Das „Von-einem-Guru-zum-nächsten“-Karussell

Interessanterweise finden sich nur wenige Frauen unter den vorgestellten Erleuchteten. Was könnte die Ursache dafür sein?

Geoffrey Falk: Es sind vermutlich dieselben Gründe wie für die männliche Dominanz am oberen Ende jedes anderen Machtbereiches. Ungeachtet dessen gab es in der Vergangenheit durchaus auch weibliche „Erleuchtete“, beispielsweise Ramakrishnas Frau Sarada, Aurobindos „Mutter“ Mira Alfassa, Ananda Moyi Ma, Muktanandas Gurumayi, Yoganandas Schülerinnen Daya Mata und Tara Mata oder Ram Dassen Ma Jaya Sati Bhagavati; in jüngerer Zeit Ammachi, Jetsunma oder Mother Meera. Diese weiblichen Figuren haben ihre Macht um nichts weiser oder mitfühlender ausgeübt als Männer in nämlicher Position, auch wenn sie üblicherweise das „weibliche“ Element der Hingabe – Bhakti Yoga – über das „männliche“ der philosophische Vervollkommnung – Gyana Yoga – stellten und stellen.


Fast alle der beschriebenen Gurus sind bereits tot oder zumindest ziemlich alt. Ist die Zeit der „klassischen“ charismatischen Gurus vorbei?

Geoffrey Falk: Möglicherweise. Der Neuigkeitsfaktor, der wesentlich den Ruhm von Vivekananda oder Yogananda begründete, ist längst passé. Und man kann sich auch nur schwer vorstellen, dass irgendjemand heute noch so beeindruckt wäre von Figuren wie Maharishi Mahesh Yogi oder dem „Woodstock Swami“ Satchidananda, wie das in den 1960ern und 1970ern der Fall war. In gewissem Sinn konnte es sie nur in der Welt vor Einführung des Internets geben, in der vieles im Dunklen blieb, was heutzutage sofort die Runde macht. Andererseits behauptet etwa die Organisation rund um die „Göttliche Mutter“ Ammachi, bekannt als „Vom Himmel herabgestiegene Umarmerin“ – „The Hugging Avatar“ –, dass sie in ihren weltweit abgehaltenen Darshans [=Begegnung zwischen Guru und Schüler] bislang mehr als 31 Millionen Menschen umarmt habe. Sie ist noch keine 60 Jahre alt, Mother Meera ist erst Anfang 50.


Kritische Stimmen könnten einwenden, dass die Anhänger irgendwelcher Gurus in Ihrer Analyse nur als Opfer vorkommen. Erfüllen die Gurus nicht auch real vorhandene Bedürfnisse? Und werden Anhänger nicht oft auch zu Mittätern?

Falk: Ja, die Gurus erfüllen sehr wohl bestehende Bedürfnisse ihrer Anhänger, und diese sind in der Tat als Komplizen im Sinne codependenten Missbrauchs zu sehen, selbst dann, wenn sie nicht in eine Position gelangen, in der sie selbst andere als Guru missbrauchen können: Wenn sie nicht irgendeinen Profit aus der ganzen Sache bezögen, würden sie einfach weggehen.
Diese Idee stößt gleichwohl bei der Mehrheit der Sozialwissenschaftler, die sich mit Kultphänomenen befassen – meist handelt es sich dabei um frühere Kultmitglieder – auf wenig Gegenliebe: Sie tendieren dazu, Kultmitglieder als unschuldige Opfer anzusehen, während nur der Kultführer beschuldigt wird, seine Anhänger manipuliert und gegen ihren Willen gehirngewaschen zu haben. Ich habe diese Sichtweise nie geteilt. Vielmehr weiß ich aus meiner jahrzehntelangen Anhängerschaft von Yogananda, dass ich nicht auf ihn hereingefallen wäre, wenn er mir nicht in seinen Büchern und nachzulesenden Vorträgen genau das gesagt hätte, was ich hören wollte.
Entgegen der Standardannahme in Studien über Psychokulte, dass von Gurus angeführte Gruppen Attraktivität nur für einsame Menschen entfalten oder für Menschen, die sich an einem Tiefpunkt in ihrem Leben befinden, ist es durchaus möglich, dass jemand sich in der Anhängerschaft eines Gurus wiederfindet als Ergebnis einer völlig legitimen Suche nach einem spirituellen Pfad, der aus seiner Sicht Sinn ergibt. Das Leben George Harrisons, Gitarrist der Beatles, dient hierfür als augenfälliges Beispiel: Harrison engagierte sich aus völlig freien Stücken erst bei den Hare Krishnas, dann in der Organisation um Yogananda, und das zu einem Zeitpunkt, als er und die Beatles auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen: Er hatte schlicht das Gefühl, dass irgendetwas in seinem Leben fehlte.

Was muss sich ändern, damit wir Gurus nur noch als lächerliche Figuren wahrnehmen?

Falk: Es ist vermutlich Teil der menschlichen Natur, dass es immer jemanden geben wird, der autoritäre spirituelle und religiöse Führer nicht als die lächerlichen Figuren wahrnimmt, die sie sind. Das Wichtigste dürfte sein, Menschen darauf aufmerksam zu machen, und zwar bevor sie sich tiefergehend in einer spirituellen oder religiösen Gemeinschaft engagieren, was üblicherweise in jeder davon „hinter verschlossenen Türen“ vonstattengeht, und ihnen so die Möglichkeit zu eröffnen, eine gut informierte Entscheidung hinsichtlich ihres Engagements zu treffen. Im besten Fall kann solche Information eine wirksame “Schutzimpfung” darstellen nicht nur gegen die Gefahr, in einen destruktiven Kult hineingezogen zu werden, sondern auch gegen all die Behauptungen paranormaler oder mystischer Fähigkeiten wie Auralesen, Hellsichtigkeit, Astralreisen usw.

Wir danken für das Gespräch.

Geoffrey Falk: Gurus. Zwischen Sex, Gewalt und Erleuchtung. Übersetzt und herausgegeben von Colin Goldner. Aschaffenburg 2011, Alibri. 230 Seiten, Abbildungen, kartoniert, Euro 14.-, ISBN 978-3-86569-055-5
 

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