100 Jahre Waldorfschule

SWR, das "SuperWaldorfRadio"?

Das zweite Goetheanum in Dornach (1928 bis heute), Südansicht
Das zweite Goetheanum in Dornach (1928 bis heute), Südansicht

Der "Deutschlandfunk Kultur" ist nicht der einzige öffentlich-rechtliche Sender, der für die Waldorfschule wirbt, beeindruckend auch der SWR mit dem Beitrag: "100 Jahre Waldorfschule: Steiners Erben im Aufbruch", in dem der "Waldorf-Werber" Jost Schieren einen großen Auftritt hat.

Kein Wort vom SWR dazu, dass die "Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft", an der Professor Jost Schieren "Waldorfpädagogik" lehrt und Dekan ist, eine anthroposophische Einrichtung ist. 

Zitat SWR: "Moderne Hirnforschung bestätigt Steiner."

"Viele Waldorfpädagogen empfinden es als ermutigend, dass die moderne Hirnforschung mit ihren neuesten Erkenntnissen das Waldorf-Konzept bestätige, sagt Professor Jost Schieren, Schulpädagoge an der Alanus Hochschule in Alftern bei Bonn. Die gleichberechtigte Förderung von intellektuell-kognitiven, künstlerisch-kreativen und handwerklich-praktischen Fähigkeiten etwa werde heute von Neurologen als moderne und effiziente Wissensvermittlung definiert", so Schieren.

Die Waldorfpädagogik habe die Bedeutung des Körperlichen erkannt, noch bevor über die Hirnforschung nun sogenannte Embodiment-Aspekte an die konventionellen Erziehungswissenschaften herangetragen würden: "Wir haben eine Bildung, die lange Jahre, Jahrzehnte immer nur den Kopf adressiert hat. Steiner selbst hat mal formuliert: Der Leib ist nicht nur dafür da, den Kopf in die Schule zu tragen." Dementsprechend habe die Waldorfpädagogik das Leibliche von Anfang an ernst genommen, sagt Schieren.

Hat Rudolf Steiner das wirklich "selbst formuliert", wie Jost Schieren behauptet: "Der Leib ist nicht nur dafür da, den Kopf in die Schule zu tragen"? Oder hat sich Schieren da einmal mehr einen Waldorf-Werbespruch gebastelt? Sicher ist, dass Steiner über den "Kopf" sagt: "Er sitzt auf dem Körper wie ein Parasit darauf und benimmt sich auch wie ein Parasit." Heißt: der Kopf ist gar nicht so wichtig, wie die "materialistische" Wissenschaft behauptet …

Wer jetzt wegrennt, hat etwas für sein Denkvermögen getan. Zitat Steiner: "Das Schließen, das Schlüsse bilden, hängt nun zusammen mit den Beinen und Füßen. Natürlich werden Sie heute ausgelacht, wenn Sie einem Psychologen sagen, man schließt mit den Beinen, mit den Füßen, aber das letztere ist doch die Wahrheit, und würden wir als Mensch nicht auf Beine und Füße hin organisiert sein, würden wir eben nicht Schlüsse bilden können. Die Sache ist so: Vorstellen tun wir mit dem Ätherleib, und der hat seinen Rückhalt an der Hauptesorganisation, aber urteilen tun wir – also in ursprünglicher elementarer Weise – mit dem astralischen Leib, und der hat seinen Rückhalt an Armen und Händen für das Urteilen. Schließen mit den Beinen und Füßen, denn schließen tun wir mit dem Ich, das hat dabei Rückhalt an den Beinen und Füßen."

Auch Professor Heiner Barz wird nicht vom SWR vorgestellt – seine in Kooperation mit der anthroposophischen "Alanus Hochschule" erstellte Studie "Bildungserfahrungen an Waldorfschulen: Empirische Studie zu Schulqualität und Lernerfahrungen" wurde vom "Bund der Freien Waldorfschulen" und der anthroposophischen "Software AG Stiftung" finanziell gefördert, Zitat SWR: "Empirische Studien, wie die des Düsseldorfer Bildungsforschers Heiner Barz, belegen zudem: Waldorfschüler gehen lieber in die Schule als andere, schneiden in den Pisa-Studien häufig besser ab als die Regelschüler."

