Ethikunterricht

Wie man in Österreich die Bürger aufs Kreuz legt

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Klassenzimmer im Museum Lennestadt
Altes Klassenzimmer

Die Einführung des Ethikunterrichtes in Österreich ist eine unendliche Geschichte an sich. Während sich fortschrittlich denkende Menschen und Organisationen schon seit rund hundert Jahren um einen solchen Unterricht bemühen, haben Konservative stets eine eschatologische Argumentation auf Lager und beschuldigen ihre Gegner, den Religionsunterricht überhaupt abschaffen zu wollen – als wäre das das Ende der Zeiten.

"Keine schlechte Idee!", sagten die Gegner, "lass uns darüber diskutieren!" und ehe die Klerikalen es noch fassen konnten, haben die Liberalen in Luxemburg diese Idee in die Tat umgesetzt: Religionsunterricht abgeschafft. Das passiert ihnen nicht nochmal. Vergiss Luxemburg!

Österreich, das ein halbes Jahrtausend von der Gegenreformation geplagt wurde, das die Wundmale dieser Tortur noch immer an hohen Festtagen selbst beäugt, müht sich ab mit der Überwindung katholischer Denkmuster. Niemand braucht aber die Kirche bekämpfen, denn niemand arbeitet so hart am Ruin des Kirchenimages wie die Kirche selbst. Das Land gehört inzwischen zumindest mit Herz und Hirn mehrheitlich dem areligiösen Lager an, während auf dem Papier im Amt noch immer 75 Prozent bei irgendeiner Kirche dabei sind. Die Gründe dafür sind religionsfern, denn wirklich ernst nehmen nur mehr rund zehn bis zwölf Prozent die Kirche und praktizieren die Religion. Dieser kleine Schwanz wedelt den ganzen großen Hund, der wiederum mit dem Staat "kooperiert" – auf gut Deutsch: den Staat nach wie vor lenkt, ganz gleich ob die Richtigen am Ruder sind oder nicht. Selbst die Linken buckeln brav.

Denn die richtigen Macher sitzen seit Maria Theresias Zeiten so tief in den Ministerien verwurzelt, dass deren Exstirpation Jahrhunderte dauert und sie sind weder rot, noch türkis, noch blau oder sonst irgendwas, sie sind tiefschwarz, daran ändert auch ein Sebastian Kurz nichts. Die Frage ist, wem ihre eigentliche Loyalität gilt: Ihrem Ernährer, dem Volk und Steuerzahler, oder der Kirche? Zwei Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit legen Letzteres nahe.

Als ein Fond zur Stadterweiterung 2008 seine letzten Grundstücke verkaufte, kam es zu sehr eigenartigen Malversationen. Der Fonds hatte einen ehrenamtlichen Leiter und keine Angestellten. 2013 prüfte der Rechnungshof den Fonds und kritisierte sein Gebaren, vor allem weil die drei letzten noch verbliebenen Grundstücke sehr billig verschleudert worden waren und für diese Transaktion "Beratungshonorare" von 41.000 Euro verrechnet wurden. Ein riesiges Grundstück am Heumarkt, beim Eislaufverein, wurde 2008 für 4,2 Millionen Euro verkauft, obwohl zwischenzeitlich Angebote bis zu 9 Millionen Euro vorlagen. Aus dem Erlös wurde – satzungswidrig – die Kirche bedacht, die mit der Stadterweiterung so gut wie nichts zu tun hatte, die aber bereit war, den Ministerialbeamten hohe Vatikanorden im Beisein des Kardinals umzuhängen. Eine nachträgliche Satzungsänderung, die dies 2009 sanieren sollte, wurde vom Rechnungshof abgeschmettert. Dieser fordert schon seit 1961 (!) die Auflösung des Stadterweiterungsfonds.

Gegen dessen ehemaligen Leiter, Alexander Janda, wurde im Mai 2013 Strafanzeige erstellt. Vor wenigen Tagen wurden schließlich alle vier Angeklagten, auch Janda, trotz allem freigesprochen. Ihnen konnte "kein wissentlicher Befugnis-Missbrauch nachgewiesen werden", obwohl sie seit fast 60 Jahren an der Lösung des Problems emsig arbeiteten. Auf die Idee, das Geld dem Steuerzahler zurückzugeben, kamen die Herren nicht. Verlockender war die Idee, sich mit dem Geld anderer Leute ein Plätzchen im Himmel zu reservieren. Welches Präjudiz dieses Urteil schafft, wollen wir hier gar nicht erörtern.

Ein noch dreisteres Vorgehen haben sich Parlamentarier der Kurz-Truppe ausgedacht, das allerdings dank des Eingriffes der Vorsehung schief ging. Was unser Bild vom Untergang des Abendlandes noch notdürftig pölzt. Es hat mit der Einführung des Ethikunterrichtes zu tun. Dieser war seit 20 Jahren im Dauerschulversuch, weil sich niemand in der ÖVP vorstellen konnte, dass eine "Quasi-Konkurrenz" des Religionsunterrichtes – so sahen sie das – jemals das offizielle Licht Österreichs erblicken könnte.

Nachdem die Humanisten seit rund 100 (in Worten: hundert) Jahren die Einführung desselben betreiben, und in ganz Europa Ethik in der einen oder anderen Form schon eingeführt ist, haben die Katholiken, bei denen sich die jungen Leute scharenweise abmeldeten, keinen Ausweg gewusst, als die Renegaten mittels irgendeines Unterrichtes zu bestrafen, und wenn es sein muss, mittels Ethik. Jeder Fachmann und alle Humanisten des Landes sowie die Mehrzahl der Betroffenen, in Summe über 70 Prozent, waren der Meinung, dass der "Ethikunterricht für alle" eine gute Sache ist. Wie führt man also eine Regelung ein, die nur eine Minderheit will, die alle renommierten Fachleute als Unsinn qualifizieren, die gegen die erklärten Ziele der Integration von Jugendlichen ist und noch dazu den Schulbetrieb nicht einfacher macht?

Man erfindet ein Bündel von Gesetzen, wie weiland die Goldman-Sachs-Bank faule Papiere gebündelt verkauft hat, so dass keiner weiß, was wirklich drin ist und nennt sie noch dazu vollkommen anders: In unserem Fall wäre der Ethikunterricht den Parlamentariern in Österreich präsumptiv als "Forstgesetz" verkauft worden, und zwar so, dass auf Jahrzehnte hinaus der Religionsunterricht einbetoniert worden wäre. Das ist, gottseidank – oder, wie wir sagen, "glücklicherweise" – nicht gelungen.

Der Plan war, den Ethikunterricht in einem winzigen Schultyp, den Forstwirtschaftsschulen, der als einziger Schultyp dem Landwirtschaftsministerium untersteht, einzuführen, wodurch ein Präjudiz für alle anderen 99 Prozent der Schulen entstanden wäre. Die Parlamentarier hätten damit eine der wichtigsten Entscheidungen im Bildungswesen Österreichs als "Forstgesetz" (normalerweise ein Dutzendgesetz) en passant abgesegnet, wobei manchen dann möglicherweise ein "Hoppala!" entfahren wäre. Sie hätten damit Generationen von Schülern und Schülerinnen aufs Kreuz gelegt. Diese haben jetzt wieder eine – wenn auch winzige – Chance auf einen "Ethikunterricht für alle".

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