Donna Haraway setzt in "Unruhig bleiben" auf eine erdige Zukunft

Individualismus ist out, Zusammenwirken ist in

Foto aus der ISS: Blick über Südosteuropa – Italien und das Mittelmeer.
Foto aus der ISS: Blick über Südosteuropa – Italien und das Mittelmeer.

Science Fiction der anderen Art fordert die Philosophin, Biologin und Tierrechtlerin Donna Haraway in ihrem neuen Buch "Unruhig bleiben". Science Fiction, weil es um das große Ganze geht, den Erdball. Der anderen Art, weil sie von einen geschundenen Planeten handelt, um Anstrengung der anderen Art, weil es gar nicht sicher ist, ob wir uns noch retten können. Neue Symbiosen zwischen Mensch und Tier sind von Nöten, Liebeswerk, nicht Leidenschaft.

"Nicht alles ist mit allem verbunden; alles ist mit etwas verbunden", so die Devise von Donna Haraway, wenn sie in immer neuen Umschreibungen nach der Sprache für unsere Position in Zeit und Raum sucht. "Humismus statt Humanismus", heißt es da. Die Rede ist schlicht von Humus. Das Anthropozän ist für Haraway nur ein Grenzfall. Und doch hat das Zeitalter des "Chthuluzäns" eigentlich schon begonnen. Die Spinne wäre die beispielhafte Figur dieser von ihr proklamierten Epoche. Mit ihren tentakelartig langen Beinen hält sie die Verbindung zu ihrer Umwelt, indem dieses Tier sich von seinem Netz aus verwebt mit der Welt. In dieser Epoche, die wir selbst ausgelöst haben, kommt es uns zu, die Welt spinnengleich künftig wieder lebenswert zu machen über die Ränder noch bestehender Ökosysteme.

Individualismus, Autopoiesis, – die Annahme, der Mensch oder der Computer schaffe sich selbst – funktioniert nicht mehr. "Sympoiesis" tritt an deren Stelle. Das Zusammenwirken mehrerer Lebewesen. Im besten und kühnsten Fall könnten nichtmenschliche Tiere zukünftig menschliche Gene unterstützen.

Vom Chthuluzän reden heißt, von einer beschädigten Welt zu sprechen, jedoch auch vom Weitermachen, ja sogar vom Anfangen. In dieser Bezeichnung stecken die Namen altgriechischer erdgebundener, ja unterirdischer Kräfte. Geißeltierchen, Pilze, dazu was Fühler, Finger, Haare hat, verfügen über sie. Und dies seit jeher, darauf verweist Donna Haraway, wenn sie nach der Menschen Rolle heute sucht in ihrem jüngsten Werk "Unruhig bleiben". Vielleicht löst dieses Zeitalter des Chthuluzän das des Menschen und das des Kapitals ab. Wenn es gelingt. In jedem Fall stecken wir schon mittendrin im Schlamassel.

Donna Haraway schaut sich um bei den vielfältigsten Projekten, Untersuchungen und Überlegungen und adaptiert sie. Sie bringt sie zum Funkeln und Glänzen und demonstriert dabei gleich selbst, wie das gemeint ist mit der Sympoiesis. Die ist aber biologisch gesehen uralt.

Haraway verweist auf den hawaiianischen Zwergtintenfisch. Er beherbergt in seiner Bauchtasche luminiszierende Bakterien, die ihn derartig zum Leuchten bringen, dass er für seine zu jagende Beute von unten wie ein Stück Sternenhimmel aussieht "und in den hellen Mondnächten keinen Schatten zu werfen scheint".

Ist es neodarwinistisch gesehen Ausnutzung und Täuschung, wenn eine Orchidee Blütengestalten entwickelt, die dem Leib einer Hummel gleichen, um Bestäuber anzuziehen? Oder gelingt es der Pflanze, sich in die Lebensbezüge des Insekts zu involvieren mittels eines kreativen, improvisatorischen und ephemeren, vergänglichen Prozesses – sprich mittels Kunst also?

Cover

Von einer solchen Sichtweise ist es nicht weit zu animistischen Positionen, die Donna Haraway wie der brasilianische Anthropologe Eduardo Vieiros de Castro als eine sensible Version des Materialismus bezeichnet. Dabei ginge es nicht um Glauben, einer Geisterwelt etwa. Glaube sei keine Kategorie der indigenen Welt, auch keine chthuluzänische Kategorie. Stattdessen wirkten praktische und sensible Prozesse, sprich Rituale und Sprache selbst mit ihrer ureigenen Kraft, Welt zu deuten. Auch die Kunst kann kreative Entwürfe beisteuern.

Doch die Lage ist ernst. Einst konnte die Natur sich in Rückzugsgebieten regenerieren. Einst war Natur billig. Das ist vorbei, seit die Grenzlinie überschritten wurde, welche das Anthropozän markiert. Die Reserven der Erde erschöpfen sich. "Augenblicklich ist die Erde voller Geflüchteter, menschlicher und nichtmenschlicher, ohne Zuflucht", schleudert Donna Haraway mit der ihr eigenen Sprachkraft dem Leser entgegen. "Vielleicht, aber nur vielleicht und nur durch großes Engagement und intensive kollaborative Arbeit ... ist das Gedeihen von reichhaltigen artübergreifenden Gefügen, die auch uns Leute umfassen, weiterhin möglich. Dies alles nenne ich das Chthuluzän", bringt Donna Haraway es auf den Punkt.

