Ethik und Neurowissenschaften

Hier beschrieb Singer drei Fälle, in denen die intuitiven Antworten nicht sinnvoll sind:

  1. Unsere Reaktion auf globale Armut, denn hier sollten wir uns verpflichtet fühlen zu geben. Manche Menschen sind der Meinung, man solle in Slums Webcams installieren, damit man eine Idee von den Lebensumständen der dort residierenden Menschen erhält, um dadurch Hilfsbereitschaft auszulösen.
  2. In einer Reihe anderer Fälle bestünde Gesprächsbedarf, denn aufgrund von Entwicklungen in der Gesellschaft und medizinischer Technologie können wir Menschen am Leben erhalten, die zuvor gestorben wären. Die deontologische Sicht heißt, jeder Mensch verdiene denselben Respekt, egal in welchem Zustand er sich befinde. Eine große Anzahl von Patienten ist unwiederbringlich ohne Bewusstsein und benötigt viele Ressourcen. Die meisten Menschen erkennen, dass darin kein wirklicher Sinn liegt, also werden Maschinen abgestellt. Allerdings haben wir ein Problem mit einigen dieser Entscheidungen, ob wir das Leben von Einigen schnell beenden oder sie am Leben erhalten, um sie langsam und qualvoll verenden zu lassen. Wir fühlen einen Widerstand dagegen, ihnen eine Spritze zu verabreichen, die ihnen tatsächlich helfen würde zu sterben. Wenn wir darüber nachdenken, erkennen wir, dass, wenn jemand selbst um den Tod bittet und ihnen möglich ist, nach Hilfe zum Sterben zu bitten, es keinen wirklichen rationalen Einwand dagegen gibt.
  3. Der „point and shoot“-Modus versagt vollständig in Bezug auf den Klimawandel: Wir verfügen über keine evolutionär gewachsene, inhärente Antwort auf unseren Ausstoß fossiler Brennstoffe. Dies stellt ein ernsthaftes moralisches Unrecht dar und wird in den kommenden Jahrzehnten über steigende Meeresspiegel und andere Auswirkungen Millionen Tote verursachen.

Aus diesen Gründen kann uns hier der „manuelle“ Modus die richtigen moralischen Antworten geben.

Moralische Wahrheiten versus evolutionäre Prinzipien

Was zeigen uns die Neurowissenschaften über die Möglichkeit, dass es moralische Wahrheiten gibt, die nicht durch unser wachsendes Wissen über Evolution und die Art, wie wir moralische Urteile fällen, diskreditiert werden? Sidgwicks Axiome bieten, so Singer, gute Kandidaten. Zum einen sind sie zu abstrakt, um eine instinktive, intuitive „Igitt“-Reaktion wie bei einer gewaltsamen Handlung hervorzurufen. Zum anderen, wenn man darüber nachdenkt, wie Evolution funktioniert, befähigt es uns natürlich zu überleben, uns zu reproduzieren und unsere Gene an zukünftige Generationen weiterzugeben. Was selbstredend andere moralische Verpflichtungen gegenüber unseren Nachkommen und unserer Gemeinschaft mit sich bringt. Es ist aber schwer zu erkennen, wie moralische Prinzipien, die so breit und weit reichend sind wie die Axiome Sidgwicks, in dieser Weise evolviert sein könnten.

Wie könnte vor allem das letzte Axiom, die Unparteilichkeit, von evolutionärem Vorteil sein? Eigentlich ist es ein Nachteil bezüglich der Chancen auf Überleben und Reproduktion, wenn man sich selbst und seine Nachkommen und Kooperationspartner betrachtet.

Das Verständnis über die Vorgänge in unserem Gehirn, wenn wir moralische Entscheidungen treffen, hilft uns, Unterscheidungen zwischen den einen und den anderen moralischen Intuitionen und Urteilen zu treffen. Jene, die wir als nicht diskreditiert betrachten sollten, sondern als mögliche moralische Wahrheiten, sähen in etwa aus wie Sidgwicks Axiome. Zumindest als offene Möglichkeit: dass es in der Moral objektive Wahrheiten gibt.

  

Was lernen Philosophen von den Neurowissenschaften?

Auf den Vortrag von Peter Singer folgte eine einstündige Podiumsdiskussion mit Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, Kathinka Evers vom Centre for Research Ethics and Bioethics der Universität Uppsala, Schweden sowie (als Moderator) Thomas Metzinger, Leiter des Arbeitsbereiches Theoretische Philosophie an der Universität Mainz.

