in eigener Sache

Ulrich Kutschera, der hpd und die "Zensur"

BERLIN. (hpd) Der Humanistische Pressedienst veröffentlichte am 13. April 2015 einen kurzen Artikel des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera. Darin setzte er die Gender-Studies mit der Lehre des Kreationismus gleich. Warum wurde der Artikel zurückgezogen?

Nach einer Diskussion innerhalb der Redaktion wurde beschlossen, den Artikel zurückzuziehen. Weder kam es zu einer äußeren Einmischung "einflussreicher Protagonisten" wie es Hans Peter Klein in der FAZ formulierte, noch war es die von der Position Kutscheras abweichende Meinung der Redaktionsmitglieder, die zu dieser Entscheidung führte.

Der Humanistische Pressedienst bemüht sich um eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit gesellschaftsrelevanten Themen und lässt dabei auch Stimmen zu Wort kommen, die seiner Ausrichtung nicht entsprechen. Mehr noch: Kontroverse Meinungen sind ausdrücklich erwünscht, denn die aktive Förderung einer offenen Diskussions- und Streitkultur gehört zum Selbstverständnis des hpd.

Der streitbare Artikel von Prof. Dr. Ulrich Kutschera wurde aufgrund formaler Kriterien zurückgezogen, um die darin vertretene Position in eine Diskussionsreihe einzubetten. Sie soll somit als eine von vielen Perspektiven zur Debatte gestellt werden. Ulrich Kutschera wurde umgehend von dieser Entscheidung in Kenntnis gesetzt. Ihm wurde angeboten, seine Position im Zuge einer solchen Reihe zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal darzustellen. Von "Zensur" kann also nicht die Rede sein.

Die Frage nach der Rolle und Methode der Geschlechterforschung ist komplex. Sie steht – mitsamt ihrer normativen und politischen Implikationen – im Spannungsverhältnis der Natur- und Sozialwissenschaften. Die Redaktion des Humanistischen Pressedienstes hat den Anspruch dieser Komplexität gerecht zu werden. Daher werden in Kürze verschiedene Debattenbeiträge aus unterschiedlichen Fachdisziplinen veröffentlicht. (Als einen ersten Schritt kann dabei auch Ulrich Kutscheras heutige Rezension gelten, in der er seine streitbare These ebenfalls vertritt.)

Wir möchten Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, zu einer kontroversen und zugleich konstruktiven Diskussion einladen.

Kommentare (46)

Semperfidelis (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 14:38

Eure Begründung für das Zurückziehen der Veröffentlichung des Artikels mag stimmen. Ich kann es nicht beurteilen. Aber ich muss sagen, dass ihr es auf die denkbar ungeschickteste Art gemacht habt, die man sich vorstellen kann. Diese Erklärung wird man euch vermutlich nicht abkaufen ...

Joachim (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 15:15

> Die Frage nach der Rolle und Methode der Geschlechterforschung ist komplex.
Ist sie das? Ich stimme da her Herrn Prof. Kutschera zu, daß diese "Forschung" bisher jeglichen empirischen Nachweis für ihre Thesen schuldig geblieben ist. Solange sich das nicht ändert, verfolge ich die "Geschlechterforschung" wie jede andere Pseudowissenschaft eher belustigt.

Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 15:16

Ich würde mich freuen, wenn der hpd Herrn Kutschera Gelegenheit geben würde, seine Position zu diesem Thema umfassend argumentativ darzustellen. Bisher war nur seine (m.E. richtige) Einschätzung dazu zu lesen, die aber in dieser plakativen Form ohne weitere Erläuterungen noch kein Diskussionsbeitrag ist.
Folgt man der wikipedia, so behandeln die "Gender Studies" das Geschlecht "nicht als naturgegebenes, sondern als überwiegend gesellschaftliches Phänomen, das durch soziale sowie kulturelle Praktiken und Strukturen konstruiert wird". Aus naturwissenschaftlicher Sicht muss so eine These starken Widerspruch ernten, Kutscheras Vergleich mit dem Kreationismus (als ebenfalls den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen fundamental widersprechendes Gedankengebäude) scheint mir durchaus passend.
Dass Gender Studies aus gesellschaftlich konservativen Kreisen stark kritisiert werden (AfD-Umfeld, konservative Christen etc.), macht den Ansatz der Gender Studies nicht richtiger. Dabei wird häufig alles, was den Begriff "Gender" enthält, in einen Topf geworfen. Wenn aber "Gender Mainstreaming" (laut wikipedia) vor allem bedeutet, "die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen", dann ist dies vor allem ein gesellschaftliches Anliegen der Gleichberechtigung, das auf die "Gender Theorie" nicht angewiesen ist und von ihr differenziert werden sollte. Kurz: Wer "Gender Studies" für eine anti-naturwissenschaftliche, ideologische Verirrung hält (wie Ulrich Kutschera), der spricht sich damit keineswegs auch gegen eine umfassende Gleichberechtigung der Geschlechter aus.

Hallo,

Gleichberechtigung und Gleichstellung sind nicht das gleiche.
Genau hier ist ein wichtiger Knackpunkt, der auch das Anliegen (nicht nur die kruden Begründungsversuche) problematisch macht.

