Die wahren Feinde der Demokratie sind ihre Claqueure

Norberto Bobbio

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* 18. Oktober 1909 in Turin; Δ 9. Januar 2004 in Turin;
italienischer Rechtsphilosoph und Publizist. Er trat immer wieder für Vernunft, Liberalismus und Menschenrechte und gegen Machtmissbrauch ein.

 

Der Sohn einer großbürgerlichen Familie, die sich mit dem Faschismus gut arrangiert hatte, strebte eine Hochschulkarriere an. Aus diesem Grund verhielt er sich ungeachtet seiner schon bestehenden Vorbehalte gegenüber dem faschistischen System als Student sehr opportunistisch. Später bezeichnete er das als einen seiner größten Fehler. Er studierte zunächst Jura, später dann Philosophie u.a. auch in Marburg und promovierte in beiden Fächern.
Als junger Hochschuldozent schloss er sich 1935 schließlich einer liberal-sozialistischen Widerstandsgruppe an. Von 1943-1945 nahm er am Untergrundkampf gegen die deutsche Besatzung teil.

Von 1948 bis 1984 lehrte Bobbio an der Universität Turin. Er forschte und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten und Bücher. Vor allem zu den Themen Demokratie, Menschenrechten, Politik und Recht. Als engagierter Moralist stand er in der Tradition der Freiheitsideale der Aufklärung; als politischer und Rechtstheoretiker folgte er hingegen der realistischen soziologischen Tradition. Seine Artikel in der Turiner Tageszeitung „La Stampa” bildeten Lektionen im Gebrauch der Vernunft. In einem von Korruption, Parteibuchwirtschaft und mafiösen Strukturen geplagten Land galt er als eine der großen unbestechlichen und respektierten Autoritätsfiguren. Bobbio war der Aufklärer der Italienischen Republik.

Gerade weil Bobbio so leidenschaftlich an den Idealen von Aufklärung und Demokratie festhielt, bestand er unnachgiebig darauf, sich mit den „Schwächen der Demokratie” zu beschäftigen. Die wirklichen Gegner der Demokratie, seien nicht ihre erklärten Feinde, sondern ihre unkritischen Claqueure. Bei allen Errungenschaften der Demokratie ist sie dennoch nur die „am wenigsten schlechte Staatsform”, deshalb ist es wichtig, auch ihre nicht realisierten Versprechungen immer wieder einzuklagen. Diese Haltung machte ihn in Sachen Demokratie zu einem Realisten, der dennoch nicht bereit war, auf die Utopie zu verzichten.

1984 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Im politischen Leben erhob er seine Stimme als mahnender Philosoph, als Politiker trat er nur in Erscheinung, wenn ihm Ideale der Demokratie n Gefahr schienen. Er war auch einer der schärfsten Kritiker der politischen Entwicklung Italiens bereits in der ersten Regierungszeit von Silvio Berlusconi.

Bobbio, der sich immer kritisch von allen Ideologien und -Ismen abgrenzte, verweigerte sich auch einer präzisen religiösen Einordnung. Von den Medien als Agnostiker wahrgenommen und sogar als „laizistischer Papst” bezeichnet, äußerte er, dass er kein Atheist oder Agnostiker sei, aber auch kein Christ - jedoch von einer christlichen Kultur geprägt.