darstellen und nicht entfernt werden müssen."
Es soll dahingestellt bleiben, ob sich Markus Söder und viele Gläubige darüber freuen, dass christliche Kreuze als "Zimmerschmuck" und "Gebäudedekoration" zum Inventar gehören. Die hessische Landeswahlleitung sieht aus genau diesen Dekorationsgründen keine unzulässige Beeinflussung, und die saarländische Landeswahlleitung verweist darauf, dass eine Wählerin oder ein Wähler nur wenige Minuten in einem Wahllokal verbringt, so dass von keiner nachhaltigen Beeinträchtigung ausgegangen wird.
Die Frage der Neutralität
Kirchen mischen sich regelmäßig in politische Debatten ein, kritisieren Parteien oder prangern Missstände an – was ihr gutes Recht ist. Doch bleibt unter diesen Voraussetzungen fraglich, ob Kirchen und Gemeinderäume wirklich als neutrale Wahllokale geeignet sind. Könnte die Bundestagswahl durch einen Verweis auf Paragraf 32 des Bundeswahlgesetzes aufgrund dieser Symbolik sogar anfechtbar sein? Hierzu müsste beim Bundestag eine Wahlprüfung beantragt werden. "Bleibt das Wahlprüfungsverfahren ohne Erfolg, kann Wahlprüfungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt werden", so die Bundeswahlleiterin.
Um derartige Kontroversen zu vermeiden, wäre – den nötigen politischen Willen vorausgesetzt – eine Lösung denkbar einfach: Städte und Gemeinden könnten darauf verzichten, christliche Gebäude als Wahllokale zu nutzen. Schließlich wird auch kein Bundesbürger gezwungen, seine Stimme in einer Moschee, Synagoge oder einem muslimischen beziehungsweise jüdischen Gemeindezentrum abzugeben. Bei Wahllokalen in Schulen wäre es zudem ein Leichtes, vorhandene Kreuze und andere religiöse Symbole abzuhängen und so eine religionsneutrale Atmosphäre zu schaffen. Damit wäre gewährleistet, dass alle Wahlberechtigten ihre Stimme frei von konfessionellem Einfluss abgeben können – auch Hubert Aiwanger.

Kommentare (28)
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Briefwahl: ganz ohne
Briefwahl: ganz ohne "christliche Symbolik", so einfach geht’s. Es gibt übrigens Wichtigeres als "christliche Symbolik", nämlich reale Probleme, nur mal zum Beispiel: was bringt eine neue Große Koalition an Verstössen gegen das Menschenrecht? Oder nimmt die CDU doch lieber gleich Musks Lieblinge in ihre Regierung?
Die Briefwahl mag für Sie
Die Briefwahl mag für Sie ideal sein, damit verschwinden aber die ubiquitären aufdringlichen Kreuze – Mord- u. Folterinstrumente; gelegentlich m. heftig blutigem Mann - in bestimmten Regionen nicht. Sie stehen für Gesinnungen u. sind ein Politikum. Es gibt immer Wichtigeres als Symbole, wozu auch das Kreuz mit den Haken gehört...
"Es gibt immer Wichtigeres
"Es gibt immer Wichtigeres als Symbole, wozu auch das Kreuz mit den Haken gehört" genau, es gibt Wichtigeres: warum beschäftigen wir uns nicht damit?
Wer ist WIR?? Gehöre zu den
Wer ist WIR?? Gehöre zu den Menschen, die dieses einvernehmende, anmaßende WIR u.a. leider zu häufig in den Medien nicht mehr hören können...Sprechen Sie einfach von sich. Sie verlangen, daß ausgerechnet hier alles "Wichtigere" behandelt wird?
Auf Ihren ausdrücklichen
Auf Ihren ausdrücklichen Wunsch hin nehme ich Sie davon aus, dass Sie über "Wichtiges" reden wollen.
Zum "wir" noch ein Einordnungsversuch: "I am because we are" – Ubuntu – ist das "anmaßend" oder "bescheidener geht’s nicht"? (mich gibt es nur, weil es "uns" gibt, ein "wir")
Holy mackerel! Nicht nur
Holy mackerel! Nicht nur verdrehen Sie u. wollen nicht über Ihre persönlichen likes/dislikes hinaussehen, Sie beantworten auch meine frage nicht: "Sie verlangen, daß ausgerechnet hier alles "Wichtigere" behandelt wird?" Verabschiede mich...
