Von nun an heißt Christ sein, katholisch glauben.

Theodosius I.

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28. Februar 380 - Erlaß „Cunctos Populos – an alle Völker“ durch Theodosius I. (* 11. Januar 347 in Cauca, Spanien, Δ 17. Januar 395 in Mailand) - von 379 bis 394 Kaiser des oströmischen Reiches.

 

Mit seinem Erlaß wurde ein jahrhundertlanger, innerchristlicher Streit beendet und die Glaubensfreiheit beseitigt. Staat und Kirche verbündeten sich in einer alles fressenden unheiligen Allianz. Damit begann der Sturz der antiken Kultur ins „finstere Mittelalter“.

Im vierten Jahrhundert drohte das Christentum zu zerfallen. Weder Bischof noch Papst hatten vermocht, den Krieg christlicher Konfessionen, die beschämenden religiösen Feindseligkeiten und die gegenseitigen Exilierungen und Verwünschungen unter Kontrolle zu bekommen. Die kampflustige, jedwede Interpunktion der Bibel verabsolutierende Penetranz, mit der die christlichen Varianten die vermeintlich richtige Wahrheit verfochten, entlud sich nach innen. Es ging um Gott, um die Frage, ob Jesus gottgleich ist. Zwischen den Konzilen von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) fanden achtzehn Konzile statt, die sich alle der Aufgabe verschrieben hatten, das drohende Schisma zu verhindern. Keines dieser Konzile war in der Lage, die Einheit der christlichen Kirche herzustellen oder eine Richtung zur tragenden zu erklären. Es gab weder eine von allen Seiten anerkannte zentrale Autorität zur Beilegung strittiger Punkte, noch eindeutige Mehrheiten.

Selbst Kirchengeschichtler bestreiten nicht, dass sich die unterschiedlichen christlichen Strömungen gegenseitig zu paralysieren drohten und der Streit zwischen den Episkopaten die Entwicklung zu einer umfassenden (katholischen) Kirche lähmte. Die einzige Autorität mit der Macht, den weiteren Zerfall in Fraktionen, Gruppen und Sekten zu verhindern, war die Reichsregierung in Konstantinopel. Nur sie hatte in dieser Zeit christlicher Paralyse die Macht, den Knoten zu durchschlagen.

In dieser Notzeit wurde Theodosius, ein spanischer Heerführer, der in der Vielzahl der christlichen Varianten keine Gewähr für die Einheit des Reiches sehen konnte, der Schlachtenheld im Kampf gegen Ketzer, Heiden, Juden und Häretiker. Am 28. Februar 380 erklärte er mit dem berühmten Edikt „Cunctos populos“ die christlich-trinitarische Konfession, die dem heutigen katholischen Christentum entspricht, zur Staatsreligion.  „Die diesem Gesetz folgen, sollen die Bezeichnung katholischer Christ beanspruchen, die anderen aber, nach unserem Urteil Unsinnige und Verrückte, sollen die schimpfliche Ehrenminderung der Häresie erleiden [...] Und sie sollen fürs erste durch ein göttliches Gericht, dann aber auch durch die Ahndung unseres richterlichen Einschreitens [...] bestraft werden.“

Mit diesem kaiserlichen Dekret begann der Siegeszug eines zwangsweise geeinten Christentums. Mit rund sechzig weiteren Edikten baut Theodosius in rascher Folge „Cunctos populos“ zu einem mächtigen Werkzeugkasten aus, mit dessen Hilfe jede religiöse Konkurrenz ausgeschaltet wurde. Dreiundzwanzig Edikte sind direkt gegen die abweichenden christlichen Konfessionen gerichtet, dreizehn gegen die Heiden und sechs gegen die Juden. Der Abfall von Christen zum Heidentum wurde unter Strafandrohung verboten, die Häresie zu einem vom Staat zu verfolgenden Verbrechen erklärt, ein Versammlungsverbot erteilt und der Besuch heidnischer Tempel verboten. Andersgläubige wurden der Stadt verwiesen, die Manichäer aus der Gesellschaft ausgestoßen und mit der Todesstrafe bedroht, die Ehe zwischen Christen und Juden wurde unter Strafandrohung gestellt, den heidnischen Priestern wurden ihre Privilegien entzogen und die Zerstörung der Tempel angeordnet. Selbst die seit Jahrhunderten freie Ausübung des häuslichen Gottesdienstes wurde reglementiert. Und damit sich keiner aus der religiösen Umarmung herauswinden konnte, befahl Theodosius, Denunzianten und „Inquisitores“ gegen die Häretiker einzusetzen, was einst der römisch-heidnische Kaiser Trajan in einem Brief an Plinius als unwürdig abgelehnt hatte.

An keiner Stelle berichtet die Überlieferung, dass sich der römische Kaiser darüber mit den mächtigen Bischöfen von Mailand und Konstantinopel beraten hätte. Die antiken Kirchenhistoriker Sokrates und Sozomenos stimmen überein: Theodosius habe im stillen Kämmerlein entschieden, „aus eigener Initiative und ohne Konsultation kirchlicher Stellen“. Die Überlieferung läßt keinen anderen Schluß zu: Das katholische Christentum hat sich nicht aus eigenen Kraft durchgesetzt, sondern mit Hilfe der Staatsgewalt.

Damit wurde der 28. Februar 380 zu einem epochalen Wendedatum. Von nun an hieß Christ sein katholisch glauben. Das heutige Christentum wurde par ordre de mufti in das heidnische, jüdische und häretische Volk hineingeprügelt und die Allianz aus Kirche und Herrscher wurde zur Staatskirche erklärt. „Cuius regio eius religio – wem das Land gehört, der bestimmt die Religion“ betritt die Weltbühne. Schweigen zieht ein in die christlichen Hütten. Die "wilden Jahre" des Christentums, in denen alles möglich war, sind zu Ende. Mit Hilfe des Staates und ohne die Menschen in den Straßen zu fragen, vielmehr unter weltlicher Strafandrohung, stampfte die neue Kirche als alleinige Hüterin der Wahrheit die Vielfalt zu Boden. Von da an kommt die Wahrheit in der Einzahl daher. Das ursprüngliche Christentum, ja selbst der augenzwinkernde römische Staatskult, der bis in die letzte Hütte der spanischen Provinz in religiösen Fragen tolerant gewesen ist, wandelte sich zum religiösen Rassismus. Krieg den Andersgläubigen. Die folgenden anderthalb Jahrtausende wurden mit Blut geschrieben und wer die Opfer verschweigt, wer von Licht und Schatten plappert, der hat nichts verstanden, der versündigt sich an der Mitmenschlichkeit.

 

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nach dem im Frühsommer 2010 erschienenen Buch von Rolf Bergmeier „Konstantin und die wilden Jahre des Christentums. Die Legende vom christlichen Kaiser“.

Bergmeier ist Althistoriker/Philosoph und Fördermitglied der Giordano Bruno Stiftung.