Ich zitiere sie mal ganz kurz:
"Folgt man der wikipedia, so behandeln die "Gender Studies" das Geschlecht "nicht als naturgegebenes, sondern als überwiegend gesellschaftliches Phänomen, das durch soziale sowie kulturelle Praktiken und Strukturen konstruiert wird"."
Im kompletten Zitat (von Wikipedia) steht da. "Geschlecht und Geschlechterverhältnis...". Ich denke da ist das Problem, dass es im Deutschen kein Unterschied zwischen sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) gemacht wird. Übersetzt ins Englische würde da wohl gender stehen und nicht sex.
Um mal kurz zu veranschaulichen was die "Gender-Theorie" besagt. Einmal gibt es ein biologisches Geschlecht (sex) und daneben ein soziales (gender). Das Vorhandensein des biologischen Unterschieds wird also keineswegs verneint. Es geht vielmehr darum, was aus diesem biologischen Unterschied abgeleitet wird.
Kleines Beispiel: Thema Jagd. Wer ist/war für die Jagd zuständig? Mann oder Frau? Werden wohl die meisten sagen: Mann? Warum? Körperliche Gründe, Stillen von eventuellen Kindern, etc.? Alles richtig, dennoch sind jagende Frauen quer über den Erdball ethnografisch belegt. Auch wenn jagende Männer natürlich in der Überzahl sind, ist es offensichtlich keine Aufteilung, die automatisch aus der Biologie kommt, auch wenn diese Gründe für jagende Männer liefert.
Anderes Beispiel: Wir steigen zusammen in ein kleines Privatflugzeug und fliegen einmal kreuz und quer um die ganze Welt und überall wo wir landen fragen wir die Leute welche Rechten und Pflichten Männer und Frauen haben, was ist typisch weiblich, was typisch männlich. Und wir werden sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Das biologische Vorhandensein von Geschlechtern führt also zu unterschiedlichen Vorstellungen darüber was daraus folgt, kulturell und sozial bedingt. Übers Kinderkriegen/-zeugen zb werden die Vorstellung nicht sehr unterschiedlich sein ;-).
Nochmal wikipedia zu gender studies: "Sie sehen keinen deterministischen Zusammenhang zwischen dem biologischen Geschlecht und der Rolle der Geschlechter in der Gesellschaft. Während das biologische Geschlecht in der Regel feststehe, sei Gender dementsprechend variabel und veränderbar." Der erste Satz ist sicherlich, was einige Punkte angeht diskutabel, je nach dem wie er genau zu verstehen ist.
Das was offensichtlich im öffentlichen Diskurs als "Gender-Theorie" verstanden wird, ist mMn die sog. "queer-Theorie" (findet man auch auf wikipedia), diese verneint eine Differenzierungen zwischen sex und gender.
Ist halt die steilere These...Aufmerksamkeitsökonomie und so...
Ich vergleiche das gerne mit Haarfarben (sofern nicht gefärbt): "Blond gleich dumm" ist eine Zuschreibung/ein Konstrukt. Einfach nur "Blond" aber nicht ;-).

Dass sich Menschen über die Biologie "hinwegsetzten" und etwas nicht evolutionär begründet wird ist für Kutschera ganz klar ein Unding. Für ihn ist alles biologisch festgelegt und jeder der dies bestreitet wird von ihm verunglimpft. Damit landet er letztlich bei ähnlichen Schlussfolgerungen wie man sie aus dem katholischen "Naturrecht" kennt.

> "Dass sich Menschen über die Biologie "hinwegsetzten" und etwas nicht
> evolutionär begründet wird ist für Kutschera ganz klar ein Unding.
> Für ihn ist alles biologisch festgelegt und jeder der dies bestreitet wird
> von ihm verunglimpft"

Bitte belegen, Link oder so... damit man das nachvollziehen kann.

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 16:29

Ich begrüße sehr dass sich was tut. Wer sich den relevanten Problemen nicht stellt ist selbst irrelevant.

Diesen Post verstehe ich nicht. Der kann irgendwie alles aber auch ebensogut nichts aussagen.

Ebenso verstehe ich die nachträgliche Löschung des Artikels nach der oben abgegebenen Erklärung nicht. "Formale Kriterien" kommen auch mir eher wie hohles Gerede, denn wie eine für alle Leser durchsichtige Begründung vor.

Stefan Wagner (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 12:11

Antwort auf von René (nicht überprüft)

Ich will sagen, dass das Genderthema, das sicher schwierig ist, auf die Tagesordnung gehört und nicht unter die Decke.

Andererseits begrüße ich aber nicht, wie es hier von Kutschera, nadelstichig, eingeschmuggelt wird. Einerseits ist es hier off-topic, andererseits macht er es dem hpd schwer das zu bemängeln, würde es doch den Zensurvorwurf stützen.

Kommentar5 (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 19:02

Klingt nicht so richtig überzeugend. Was sind diese seltsamen "formalen Kriterien", die anscheinend nicht vor Veröffentlichung dieses Artikels geprüft wurden? Werden beim hpd bei anderen Themen kontroverse Standpunkte auch nur veröffentlicht, wenn sie in eine Diskussionsreihe eingebettet sind? Wenn dieses Einbetten beim hpd üblich sein sollte - seltsam genug - und der Artikel nur irrtümlich durch die Prüfung gekommen ist, hätte er einfach stehen gelassen werden und durch die entsprechenden "Gegenartikel" ergänzt werden können. Aber wo ist die Diskussionsreihe - nach nunmehr eineinhalb Monaten?

Peter Salewsky (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 20:55

Diese Erklärung hätte wirklich besser gleich kommen sollen, anstatt mit dem kommentarlosen Löschen des Kutschera-Artikels vom 13.4. wilde Gerüchte geradezu herauszufordern. Auf die Beiträge zum Thema bin ich gespannt, hoffe dabei aber auf sachliche Argumentationen ohne gegenseitige ideologisch motivierte Vorwürfe und Unterstellungen. Im Mittelpunkt sollten empirisch überprüfbare Befunde stehen, ohne die ernsthafte Wissenschaft nun mal nicht möglich ist.

Roland Pardon (nicht überprüft)

Di. 2 Jun 2015 - 21:52

Ich kann Jann Wübbenhorst voll zustimmen. Es wäre sicher eine wichtige Sache, die Gender Theory mal unter die Lupe zu nehmen. Wenn etwas daran sein sollte, kann das ja herausgearbeitet werden. Aber einen kritischen Artikel zurückzuziehen und dann den Versuch zu machen, mit der Rezension eines Buches über Alternativmedizin wieder einzusteigen. Das macht auf mich den Eindruck, dass man versucht, von dem heiklen Gender-Thema abzulenken.

Wenn an Gender Theory mehr ist, als laue Luft und politischer Korrektheit, dann würde ich das gern kennen lernen. Bisher bin ich da noch wenig informiert. Bitte, macht mich und manch anderen Leser klüger.

