Siebeneinhalb Jahre Zuchthaus in Bautzen

Erich Loest

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* 24. Februar 1926 in Mittweida/Sachsen; Δ 12. September 2013 in Leipzig;
deutscher Schriftsteller

Er war Oberschüler und Jungvolkführer, 1944 wurde er Soldat und kam noch in den letzten Kriegswochen an die Front. Nach kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft kehrte er heim, war Landarbeiter und Hilfsarbeiter in den Leuna-Werken, bis er 1947 als Volontär bei der „Leipziger Volkszeitung“ begann. Er trat der SED bei, wurde Redakteur und schrieb nebenher Erzählungen und seinen ersten Roman „Jungen, die übrig blieben“, mit dem er in der DDR bekannt wurde.
Loest unterstützte die DDR-Regierung bis die Ereignisse um den 17. Juni 1953 sein Weltbild erschütterten.
Loests Kritik an der SED-Führung nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni und sein lautes Nachdenken über die Beseitigung des Stalinismus in der DDR trugen ihm ab 1957 siebeneinhalb Jahren Zuchthaus in Bautzen wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ ein. 1964 wurde er auf Bewährung entlassen.
Von 1965-1975 verfasste Loest vor allem Romane und Erzählungen unter Pseudonymen (Hans Walldorf und Waldemar Naß), die dem Broterwerb dienen. Nach und nach fand er zu zeitkritisch engagierten Themen zurück. 1978 veröffentlichte er seinen autobiografischen Roman „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“. Damit entstanden neue Schwierigkeiten. Weitere Auflagen wurden untersagt, nach Protesten konnte dann doch noch eine limitierte Ausgabe erscheinen. Nach seinem offenem Protest gegen Zensurmaßnahmen tritt er 1979 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Unter Missachtung der Zensurgesetze der DDR veröffentlichte er 1979 einen Erzählungsband in der Bundesrepublik, „Pistolen mit sechzehn“. Damit war seine Position in der DDR unhaltbar geworden. 1980 erscheint noch seine literarische Karl-May-Biographie „Swallow, mein wackerer Mustang“. Er darf 1981 die DDR verlassen und siedelt in die Bundesrepublik über. Dort erschien dann auch seine Autobiographie „Durch die Erde ein Riss“. Die Probleme des geteilten Deutschland blieben die Themen vieler seiner Radio- und Pressebeiträge. Im selben Jahr erhielt er als erster von der Stadt Neumünster den „Hans-Fallada-Preis“.
Zwischen 1984-1986 war er zweiter Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller der Bundesrepublik.
1987 gründete Loest mit seinen Kindern den Linden-Verlag Künzelsau. Seit 1990 bringt der Linden-Verlag Leipzig, die in der DDR verbotenen Bücher Loests in seine Heimat zurück.
Seit 1994 ist er Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Loest engagiert sich für gute kulturpolitische Beziehungen zu Polen. 1997 wurde er dafür mit dem Kommandeurkreuz des Verdienstordens der Republik Polen ausgezeichnet.
Zu seinem 70. Geburtstag hat ihm die Stadt Leipzig die Ehrenbürgerschaft verliehen.
Am 28. Juni 2001 wurde dem Leipziger Schriftsteller die akademische Würde des „doctor philosophiae honoris causa“ der Technischen Universität Chemnitz verliehen. Die Philosophische Fakultät der TU Chemnitz würdigt damit besonders das politische Engagement des damals 75-Jährigen. Durch sein beispielhaftes Leben habe Loest besonders den Menschen in den neuen Bundesländern eine Orientierungshilfe gegeben und als literarischer Autor und Kulturpolitiker zur mentalen Einheit Deutschlands beigetragen, heißt es in der Begründung der Fakultät. Erich Loest bezeichnet sich als glaubensloser Mensch.

Seine Rückkehr in seine Heimatstadt Leipzig besiegelte er 2009 mit seinem Buch "Löwenstadt". Zwei Jahre später erschien "Man ist ja keine Achtzig mehr", was unmissverständlich klar machte, dass er nicht klein zu kriegen ist und nicht aufgeben würde.

Für seine Verdienste um die Aufarbeitung der SED-Diktatur erhielt er 2012 den Hohenschönhausen-Preis des Fördervereins Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.