Mir fällt noch ein niedlicher
Mir fällt noch ein niedlicher "Einordnungsversuch" zum WIR ein, zitiere mal Eugen Roth:
Ein Mensch schaut in der Straßenbahn
Der Reihe nach die Leute an:
Jäh ist er zum Verzicht bereit
Auf jede Art Unsterblichkeit.
Helau!
Kirchen als Wahllokal finde
Kirchen als Wahllokal finde ich jetzt minderklug. Aber ich finde gerade im Moment nicht den Punkt wo mir jemand zwanghaft sein Weltbild um die Ohren hauen will. In Bayern würde ich das vielleicht noch in meine Überlegungen mit einbeziehen, aber im Allgemeinen?
Manchmal nimmt man halt was man kriegt. Das sich vielleicht Geistliche eine Möglichkeit zur Beeinflussung einbilden ist mir auch klar. Aber Mensch darf darauf auch gern mal ohne Reaktanz reagieren. An der Stelle würde ich mich kindisch fühlen.
Aber jeder Mensch wie er mag.
Natürlich gibt es vieles
Natürlich gibt es vieles "Wichtigeres", aber es ist eben auch die "Summe von dem vielen Unwichtigeren" wie Kreuze in Wahllokalen, Amtsräumen, Schulen, Krankenhäuser, oder auch der Tatsache, dass bei Attentaten oder Naturkatastrophen fast immer Trauergottesdienst, teils interreliös, abgehalten werden. Nichtreligöse, Atheisten, Agnostiker werden dabei regelmäßig vor den Kopf gestossen. Was sollen Sie bei solchen Gelegenheiten machen? Die Arme verschränken, demonstrativ wegschauen, oder demonstrativ auf dem Handy tippen? Wir schreiben das Jahr 2025 und diejenigen die meinen, man komme nach dem Tod in ein Himmelreich, sind mittlerweile "Gott sei Dank" nur noch eine kleine Minderheit.
Trauergottesdienst:
Trauergottesdienst: "Nichtreligöse, Atheisten, Agnostiker werden dabei regelmäßig vor den Kopf gestossen." Ich nicht. Macht mir nichts aus, als Ungläubige einen (Trauer-) Gottesdienst zu besuchen. Wo ist denn Ihr Problem? "Langeweile" verstehe ich sofort, den Rest müssen Sie erklären.
Ein Kreuz im Krankenhaus stört mich übrigens auch gar nicht: ich finde es irgendwie wichtiger, dass meine Reanimation erfolgreich war. Können Sie mir sagen, warum?
Peinlich wird der Artikel endgültig an dieser Stelle: "Könnte die Bundestagswahl durch einen Verweis auf Paragraf 32 des Bundeswahlgesetzes aufgrund dieser Symbolik sogar anfechtbar sein? Hierzu müsste beim Bundestag eine Wahlprüfung beantragt werden. "Bleibt das Wahlprüfungsverfahren ohne Erfolg, kann Wahlprüfungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt werden", so die Bundeswahlleiterin."
@Monika: Also ich kenne
@Monika: Also ich kenne genügend Nichtreligöse, Atheisten, Agnostiker und auch Andersgläubige, denen das nicht gefällt. Wenn es Ihnen nichts ausmacht ist es schön für Sie. Aber eben nicht für alle.
Warum Sie mir deswegen Langweile unterstellen ist schon sehr merkwürdig.
"Langeweile" war der Grund
"Langeweile" war der Grund dafür, dass ich nicht konfirmiert wurde: ich habe wegen der für mich unerträglichen Langeweile im Konfirmandenunterricht auf die üblichen Geschenke verzichtet. Sie müssen mich jetzt nicht "Märtyrer" nennen, ich wollte nur erklären, warum ich von "Langeweile" im Zusammenhang mit "Gottesdienst" schrieb. Ihnen habe ich gar nichts "unterstellt", auch keine "Langeweile".
Sie dagegen haben gar nichts erklärt, "denen das nicht gefällt", ist wirklich sehr wenig Begründung.
"denen das nicht gefällt, ist
"denen das nicht gefällt, ist wirklich sehr wenig Begründung"
Das ist aber völlig ausreichend.
SIE haben gar nicht darüber zu urteilen, was genügend Begründung ist.