Hans Trutnau (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 02:41

Antwort auf von Roland Pardon (nicht überprüft)

"...einen kritischen Artikel zurückzuziehen und dann den Versuch zu machen, mit der Rezension eines Buches über Alternativmedizin wieder einzusteigen. Das macht auf mich den Eindruck, dass man versucht, von dem heiklen Gender-Thema abzulenken."
Das sehe ich (leider) ähnlich. Warum nicht den (vermeintlich) kritischen Artikel drinlassen (und diskutieren), wenn gleichzeitig alle möglichen (und unmöglichen) Kommentare zu anderen (weit unkritischeren) Artikeln quasi ungefiltert (was im Sinne einer Redefreiheit ja zu begrüßen ist) erscheinen?
U. Kutschera mag unbequeme Meinungen vertreten und auf manche Leute (u.U. viele, was mich nicht verwunderte) 'schräg' wirken; aber das dann?

Stefan (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 01:29

Kutschera soll man nicht so tun als wäre es ihm irgendwie an Fakten oder Studien gelegen. Er hat genauso eine Ideologie die er vertritt und alles andere dagegen ignoriert. Seine Ideologie ist biologischer Determinismus und die vertritt er mit religiösem Eifer. Er ist ein Hardcore Darwinist, der die Evolutionstheorie auch auf alle anderen Bereiche des Lebens ausdehnt (daher seine ständigen Einfälle zu Dingen die eigentlich nichts mit seinem Fach-Gebiet zu tun haben und mit denen er sich nicht auskennt). Er glaubt, dass sich jeder seinen biologischen Gegebenheiten zu fügen hat und wer dies nicht tun wird von ihm so mit Verachtung überschüttet, dass er nicht von einem religiösen Fundamentalisten zu unterscheiden ist. Statt sich sich zum Beispiel mal Studien zu Kindern von gleichgeschlechtlichen Paaren anzusehen gab es nur dumme, längst widerlegte Vorurteile und menschenverachtendes Geschreibsel bei dem man meint man ist auf eine christlichen Seite gelandet.

Solche Diskussionsbeiträge wie den Ihren bin ich eigentlich eher von den extremen Seiten des politischen Spektrums gewohnt - von Linksradikalen einerseits und AfD- und Pegida-Anhängern andererseits. Wüste Beschimpfungen ad personam (Ideologe, religiöser Eifer, Hardcore Darwinist, dumme Vorurteile und gar "menschenverachtendes Geschreibsel") anstelle von Argumenten. Reicht es Ihrer Ansicht nach, Menschen wie Prof. Kutschera vom öffentlichen Diskurs auszuschließen, oder sind hier härtere Strafmaßnahmen notwendig (Entzug der Lehrerlaubnis, Berufsverbot, Haftstrafe, Umerziehungslager)?

Horst Groschopp (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 10:14

1. Interessant, diese vielen Männerstimmen.
2. M.W. wurde nur einmal ein Artikel zurückgezogen (Aus der Sichtungskommission v. 29.11.06), letztlich, weil der Autor dazu von einem Verband gedrängt wurde, die Redaktion hat damals re-agiert und das Statut korrigiert. Ein noch heute spannender Text. Ein anderer Vorgang war die Sache mit Wilders, da ist heute klarer zu beurteilen, wer damals richtig lag.
3. Das kommt heraus, wenn man Humanismus auf evolutionäre Grundlagen stellen will. Das funktioniert nicht, Kulturwissenschaft ist keine Naturwissenschaft. Das Zusammenleben der Geschlechter lässt sich nicht wissenschaftlich lösen, das Geschlechtsleben schon gar nicht.
4. Ich persönlich halte es mit Sigusch, dem Sexualwissenschaftler, und seiner These, so viele Menschen – so viele Geschlechter. Das Problem sind die Häufungen und wie Kulturen damit umgehen.

zu 3)
Eine skeptische Position wäre es immerhin in den Argumenten unwissenschaftliche Aussage zu kennzeichnen oder Aussagen, die wissenschaftlich widerlegt sind.

Ebenfalls kann man wohl ideologiekritisch Zusammenhänge in den Argumentationen aufzeigen, historische Strömungen benennen, die so argumentiert haben und dies auf eine neutrale Weise.

Schließlich wird man nicht umhinkommen eigene politische Ziele zu formulieren und selbst Begründungen zu liefern die nicht selbst auf widerlegten Annahmen beruhen, auch wenn man sich wohl auf Werturteile stützt, die keine Letztbegründung haben.

Ich sehe beispielsweise meine Position im wesentlichen durch die zwei Werte "Gleichberechtigung" und "Gerechtigkeit" definiert, die aber in Konflikt geraten können. Man muss m.E. berücksichtigen, dass Männer und Frauen nicht gleich sind (Möglichkeit d. Schwangerschaft, Hormone, Körperbau, ...) und dass man daher nicht in allen Fragen die gleiche Latte an Männer u. Frauen anlegen darf. Diese Position gerät leicht als Biologismus unter Beschuss. Umgekehrt wird sie aber auch gerne zu biologistischer Ideologie und einer Form von Naturrecht ausgebaut. Das richtige Maß zu finden scheint mir im Einzelfall möglich, aber eine einfache Regel kann ich nicht daraus ableiten.

Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 13:08

Antwort auf von Horst Groschopp (nicht überprüft)

1. Interessant, eine weitere Männerstimme :-)
2. Mag sein, aber hier geht es ja um Kutscheras Artikel vom 13.04., der zurückgezogen wurde.
3. Dass das Zusammenleben der Geschlechter (und gar das Geschlechtsleben) sich allein (natur-)wissenschaftlich lösen lasse, hat wohl keiner ernsthaft behauptet. Eine Strategie, die die biologischen Grundlagen des Menschen ignoriert, wird aber sicher auch nicht zielführend sein.
4. So viele Menschen - so viele Geschlechter? Man könnte auch sagen: So viele Weinflaschen, so viele verschiedene Weine - trotzdem gibt es Roten und Weißen (und Rosé). Dass jeder Mensch individuell einzigartig ist, ist die eine Sache. Dies als "verschiedene Geschlechter" zu bezeichnen, scheint mir den Begriff doch etwas zu überdehnen.