Und dennoch. Das klingt alles sehr abstrakt. Haraways Überlegungen gehen aber immer von sehr konkreten eigenen Lebenssituationen aus. Angesichts der Herausforderung, veterinärmedizinisch etwas gegen die Inkontinenz ihrer Hündin zu unternehmen, fand sie zum Beispiel heraus, dass in Deutschland der Nazizeit erstmals systematisch Stuten-Urin zur Heilung von Inkontinenz bei Frauen in der Menopause systematisch erprobt wurde. Von hier aus spannt Haraway den Bogen zu Recherchen über symbiotische Prozesse, in denen ähnliche Wirkkräfte anzutreffen sind.

Zum Beispiel: Akazien ziehen nicht nur Ameisen an, die die gummiartigen Ausscheidungen der Rinde als Nahrung schätzen und dafür die Akazien gegen andere Fressfeinde verteidigen, sondern auch die einzige Spinnenart, die vegetarisch lebt. Akazien machen offenbar selbst Spinnen friedlich!

Donna Haraway bringt das ganz Kleine mit dem ganz Großen auf eine Begriff und in Bezug zueinander. Sie ist detailverliebt und eine Visionärin. Bücher, in denen so viel drinsteckt wie in ihren sperrigen, nie einfach nur smarten Texten, findet man nicht häufig. Die extrem gender-verpflichtete Übersetzung macht es allerdings dabei dem Leser nicht leichter.

Donna Haraway: "Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän", aus dem Englischen von Karin Harasser, Campus Verlag Frankfurt am Main/ New York, 2018, 350 S. 32 Euro

Kommentare (9)

Kay Krause (nicht überprüft)

Fr. 13 Jul 2018 - 14:30

Nur eine Anmerkung zum Titel:
Ohne Zusammenwirken funktioniert im menschlichen und tierischen Leben gar nichts.Aber daneben sollten wir uns - wo es möglich ist - doch ein wenig Individualismus bewahren: Wenn z.B. ALLE in die Kirche gehen, und wenn ALLE die BILD-Zeitung lesen, und wenn ALLE Lebensmittel in Plastik verpackt kaufen, ich jedoch diese Art von Massen-Histerie nicht mitmache, dann ist das doch schon ein - wenn auch bescheidener - Individualismus?!

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Sa. 14 Jul 2018 - 02:19

Ach herrje - nach dem noch nicht einmal ansatzweise vorverdauten Anthropozän, dem Kapitalozän (und evtl. dem noch dräuenden Plastiozän?) jetzt gleich noch ein 'Chthuluzän' drauf?
Wie billig und heischend.

Gondel (nicht überprüft)

Mo. 16 Jul 2018 - 02:16

Wie sag ich's meinen Erwachsenen

Endlich hat mal eine kluge Person einen Weg gefunden, sich dem brennendsten Menschheitsproblem: Dem ungebremsten Kinder-in-die-Welt-setzen, anzunähern ohne sogleich eine anschauungsübergreifende Missgunst auf sich zu ziehen.

Was für ein starkes und bezauberndes Buch!

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 16 Jul 2018 - 14:36

Antwort auf von Gondel (nicht überprüft)

"ungebremst"?
Hört sich nach 'exponentiell' an - ist es schon länger nicht mehr.

Gondel (nicht überprüft)

Di. 17 Jul 2018 - 17:47

Antwort auf von Hans Trutnau (nicht überprüft)

Lieber Hans Trutnau (oder einfach nur Hans?)
angesichts dessen, dass der Erdüberlastungstag in diesem Jahr bereits am 2. Mai erreicht wurde, dass die Bevölkerungsexplosionen uns bereits erheblich destabilisieren und auch, dass jährlich etwa drei Millionen Kinder zur Welt gebracht werden ohne Chance, die ersten 28 Lebenstage zu überstehen, um nur mal drei Beispiele herauszugreifen, dürfte es doch weniger wesentlich sein, ob dem 'ungebremsten', dem 'verantwortungslosem', dem 'wie geschehendem' oder wie auch immer, und es sollte zumindest die Frage erlaubt sein, ob sich derlei, so wie es geschieht, noch mit Ethik vereinbaren lässt.
Vielleicht können wir uns darauf verständigen, dass:
"Babies sollen selten, dafür gehegt und sehr kostbar sein" doch eine ganz smarte Ansage von Frau Harari ist.

Grüße

Sorry, sorry, sorry, hab ich irgendwie durcheinander gebracht mit "Eine kurze Geschichte der Menschheit", ein Aufmerksamkeitsfehler. Natürlich: Donna J. Haraway

Aha.
Aber die Explosionen (noch dazu im Plural!) sind dennoch Panikmache. Und die 'chancenlosen' Geburten müssen vor dem Hintergrund der Gesamtbevölkerung gesehen werden. Einfach mal nach Bevölkerungsentwicklung (B) gugeln. Die Rate der B ist seit Jahrzehnten (!) rückläufig, förmlich IMplodiert.
Und die Ansage der Autorin finde ich im Übrigen nicht smart, sondern grenzwertig esoterisch.
Was fehlt, sind die fünf 'mehr' von:
Bildung, Aufklärung, Wohlstand, Säkularität, gerechte Verteilung.

Sven Schultze (nicht überprüft)

Sa. 21 Jul 2018 - 15:51

Auch ein schönes Beispiel für H.´s rechthaberisch-egozentrische Esoterik aus Kap. 2: „Eichmann wurde direkt aus dem Wirrwarr des Denkens in die Praxis des Normalbetriebs […] astralisiert.“

Simone Guski

Die Autorin ist gelernte Philosophin, arbeitete viele Jahre lang als Kulturjournalistin mit dem Schwerpunkt Kunst im In- und Ausland für Tageszeitungen und Magazine. Sie war langjährige Kulturberichterstatterin für DIE WELT in Madrid und unterrichtete später philosophische Anthropologie und Ästhetik an der Universidad de la Comunicación in Mexiko-City. Schließlich spezialisierte sie sich journalistisch auf die Themen Anthropologie, Primatologie und Tierrechte.

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