Und Ihre Befindlichkeiten (unerträgliche Langeweile im Konfirmandenunterricht u.ä) trifft eben nur für Sie zu, und ist nicht verallgemeinerbar.
jetzt habe ich aber wirklich
jetzt habe ich aber wirklich dazugelernt, sind Sie in der Erwachsenenbildung tätig?
Spätestens dann, wann die
Spätestens dann, wann die ersten Moscheen als Wahllokal herhalten müssen, wäre dies die perfekte Beeinflussung, und zwar zugunsten der AfD.
Wann hält Säkularität endlich auch hierzulande Einzug? Irgendwann ist es nämlich zu spät.
jetzt auch noch die AFD
jetzt auch noch die AFD aufzubieten – in Kombi mit der "Moschee" – was soll das werden? Gefahr im Verzug? Beim hpd erscheinen Artikel und Kommentare, bei denen ich denke, es wird der Versuch gemacht, Säkularismus lächerlich zu machen.
Wenn das im hpd so weiter
Wenn das im hpd so weiter geht, werde ich mich davon verabschieden und auch meine Spenden einstellen.
Weshalb greifen Sie die
Weshalb greifen Sie die Redaktion an und drohen mit Spendenentzug?
Gemeint ist nicht die
Gemeint ist nicht die Redaktion, sondern die Kommentatoren!
Sie können doch nicht den hpd
Sie können doch nicht den hpd, der viele wertvolle u. ausführliche Artikel kostenfrei anbietet, f. d. Inhalte einiger Kommentare verantwortlch machen. Ich würde Ihnen auch gern was zu Ihrem Humanismusbuch sagen. Wenn Sie möchten, können Sie gern meine mail beim hpd erfragen, okay?
Es tut mir leid, daß ich mich
Es tut mir leid, daß ich mich von einem Kommentar welcher mich persönlich angegriffen hat
zu dieser Äusserung verleiten lies, und nicht verstanden habe weshalb die Redaktion diesen nicht gelöscht hat sondern einen weiteren Disput geduldet hatte.
Wer hat Sie denn "persönlich
Wer hat Sie denn "persönlich angegriffen"? Sie waren bis zu Ihrem Spenden-Entzugs-Kommentar doch gar nicht an der Diskussion beteiligt.
Der Disput um den es ging
Der Disput um den es ging wurde von der Redaktion später gelöscht, deshalb können Sie nicht wissen worum es ging.
so so – mit wem hatten Sie
so so – mit wem hatten Sie sich denn diesmal angelegt? Vielleicht hören Sie damit auf, zu allem austauschbare "Allgemeinplätze" zu schreiben?
Dann verfassen Sie mal bitte
Dann verfassen Sie mal bitte einen säkulularistischen Kommentar, der die Problematik der völlig unzureichenden Trennung Staat-Kirche mit all ihren Konsequenzen auf den Punkt bringt und den Säkularismus - Ihrer Meinung nach - nicht "lächerlich macht".
kann ich nicht. Aber zu
kann ich nicht. Aber zu "überziehen" schadet dem richtigen Anliegen für mein Empfinden sehr - sowas schadet, Zitat aus dem Artikel: "Könnte die Bundestagswahl durch einen Verweis auf Paragraf 32 des Bundeswahlgesetzes aufgrund dieser Symbolik sogar anfechtbar sein? Hierzu müsste beim Bundestag eine Wahlprüfung beantragt werden. "Bleibt das Wahlprüfungsverfahren ohne Erfolg, kann Wahlprüfungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt werden", so die Bundeswahlleiterin."
"Gottesdienste" nach
"Gottesdienste" nach furchtbaren Katastrophen, die meist auch von Menschen aus der Politik "beehrt" werden, gehören zu den absurdesten u. lächerlichsten Erfindungen der Religiösen. Und wenn der akt. misogyne etc. Vatikanherrscher für immer abdankt, werden die Politikmenschen anfliegen auf Kosten der Umwelt u. der Steuerzahler... Man kennt das Szenario.
Genau so wird es kommen, da
Genau so wird es kommen, da alle das verlogene Spiel vom Glauben an einen Gott mitspielen, ob Politiker oder Kirchenmann, egal, Hauptsache es wird weiterhin die Kirche und Politik das Volk belügen um an der Macht zu bleiben, nach dem alten Motto " halte Du sie dumm, wir halten sie arm.