Roland Pardon (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 17:36

Antwort auf von Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

Jann Wübbenhorst, ich kann mich auch wieder nur voll anschließen. Dieser (jämmerliche) Versuch, mal wieder den Strohmann vom darwinistischen Deterministen oder Reduktionisten aufzubauen, der _nur_ naturwissenschaftliche Fakten gelten lässt, das ist wieder eine Stellungnahme, bei der sich ein Kulturwissenschaftler, wie Herr Groschopp, leider selber den Leumund verdirbt. Was ist so schwer daran, zu akzeptieren, dass wir alle 100% Natur sind? Von Determinismus oder Reduktionismus muss da keineswegs die Rede sein. Die typische Angst des Geisteswissenschaftlers, dass man ihn und seinen Gegenstand nicht ernst nehmen könnte. Schade.

Horst Groschopp (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 11:43

Antwort auf von Roland Pardon (nicht überprüft)

Nur dies: a) "Natur" ist, seit es den Begriff gibt, umstritten, gerade kulturell. b) Es ist meine Natur, meine Unbescholtenheit (= Leumund) nicht selbst zu befördern durch das Bedienen dessen, woran sie sich bildet, an der Meinung andrer Leute nämlich. Machen Sie sich also bitte keine unnütze Sorge, ich pass schon auf, mich aber nicht an.

Roland Pardon (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 17:43

Antwort auf von Jann Wübbenhorst (nicht überprüft)

"Das Zusammenleben der Geschlechter lässt sich nicht wissenschaftlich lösen, das Geschlechtsleben schon gar nicht."
Was eine Binsenweisheit ist. Wie wir zusammen leben, das ist unsere Entscheidung, und das wird niemand ausrechnen können.
Diese Entscheidung treffen wir aber unter den natürlichen Rahmenbedingungen. Was die Natur vorgibt, das beschreibt, am besten die Naturwissenschaft. U.a. gibt es da X- und Y-Chromosomen, und die sind nicht komplett irrelevant für den Rahmen. Es gibt überhaupt Chromosomen, die unseren Körper erst bauen, bevor er kulturell determiniert werden kann. Also hier zu mixen, ist eine Verwechslung von Ebenen. Die kulturelle ruht auf der biologischen, wird teilweise, aber nicht vollständig von ihr bestimmt.

Joshua Ebert (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 15:13

Antwort auf von Roland Pardon (nicht überprüft)

"Wie wir zusammen leben, das ist unsere Entscheidung, und das wird niemand ausrechnen können.
Diese Entscheidung treffen wir aber unter den natürlichen Rahmenbedingungen. Was die Natur vorgibt, das beschreibt, am besten die Naturwissenschaft." Das Menschliche Zusammenleben lässt sich entweder gar nicht analysieren, oder primär durch Naturwissenschaft? Betreiben Historiker, Soziologen, Ethnologen, Linguisten, Volkskundler, Ökonomen (...) also alle nur Unsinn, wenn sie behaupten genau das (und zwar nicht-naturwissenschaftlich) zu tun?

Dr. Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 13:54

Antwort auf von Horst Groschopp (nicht überprüft)

...wenn man den Humanismus nicht auf eine evolutionäre bzw. naturalistische Grundlage stellt, dann kommt ein Humanismus dabei heraus, der sich auf dem gleichen niedrigen Niveau wie die Religionen bewegt.

malte (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 19:30

Antwort auf von Dr. Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Was bedeutet es denn, "den Humanismus auf eine evolutionäre Grundlage zu stellen"? Bei Kutschera heißt das, dass er die Evolutionstheorie auf Bereiche ausdehnt, in denen sie einfach nichts zu suchen hat. Und dabei kommt dann eben auch kein Humanismus mehr heraus.

Dr. Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 13:48

Ich hab den Artikel mehrfach durchgelesen und kann beim besten Willen keine formalen Kriterien zur Ablehnung finden. Dass es sich bei der "Genderforschung" um eine Pseudowissenschaft handelt, ist offensichtlich. Zweifler mögen sich das folgende Youtube-Video ansehen:
Titel "Harald Eia: Gehirnwäsche: Das Gleichstellungs - Paradox"
https://www.youtube.com/watch?t=857&v=3OfoZR8aZt4

Darin wird gezeigt, wie ein norwegischer Komiker mit seinen Recherchen die Genderforschung als Pseudowissenschaft bloßstellt. Nach der Veröffentlichung seines Videos wurde die Genderforschung in Norwegen weitgehend eingestellt. Damit wurden dem norwegischen Staat 56 Millionen Euro sinnlose Ausgaben erspart. Soviel Einsicht würde man sich auch in Deutschland wünschen. Ich hoffe zutiefst, dass sich der hpd nicht als Plattform für dieses Soziologen-Gewäsch hergibt.

Von der (grünen) Heinrich-Böll-Stiftung gab es ja eine Rechtfertigungs-Studie zur Genderforschung. Ein Kommentator schrieb dazu völlig zutreffend:

Wendet man das Wissenschaftsverständnis dieser Studie auf die Astrologie an, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass die Astrologie eine vollwertige Wissenschaft ist: Sie hat einen syntaktisch verbindlichen Rahmen und eine konsistente Theorie. Sie erfüllt ein soziales Bedürfnis nach der Erklärung von Phänomenen. Fazit: Die Astrologie ist aufgrund ihres Theoriegebäudes und aufgrund ihres »Blicks von unten« eine better science.

