Wolgograd heißt wieder Stalingrad

Hitler und Stalin

Über weite Teile lassen sich die Verbrechen Hitlers und Stalins jedoch nicht trennen, zu eng sind sie miteinander verwoben. Die Außenminister Ribbentrop und Molotow unterzeichneten 1939 einen Nichtangriffspakt, der in einem Geheim­protokoll die Aufteilung Osteuropas entlang einer Demarkationslinie vorsah. Je eine Hälfte Polens sollte an die beiden Diktatoren fallen. Am 1. September befahl Hitler den Überfall, einige Tage später besetzte die Rote Armee den Osten des Landes. In ihrem jeweiligen Teil herrschten Hitler und Stalin mit ähnlicher Härte. Da sich polnische Widerstandsgruppen nicht um die Demarkationslinie scherten, setzten sie sich mal im Westen, mal im Osten gegen die Besatzung zur Wehr. Um den polnischen Nationalismus effektiver in die Knie zu zwingen, trafen sich Vertreter von Gestapo und NKWD, die Informationen über Widerständler austauschten.

Einigkeit

Auch nach dem Angriff auf die Sowjetunion war Hitler sich in der polnischen Frage immer noch mit Stalin einig. Die polnische Untergrundarmee hatte sich in den Jahren der Besatzung zu einer immer stärkeren Kraft entwickelt. Als die Rote Armee auf ihrem Vormarsch 1944 Warschau immer näher kam, erhob sich das polnische Volk gegen Hitler. Doch Stalin ließ seine Truppen stoppen und wartete ab, bis Wehrmacht und SS den Aufstand niedergeschlagen hatten. Hunderttausende Polen starben so kurz vor Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein Gelingen des Aufstands hätte bedeutet, dass Stalin nicht als Befreier aufgetreten wäre. Die Vernichtung der polnischen Heimatarmee als konservative Kraft kam ihm bei der Errichtung einer kommunistischen Herrschaft entgegen.

Von einem militärischen Genie Stalins kann ohnehin keine Rede sein. Seine Fehlentscheidungen vergrößerten das russische Leid während der deutschen Besatzung unnötig. Die Warnungen des britischen Geheimdienstes über einen angeblich bevorstehenden Waffengang der Wehrmacht ignorierte Stalin. Er hielt sie schlicht für einen Trick Churchills, seine bis dahin erfolgreiche Zusammenarbeit mit Hitler zu sabotieren. Als dann deutsche Soldaten in die Sowjetunion vorrückten, rächte sich die große Parteisäuberung unbarmherzig. Die obersten Offiziersränge waren ausgedünnt worden, die Nachrücker noch zu jung und unerfahren, um eine Verteidigung zu organisieren. Sinnlose Haltebefehle und drakonische Strafen für Kommandanten, die den Rückzug antraten, führten zu den Kesselschlachten, bei denen Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Als sich das Blatt wendete und die Sowjetmacht unaufhaltsam vorrückte, wurden Soldaten weiterhin in riesiger Masse bei schlecht geplanten Offensiven in den Tod getrieben.

Leningrad und Stalingrad

Auch die Tragödien zweier Städte sind nicht auf einen einzigen Übeltäter zurückzuführen. Zwar befahl Hitler, Leningrad auszuhungern. Doch Stalin hätte die belagerte Stadt über den zugefrorenen Lagoda-See mit weit mehr Nahrung beliefern lassen können. Stattdessen ordnete er an, dass die kriegswichtige Industrie Leningrads weiterhin zu funktionieren habe und ordnete die Hilfskonvois diesem Ziel unter. Eine Entscheidung ohne strategischen Nutzen. In seiner Stadt, in Stalingrad, ordnete der Diktator an, dass Evakuierungen zu unterbleiben hatten. Eine Massenflucht der Zivilisten hätte ein verheerendes Bild in der Propaganda abgegeben.

Und nicht zuletzt radikalisierten sich die Tyrannen durch ihre Verbrechen gegenseitig. Ohne die stalinistischen Repressionen in Baltikum und Ukraine hätte die Wehrmacht unter der dortigen Bevölkerung auf ihrem Vormarsch mehr Aufwand bei der Rekrutierung von Kollaborateuren betreiben müssen. Das Massaker von Katyn, das der deutschen Propaganda diente, musste nicht erst erfunden werden. Gegen die Westalliierten griff Goebbels tief in die rhetorische Trickkiste. Seine Schreckensvisionen über die Barbareien der Roten Armee bestätigten sich jedoch tatsächlich, als Ostpreußen fiel. Und es ist kein Wunder, dass sich die Wehrmachtssoldaten lieber den Briten und Amerikanern, als den Russen ergaben, als die Grenzen des Deutschen Reichs überschritten wurden.

Hitler trägt die Schuld an allen Opfern des 2. Weltkriegs, aber er trägt sie nicht allein.

In seinem Größenwahn hatte er dem Dritten Reich einen Krieg aufgezwungen, den es nicht gewinnen konnte - er nahm es mit ins Grab. Stalin hingegen regierte sein Imperium trotz aller Fehlentscheidungen so gut, dass es seinen Tod noch um fast 40 Jahre überdauerte. Ebenso hatte er den Grundstein für die Herrschaft Mao Zedongs gelegt, unter dessen Herrschaft über 50 Millionen Menschen starben.

Hitler und Stalin – Unterschiede

Was Hitler und Stalin wohl am deutlichsten unterscheidet, ist der Holocaust, die planmäßige Vernichtung des gesamten jüdischen Volkes. In dieser Konsequenz ging Stalin nicht einmal gegen die verhassten Krimtataren vor, deren massenhaften Tod er zwar billigend in Kauf nahm, jedoch nicht intendierte. Hitlers Kriegsverbrechen kosteten mehr Menschen das Leben als Stalins Herrschaft, dennoch bewegen sich die Zahlen in der gleichen Größenordnung.

Sorgte aber der fokussierte Massenmord zwangsläufig für mehr Leid als der weitläufig gestreute? Wo Hitler eine ganze jüdische Familie vernichtete, konnte kein Vater um seinen Sohn, keine Tochter um ihre Mutter trauern. Wer ein Lager betrat, das eben nicht einzig und allein der Vernichtung diente, hatte ein jahrelanges Martyrium vor sich. Wie will man diese Faktoren gewichten? Leid und Unrecht lassen sich nicht messen, wie Kilogramm oder Megawatt.

Was bedeutet es, wenn der Terror nicht auf ein bestimmtes Ziel gerichtet ist, sondern sich willkürlich neue Opfer sucht? Stalin, dessen Feindbild immer diffus blieb, hätte bei praktisch jedem seiner Untertanen einen Vorwand für Lagerhaft gefunden. Die sowjetischen Bürger fürchteten aber nicht nur die Geheimpolizei, sondern auch den eigenen Nachbarn. Wer wusste schon, ob er nicht belastende Informationen ausplauderte?

Gerade Hitlers klare Grenzziehung zwischen Ariern und Untermenschen gab dem einzelnen Deutschen ein Gefühl der Sicherheit. Wer auf der richtigen Seite dieses Schemas stand, genoss im Dritten Reich einen hohen Lebensstandard. Dass die meisten Deutschen den Nationalsozialismus akzeptierten, lag also nicht an der Angst, im KZ zu landen, sondern weist auf eine tatsächliche Zufriedenheit mit dem System hin.