Michael Hochgeschwender im Gespräch

Die Sklavenhaltung hatte Gegner und Unterstützer, die sich beide auf die Bibel beriefen. Wie lässt sich dieser Widerspruch aufklären?

Das Alte und Neue Testament akzeptieren die Sklaverei in der damaligen Form generell, wenn auch, bezogen etwa auf Angehörige des Volkes Israel, in stark modifizierter Form. Das aber bedeutete, dass Südstaatentheologen sich durchweg auf den Wortlaut der Bibel berufen konnten. Demgegenüber stellten die Nordstaatenevangelikalen und die Quäker das Liebesgebot Christi sowie das sich daraus ergebende neue Menschenbild in den Vordergrund. Daraus leiteten sie ein höheres Gesetz ab, das sogar über der Verfassung der USA stünde, in der die Sklaverei ja de facto anerkannt worden war. In ihren Augen war Sklaverei eine Todsünde, die mit der Lehre Christi keinesfalls auf Dauer vereinbar war.

In ihrem Buch beschreiben sie, dass es vor allem dreieinhalb Urteile des Obersten Gerichtshofes waren, die zur Entstehung der Christlichen Rechten führten, welche waren das?

Dies waren Engel v. Vitale (1962) mit dem Verbot des Schulgebets und Roe v. Wade (1973) mit der Freigabe der Abtreibung im ersten Schwangerschaftsdrittel, (aufbauend auf dem right to privacy in Griswold v. Connecticut von 1965). In jüngster Zeit kam es zudem zur Freigabe homosexuellen Geschlechtsverkehrs in Lawrence v. Texas (2003).


Warum lehnen viele Evangelikale vehement den Sozialstaat oder wie jüngst geschehen Obamas geplante allgemeine Krankenversicherung ab, wenn sich aus der Bibel doch das Einstehen für Arme herauslesen lässt?

Weil sie dagegen sind, dass der Staat sich der Armen annimmt. Das ist in ihren Augen eine zentrale Aufgabe der christlichen Gemeinden. Hinzu tritt ihr altliberaler Individualismus, nach dem jeder Staatseingriff zum einen die Möglichkeiten des Marktes unterminiert, zum anderen auch die Freiheit des Individuums (selbst wenn dieser Eingriff gut gemeint ist, wobei viele Rechtsevagelikale unterstellen, all diese Eingriffe dienten letztlich der Herrschaft einer Minderheit). Linksevangelikkale sehen dies traditionell anders, sie befürworten meist den welfare state.

 

Lässt sich eine einheitliche Position der Evangelikalen zum Thema Umweltschutz oder Klimawandel skizzieren?

Nein, in keiner Weise. Diese Themen sind unter Evangelikalen und Pentekostalen in hohem Maße umstritten. Unter den jüngeren Evangelikalen zeichnet sich sogar eine erhöhte Bereitschaft ab, Umweltfragen nachhaltig zu diskutieren.


Natürlich ist die Christliche Rechte ein prägender Faktor US-amerikanischer Politik, doch wie mächtig ist sie wirklich?

Das ist im Moment schwer zu sagen. Generell ist die christliche Rechte in sich viel zerstrittener als nach außen suggeriert wird, insbesondere seit dem Ende der Christian Coalition. Die diversen Führungsfiguren harmonieren oft nicht besonders gut miteinander, sei es aus machtpolitischen, sei es aus theologischen Gründen. Aber in bestimmten Regionen der USA (im Süden, im Mittleren Westen, in Teilen Kaliforniens) gibt es weiterhin sehr einflussreiche Organisationen der christlichen Rechten. Vor allem aber ergibt sich die Macht dieser Gruppen aus ihrer Fähigkeit zu mobilisieren. In einem Land, in dem nur um die 50 % der Wähler tatsächlich zur Wahl gehen, sind diejenigen, die wählen, überrepräsentiert. Man sollte dabei aber auch immer berücksichtigen, dass die Christliche Rechte keines ihrer Ziele, z.B. Kreationismus, Abtreibungsfrage, Homosexuellenrechte, nationwide, sondern höchstens auf Ebene der Bundesstaaten durchsetzen konnte.

Gleichzeitig sprechen Sie auch davon, dass die Bibeltreuen letztlich doch nicht so bibeltreu seien. Wie begründen sie das?

Religionssoziologische Untersuchungen haben gezeigt, dass das religiöse Wissen auch unter denen, die von sich angeben, täglich in der Bibel zu lesen, oft verheerend schlecht ist. Stephen Prothero etwa hat gezeigt, dass eine Mehrheit selbst frommer Amerikaner die Frage nach der Ehefrau Noahs mit Joan of Arc (als der frz. Nationalheiligen Jeanne d'Arc) angeben; Paul Boyer wies darauf hin, dass über 40 % der Evangelikalen glauben, Billy Graham sei der Sohn Gottes. Hinzu kommt ein selektiver Umgang mit Bibelzitaten. Das ist nicht allein ein Problem der wörtlichen Auslegung, sondern der gesamten Herangehensweise. Man gilt als religiös, wenn man etwas mit einem Bibelzitat belegen kann, aber der Zusammenhang des Zitates taucht oft nicht auf, um von abweichenden Positionen in anderen Teilen der Bibel ganz zu schweigen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass für viele gläubige Amerikaner nicht die Rechtgläubigkeit, sondern das rechte Handeln im Vordergrund steht, weswegen amerikanische Evangelikale (dies hat jüngst Robert Putnam schön gezeigt) in ihrem Alltagshandeln wesentlich umgänglicher und toleranter sind, als es ihre religiösen Einstellungen prima facie vermuten lassen würden.


2007 haben Sie einen Niedergang der Christlichen Rechten prognostiziert. Sie begründeten dies vor allem mit einem Vertrauensverlust infolge des Irakkrieges. Obwohl seitdem erst 4 Jahre vergangen sind, gab es viel Bewegung in der politischen Landschaft. Halten sie also an ihrer Prognose fest?

Ja, uneingeschränkt! Meiner Ansicht nach ist viel von dem apokalyptischen Enthusiasmus der 1990er Jahre inzwischen weg, nachdem sich die Wiederkunft Christi erneut herausgezögert hat. Wir befinden uns im Übergang zu einer deutlich institutionelleren, bürokratischen Phase, was freilich nicht heißt, dass die christliche Rechte einfach verschwindet. Vor allem in den großen Städten und in der Jugend haben sie aber Probleme, hinzu kommt, dass sie, etwa in der Frage der Stabilität von Familien (Ehescheidungen) oft nicht besser dastehen als der Rest der Bevölkerung, was zu interner Selbstkritik führt.


Kann man in der jetzt entstehenden Tea-Party-Bewegung ein Wiederaufleben der Christlichen Rechten beobachten?

Eher nicht. Das Tea Party Movement stellt eher die Wiederkehr des Politisch-Ökonomischen dar. Zwar sind hier auch Angehörige der christlichen Rechten involviert, die Meinungsführerschaft aber haben sie im Moment nicht. Für Ron Paul lässt sich etwa sagen, dass er zwar ein durchaus konservatives Glaubensverständnis hat, dieses aber, ausgehend von seiner libertären Haltung her niemandem aufzwingen möchte.