Joshua Ebert (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 14:59

Antwort auf von Dr. Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Nimm es mir nicht übel, aber nachdem ich dir (an anderer Stelle) bereits mehrfach schrieb, warum Kutscheras Artikel in der Form schlicht nicht zu gebrauchen war, spricht es irgendwie Bände, dass du immernoch keine "formalen Kriteriern zur Ablehnung" finden kannst. Der Artikel hieß: "Universitäre Pseudowissenschaft". Im größten Teil des Artikels ging es dann um eine Tagung in San José, bei der über Kreationismus gesprochen wurde. Am Artikelende und ziemlich zusammenhanglos, schreibt Kutschera dann es habe eine "informelle Diskussion" zum "Genderismus in Europa" gegeben. Dann gab Kutschera kurz wieder was "Genderisten" seiner Meinung nach "glauben", was er als "quasi-religiös" bezeichnete. Im Folgenden schließt er den Bogen und sagt "Genderismus" sei die in der Überschrift erwähnte "universitäre Pseudowissenschaft". Die Abhandlung zum "Genderismus" umfasst ganze 6 Sätze und ist entsprechend argumentfrei. Blöderweise merkte Kutschera anscheinend nicht mal, dass eine solche Wissenschaft ("Genderismus") gar nicht existiert und er nur ein diffuses politisches Kampfwort aufgegriffen hat, dass sich bevorzugt gegen das religiös-reaktionäre Phantasma der "Zerstörung der Familie" richtet. Sehen wir es mal so: starke Behauptungen verdienen auch eine vernünftige Begründung, sollten brauchbar ausformuliert sein und das, worauf sie sich beziehen (bei ihm wohl die "Gender Studies"), auch treffend benennen können. Kutscheras Artikel war aber NUR eine starke und gleichzeitig diffuse Behauptung. Eine Abhandlung auf diesem Niveau gehört m.E. in die "Post von Wagner", aber nicht auf die Seite des HPD. Wenn Kutschera seine Thesen etwas sinnvoller und stichhaltiger ausformulieren möchte, wird ihm hier sicher eine erneute Gelegenheit gegeben werden.

Sehe ich genau so. Insofern verstehe ich auch nicht, wieso die hier verlinkte Rezension im Gegensatz dazu ein "Debattenbeitrag" sein soll. Alle Kritik, die man am Text "Universitäre Pseudowissenschaft" anbringen kann, trifft auf diesen Artikel in gleicher Weise zu. Kutschera soll seine Kritik vernünftig ausformulieren und begründen, und nicht nur mit Kampfbegriffen und Schlagwörtern um sich werfen, in Texten, die mit dem Thema überhaupt nichts zu tun haben!

Das sehe ich ähnlich. Wenn man schon Kritik übt, sollte man sie auch mit Argumenten, statt Kampfparolen, untermauern. Ich will hier nicht in Abrede stellen, dass es auch bei 'Genderisten' Ansichten gibt, die an Unsinn kaum zu überbieten sind. In dem Fall sollte man dann aber eine präzise Analyse vorweisen und nicht alles in einen Topf schmeissen. Kutscheras Artikel hat das nicht geleistet. An Argumenten ist man nach dem Lesen jedenfalls nicht schlauer geworden als vorher. Es ist daher eine gute Idee der Redaktion, Herrn Kutschera in einer eigenen Reihe zu dem Thema Raum zu geben, seine Ansichten besser zu formulieren. Ich denke aber nicht, dass es hier nötig war den Artikel gleich zu sperren. Eine Anmerkung der Redaktion hätte m.E. ausgereicht.

Quotenfrau (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 15:11

Liebe Redaktion, ich danke euch für die Entscheidung undiffenziertes Hetzen gegen Genderstudies, welches gerade allzusehr in Mode ist, aus welchen Gründen auch immer zumindest einmal nicht stehen zu lassen.

Die Analyse sozialere Gegebenheiten bspw. mit statistischen Daten und mit soziologischer Vorgehensweise ist nun wirklich nicht gleichzusetzen mit Religion (nur eigene Quelllen in der Analyse) oder esoterischem Impfgegnertum. (keine Anslyse)

Darauf hinzuweisen, dass Menschen sowohl von Ihrer Umwelt beeinflusst werden ("Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht") und die Unterschuchung, wie das funktioniert, ist per se erstmal für oder gegen nix. Die Analyse der Entscheidungungsspielräume von Individuen und Gesellschaften ist nun wirklich keine die "Darwin’sche Evolution leugnende Ideologie" (Kutschera in o.G. Artikel).

Und wie, ja wie bloss sähe es dann nach dieser Auffassung aus, die Evolution nicht zu leugnen, wenn schon gesellschaftswissenschaft voll schlimm ist? Darwinismus i.S.v. Sozialstat abschaffen, Behinderte töten und Schäferhunde retten, oder was schwebt wiederum dieser neuen Heilslehre Evolution vor? "Evolutionsgerecht" ist sicher auch die Nutzung von Computern nicht.

Peter Salewsky (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 11:48

Antwort auf von Quotenfrau (nicht überprüft)

Die Aussage "Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht" ist ungefähr so sinnvoll wie: "ein Kalb wird zur Kuh/zum Stier gemacht". Die Begriffe "Mann" und "Frau" haben nun mal eine klar definierte Bedeutung in der Biologie, da wird nichts "gemacht". Das, was durch die Umwelt beeinflußt wird, sind bestimmte Verhaltensweisen, und dabei spielen geschlechtsabhängige Erwartungshaltungen der Gesellschaft natürlich eine große Rolle. Das ändert aber nichts an den biologischen Gegebenheiten. Nun kann man, wie das ja auch gemacht wird, zwar neue Definitionen, speziell das Konzept eines sozialen Geschlechts einführen, aber das erscheint mir höchst fragwürdig. Das kommt mir so vor, als hätte man vor 100 Jahren versucht, die damaligen Rassentheorien mit dem Konzept einer sozialen Rasse zu widerlegen. Bei den deutschen Kolonialherren in Afrika soll die Bezeichnung "Kokosnuß" für "zivilisierte" Einheimische üblich gewesen sein - außen schwarz, innen weiß. Das klingt auf den ersten Blick sogar edel, weil es Menschen eben nicht nach ihrer Biologie, sondern nach ihrem Verhalten bewertet, ist aber m.E. trotzdem rassistisch, weil es "schwarz" negativ und "weiß" positiv konnotiert. Ebenso sehe ich im Konzept des sozialen Geschlechts einen gewissen Sexismus, weil damit nach wie vor Geschlechtsnormen postuliert werden, auch wenn sie nicht mehr an der Biologie festgemacht werden. Damit werden Geschlechterklischees nicht nur nicht bekämpft, sondern im Gegenteil sogar noch zementiert. Im sozialen Kontext ist das Geschlecht (fast immer) irrelevant, es sollte also überhaupt keine Rolle spielen, hier sind Menschen einfach nur Menschen.

