Philipp Möller in Fürth

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Philipp Möller / Foto: gbs Mittelfranken

FÜRTH. (hpd) Die gbs Mittelfranken und der BfG Fürth hatten Philipp Möller eingeladen, sein Buch "Isch geh Schulhof" vorzustellen. Vor vollem Haus in der Fürther Gaststätte "Grüner Baum" las er dann auch einige markante Stellen, eingebettet in einen sehr lebhaften, witz- und geistreichen Vortrag, dem eine angeregte Diskussion folgte.

Das Erfolgsrezept seines Buches wurde auch an diesem Abend deutlich: Sein Vortrag ist - wie sein Buch - humorvoll, aber er führt die Kinder nicht vor, um witzige Pointen zu erzielen, er zieht keine billigen Effekte aus der Not und dem Elend unserer Bildungsrealität. Einer der wichtigsten Aspekte seines Buches ist die Erkenntnis, dass die Benachteiligung der Kinder systemisch ist, und daher nicht auf einsinnige Weise ihren Eltern angelastet werden kann. Wenn die Kinder Opfer ihrer Umstände sind, dann sind es wohl zumeist auch die Eltern.

Lehrer, Eltern, Bildungspolitiker, sehr viele von ihnen haben offenbar resigniert. Es mag uns als "normal" erscheinen, wenn Lehrer dem Druck und Stress nicht länger gewachsen sind und entweder an "Burnout" erkranken oder in der inneren Emigration abtauchen, um dort auf die Rente zu warten. Es mag uns verständlich erscheinen, wenn manche Eltern durch Existenzängste und Perspektivlosigkeit abgestumpft sind und sich nicht um ihre Kinder kümmern.

Aber es ist etwas anderes, wenn wir hören, wie auch die Kinder schon resigniert haben. Da ist zum Beispiel Görkan, ein Sechstklässler, der immer wieder seine Mitschüler verprügelt. Er hat den schulischen Maßnahmenkatalog bereits durch. All diese Strafmaßnahmen schrecken und erreichen ihn nicht mehr. Weil er den Weg schon kennt, geht er allein zur Schulleitung, um sich seinen Tadel abzuholen. "S'miregal" ist sein Refrain.

Oder da ist Reik, in seinen eigenen Worten "der Schlimmste von allen". Auch für ihn gibt es keine mögliche Strafe, die ihm etwas ausmachen könnte, Verweise und Schulwechsel, er hat alles bereits hinter sich. Jetzt, wo jede schulische Anerkennung in unerreichbarer Ferne ist, kann er aber immer noch "der Schlimmste von allen" werden. Die Energie ist also durchaus da, nur wird sie mit Volldampf in die völlig verkehrte Richtung gelenkt.

Philipp Möller bietet keine einfachen Lösungen an. Und das ist gut so. Denn das gesamte Schulsystem krankt an allzu vielen einfachen Lösungen, die isoliert voneinander ausprobiert werden. Die einzige Konstante im Reformwahn scheint zu sein, dass dies unter Mangelbedingungen geschieht.

Daher ist Möllers wichtigster Appell, mehr in das Bildungssystem zu investieren. Und zwar nicht nur Geld, sondern auch Wertschätzung. Wertschätzung für die Arbeit der Lehrer, die unter den gegebenen brutalen Bedingungen vor allem ein ständiges, zermürbendes Krisenmanagement ist. Wertschätzung aber auch für die Kinder, die sich weder ihre soziale Situation noch ihre Schule ausgesucht haben.

Harald Stücker