Würzburger Katholikentag: Steinmeier, Merz, Söder und Dobrindt waren auch dabei

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Kritik am Katholikentag ist selten. Ein verlässlicher Garant dafür ist seit Jahren die Aktionsgruppe "11. Gebot".
"Hängemattenbischof" in Würzburg

In Würzburg feierten Kirche und Politik in der vergangenen Woche einmal mehr sich selbst – mit warmen Worten, großen Gesten und Millionen aus Steuergeldern. Kritische Themen? Fehlanzeige.

Der diesjährige Katholikentag vom 13. bis 17. Mai in Würzburg bot das vertraute Bild: viel Symbolik, viel Einigkeit und eine politische Prominenz, die die große Bühne nur allzu gerne nutzt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnete mit herzlichen Worten an die "Schwestern und Brüder", Markus Söder beschwor in seinem Grußwort die angeblich "tief verwurzelte" christliche Identität Bayerns – ungeachtet der Tatsache, dass über 40 Prozent der bayerischen Bevölkerung längst keiner Kirche mehr angehören. Friedrich Merz, der stolz als "erster katholischer Bundeskanzler seit Helmut Kohl" vorgestellt wurde, nahm an der Podiumsdiskussion "Gemeinsam Zukunft gestalten" teil, wo er den Streit als Wesensmerkmal der Demokratie bezeichnete.

Katholikentage sind für Politiker ein dankbares Forum: Man demonstriert Nähe zu "Werten", ohne sich allzu sehr festlegen zu müssen. Die Inszenierung ist ritualisiert – inklusive farbigen, über die Schulter gelegten Katholikentagsschals und wohlfeiler Appelle. Hendrik Wüst und Hubertus Heil waren selbstverständlich auch präsent. Dass ein bestimmtes religiöses Milieu hofiert wird, während die gesellschaftliche Realität zunehmend säkular ist, scheint kaum zu stören. Mit Würzburg fiel die Wahl des Veranstaltungsortes wie in den letzten Jahren bewusst auf eine Kleinstadt, da in einer Großstadt wie Berlin oder München 30.000 Teilnehmer im Stadtbild kaum auffallen würden.

Millionen für die Moral – Schweigen zu den Problemen

Finanziert wird dieses Großereignis zu einem erheblichen Teil aus öffentlichen Mitteln: 4,44 Millionen Euro Steuergeld flossen in den Würzburger Katholikentag – umgerechnet sind das rund 142 Euro für jeden Teilnehmer. Der Freistaat Bayern übernahm mit drei Millionen Euro den Löwenanteil, der Bund erhöhte seinen Beitrag trotz sinkender Kirchenmitgliedszahlen von traditionell 500.000 Euro auf 940.000 Euro, und selbst die mit über 815 Millionen Euro hoch verschuldete Stadt Würzburg steuerte 500.000 Euro inklusive Sachleistungen bei. Das "11. Gebot: Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!" wird da gerne ignoriert, wie David Farago bestätigen kann, der als Leiter der Aktionsgruppe vor Ort war.

"Bundespfarrer" Frank-Walter Steinmeier freute sich, wieder dabei zu sein: "Ich bin (…) mehr denn je der Überzeugung, dass wir Christen nicht nur zusammengehören, sondern dass wir das auch häufiger erlebbar machen müssen. Katholikentage und Evangelische Kirchentage sind Orte der Vergewisserung, ja, aber inzwischen sind sie immer auch Begegnungsorte, ja Zeugnisse dieser tiefen Gemeinsamkeit aller Christen." Anschließend würdigte er vor allem die sozialen Dienste von der Caritas über die Diakonie bis hin zu den Pfadfindern.

Gleichzeitig blieb die inhaltliche Auseinandersetzung auffallend selektiv. Alexander Dobrindt forderte eine Kirche, die sich in politischen Debatten stärker engagiert, allerdings nur bei Themen wie Abtreibung ("Ich würde mir beim Lebensschutz eine viel lautere Stimme der Kirche wünschen"), nicht etwa bei Klimaschutz und Tempolimit, denn diese Felder sieht der CSU-Innenminister nicht als Teil der kirchlichen Aufgaben.

Immerhin gab es vereinzelt auch kritische Töne. So beklagte Markus Söder Versäumnisse des Vatikans bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, ohne jedoch eine Verbindung zu den kirchlichen Machtstrukturen herzustellen, die solche Verbrechen über Jahrzehnte begünstigt haben. Geschickt versteht es Söder, Aufmerksamkeit zu erzeugen und vom eigenen Versagen abzulenken. Denn er verschweigt, dass auch der bayerische Staat eine aktivere Rolle hätte spielen können: Statt die Aufklärung der zahlreichen Missbrauchsfälle weitgehend den Kirchen selbst zu überlassen, hätte der Freistaat frühzeitig mit staatsanwaltschaftlichem Ermittlungsdruck, Durchsuchungsbeschlüssen und konsequenter strafrechtlicher Verfolgung gegen Verantwortliche in den Bistümern vorgehen und diese zur Rechenschaft ziehen können. Doch dieser politische Wille fehlte – offenbar aus Rücksicht auf ein System, das man bis heute juristisch schont und mit Staatsleistungen unterstützt.

Einen weiteren Versuch, Kritik anzubringen, gab es noch: Irme Stetter-Karp, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), warf der Kirche eine massive Diskriminierung von Frauen vor. Doch selbst solche Einwürfe blieben randständig und änderten nichts am Gesamtbild.

Am Ende überwiegt der Eindruck einer aufwendig inszenierten, inhaltlich erstaunlich blassen Folkloreveranstaltung. Eine Kirche, die moralische Autorität beansprucht, ohne ihre eigenen strukturellen Defizite konsequent aufzuarbeiten, und eine Politik, die dieses System mitträgt, solange sie sich Vorteile davon verspricht. Der Katholikentag wird in großen Teilen von einer Gesellschaft finanziert, die sich längst in eine andere Richtung bewegt.

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