Notizen aus Wien

Sie haben Nein gesagt

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WIEN. (hpd) Österreich ehrt fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Deserteure der Wehrmacht. Ende vergangener Woche hat die Spitze der Republik ein Denkmal in Wien eingeweiht, das derer gedenkt, an die erinnert, die sich weigerten, im verbrecherischen Krieg zu kämpfen. Das können etliche nach wie vor nicht akzeptieren.

Wenn Leserbriefe und Diskussionen in Onlineforen ein Maßstab für die öffentliche Stimmung sein können, gibt es in diesem Land nach wie vor Menschen, die der Meinung sind, Wehrmachtsdeserteure seien Feiglinge gewesen, Verbrecher gar, oder bestenfalls wenig Respekt verdienende Widerstandskämpfer light.

“Bleibt ein aus der Gemeinschaft auszuschließender, entehrter Feigling…”

Parolen wie die, Wehrmachtsoldaten hätten ihr “Pflicht getan”, die 1986 Kurt Waldheim ins Bundespräsidentenamt trugen, liest man dort. Oder gar, wie in rechtsradikalen Zeitschrift “Zur Zeit” solche Zeilen: “So wird hinter ’Scham-Planken’ auf dem Ballhausplatz ein Denkmal für Deserteure […] errichtet, wofür die jetzige rot-schwarze ‘österreichische’ Regierung die Steuerzahler schröpft. Dieses einmalige ‘Schandmal’ der Rot-Grünen – denn so etwas gab und gibt es nirgend auf der Welt […] Ein Deserteur ist und bleibt ein Verräter an unserer, durch Generationen verpflanzten Werten. Daher ist in meinen Augen ein Deserteur ein auf Lebenszeit aus der Gemeinschaft auszuschließender, entehrter Feigling. Es ist dies linke, proletarische Gedankengut übelster Sorte, das einen Affront gegen all die Kriegsteilnehmer produziert, die ihr Vaterland, ihre wehrlosen Mitmenschen verteidigt haben.” (Aufgedeckt von Bernhard Kraut auf seinem Blog)

Gegründet wurde “Zur Zeit” von Andreas Mölzer, jahrzehntelanger Funktionär und Mandatar der FPÖ. Heute ist sein Sohn Wendelin Chefredakteur der Wochenzeitung. Er ist auch Nationalratsabgeordneter der FPÖ.

Es gibt doch Fortschritte

Ironischerweise sieht man an diesem Leserbrief auch, dass Österreich Fortschritte gemacht hat. Vor wenigen Jahren noch wäre dieser Text als Leitartikel in der Zeitschrift erschienen und nicht verschämt als Leserbrief deklariert worden. Inhaltlich dürfte die FPÖ zumindest mehrheitlich nach wie vor die Meinung des zitierten “Fähnrichs der Luftwaffe” teilen. Nur mit diplomatischerer Sprache, wie der Protest der Partei gegen das damals geplante Denkmal für die Wehrmachtsdeserteure aus dem Jahr 2012 zeigt.

Desertieren sei “bis zum heutigen Tag” geächtet, so der Text der damaligen Aussendung im Namen des Wiener Gemeinderats Johann Herzog von der FPÖ. Mit dem Denkmal würde die “Generation von Weltkriegsteilnehmern ins Eck gestellt”. Zwischen den Wiener FPÖ-Politiker und den “Fähnrich der Luftwaffe” passt inhaltlich gesehen kein Blatt Papier. Nur passen selbst die Freiheitlichen heutzutage auf, wie sie ihre ewiggestrige Kritik formulieren.

Wie so viele ressentimentgeladene Standpunkte, vor allem jene rechts des gesunden Menschenverstands, ignorieren solche Aussagen die historische Realität bis zu dem Punkt, ab dem man von Geschichtsfälschung sprechen kann. Den Akteuren freundlicherweise unterstellend, sie hätten sich mit Geschichtskenntnissen belastet.

Wahrscheinlichkeit zu sterben war extrem hoch

200.000 Deserteure aus der deutschen Wehrmacht sind während des Zweiten Weltkriegs hingerichtet worden. Etwa 15.000 kamen aus dem heutigen Österreich. Dazu kommen zehntausende, die in Strafbataillonen krepiert sind. Die Wahrscheinlichkeit zu sterben war bei kaum einer Gruppe an Kriegsteilnehmern höher als bei den Deserteuren.