Ist das noch Journalismus? Oder ein Fall für den Rundfunkrat?


Weitere Artikel zu "100 Jahre Waldorfschule":

Kommentare (12)

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mo. 1 Apr 2019 - 12:56

Der am Ende verlinkte Prange-Artikel war so 'rund' und gut begründet, dass sich niemand traute, dagegen etwas Negatives zu kommentieren.

@ Hans Trutnau Der Artikel von Prof. Klaus Prange "Die Waldorfschule als Bekenntnisschule" ist sehr überzeugend – aber dass es dazu keine Kommentare gibt, liegt daran, dass die Kommentarfunktion ausgeschaltet wurde: die Art von Kommentaren, die Anthroposophen beim Humanistischen Pressedienst schreiben, wollte man Prof. Prange nun wirklich nicht zumuten. Eine Frage des Respekts ...

Ulrike Dahmen (nicht überprüft)

Mo. 1 Apr 2019 - 16:49

Antwort auf von Andreas Lichte (nicht überprüft)

Ich finde es mehr als gerechtgertigt, dass Herr Prange vom sektiererischen Eifer der Anthroposophen verschont bleibt. Es gibt aber immer noch eine interessante Diskrepanz zwischen haarsträubender Theorie (z.B. der eifernde Kreuzzug gegen den "Intellekt") und zum Beispiel im Kindergarten guter Praxis (z.B. pentatonische Kinderlieder).

Andreas Lichte (nicht überprüft)

Mo. 1 Apr 2019 - 23:13

Antwort auf von Ulrike Dahmen (nicht überprüft)

@ Ulrike Dahmen „Ich habe eine Frage zur Musik: Wir haben während meiner Ausbildung zum Waldorflehrer ganz oft Mozart gesungen und ich habe mich immer gefragt, was passiert wäre, wenn Mozart in den Genuss einer Waldorf-Erziehung gekommen wäre … hätten wir dann die Zauberflöte? Wenn für Kinder nur die Pentatonik richtig ist.“ mehr dazu hier: "Die Waldorfschulen informieren", https://www.ruhrbarone.de/die-waldorfschulen-informieren/3445

Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Mo. 1 Apr 2019 - 20:55

Nach dem Lesen der SWR-Elogen zum Gleichklang von Waldorf und Hirnforschung ist bei mir ein neues Krankheitsbild aufgetreten, zweifellos karma-bedingt: Euphemismen-Unverträglichkeit.

Kay Krause (nicht überprüft)

Mi. 3 Apr 2019 - 07:18

Waldorfschule, Anthroposophie,und die "Steinerei" sind letztlich auch so etwas wie eine Religion. (Indoktrination läßt grüßen!) Schließlich lernt man voneinander, wie "Verkauf" funktioniert!

@ Kay Krause „Die Welt wird zum Tempel, die Welt wird zum Gotteshaus“, sagt Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorf-Pädagogik. Für Steiner ist die Waldorfschule der „praktische Beweis für die Durchschlagskraft der anthroposophischen Weltorientierung.“ Nicht weniger. Und die Anthroposophie ist Steiners Haus-Religion: Steiner ist ihr selbsternannter Prophet, Hellseher, dessen Worte Offenbarungscharakter besitzen. Und schon erschallt – Hosianna! – das allgegenwärtige „Rudolf Steiner hat gesagt …“

zitiert aus: "Waldorfschule Schloss Hamborn, das anthroposophische Zentrum in Ostwestfalen", https://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-schloss-hamborn-das-anthroposophische-zentrum-in-ostwestfalen/15711

Andreas Lichte (nicht überprüft)

So. 14 Apr 2019 - 09:32

Die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ ("EZW") über 100 Jahre „Weltanschauungsschule Waldorfschule“:

"(...)Die Waldorfschule ist damit in Deutschland die erfolgreichste Weltanschauungsschule überhaupt. Allerdings wird der Begriff „Weltanschauung“ von der Anthroposophie ebenso wie von ihren Schulen abgelehnt. Man versteht das eigene Konzept als eines, das auf „wissenschaftlichem“, nicht weltanschaulichem Fundament gründet. Diese „Wissenschaft“ besteht freilich nur in den Offenbarungseinsichten Rudolf Steiners; es hat daher mit Wissenschaft im herkömmlichen Sinne nichts zu tun (...)" Auszug aus der sehr guten Gesamtdarstellung der EZW zum hundertjährigen Jubiläum der Waldorfschule: http://ezw.kjm6.de/nlgen/tmp/1547715516.html

David Boehme (nicht überprüft)

Fr. 26 Apr 2019 - 13:19

Das läuft dann beim SWR auch noch unter "SWR Wissen" - dabei hat der SWR doch auch eine Schublade "SWR Glaube" ...

Es gibt - das muss man bedenken - dogmatische Kindergärten und Schulen bei den Waldorfianern. Und es gibt offenere, ganz undogmatisch und menschennah geführte, bei denen nur wenige Prinzipien, gegen die man pädagogisch nichts einwänden kann, der Steinerschen "Erziehungskunst" durchschlagen (bspw. den Wechsel von Phasen des Schaffens und Phasen der Erholung im Tagesablauf einer Einrichtung).

Interessant ist, wie selten auf die Wurzeln der Anthroposophie und der damit verbundenen Weltanschauung hingewiesen wird, nämlich die doch recht obskure Theosophie: So hieß Steiners Grundlagenschrift zunächst auch "theosophische Erziehungskunst". Erst nach dem Bruch mit der Esoterik-/Okkultismus-Bewegung um die Prophetin Blavatsky ließ er in seinen Schriften die Begriffe "Theosophie" und "theosophisch" durch "Anthroposophie" und "antrophosopisch" ...
Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war eine Zeit der großen Ideen und Entwürfe und Steiner ihr Kind. Wie viele Zeitgenossen schrieb auch er eklektisch und oft auch, ohne die Urheber seiner Ideen zu nennen. Eine historisch-kritische Steiner-Gesamtausgabe wäre sicherlich interessant ... :-D

Und dann gibt es noch Demeter ... das ja auch auf Vorträgen Steiners beruht ... Au weia.

@ David Boehme "Dogmatisch/undogmatisch" ist eine Unterscheidung, die es in der Waldorfpädagogik nicht gibt, ALLES ist dort Anthroposophie:

Natürlich sind nicht alle Waldorfschulen „gleich“, aber gleich ist für alle Waldorfschulen, dass sie zentral vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ gelenkt werden:

„Waldorfschule“ darf sich nur nennen, wer vom „Bund der Freien Waldorfschulen“ die Zustimmung dazu bekommt. Um sie zu bekommen, schickt der „Bund der Freien Waldorfschulen“ einen „Gründungslehrer“, der auf die richtige, anthroposophische Ausrichtung achtet … (fast) alles gleich macht.

Andreas Lichte (nicht überprüft)

Di. 14 Mai 2019 - 10:02

Die anthroposophische „Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft“ kämpft um eine Anerkennung der „Waldorfpädagogik“ als Erziehungs-„Wissenschaft“. Laut Pressemitteilung vom 13.05.2019 hat „Hartmut Traub“ dort eine „Honorarprofessur für Philosophie und Didaktik“ bekommen: https://idw-online.de/de/news715587

Siehe zu „Hartmut Traub“ den Artikel des Humanistischen Pressedienstes: „Hartmut Traub, Alanus Hochschule und Rudolf Steiner: Jeder Mensch ein Wissenschaftler!“, https://hpd.de/artikel/jeder-mensch-wissenschaftler-13429

Ketzer (nicht überprüft)

So. 9 Jun 2019 - 20:17

Bitte meldet diesen SWR-Beitrag beim Rundfunkrat!

Unterstützen Sie uns auf Steady!

Mehr lesen über:

Verwandte Artikel