Atheist Steinbrenner (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 18:42

Antwort auf von Peter Salewsky (nicht überprüft)

Aus Ihren Ausführungen entnehme ich, dass Sie durch eine naturwissenschaftliche Schule gegangen sind, die aufgrund einer Konsolidierung der Naturwissenschaften auf jeweils einen Mainstream, mit dem Nebeneinander von Theorieschulen die selbstverständlich das Recht haben ihre Begriffe selbst zu definieren, und der Kontingenz sozialer Tatsachen nicht umzugehen vermögen.

Ebenso wie sich die Sozialwissenschaften nicht in die Methoden und Begriffe der Naturwissenschaften einmischen, erwarte ich dies von einem Naturwissenschaftlicher auch in Bezug auf die Sozialwissenschaften.

Dass in den Sozialwissenschaften Begriffe der Alkltagssprache mit unterschiedlichsten Definitionen verwendet werden, liegt teils daran, dass diese zuvor bereits Alltagssprache waren, oder im Nachgang aus der Wissenschaft in die Alltagssprache difundiert ist.

Bereits die Naturwissenschaften kennen keinen deindeuten Begriff von männlich oder weiblich. Die Genetik orientiert sich am Genotyp (Y-Chromosom vorhanden oder nicht), während sich die Biologie in anderen Teildisziplinen am Phänomtyp (äußere oder innere Geschlechtsmerkmale vorhanden) orientiert. Dies fällt nicht zwangsweise zusammen.

Last but not least können aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaften zumeist keine Hanlungsempfehlungen für soziale Sachverhalte abgeleitet werden. Wogegen die Disziplinen wie etwa Psychologie (die sich mit dem Erleben von Menschen beschäftigen) und der Soziologie (die sich mit dem beschäftigt wieso die sozialen Beziehungen und Tatsachen so sind). Die Erkenntnisse aus diesen Disziplinen und deren Subdisziplinen dürfte für einen Humanismus, der sich damit beschäftigt wie der Mensch dem Menschen Mensch sein kann, deutlich mehr Fundierung für Entscheidungen dafür bieten, wie wir als Menschen das Zusammenleben gestalten um Leid zu vermindern statt zu mehren.

Peter Salewsky (nicht überprüft)

Fr. 5 Jun 2015 - 11:46

Antwort auf von Atheist Steinbrenner (nicht überprüft)

"Ebenso wie sich die Sozialwissenschaften nicht in die Methoden und Begriffe der Naturwissenschaften einmischen, erwarte ich dies von einem Naturwissenschaftlicher auch in Bezug auf die Sozialwissenschaften."
Diesen Ansatz halte ich für falsch, und er erinnert mich - mit Verlaub - an die Argumentation von Theologen, die sich Einmischungen seitens der Wissenschaft verbitten. Es ist m.E. nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht aller Wissenschaftler, auch die Arbeiten von Kollegen anderer Fachbereiche mit zu verfolgen und zu kommentieren, wenn sich Überschneidungen ergeben.
Zuweilen drängt sich mir der Eindruck auf, daß Geisteswissenschaftler - wiederum ähnlich zu Theologen - den Menschen nicht mehr als biologisches Wesen, als einen Vertreter der Säugetierordnung der Primaten, betrachten, sondern als irgendwie über dem Tierreich stehend. Das ist zwar nicht per se falsch, aber der Rahmen der Biologie darf dabei nicht verlasen werden, d.h. die Erkenntnisse dürfen nicht im Widerspruch zur Biologie stehen (genauso wie biologische Erkenntnisse ihrerseits nicht physikalischen Grundsätzen widersprechen dürfen). Und genau hierauf bezieht sich nach meinem Verständnis Kutscheras Kritik (ob berechtigt oder nicht, wird sich hoffentlich bald zeigen).

"Dass in den Sozialwissenschaften Begriffe der Alkltagssprache mit unterschiedlichsten Definitionen verwendet werden, liegt teils daran, dass diese zuvor bereits Alltagssprache waren, oder im Nachgang aus der Wissenschaft in die Alltagssprache difundiert ist."
Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, dann sollten die Begriffe aber auch klar und präzise definiert werden. In diesem Sinne würde ich es begrüßen, wenn der hpd zunächst Vertretern des von Kutschera angegriffenen "Genderismus" (ich bleibe der Einfachheit halber mal bei diesem Namen) die Möglichkeit einräumt, ihr Forschungsgebiet kurz vorzustellen, damit auch hinreichend klar wird, worum es konkret eigentlich geht. (Was im Web zum Thema zu finden ist, ist mir zu diffus; auch die Wikipedia-Einträge - sofern angesichts der dort tobenden Edit-Kriege überhaupt noch brauchbar - lesen sich recht schwammig).

>> Die Aussage "Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht" ist ungefähr so sinnvoll wie: "ein Kalb wird zur Kuh/zum Stier gemacht".
Die Begriffe "Mann" und "Frau" haben nun mal eine klar definierte Bedeutung in der Biologie, da wird nichts "gemacht". << ... >> Im sozialen Kontext ist das Geschlecht (fast immer) irrelevant, es sollte also überhaupt keine Rolle spielen, hier sind Menschen einfach nur Menschen. <<

Exakt darum geht es bei Simone de Beauvoirs Ausspruch: Diese Selbstverständlichkeit, mit der Sie Frauen als Menschen bezeichnen, war und ist für eine Frau aufgrund des massiven gesellschaftlichen Drucks unerreichbar. Die Formel Mensch=Mann bzw. Frau=Ding, wie wir sie auch im europäischen Sprachschatz weiterhin finden, und die biologisch selbstverständlich nicht im Mindesten zu begründen ist, bekommt man nicht von heute auf morgen per Grundgesetzartikel aus den Knochen. Das biologische Geschlecht ist die Folie, die bei welcher Betrachtung auch immer an mir klebt und mitsamt der ich zurechtgeschnitten werde.

An Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechts unterschiedliche "Maßstäbe" (Leistungsnormen? Verhaltensspielräume? juristisch? sozial?) anzulegen, scheint nur sinnvoll zu sein. Das ist ja das, was bisher praktiziert wurde. Und hier findet sich auch der Sinn der Gender-Forschung: Welche Maßstäbe wurden / werden denn mit welcher Begründung / Motivation von wem an wen (unterschiedlich) angelegt? Offen und subtil? Wer oder was wird traditionell als das Maß aller Dinge behauptet, und was bedeutet es für das "andere"(!) Geschlecht, mit der gesellschaftlichen Erwartung der Selbstdefinition als anders, weniger, schwach, minderwertig, verfügbar, als zu bewerten, zu belächeln und von außen definiert zu werden? Als etwas, dem man jetzt gestattet sich anzustrengen, um auch einmal so toll zu werden wie das Maß aller Dinge.
Die Genderforschung ist insofern nicht am Ende sondern klemmt eher noch im Startblock fest. Der Eifer, mit dem viele dieses vergleichsweise sehr junge Forschungsgebiet so schnell wie möglich wieder absägen wollen, ist bezeichnend. Elfenbeiturmlastige Auswüchse werden massiv gefördert und in den Vordergrung geschoben, um die ganze Forschung in Verschrei zu bringen, auf dass sie bald ganz verschwinde.
Es wird oft vergessen, dass Genderforschung nicht allein ein "Frauending" ist. Auch ein Kriegsdienstverweigerer z.B. aus den Achtzigern weiß in der Regel, wie sich das Leben als von außen definiertes Mangelwesen anfühlt, auch wenn die Komponente "per se beschränkt wegen biologischer Männlichkeit" bei ihm noch nicht mal dazukommt.

Heute ist die Frau, die sich dem traditionell von Männern geprägten "Gegebenheiten" anpasst, die Kokosnuss.
Das ist das Stadium, in dem wir uns befinden. Ein Zustand, der nach Genderforschung nur so schreit, auch wenn sie es immer schwer haben wird, weil sie an Glaubenssätzen rüttelt, die die Identität jedes einzelnen infrage zu stellen drohen. Auch die Identität von Prof. Dr. Ulrich Kutschera, von dem hier teilweise ein Bild gezeichnet wird, als hätte er behauptet, in meinen Genen lesen zu können wie der Dorfheiler in meinen Handlinien.

Ich hätte gern gelesen, was er verzapft hat. Auch als Frau brauche ich bei meiner Meinungsbildung nicht geschont und beaufsichtigt zu werden.

"Ich hätte gern gelesen, was er verzapft hat."
Das "zensierte" Glanzstück fundierter Wissenschaftskritik (den Eindruck könnte man hier gewinnen) wurde zum Glück vor der Löschung gesichert. Machen Sie sich selbst ein Bild.

http://www.evolutionsbiologen.de/media/files/2015-hpd-Universitaere-Pseudowissenschaft.pdf

Vielen Dank, ich hab's gelesen. Und wüsste wirklich gern, wie er das begründen will. Denn in der Genderforschung geht es ja gerade darum, prägende Prozesse zu untersuchen und die ihnen zugrunde liegenden Glaubenssätze sichtbar zu machen. Dagegen geht der Kreationismuns von einer in Stein gemeißelten Identität aus, die sich eben nicht entwickelt, sondern "gottgegeben" ist.
Die Gefahr, sich dogmatisch zu verbrettern und die eigene Disziplin als einzig wahren Prüfstein für alles andere hinzustellen (du sollst keinen Gott haben neben mir...), ist immer da. Um Auswüchsen dieser Art beizeiten den nötigen Dämpfer zu versetzen, führen wir ja, wenn man uns lässt, die öffentliche Diskussion. Vielen Dank in diesem Sinne an alle hier engagierten Teilnehmix_Inn*En.

Roland Pardon (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 17:52

Immerhin wird sie ja explizit zugegeben: "die von der Position Kutscheras abweichende Meinung der Redaktionsmitglieder". Offenkundig ist seine Auffassung nicht willkommen. Und gerade deshalb, gerade deshalb, ist es für die Glaubwürdigkeit des hpd unerlässlich, eine _offene_ Diskussion zuzulassen, die bisher, für jeden sichtbar, nicht geschehen ist.
Es muss _ergebnisoffen_ die Frage gestellt werden, was der Inhalt der Gender Studies, ihre empirische Grundlage ist, und wozu Gender Studies beitragen können, und wo sie nichts beizutragen haben?

David (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 19:43

Warum sollte man eine nicht Ergebnis offen forschende "Wissenschaft" nicht mit Kreationismus oder Homöopathie vergleichen können?

Für den kurzweiligen Einstieg ins Thema empfehle ich die norwegische Dokumentation "Brainwash: The Gender Equality Paradox", die vor einigen Jahren in Skandinavien für heftige Disukssionen und auch Konsequenzen sorgte:

http://en.wikipedia.org/wiki/Hjernevask
https://www.youtube.com/watch?v=tiJVJ5QRRUE

Atheist Steinbrenner (nicht überprüft)

Fr. 5 Jun 2015 - 16:25

Antwort auf von David (nicht überprüft)

Wenn bereits festgestellt wurde, dass Menschen unterschiedlich sind und sich diese Unterschiede in Sozialisation und Verhalten und Behandlung in männlich und weiblich als soziale Kategorien (nicht genetisch, nicht biologisch) einteilen lassen. Dann ist es nicht weiter Ziel der Forschung wieder dasselbe festzustellen.

Gerade die Frage wieso, ist doch die wichtige die uns weiter bringt. Wie kam es dazu? Warum werden die Unterschiede aufrecht erhalten? Wer profitiert davon? Wer leidert darunter?! Wo sind Ansatzpunkte erkennbar um die Reproduktion dieser sozialen Tatsachen zu beeinflussen?

David (nicht überprüft)

So. 7 Jun 2015 - 18:15

Antwort auf von Atheist Steinbrenner (nicht überprüft)

Ich schlage vor, Sie schauen sich die genannte Doku an. Die Problematik "Genderforschung" wird dort umfassend beleuchtet.