Dass es wesentlich wahrscheinlicher war, dass sie hingerichtet würden als dass sie im Kampf fallen würden, muss den meisten Deserteuren bewusst gewesen sein. Wenn man es als Feigheit bezeichnet, eine Handlung zu setzen, die den eigenen Tod sicherer nach sich ziehen wird als nahezu alles andere, was man tun kann, wird man sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, der deutschen Muttersprache im engeren Sinn nicht mächtig zu sein. Zurück in die Volksschule, ihr Herren Deserteursdiffamierer! Dass es gerade in Österreich Chuzpe ist, einen Deserteur aus der deutschen Wehrmacht als Vaterlandsverräter zu bezeichnen, sei nur am Rande bemerkt.

Sie alle haben Nein gesagt

Man muss nicht jeden Akt der Desertion zum heroischen und bewussten Widerstand hochstilisieren um vor diesen jungen Männern Achtung zu empfinden. Sie allen haben eines gemeinsam: Sie haben in einem entscheidenden Moment entdeckt, dass sie Menschen sind. Sie haben das einzig vernünftige getan, was man in dieser Situation tun konnte: Sie haben ihr Gewehr weggeworfen. Sie haben bei diesem Wahnsinn nicht mehr mitgemacht.

Warum sie das getan haben, wie sie ihr Mensch sein entdeckt haben, ist zweitrangig. Es ist nicht weniger menschlich und nicht weniger aufrichtig, wenn man davonläuft, weil man es nicht mehr aushält, wie Granaten die Kameraden ringsum zerfetzen als wenn man es tut, weil man für dieses Regime das empfindet, was es verdient: Abgrundtiefen Hass.

Ob diese Männer Pazifisten waren oder langjährige Mitläufer, die die Massenmorde durch das eigene Militär nicht ertrugen. Ob sie nach einer Ohrfeige flohen, die sie dem Offizier versetzt hatten, der sie behandelt hatte wie menschlichen Abschaum, oder ob sie aufgeflogene Widerstandskämpfer waren: Sie alle haben Nein gesagt. Zu einer Zeit, wo Millionen mitgemacht haben bei einem Krieg, der mehr noch alles anderen vor und nach ihm die Bezeichnung verbrecherisch verdient.

Sie haben Nein gesagt zu den Schlächtereien an der Zivilbevölkerung, vor allem an Juden, sie haben Nein gesagt zu Massenvergewaltigungen, sie haben Nein gesagt zu Plünderungen, Nein zur Verwüstung ganzer Ortschaften.

Menschlichkeit geht vor “Vaterland”

Hätten das mehr Menschen gemacht, dieses Regime wäre zusammengebrochen. Lebte es doch davon, dass Millionen nur “ihre Pflicht tun”. Die Deserteure taten sie nicht. Sie erfüllten ihre Pflicht an der Menschlichkeit. Die ist allemal höher zu halten als ein Verbrecherregime, das sich mit der Bezeichnung “Vaterland” des Kadavergehorsams seiner entrechteten Einwohner versichern will.

Wer das nicht anerkennt, hat kein Recht, sich gegen irgendeine politische Entscheidung aufzulehnen, die ihm nicht in den Kram passt. Ist doch die Regierung für ihn immer und unter allen Umständen Verkörperung des “Vaterlands”, der er unbedingten Gehorsam zu leisten hat. Right or wrong, my country – für die Anhänger dieses Spruchs hat er auch zu gelten, wenn nicht gerade ihre Spießgesellen am Ruder sind.

Jede nicht gefeuerte Patrone hat den Krieg verkürzt

Vielleicht noch ein kleiner Gedanke zum Abschluss. Die Deserteure aus der Wehrmacht haben auch einen kleinen Beitrag geleistet, den Krieg zu verkürzen und Menschenleben zu retten. Jede Patrone und jede Granate, die nicht auf einen alliierten Soldaten abgefeuert wurde, brachte die Befreiung näher. Und jeder Soldat, der fehlte, um Juden zusammenzufangen und in Viehtransporter zu laden oder “Geiseln” zu erschießen, hat möglicherweise einem Menschen die Flucht ermöglicht.

Auch das sollte man bedenken. 


 


“Notizen aus Wien” ist die Kolumne unseres Österreich-Korrespondenten