Nach den Eingangsstatements war es dem Publikum überlassen, Fragen zu stellen, was auch rege erfolgte. Ebenso störten zwei Gruppen die Diskussion – die eine anti-Peter Singer, die andere anti-Wolf Singer - und ihnen wurde höflich erlaubt, ihre Standpunkte zu formulieren.

Die Neurowissenschaft ist, so Wolf Singer, kein normatives Mittel und kann keine Werte zuschreiben. Allerdings, meinte dann Kathinka Evers, können die Neurowissenschaften uns helfen zu diagnostizieren, dass wir neurobiologische Lebewesen sind, und das sei hochrelevant im Hinblick auf die Evaluation dessen, wessen wir überhaupt fähig seien. Wir könnten unsere Gesellschaft, unsere Bildungssysteme und unsere Gesetze derart formen, dass sie zu unseren Gehirnen passen. Insoweit könnten uns die Neurowissenschaften nicht sagen, was richtig oder falsch ist, aber sie könnten helfen, wenn unsere Werte festgesetzt sind.

Der Verstand ist extrem formbar

Auf die Frage aus dem Publikum, was es denn für Folgen hätte, wenn die Neurowissenschaften uns lehrten, dass es uns unmöglich sei, fern liegende Konsequenzen abzuschätzen, erwiderte Wolf Singer: Um Empathie und Verantwortung gegenüber dem Fernen zu entwickeln, wäre zu fragen, ob es Erziehungs- oder Bildungsstrategien gebe, um Kindern zu helfen, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Wir wissen, dass der menschliche Verstand sehr formbar ist, denn er ist derselbe wie der unserer Vorfahren, die in Höhlen lebten.

Peter Singer meinte, wir verfügten nicht über den emotionale Ausrüstung, um für Ferne, für namenlose Andere Empathie zu empfinden. Andererseits sorgten sich einige, es handele sich um ein politisches Problem, wie beispielsweise höhere Preise für Benzin einzuführen. Kathinka Evers führte aus, Menschen seien sehr schlecht bestückt, wenn es um ihre Selbsterkenntnis gehe. Wir drängten nach Transzendenz und die Sicht auf unsere Fähigkeiten sei extrem unrealistisch. Auf dem Wege, diese Sicht zu verbessern, könnte eine passende Selbstdiagnose von enormer Hilfe sein. Auch bestehe eine der wesentlichen Herausforderungen für einige Disziplinen wie Neurowissenschaften, Philosophie, Psychologie, darin, zu differenzieren, welche Elemente unseres Moralverhaltens wir uns als Teil unserer Kultur aneignen, welche wir erben. Für die Zukunft wird es sehr wichtig sein, den Unterschied zu kennen.

Laut Wolf Singer stehen unsere zwei unterschiedlichen Moralsysteme manchmal in Opposition und gehorchen sehr unterschiedlichen Prinzipien. Für Peter Singer ist relevant, welche Lebewesen bewusstseinsfähig sind und welche Schmerzen empfinden können – das träfe ebenso auf Menschen zu.

Kritikwürdiges

Wolf Singer erntete Kritik für seine Tierexperimente, die er auch an Affen durchführt(e). Auch wurden seine entsprechenden Ausführungen in Bezug auf Menschenaffen als fragwürdig angesehen, standen sie doch in Gegensatz zu den Erkenntnissen über den potenziellen Personenstatus von Menschenaffen, die am Vorabend sowohl von Volker Sommer als auch von Peter Singer vorgetragen worden waren. Allerdings stellte sich Wolf Singer zur Überraschung einiger seiner Kritiker hinter die Forderungen des Great Ape Projects.

Peter Singer wurde dagegen fälschlicherweise unterstellt, Behinderte töten zu wollen. Bezüglich der Einwürfe der entsprechenden Aktivistengruppen konnte festgestellt werden, dass die Aktivisten vor zwanzig Jahren noch zusammengekommen waren, um eine Diskussion über Peter Singers Philosophie zu verhindern, heute diskutierten sie immerhin. Zum Glück leben wir in einer freien Gesellschaft.

Das Abschlusswort hatte Kathinka Evers, die meinte, der wichtigste Aspekt Peter Singers bestünde nicht darin, Menschen schlechter zu behandeln, sondern nicht-menschliche Lebewesen besser!

Fiona Lorenz