Roland Pardon (nicht überprüft)

Mi. 3 Jun 2015 - 20:28

Oh, hier hat sich offenbar auch die GBS-Gruppe in München meine Sicht zueigen gemacht :) https://www.facebook.com/gbs.muc/posts/1103163319699211

Joshua Ebert (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 14:33

Vorweg: Es ist eine völlig unbestrittene Tatsache, dass die Naturwissenschaften uns unglaublich viel Erkenntnis bringen und indirekt massiv unseren Lebensalltag verbessern. Ich empfinde großen Respekt und Anerkennung gegenüber diesen Wissenschaften und ihren Forschern. Es wäre auch völlige Idiotie naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie die der menschlichen (biologischen) Evolution zu leugnen oder zu ignorieren. So weit so klar. Umgekehrt bin ich aber teilweise entsetzt von der unfassbaren Ignoranz und Borniertheit mit der viele (gerade auch in den Kommentaren hier) den Geistes- und Sozialwissenschaften begegnen. Da reicht es bei vielen aus, das Forschungsfeld einer Disziplin oder Forschungsrichtung nicht auf Anhieb zu verstehen, und schon wird das ganze im Handstreich, und ohne jede ernstzunehmende Auseinanderesetzung mit der entsprechenden Forschung und der zugrundeliegenden Theorien, zu Unsinn und "Pseudowissenschaft" erklärt. Da werden all zu oft, im besten Stammtisch-Stil, selbstgefällige Ressentiments vor sich her getragen, statt, im Sinne der Aufklärung, den Dingen auf den Grund zu gehen oder eben zu schweigen, wozu man nichts zu sagen hat. Wie dogmatisch und unbelehrbar ein solches Verhalten ist, scheint den Betroffen nicht bewusst zu sein. Sie sind ja auf der richtigen Seite. Ich hoffe auf eine gewinnbringende Diskussion im HPD, bei dem hoffentlich der eine oder andere Geistes- und Sozialwissenschaftler angemessen zu Wort kommt, ohne direkt von den Hardcore-Reduktionisten plattgewalzt zu werden. Ich kann nur hoffen, dass bei einer fairen Betrachtung der Gegenseite manchen hier ein Licht aufgehen wird, wie halbseiden etwa die zur Hetze ausgeartete, jämmerlich undifferenzierte, pauschale und ahnungslose "Gender-Kritik" wirklich ist und wie wissenschaftlich fundierte Kritik (nicht) aussieht.

Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 18:08

Antwort auf von Joshua Ebert (nicht überprüft)

In dem von mir zitierten Video von Harald Eia werden durchaus klare und fundierte Fakten und Argumente gegen die Genderforschung angeführt.
Aber dein Kommentar bestätigt in vollem Umfang das, was in dem oben zitierten FAZ-Artikel steht:

"Um ihre Überzeugungen durchsetzen zu können, schaffen sie ein Klima, in dem nicht mehr der Diskurs gedeiht, sondern Andersdenkende durch Verdächtigungen und Anschuldigungen eingeschüchtert und verängstigt werden. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen."

Allein die Tatsache, dass man sich von Seiten der Genderforscher/innen genötigt sah, eine Rechtfertigungsstudie in Auftrag zu geben, ist ja schon ein Armutszeugnis. Gerade diese Studie zeigt auch, dass man mangels guter Argumente versucht, die Kritiker als Rechtsradikale, Antifeministen, religiöse Fundamentalisten oder Ahnungslose abzuqualifizieren.

Joshua Ebert (nicht überprüft)

Do. 4 Jun 2015 - 22:43

Antwort auf von Bernd Vowinkel (nicht überprüft)

Nun können die Vertreter der Gender Studies aber denkbar wenig für die Tatsache, dass Rechtsradikale, anti-feministische "Maskulinisten" und religiöse Fundamentalisten tatsächlich den harten Kern ihrer Pauschalkritiker bilden. (ernstzunehmende Kritik gibt es natürlich auch zuhauf. Nur kommen da erfahrungsgemäß z.B. die Wörter "Genderismus", "Gender-Ideologie" und "Fem-Nazis" nicht vor) Der von Kutschera neuerdings so gerne benutzte Begriff "Genderismus" geht eben auch genau auf Agitatoren dieser Gruppen zurück, was sich durch Internetrecherche leicht nachvollziehen lässt. Darauf hinzuweisen und das ggf. zu kritisieren ist legitim. Ganz davon abgesehen: Niemand (der bei Verstand ist) hat etwas gegen fundierte Kritk an wissenschaftlicher Forschung. Nur: Auch Kritik selbst muss und darf kritisiert werden. Und wer besonders schlechte, pauschalisierende und sogar diffamierende Kritik äußert, darf sich über harten Gegenwind nicht beschweren. Aufgrund dieser Gegenkritik kann man jetzt beleidigt sein oder sich gar wie du schreibst "eingeschüchtert und verängstigt" fühlen. Oder man kann diese Kritik einfach mal ernst nehmen, wenn man selbst auch ernst genommen werden will. Wer wissen will, wie Einschüchterung aussieht, möge mal eine Geschlechterforscherin an der nächstgelegenen Uni fragen, was sie tagtäglich so in ihrem Email-Postfach findet. In Anbetracht dessen wirkt die Gekränktheit der "man wird ja wohl noch sagen dürfen"-Fraktion über die angebliche Diskreditierung ihrer Person plötzlich ziemlich weinerlich.

Oliver (nicht überprüft)

Fr. 5 Jun 2015 - 00:47

Streit über Geschlechterforschung
Weniger Gender, mehr Feminismus

Die Frauenforschung an den Unis ist unter die Räder der Gender-Wende
gekommen, kritisieren Wissenschaftlerinnen. Denn die Kategorie „Gender“ habe
das Subjekt des Feminismus, die Frau, aufgelöst und damit der Dominanz des
Mannes ungewollt zugearbeitet.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/streit-ueber-geschlechterforschung-weniger-gender-mehr-feminismus/11861428.html?r=7771536

Harald Freunbichler (nicht überprüft)

Mo. 21 Mär 2016 - 23:33

"Kontroverse Meinungen sind ausdrücklich erwünscht, denn die aktive Förderung einer offenen Diskussions- und Streitkultur gehört zum Selbstverständnis des hpd.

Der streitbare Artikel von Prof. Dr. Ulrich Kutschera wurde aufgrund formaler Kriterien zurückgezogen, um die darin vertretene Position in eine Diskussionsreihe einzubetten. "

Wo bleibt die "Diskussionsreihe"?! - Also doch Zensur und nichts als Zensur. Ein Armutszeugnis.

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